Die internationalen Medien lassen die Palästinenser im Stich

Die Berichterstattung über Gaza ist einseitig und voreingenommen

3.11.2026

Die internationalen Medien lassen Israel im Stich

Im Juli veröffentlichte die UNO einen Bericht von Francesca Albanese mit dem Titel „Truth under the rubble: media in the time of genocide“, der insbesondere die Rolle einflussreicher internationaler Medien und digitaler Plattformen bei der Marginalisierung palästinensischer Stimmen und der Verbreitung israelischer Narrative sowie bei der Normalisierung rechtlicher Verzerrungen, die letztendlich Gräueltaten legitimierten, untersucht. Es gibt eine Reihe weiterer Publikationen, die sich mit der Voreingenommenheit der westlichen Medien bei der Berichterstattung über die israelische Gewalt gegen Palästinenser befassen. Umfragen in Deutschland ergaben, dass viele Menschen der Medienberichterstattung über den Nahen Osten misstrauen. Die Gründe hierfür wurden in einer Folge von „Jung & Naiv“ sowie in einem Podcast von Karim Al-Gawhary diskutiert.

Am 21. Juli 2026 veröffentlichte die UNO einen Bericht von Francesca Albanese, der Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtslage in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten, mit dem Titel „Die Wahrheit unter den Trümmern: Medien in Zeiten des Völkermords“. Da Albanese der Zugang zu den besetzten Gebieten von Israel verwehrt wird, stützte sie sich auf 89 Stellungnahmen von Überlebenden und Experten und untersuchte zwölf renommierte Medienorganisationen, die als einflussreich bei der Prägung des öffentlichen Verständnisses und der politischen Entscheidungsfindung gelten.

Bei der Vorstellung des Berichts vor den Vereinten Nationen am 26.10.2026 wurde Albanese vom Botschafter Israels, Danny Danon, als Betrügerin und Lügnerin bezeichnet. Er forderte sie auf, zurückzutreten. Der Vertreter der USA nannte Albanese eine Wahnsinnige, die Hass gegen die USA, den Westen, Juden und Israel verbreite. 

Screenshot des Artikels „Der Völkermord im Gazastreifen in den westlichen Medien: Mitschuldige“ von Yara Hawari aus dem Jahr 2024. Das Bild rechts zeigt den palästinensischen Journalisten Wael Al-Dahdouh, der aus dem Gazastreifen berichtete, obwohl Israel gerade seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn getötet hatte. Quelle: 2024, Al-Shabaka.

Der Bericht analysiert drei sich gegenseitig verstärkende Komponenten, die Francesca Albanese folgendermaßen beschreibt: a) systematische Angriffe auf palästinensische Medienmitarbeiter sowie auf die Medien- und Telekommunikationsinfrastruktur, b) das umfassende israelische System der Informationskontrolle, bestehend aus Zensur, Zugangsbeschränkungen, koordinierten Medien- und Werbekampagnen, sowie die Rolle bestimmter Teile der israelischen Medien bei der Normalisierung und Förderung von Hass, Aufstachelung zum Völkermord und Leugnung, c) die Rolle einflussreicher internationaler Medien und digitaler Plattformen bei der Verbreitung israelischer Narrative, der Marginalisierung palästinensischer Stimmen, der Entmenschlichung der Palästinenser, der Unterdrückung berechtigter Kritik an Israel sowie der Ignorierung oder Umdeutung rechtlicher Gegebenheiten, um Handlungen, die einem Völkermord gleichkommen, zu verschleiern oder zu legitimieren.

Über israelische Maßnahmen zur Beschränkung der Berichterstattung über seine Kriegsverbrechen hatten wir bereits in BIP-Aktuell #417 berichtet. Wegen des anderen Schwerpunktes von BIP-Aktuell #418 seien insoweit nur zwei Aspekte des UN-Berichts erwähnt, nämlich die Zerstörung der Infrastruktur und strategische Maßnahmen im Bereich der sozialen Medien: Bis Oktober 2025 waren etwa 150 Medienbüros und -einrichtungen zerstört worden, darunter Hauptsitze von Nachrichtenagenturen, Sendemasten und Radiosender. Im Gazastreifen hat Israel 81 Prozent der Informations- und Kommunikationsinfrastruktur vollständig zerstört. Israel verfolgt zudem eine vielschichtige Online-Kommunikationsstrategie. Der israelische Staat vergab massenhaft Anträge zur Löschung von Inhalten und finanzierte Werbekampagnen im Wert von rund 50 Millionen US-Dollar, darunter Verträge mit Google und X, um Berichte über Hungersnöte in Abrede zu stellen.

Dem UNO-Bericht zufolge stützen sich westliche Medien stark auf israelische Quellen. Das Framing wird durch Redaktionsrichtlinien beeinflusst. Die Richtlinien der BBC geben beispielsweise die von der israelischen Regierung bevorzugte Bezeichnung der Westbank und des Gazastreifens als „umstrittene“ Gebiete wieder, ohne darauf hinzuweisen, dass dies gegen das Völkerrecht verstößt. Die durchgesickerten Richtlinien der „New York Times“ raten zur Vorsicht bei der Verwendung von Begriffen wie „Völkermord“, „ethnische Säuberung“ und „besetztes Gebiet“ und weisen Journalisten an, „Palästina“ nur in „sehr seltenen Fällen“ zu verwenden. Auch die ARD gab nach unseren Informationen zum Gazakrieg eine Sprachregelung für ihre Journalisten heraus, das „Glossar Berichterstattung Nahostkonflikt zur internen Nutzung“. Es heißt darin beispielsweise: „Die tagesschau vermeidet den Begriff “Hamas-Kämpfer” und spricht von Terroristen. Als Synonyme bieten sich „militante Islamisten“, „militante Palästinenser“, „Terrormiliz“ oder ähnliches an.“

Dem UN-Bericht zufolge wird der 7. Oktober 2023 in der Berichterstattung oft als Ausgangspunkt des Konflikts behandelt. Unbestätigte Behauptungen (z.B. es seien am 7. Oktober Babys geköpft worden, unter Krankenhäusern würden sich Hamas-Kommandozentralen befinden und UNRWA sei systematisch von der Hamas infiltriert worden) seien weit verbreitet worden, während Korrekturen weitaus weniger prominent waren. Im Falle von UNWRA trug dies zur Aussetzung der Finanzhilfen durch Geberländer bei. Westliche Medien übernahmen das israelische Framing, indem sie beispielsweise von israelischen Streitkräften getötete palästinensische Zivilisten als „menschliche Schutzschilde“ bezeichneten oder die Verantwortung Israels für die Tötung von Palästinensern ausklammerten.

Weitere Befunde des UNO-Berichts: Die Empathie ist sehr ungleich verteilt. Studien zeigen, dass das Leid der Israelis ausführlich geschildert und mit emotionaler und moralischer Bedeutung versehen wird. Das Leid der Palästinenser wird hingegen nur teilweise, abstrakt oder beiläufig dargestellt. Selbst das moralische Vokabular ist ungleich verteilt. Begriffe wie „barbarisch“ werden überwiegend für Gewalt gegen Israelis verwendet. Beim deutschen Sender ZDF bezogen sich 90,7 Prozent der Verwendungen auf israelische Opfer, während der Begriff noch nie im Zusammenhang mit Angriffen auf Palästinenser verwendet wurde.

Immer häufiger werden Verweise auf Menschenrechtsbefunde, Kritik an der Politik des Staates Israel oder Solidarität mit den Palästinensern selbst als verdächtig angesehen und pauschal als angeblicher Antisemitismus abgetan.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass sich die westlichen Medien mitschuldig an den Verbrechen Israels gemacht und es versäumt haben, ausreichend fair zu berichten. Er empfiehlt der UN-Generalversammlung, einen unabhängigen Mechanismus zur Sicherung von Beweismitteln für Verbrechen gegen Journalisten einzurichten. Die Staaten sollten Angriffe auf Journalisten untersuchen und strafrechtlich verfolgen sowie deren Veröffentlichungen als Beweismittel behandeln. Medienplattformen müssen die von Israel vorgebrachten Behauptungen besser überprüfen und Korrekturen für falsche Berichterstattung mit gleichem Stellenwert veröffentlichen. Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) sollte die Anstiftung zum Völkermord durch Medienvertreter untersuchen. 

Die pro-israelische Voreingenommenheit der westlichen Medien und deren Versäumnis, über das genozidale Geschehen im Gazastreifen zu berichten, wurde auch von Adam Johnson in einem Artikel, der im Mai 2026 in „The Intercept“ erschienen ist, ausführlich und anhand zahlreicher Beispiele analysiert. Am 26. Oktober 2026 veröffentlichte der Journalist Owen Jones in „The National“ ebenfalls einen Artikel über die pro-israelische Voreingenommenheit in der Berichterstattung der westlichen Medien über Gaza.

In englischer Sprache befassen sich zwei kürzlich erschienene Bücher mit dem Versagen der amerikanischen Medien beim Thema Gaza. In „How to sell a genocide“ argumentiert der amerikanische Journalist Adam H. Johnson, dass große Medienhäuser wie die „New York Times“, CNN und MSNBC die Kriegsverbrechen Israels systematisch verharmlosten, die zentrale Rolle der USA verschleierten und Palästinenser entmenschlichten. Dadurch hätten sie das Massentöten in Gaza erst ermöglicht. Das Buch stützt sich auf mehr als 12.000 Zeitungsartikel und 5.000 Fernsehbeiträge, ergänzt durch Interviews mit Journalisten und Medieninsidern. Die in Kalifornien lebende Nahostwissenschaftlerin Assal Rad hat mit „Don’t Say Palestine“ ein weiteres Buch über die Komplizenschaft der amerikanischen Mainstreammedien vorgelegt, das sich darüber hinaus auch mit dem Versagen der Vereinten Nationen und der Unterstützung des Völkermords durch die amerikanische Regierung auseinandersetzt.

Die Voreingenommenheit der deutschen Medien verdient besondere Beachtung, da in keinem anderen westlichen Staat die Medien so stark daran beteiligt waren, die Wahrheit über Gaza zu verschleiern wie in Deutschland. 2026 erschien Fabian Goldmans Buch „Staatsräsonfunk“, das sich ausführlich mit der Voreingenommenheit der Medien in Deutschland befasste. Das Buch zeigt, dass israelische und pro-israelische Stimmen in den deutschen Nachrichten regelmäßig zu Wort kommen, palästinensische Stimmen hingegen unterdrückt und zum Schweigen gebracht werden. Die deutschen Medien verwenden die Sprache und Terminologie, die von israelischen Institutionen vorgegeben wird, und machen sich nicht die Mühe, Berichte bei palästinensischen Institutionen zu überprüfen.

Das Vertrauen in die Berichterstattung über Israel im Allgemeinen und Gaza insbesondere bewegt sich auf einem niedrigen Niveau. Im August 2024 veröffentlichte der NDR eine Pressemitteilung mit der Überschrift: „NDR-ZAPP-Umfrage: Wenig Vertrauen in die deutsche Berichterstattung zum Gaza-Israel-Krieg“. Die Umfrage ergab, dass 48 Prozent der Befragten wenig oder gar kein Vertrauen in die deutsche Berichterstattung über den Krieg in Gaza und Israel haben. 38 Prozent hielten die Berichterstattung für ausgewogen. Was die Voreingenommenheit angeht, so waren 31 Prozent der Meinung, dass die deutschen Medien zu sehr auf der Seite Israels stehen, während 5 Prozent der Ansicht waren, dass sie die palästinensische Seite bevorzugen.

Im Jahr 2025 wurde die Mainzer Studie zur Nahost-Berichterstattung in Deutschland veröffentlicht (Feldforschung November bis Dezember 2024, 1.203 Befragte), die ergab, dass 27 % der Befragten der Berichterstattung vertrauen, 27 % ihr misstrauen und etwas mehr als 40 % ihr „teilweise“ vertrauen.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Carola Richter (Freie Universität Berlin) interpretiert die Zahlen der NDR-Zapp-Umfrage so, dass sie über das übliche Grundmisstrauen gegenüber den Medien hinausgehen, was ihrer Ansicht nach auf ein Glaubwürdigkeitsproblem in der Berichterstattung selbst hindeutet. ARD-Chefredakteur Oliver Köhr bezeichnete die Zahlen als alarmierend. Er vermutete, ein Grund dafür könnte sein, dass viele Menschen feste Standpunkte zu diesem Konflikt vertreten, was es schwierig mache, die Berichterstattung als objektiv anzusehen. ZAPP nutzte die Ergebnisse als Ausgangspunkt für eine Dokumentation mit dem Titel „Vertrauen verloren? Deutsche Medien und der Krieg in Gaza und Israel“. 

Der Podcast von Tilo Jung „Jung und Naiv“ veröffentlichte am 11. Dezember 2025 eine ausführliche Podiumsdiskussion zu Israel, Palästina und den deutschen Medien mit Nadia Zaboura (Kommunikationswissenschaftlerin und Medienkritikerin), Stephan Detjen (damals Chefkorrespondent des Deutschlandfunks), dem Journalisten Hans Jessen und dem Moderator Tilo Jung. Die Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass die deutsche Berichterstattung über den Gaza-Krieg echte Lücken aufweise, nicht jedoch darüber, wie gravierend diese seien. Jessen argumentierte, dass sich die deutsche Debatte über Israel vom Wissen zu Bekenntnissen verschoben habe.

Die Diskussionsteilnehmer berichteten über Vorwürfe des Antisemitismus gegen Journalisten, unter anderem von Amtsträgern wie dem damaligen Bundesbeauftragten für Antisemitismus, Felix Klein, über Druck seitens der israelischen Regierungspressestelle auf Korrespondenten in Tel Aviv sowie über Fälle wie den der ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann (BIP-Aktuell #378).

Sie diskutierten darüber, ob Deutschlands „Staatsräson“ hinsichtlich der Sicherheit Israels mit der Pflicht der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zur „Staatsferne“ (Unabhängigkeit vom Staat) vereinbar sei. Zaboura beschrieb ein Narrativ der „Sekuritisierung“, das Palästinenser hauptsächlich als Sicherheitsproblem behandelt sowie Doppelmoral in Sprache und Schlagzeilen. Sie verwies auf eine Analyse von Schlagzeilen zu den Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof, die Studie „Hierarchien im Tod“ von Jannis Grimm und Kollegen aus dem Jahr 2025 sowie auf die Arbeit des Medienwissenschaftlers Kai Hafez. Detjen sprach eher von Defiziten als von „Versagen“ und verwies auf die eigenen Bemühungen des Deutschlandfunks sowie auf Beispiele für redaktionell bearbeitete Berichte. Jung kritisierte die Flaggschiff-Nachrichtensendungen von ARD und ZDF.

Auch der Podcast „Nahost. Nah Dran“ hat das Thema aufgegriffen. Er veröffentlichte 2026 eine Folge mit dem Titel „Warum 73 Prozent der Deutschen der Nahost-Berichterstattung missvertrauen: Talk mit der Medienkritikerin Nadia Zaboura“. Im Gespräch mit dem Moderator Karim El-Gawhary stellte Nadia Zaboura fest, dass die Berichterstattung durch eine verkürzte historische Darstellung geprägt sei. Die Asymmetrie zwischen einer Besatzungsmacht und einer besetzten Bevölkerung würde verflacht, palästinensische und israelische Opfer unterschiedlich gewichtet. Sie bemängelte zudem die unkritische Übernahme israelischer Militärkommunikation, insbesondere militärischer Animationen, die ohne ausreichenden journalistischen Kontext verbreitet würden. Unter Berufung auf Studien und Beispiele zeigte sie auf, wie Sprache, Schlagzeilen, passive Konstruktionen und Euphemismen wie „Evakuierung“ die Berichterstattung verzerren können.

Das Magazin „Jacobin“ veröffentlichte diese Grafik auf der Grundlage einer Untersuchung von Fabian Goldmann zu den Quellen, auf die sich die wichtigsten deutschen Medienkanäle stützen. Quelle: 2025, Instagram.


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BIP-Aktuell macht eine Woche Pause. Am 17. November geht es mit BIP-Aktuell #419 weiter.

Angesichts der zumeist sehr deprimierenden Berichte in unserem Newsletter steht an dieser Stelle die Rubrik „Bemerkenswert“ – in der Hoffnung, dass diese Meldungen uns allen Mut machen, denn „Aufgeben ist keine Option“!

Der „Arzt der Armen“ aus Ramallah ist wieder frei

Am vergangenen Sonntag, den 25.10.2026, wurde Dr. Mazen Rantisi nach viereinhalb Monaten in israelischer Haft freigelassen. Bilder, die über die sozialen Medien verbreitet wurden, zeigen den 71-Jährigen abgemagert, mitgenommen und mit Spuren von Verletzungen im Gesicht.

Dr. Mazen, wie seine Patienten ihn nennen, ist in Ramallah als „Arzt der Armen“ bekannt, weil er für seine medizinische Behandlung nur sehr geringe Gebühren nimmt. Patienten, die selbst das nicht bezahlen können, behandelt er kostenlos. Außerdem fungiert er als Vorstandsvorsitzender der „Health Work Committees“ (HWC), einer in den 1980er Jahren während der Ersten Intifada gegründeten Nichtregierungsorganisation, die im Westjordanland Gesundheitszentren betreibt und für die verarmte Bevölkerung niedrigschwellige medizinische Behandlung zur Verfügung stellt. 

Er war in den frühen Morgenstunden des 21. Juni von israelischen Soldaten verhaftet worden (BIP Aktuell #408). Von seinem Wohnhaus wurde er zum Büro der „Health Work Committees“ (HWC) gebracht, dessen Vorstandsvorsitzender er ist. Dort durchsuchten die israelischen Besatzungstruppen die Büroräume etwa eine Stunde lang, bevor sie ihre Schließung für die Dauer eines Jahres anordneten. Israel versucht seit Jahren, die Infrastruktur der breit gefächerten palästinensischen Nichtregierungsorganisationen zu zerstören, die der Bevölkerung dringend benötigte Dienstleitungen zur Verfügung stellen, die ihnen die Besatzungsbehörden vorenthalten und die auch die Autonomiebehörde nicht bieten kann. 

Er habe in der Haft im Gefängnis Nafha 25 Kilo abgenommen, sagte Rantisi nach seiner Freilassung in einem Interview, das auf X (Twitter) verbreitet wurde. Die Gefangenen würden sehr schlecht behandelt, geschlagen und gedemütigt. Vor allem werde ihnen jede medizinische Versorgung verweigert.

„Die Gesundheitssituation ist sehr schlecht. Die internationale Gemeinschaft muss intervenieren. Es gibt viele Krankheiten. Krätze ist weit verbreitet. Es herrscht völlige medizinische Vernachlässigung.“

Die Gefangenen hätten nicht um Medikamente bitten dürfen. Ärzte und Krankenpfleger hätten auf Bitten um Hilfe nicht reagiert. Stattdessen habe sich das Gefängnispersonal über die leidenden Menschen lustig gemacht. Er selbst habe seine notwendigen Medikamente erst durch Intervention des Gerichts erhalten, sei dafür aber von den Gefängniswärtern verspottet und gedemütigt worden. 80 Prozent der Inhaftierten litten unter Krätze, einer durch Parasiten übertragenen hoch ansteckenden Hautkrankheit, die zum Tod führen kann. „Das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Internationale Organisationen müssen eingreifen. Es ist nicht akzeptabel, dass wir im 21. Jahrhundert wie im Mittelalter leben.“

Er selbst sei kurz vor seiner Entlassung an Händen und Füßen gefesselt und mit verbundenen Augen von seinen Bewachern gestoßen worden, so dass er sich beim Fallen im Gesicht verletzt habe, sagte Rantisi mit Blick auf die deutlich sichtbaren Verletzungsspuren in seinem Gesicht. 

BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle über Menschenrechtsverletzungen, über die in deutschen Medien kaum berichtet wird.

Israelische Armee vertreibt Hunderte Familien aus ihren Häusern in Hebron

Als Reaktion auf den tödlichen Angriff auf zwei Soldaten an einem Checkpoint bei Hebron am 24.10.2026 hat die israelische Armee Hunderte Familien aus ihren Häusern vertrieben und ihre Häuser zerstört. Die Menschen bekamen nur wenige Minuten Zeit, um ihre Papiere zusammenzusuchen. Möbel oder Kleidung konnten sie in den meisten Fällen nicht mitnehmen. Die Webseite Mondoweiss berichtet über das Schicksal des 53-jährigen Muammar al Awiwi aus dem Stadtteil Deir Bahha, der mit seiner Frau und seinen fünf Kindern nur mit seinen Ausweispapieren und einigen in der Eile zusammengerafften Kleidungsstücken vertrieben wurde und bei Angehörigen Schutz suchen musste. 

Al-Awiwis Nachbarin, Majda Hussein Shweiki al-Ja’ba, eine Witwe, die als Umm Yazan bekannt ist, hatte nur eine Stunde Zeit zu fliehen.

„Die Besatzungsarmee traf in Militärfahrzeugen ein. Sie stiegen aus und forderten uns über Lautsprecher auf, während wir uns im Haus befanden, das Haus sofort zu verlassen“, sagte sie dem Reporter von Mondoweiss. „Dann stürmten einige von ihnen unser Haus und sagten uns, wir müssten innerhalb einer Stunde gehen, und dass jeder gehen müsse.“ Die Familie habe Angst und Trauer verspürt, als sie so plötzlich vertrieben wurde. Jedes Familienmitglied habe nur eine kleine Tasche mitnehmen dürfen. Besonders hart habe es die älteste Tochter getroffen, die sich gerade auf ihren Schulabschluss – die Tawjihi-Prüfungen – vorbereite. Sie habe in der Panik nicht die notwendigen Bücher und Hefte einpacken können und sei nun verzweifelt, weil sie nicht wisse, wie sie lernen solle.

Der Menschenrechtsaktivist Issa Amro, der in der von Siedlern beherrschten Altstadt von Hebron lebt, berichtet regelmäßig über den Stand der Vertreibungen. Am Dienstag, den 27.10.2026 teilte er mit, dass bereits 780 Familien mit fast 5000 Menschen aus ihren Häusern geworfen worden seien. Unter den Vertriebenen seien 312 chronisch Kranke, 44 Behinderte und 216 schwangere oder stillende Frauen sowie 336 Kleinkinder unter zwei Jahren. Amro rief die Vereinten Nationen und humanitäre Organisationen auf, einzuschreiten, um weitere Vertreibungen und Häuserzerstörungen zu verhindern. „Hebron darf nicht vergessen werden“, schrieb er auf dem Kurznachrichtendienst X (Twitter).

Der Bürgermeister von Hebron Yousef Al-Ja’bari sagte gegenüber Mondoweiss, israelische Streitkräfte hätten die Bewohner zunächst über Lautsprecher aufgefordert, das Gebiet zu verlassen. Als die Menschen sich weigerten und darauf bestanden, zu bleiben, hätten die Soldaten ihre Häuser gestürmt und sie gewaltsam abgeführt. 

Die Stadtverwaltung habe den Familien geholfen, die nachts ohne Dach über dem Kopf blieben. Einige habe man in Notunterkünften untergebracht und anderen geholfen, bei Verwandten unterzukommen. Denn auch ihre Autos durften die Familien nicht mitnehmen. In den sozialen Netzwerken waren Bilder der verzweifelten Menschen zu sehen, die mitten in der Nacht mit ihren Kindern durch die Straßen liefen.

Hebron (arab.: Al Khalil) ist das wirtschaftliche Zentrum des Westjordanlandes und hat rund 250.000 Einwohner. 


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever.
V. i. S. d. P. Dr.  Martin Breidert, BIP-Vorstand.