BIP-Aktuell #207: Hinrichtung ohne Gerichtsverfahren durch ein israelisches Todeskommando

Drei Palästinenser wurden durch israelische Soldaten hingerichtet – wie in Zeiten der Zweiten Intifada

Eine israelische Todesschwadron benutzte zivile Fahrzeuge in Nablus, blockierte das Auto von drei Palästinensern und beschoss sie mit automatischen Waffen. Sowohl die angewandten Methoden als auch die Zeugenaussagen bestätigen, dass die Ermordung im Voraus geplant war – eine Hinrichtung ohne Gerichtsverfahren.

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Mehr als 100 zivilgesellschaftliche Organisationen starten eine Kampagne zur Sammlung von einer Million Unterschriften von EU-Bürger*innen, um den europäischen Handel mit illegalen Siedlungen in besetzten Gebieten zu beenden.
Dabei handelt es sich nicht um eine Petition, sondern um eine verbindliche Kampagne, die die Europäische Kommission dazu zwingen soll, den rechtlichen Status von Produkten zu prüfen, die aus den besetzten Gebieten in Palästina und der Westsahara eingeführt werden.
Hier kann man teilnehmen.
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Am Dienstag, den 8. Februar, wurde in Nablus ein Auto von einem Taxi mit palästinensischem Kennzeichen blockiert. Ein zweites Zivilfahrzeug fuhr dahinter, um den Rückzug zu blockieren. Aus dem zweiten Auto stiegen bewaffnete israelische Soldaten und eröffneten das Feuer auf die drei palästinensischen Männer, die in dem blockierten Auto saßen: Ashraf Muhammad Abdalfattah Mbaslat, 21, Muhammad Raed Hussein Dakheel, 22, und Adham Mabrouk al-Shishani, 21. Die drei waren auf der Stelle tot, alle drei waren von Dutzenden Kugeln durchbohrt worden.

Die israelischen Medien berichteten zunächst, die Soldaten hätten in Notwehr geschossen, obwohl die gerichtsmedizinische Analyse des Tatorts ergab, dass die Palästinenser nicht auf die israelischen Soldaten geschossen hatten. Bei den drei Palästinensern handelt es sich nach Angaben der israelischen Behörden um gesuchte Mitglieder eines bewaffneten Flügels der Fatah-Partei. Nach offizieller Darstellung der israelischen Behörden hätten die Soldaten versucht, die drei Männer festzunehmen. Als dies nicht gelang, hätten sie zu den Waffen gegriffen, um sich zu schützen.

Nablus ist eine dichtbevölkerte Stadt mit engen Straßen. Quelle: Hoshvilim, 2017, Wikipedia.



Im Jahr 2005 entschied der israelische Oberste Gerichtshof, dass gezielte Tötungen in Fällen, in denen die Verdächtigen festgenommen werden können, nicht zulässig sind. Die israelischen Militärchefs haben das Urteil unter Generalstabschef Gabi Ashkenazi diskutiert. Ashkenazi soll gesagt haben, dass Soldaten weiterhin Palästinenser ermorden dürfen, indem sie sie provozieren und behaupten, sie hätten versucht, eine Verhaftung vorzunehmen. Sie seien jedoch bedroht worden und hätten in Selbstverteidigung mit tödlicher Gewalt reagieren müssen. Diese Aussage wurde von Anat Kam, einer Soldatin, die als Sekretärin im Büro des Generalstabschefs diente, an die Presse weitergegeben. Uri Blau hat in Haaretz über die Dokumente berichtet. Der Skandal, der nach diesem Vorfall in Israel folgte – Anat Kam und Uri Blau wurden beide wegen Verstoßes gegen die Zensurgesetze in Israel verurteilt und bestraft -, ändert nichts an der Tatsache, dass der Angriff in Nablus und die Rechtfertigung durch die israelischen Behörden zeigen, dass Ashkenazis Politik der Umgehung des Urteils des Obersten Gerichtshofs weiterhin wirksam ist.

Die Tötung von Palästinensern im Westjordanland durch israelische Streitkräfte ist eine wöchentliche, manchmal tägliche Routine. Unter den Getöteten befinden sich ältere Menschen, Kinder (s.u.) und Behinderte, so dass der Tötung von drei jungen Männern in Nablus, die möglicherweise bewaffnet waren und einer gewalttätigen Organisation angehörten, wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Ihr Tod ist daher für Zeitungen und Menschenrechtsorganisationen wenig interessant. Eine Untersuchung des 972 Magazin und von The Intercept ergab jedoch, dass die Tötung nicht in Notwehr erfolgte, sondern ein geplanter Mord war.

Diese Tatsache wird durch verschiedene Tatumstände deutlich: die Verwendung von Zivilfahrzeugen zur Tarnung der Annäherung der israelischen Soldaten, den präventiven Einsatz von automatischen Waffen und die schnelle Flucht der israelischen Soldaten unter Zurücklassung der Leichen. Zeugen am Tatort erklärten, dass es sich bei dem Angriff um einen einseitigen Hinterhalt und nicht um eine Konfrontation zwischen zwei Seiten handelte. Die Zeugenaussagen wurden von der palästinensischen Menschenrechtsorganisation Al-Haq dokumentiert, die von der israelischen Regierung des Terrorismus beschuldigt wird (siehe BIP-Aktuell #193).
Der Bruder von Adham Mabrouka, Ahmad Mabrouka, sagte, ein israelischer Geheimpolizist habe ihn mindestens elf Mal angerufen und ihm gesagt, dass sein Bruder Adham hingerichtet werde, wenn er sich nicht stelle. Der ehemalige Leiter der israelischen Zivilverwaltung in den besetzten Gebieten, Brigadegeneral Ilan Paz, erklärte, die bei dem Angriff angewandte Methode deute darauf hin, dass die Soldaten nicht den Auftrag hatten, eine Verhaftung vorzunehmen, sondern ausdrücklich den Befehl erhielten, zu töten.

Diese beiden Hemden wurden von israelischen Soldaten getragen, die die Hinrichtung von Palästinensern als ihre Aufgabe betrachten. Auf dem linken Hemd steht “Scharfschützeneinheit: ein Schuss, zwei Tötungen“, wobei das Fadenkreuz auf eine schwangere Frau gerichtet ist. Auf dem Hemd rechts steht “Kleiner ist härter!”, und das Fadenkreuz ist auf ein Kind gerichtet. Diese T-Shirts sind frei verkäuflich. Quelle: Twitter.



Während der Zweiten Intifada führten die israelischen Streitkräfte in großem Umfang gezielte Tötungsaktionen durch, wobei sie verschiedene Methoden wie Sprengfallen, Raketenangriffe und auch Todesschwadrone einsetzten. Zwischen 2000 und 2005 wurden vermutlich 301 Palästinenser durch gezielte Aktionen getötet, etwa ein Drittel davon waren unschuldige Passanten. Die Entscheidung über die Tötung wird nicht von einem Richter, sondern von Armeeoffizieren getroffen. Wie der jüngste Bericht von Amnesty International (siehe BIP-Aktuell #205) zeigt, wurde seit 1967 kein einziger israelischer Soldat wegen der Tötung eines Palästinensers wegen Mordes angeklagt.

Seit dem Ende der Zweiten Intifada hat das israelische Militär weiterhin Palästinenser ohne Gerichtsverfahren im Gazastreifen hingerichtet, nicht aber im Westjordanland, wo sie relativ einfach verhaftet werden können: Die Sicherheitszusammenarbeit zwischen der Palästinensischen Autonomiebehörde und Israel ermöglicht es den palästinensischen Sicherheitskräften, gesuchte Palästinenser festzunehmen und an die israelischen Behörden auszuliefern. Der Anschlag vom 8. Februar könnte eine Rückkehr zu den Methoden der Zweiten Intifada bedeuten. Aus Protest kündigte der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas an, die Sicherheitskoordination auszusetzen, er hat dies jedoch schon oft angekündigt und die Koordination nie tatsächlich ausgesetzt.

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Liebe Nahost -Interessierte,

BIP organisiert eine große internationale Konferenz in Nürnberg vom 27. bis 29. Mai in der Meistersingerhalle. Renommierte Referenten und Referentinnen aus dem In- und Ausland werden das Konferenzthema Israelis und Palästinenser – Leben unter Diskriminierung und Rechtlosigkeit? diskutieren. 
Folgende Informationen bitte ich zu beachten:

  1. Die Anmeldung für die Konferenz bitte nur an Dr. Götz Schindler per e-Mail goeschi42@googlemail.com, per Post: Breite Wiese 23, 85617 Aßling.

2. Die Kosten für die Konferenz betragen inklusive Verpflegung 125€ (für Rentner mit Grundsicherung/Studenten/HartzIV-Empfänger 80€). Bitte überweist den Betrag an BIP Bündnis für Gerechtigkeit, Stichwort BIP-Konferenz, Kontonummer DE43 2545 1345 0051 0579 58.
3. Wenn Ihr nach einer Hotelunterkunft sucht, so gibt es neben vielen anderen Möglichkeiten:
 a. das Ramada-Parkhotel https://ramada-nuernberg.de Münchner Str. 21 in unmittelbarer Nähe der Meistersingerhalle (fußläufig 2 Minuten). Mit dem Manager des Ramada haben wir Folgendes vereinbart:
Jeder Gast muss sich selbst anmelden: (im Ramada info@ramada-nuernberg.de), und dann auch selbst an der Rezeption bezahlen. 
Das Ramada verfügt über etwa 200 Zimmer. Die mit dem Manager abgesprochenen Kosten betragen: Für das EZ 65€ und für das DZ 110€, jeweils inkl. Frühstück. Bitte gebt bei der Reservierung an: „BIP-Konferenz“.
b. Falls Ihr andere Hotelwünsche habt, so gibt es z.B. auch das ibis am Hauptbahnhof (EZ 78€) sowie das B&B am Bahnhof, das mit 48€ das günstigste ist. Beim ibis könnt Ihr reservieren unter „BIP-Konferenz“. 
Liebe Nahost-Interessierte, der Countdown zum Anmeldeschluss am 15. März läuft – es sind noch Anmeldungen möglich. Wir würden uns freuen, wenn Ihr diese Einladung auch großflächig weiterleiten könntet.

BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.

Der Ku-Klux-Klan auf dem Berg Qanub: Mit Äxten und Keulen bewaffnete Siedler greifen einen 73-jährigen Palästinenser an – Dutzende von Siedlern überfallen eine Hirtengemeinschaft am Judäischen Wüste

Gideon Levy schreibt: „Mohammed Shalalda, ein 73-jähriger Schafhirte, sitzt auf einem alten Bett in einem schäbigen Zimmer in Sa’ir, einer Stadt nahe Hebron. Sein Kopf und seine Hand sind bandagiert: Shalalda war fünf Tage lang in einem Krankenhaus in Hebron und erholt sich jetzt im Haus eines seiner Söhne. Wenn er wieder gesund ist, wird er in sein Zelt in der kleinen Hirtenenklave seiner Familie zurückkehren, die einige Kilometer weiter östlich auf dem Berg Qanub liegt. Shalalda, der 10 Kinder hat, wurde auf diesem Berg geboren und wird wahrscheinlich auch dort sterben. Letzte Woche wurde er von Siedlern mit Steinen und Knüppeln geschlagen, lag blutend und hilflos vor seinem Haus auf dem Boden und war überzeugt, dass sein Ende gekommen war. Die Armee traf in letzter Minute ein, das rettete sein Leben. (…)
Als vor etwa drei Jahren die gewalttätige ‘Hügel-Jugend‘ auftauchte, wurden Shalalda und seine Söhne häufig überfallen, während sie ihre Herden weideten. Die jungen Siedler fingen an, die Hirten mit Hunden und Geländewagen anzugreifen; die Hirten erstatteten zahlreiche Anzeigen bei der Polizei, die wie üblich erfolglos blieben.
Am vergangenen Dienstag, dem 8. Februar, ereignete sich der bisher gewalttätigste Vorfall. Gegen 17.00 Uhr näherten sich zwei Fahrzeuge und ein Geländewagen mit Siedlern dem Zeltplatz. Etwa 15 junge Männer stiegen aus, bewaffnet mit Äxten und Knüppeln, sagt Shalalda. Die Mitglieder seiner Familie flohen in Panik. Ihm war sofort klar, dass die Siedler gekommen waren, um anzugreifen. Die Szene erinnerte an Angriffe des Ku-Klux-Klan in den Vereinigten Staaten, wie der Menschenrechtsanwalt Michael Sfard kürzlich in Haaretz die allgemeine Siedlergewalt beschrieb (s. BIP Aktuell #206).
Eine Soldatin mit blauen Gummihandschuhen leistete dem Mann, der blutend am Boden lag, erste Hilfe. ‘Sie war ein humaner Mensch‘, sagt Shalalda. ‘Wenn nur alle Soldaten so wären wie sie.‘ Sie habe ihn auch umarmt, fügt er hinzu.
Die Soldaten riefen einen israelischen Krankenwagen, der Shalalda zur Hauptstraße brachte, wo er in einen Krankenwagen des Roten Halbmonds umgeladen und ins Al-Ahli-Krankenhaus in Hebron gebracht wurde.
Diese Woche reichten die Männer bei der Polizei in Betar Ilit, einer städtischen Haredi-Siedlung, eine Anzeige ein. Aber das wird nichts bringen. Tatsächlich berichtete Hagar Shezaf von Haaretz letzte Woche, dass nur 4 Prozent der Fälle von nationalistischer Gewalt von Siedlern gegen Palästinenser zu Anklagen führen. Im Zeitraum von 2018 bis 2020 wurden 220 solcher Beschwerden ohne Maßnahmen abgeschlossen.”
https://www.haaretz.com/israel-news/twilight-zone/.premium.HIGHLIGHT.MAGAZINE-kkk-on-mt-qanub-with-axes-and-clubs-settlers-attack-73-year-old-palestinian-1.10620954?utm_source=mailchimp&utm_medium=email&utm_content=author-alert&utm_campaign=Gideon%20Levy&utm_term=20220218-20:54

14-Jähriger von israelischen Streitkräften in der Nähe von Bethlehem getötet
„Ein 14-jähriger Palästinenser wurde am Dienstag von israelischen Streitkräften in der Nähe von Bethlehem erschossen, teilte das palästinensische Gesundheitsministerium mit.
Nach Aussage des israelischen Militärs habe der Jugendliche, Mohammed Shehadeh, einen Molotowcocktail geworfen, bevor er von Soldaten in der Stadt al-Khader im Westjordanland erschossen wurde. Sie identifizierten angeblich drei Verdächtige, die an einem Ort eintrafen, „an dem vor Kurzem wiederholt Molotow-Cocktails auf israelische Fahrzeuge geworfen wurden”, so das Militär.
Einer Militärquelle zufolge wurde Shehadeh von seinen beiden Freunden einige hundert Meter weit geschleift, während die Soldaten sie verfolgten, bis die beiden seinen Körper losließen. Der israelischen Erklärung zufolge leisteten die Soldaten Shehadeh noch am Tatort medizinische Hilfe. Er wurde später für tot erklärt.
Am vergangenen Freitag wurde ein 12-jähriger palästinensischer Junge während der wöchentlichen Demonstration in der Gegend von Nablus im Westjordanland durch israelische Schüsse verwundet, wie palästinensische Medien berichteten.
Während des wöchentlichen Protests in dem palästinensischen Dorf Kafr Qaddum schossen die israelischen Streitkräfte dem Jungen ins Bein, wie die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa unter Berufung auf einen örtlichen Beamten berichtete.“ https://www.haaretz.com/israel-news/.premium-palestinian-health-ministry-14-year-old-killed-by-israeli-forces-near-bethlehem-1.10628263?utm_source=mailchimp&utm_medium=email&utm_content=author-alert&utm_campaign=Hagar%2520Shezaf&utm_term=20220222-20:58

Israel will Haus einer 95-jährigen körperlich behinderten Beduinin abreißen
„Die Familie von Jasia al-Azazma hat auf den Ruinen des Hauses, in dem sie seit 15 Jahren lebt, eine neue Hütte gebaut, um es für Rollstuhlfahrer zugänglich zu machen.
Darauf folgte der Abrissbefehl durch die israelischen Behörden für das Haus der 95-jährigen körperlich behinderten Frau. Dieses liegt in einem nicht anerkannten Beduinendorf im Negev.
Das alte Haus sei während der Regierung von Yitzhak Rabin vor etwa 25 Jahren gebaut worden, als die Politik der Regierung darin bestand, illegal gebaute Häuser nicht abzureißen. Nach Auskunft der israelischen Behörden handelt es sich hier aber um einen “Neubau”, der deshalb abgerissen werden müsse.
2017 genehmigte das Kabinett einen Plan gegen illegale Beduinenbauten, der den Abriss neuer Gebäude als Priorität vorsah. Ziel war es, die Bewohner nicht anerkannter Dörfer zu drängen, in anerkannte Gemeinden umzuziehen. Dies wurde jedoch nie erreicht, was zum Teil auf die Wohnungsknappheit in anerkannten Städten und das Fehlen eines entwickelten Mietmarktes zurückzuführen ist.
Die Zahl der Abrisse stieg jedoch von einigen Hundert pro Jahr auf mehr als 2.500. In 94 Prozent der Fälle reißen die Beduinen die Gebäude selbst ab, nachdem sie einen Abrissbefehl erhalten haben, denn wenn sie auf die Regierung warten, müssen sie die Kosten selbst tragen, und der Preis ist hoch – in der Regel zwischen 30.000 und 40.000 Schekel (9.300 und 12.400 Dollar). Die Angst vor einem Strafverfahren und der Wunsch, den Familienmitgliedern das Trauma zu ersparen, sind weitere Gründe für die Selbstdemolierung.“
https://www.haaretz.com/israel-news/.premium-israel-to-demolish-home-of-95-year-old-physically-disabled-bedouin-1.10628398?utm_source=mailchimp&utm_medium=content&utm_campaign=daily-brief&utm_content=ddb955223d


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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BIP-Aktuell #206: Baerbocks Besuch in Israel

„Ein Land ist nicht nur das, was es tut, sondern auch das, was es duldet“

Ein Kurzbesuch von Außenministerin Annalena Baerbock in Israel und eine kurze Pressekonferenz mit dem israelischen Außenminister Yair Lapid gaben Aufschluss darüber, was die deutsche Koalition mit dem Begriff “Staatsräson” meint, was Baerbock über den Bericht von Amnesty International zur israelischen Apartheid denkt und über die Bereitschaft Deutschlands, sich die Hände schmutzig zu machen, indem es die israelische Regierung bei der Besetzung Palästinas direkt unterstützt.

Der Kurzbesuch der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock in Israel und ihr Treffen mit dem israelischen Außenminister Yair Lapid werfen ein Licht auf die Entwicklung der Beziehungen zwischen der israelischen Regierung und der deutschen Regierung unter der Ampel-Koalition. Baerbock begann ihre Reise in den Nahen Osten mit einem Besuch in Israel und besuchte zunächst das Holocaust-Museum Yad Vashem. Auf der Pressekonferenz sprach sie Lapid freundschaftlich per Du an.

Die israelische Regierung, sowohl Premierminister Bennett als auch Außenminister Lapid, haben versucht, den Besuch Baerbocks zu nutzen, um das Atomabkommen mit dem Iran zu sabotieren. Bennett erklärte, die Unterzeichnung des Abkommens sei ein “Fehler”, und Lapid beschuldigte den Iran, den Terrorismus zu fördern. Baerbock ging jedoch nicht auf diese Bedenken ein. Sie wiederholte das Mantra, die israelische Sicherheit gehöre zu Deutschlands “Staatsräson” (siehe BIP-Aktuell #198) und sprach die Hoffnung aus, dass die Gespräche erfolgreich sein werden.

Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock. Quelle:
Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen, 2021, Wikipedia.


Auf die Frage eines Journalisten nach dem U-Boot-Deal zwischen Deutschland und Israel und den Hinweisen auf Korruption im Zusammenhang mit dem Geschäft (siehe BIP-Aktuell #203) gaben weder Baerbock noch Lapid eine Antwort.

Interessanter war das Thema Apartheid und der Bericht von Amnesty International, der Israel der Apartheid bezichtigt (siehe BIP-Aktuell #205). Lapid begann seine Rede auf der Pressekonferenz, indem er seine Bestürzung über den Bericht von Amnesty International zum Ausdruck brachte. Er erklärte, die Juden seien das Volk, das mehr als jedes andere Volk unter Rassismus gelitten habe, und deshalb sei der Bericht von Amnesty International ungerechtfertigt. Dieses Argument muss in drei Teile zerlegt werden, von denen zwei falsch und eines richtig sind.

Der erste Teil besteht darin, dass Lapid die israelischen Verbrechen der Besatzung, der Apartheid und des Kolonialismus für so bedeutsam hält, dass er es mit dem Holocaust vergleicht. Denn dieser Vergleich war nicht Teil des Berichts von Amnesty International, sondern wurde von Lapid selbst eingebracht. Zweitens charakterisiert Lapid den Bericht von Amnesty International fälschlicherweise als Kritik an Juden, obwohl es sich in Wirklichkeit um eine Kritik am Staat Israel handelt. Er trägt somit dazu bei, den Unterschied zwischen Juden und dem Staat Israel zu verwischen – eine Auffassung, die die IHRA-Definition von Antisemitismus als antisemitisch definiert. Und drittens argumentiert Lapid, dass Antisemitismus eine Form des Rassismus sei, indem er behauptet, dass Juden mehr als andere Völker unter Rassismus litten. Diese dritte Komponente seiner Aussage ist besonders wichtig und richtig, wenn man mit einem Vertreter Deutschlands spricht, denn deutsche Institutionen weigern sich konsequent, Antisemitismus als eine Form von Rassismus zu betrachten. Eine ähnliche Position vertritt Whoopie Goldberg, die wegen dieser Behauptung von ihrer Fernsehshow suspendiert wurde, weil sie die Aussage “gegen Rassismus und Antisemitismus” verwendete.

Der israelische Außenminister Yair Lapid. Quelle: Haim Zach, 2021, Wikipedia.

Baerbocks Antwort an Lapid war sehr aufschlussreich, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass die Journalisten auf der Pressekonferenz die Frage der Verletzung der Menschenrechte und des Völkerrechts durch den illegalen Siedlungsbau aufwarfen. Baerbock räumte ein, dass die Siedlungen illegal sind, lenkte die Kritik aber sofort in Richtung Deutschland und nicht in Richtung Israel. Sie sprach über die Verantwortung Deutschlands für die Verbrechen des Holocausts und erzählte von ihrem Besuch in Yad Vashem, erwähnte aber nur ein Museumsexponat, das sie bei ihrem Besuch gesehen hat – das Zitat von Kurt Tucholsky: “Ein Land ist nicht nur das, was es tut – es ist auch das, was es duldet”. Im Zusammenhang mit der Diskussion um den Apartheid-Bericht von Amnesty International könnte man Baerbocks Antwort so interpretieren, dass Deutschland die israelische Apartheid duldet.

Im Mittelpunkt von Baerbocks Besuch in Israel stand jedoch die Diskussion über die israelische Einstufung von sechs palästinensischen zivilgesellschaftlichen Organisationen als Terrororganisationen (siehe BIP-Aktuell #193). Ein Journalist fragte Baerbock auf der Pressekonferenz, ob sie Beweise für den Vorwurf gegen die sechs Organisationen erhalten habe, was Baerbock nicht beantwortete. Sie wich aus und sagte, dass Deutschland an der Unterstützung der palästinensischen Zivilgesellschaft interessiert sei; dies sei ein zentrales Thema der Gespräche zwischen ihr und Lapid gewesen. Lapid wiederholte den Vorwurf, bei den Organisationen handele es sich um Terrorgruppen. Er räumte ein, dass dies ein Streitpunkt zwischen Israel und Deutschland ist.

Laut Haaretz einigten sich Baerbock und Lapid auf die Einrichtung eines speziellen Mechanismus, eines Ausschusses aus deutschen und israelischen Beamten ohne palästinensische Vertretung, der Wege finden soll, um europäische Gelder für bestimmte Projekte dieser sechs Organisationen unter strengen Kontrollen bereitzustellen, damit die israelischen Forderungen erfüllt werden können. Dieser Mechanismus erinnert an die berüchtigten TIM– und PEGASE-Mechanismen, die seit 2006 nach dem Sieg der Hamas-Partei bei den palästinensischen Parlamentswahlen 2006 eingerichtet wurden, um internationale Hilfe für wichtige Projekte im besetzten Westjordanland und im Gazastreifen zu ermöglichen, ohne dass die Hamas-Regierung Zugang zu den Geldern hatte oder diese kontrollieren konnte. Diese Mechanismen waren mit rechtlichen und politischen Problemen behaftet. Die Finanzierung grundlegender Dienste wie Schulen, Gesundheitsdienste und Abwasserentsorgung wurde verhindert, und internationale Geber machten sich zu Komplizen der israelischen Besatzung. PEGASE ist ein Mittel, um die palästinensische Zivilgesellschaft zu entpolitisieren. Baerbock macht Deutschland so freiwillig zu einem aktiven Teil der israelischen Besatzung und des israelischen Mechanismus zur Kontrolle und Überwachung der palästinensischen Zivilgesellschaft.

Nach ihrem Besuch in Israel besuchte Baerbock auch Ägypten. Der Kurzbesuch in Ägypten verlief weniger freundlich. Baerbock machte deutlich, dass die deutschen Waffenverkäufe von der Einhaltung der Menschenrechte abhängig gemacht werden. Das ist insofern erwähnenswert, als sowohl Ägypten als auch Israel von Human Rights Watch und Amnesty International schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wurden. Ägypten ebenso wie Israel verwiesen einen Human Rights Watch-Vertreter des Landes, weil er es gewagt hatte, die jeweilige Regierung zu kritisieren. Obwohl in beiden Ländern die Menschenrechte systematisch verletzt werden und Tausende von politischenGefangenen inhaftiert sind, erinnerte Annalena Baerbock nur bei Waffenverkäufen für Ägypten an die Menschenrechte, nicht jedoch beim Waffenhandel mit Israel.
Der deutschen Regierung ist bekannt, dass die israelischen Behörden systematisch und schwerwiegend die Menschenrechte verletzen, aber sie hat nicht die Absicht, die Waffenexporte nach Israel zu reduzieren.

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Eine neue Folge des Podcasts BIP-Gespräch ist jetzt verfügbar. Diese Woche ist Prof. Dr. Aleida Assmann zu Gast.
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Liebe Nahost -Interessierte,

BIP organisiert eine große internationale Konferenz in Nürnberg vom 27. bis 29. Mai in der Meistersingerhalle. Renommierte Referenten und Referentinnen aus dem In- und Ausland werden das Konferenzthema Israelis und Palästinenser – Leben unter Diskriminierung und Rechtlosigkeit? diskutieren. 
Folgende Informationen bitte ich zu beachten:

  1. Die Anmeldung für die Konferenz bitte nur an Dr. Götz Schindler per e-Mail goeschi42@googlemail.com, per Post: Breite Wiese 23, 85617 Aßling.

2. Die Kosten für die Konferenz betragen inklusive Verpflegung 125€ (für Rentner mit Grundsicherung/Studenten/HartzIV-Empfänger 80€). Bitte überweist den Betrag an BIP Bündnis für Gerechtigkeit, Stichwort BIP-Konferenz, Kontonummer DE43 2545 1345 0051 0579 58.
3. Wenn Ihr nach einer Hotelunterkunft sucht, so gibt es neben vielen anderen Möglichkeiten:
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Jeder Gast muss sich selbst anmelden: (im Ramada info@ramada-nuernberg.de), und dann auch selbst an der Rezeption bezahlen. 
Das Ramada verfügt über etwa 200 Zimmer. Die mit dem Manager abgesprochenen Kosten betragen: Für das EZ 65€ und für das DZ 110€, jeweils inkl. Frühstück. Bitte gebt bei der Reservierung an: „BIP-Konferenz“.
b. Falls Ihr andere Hotelwünsche habt, so gibt es z.B. auch das ibis am Hauptbahnhof (EZ 78€) sowie das B&B am Bahnhof, das mit 48€ das günstigste ist. Beim ibis könnt Ihr reservieren unter „BIP-Konferenz“. 
Liebe Nahost-Interessierte, der Countdown zum Anmeldeschluss am 15. März läuft – es sind noch Anmeldungen möglich. Wir würden uns freuen, wenn Ihr diese Einladung auch großflächig weiterleiten könntet.

BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.

„Gewalttätige israelische Siedler werden dem KKK immer ähnlicher
Von Michael Sfard
Ende Juni 2018 ging Yousef Azzeh, ein Palästinenser aus dem Viertel Tel Rumeida in Hebron, zu seiner täglichen Trainingseinheit. Azzeh, der damals 22 Jahre alt war, galt als einer der vielversprechendsten Fußballspieler Palästinas und hatte sogar in der Jugendnationalmannschaft gespielt. Bei internationalen Spielen trug er die Nummer 18 auf seinem Trikot.
Da es im besetzten Hebron keine Trainingseinrichtungen für Palästinenser gibt, absolvierte Azzeh sein tägliches zweistündiges Training auf der Straße. Zu den Übungen gehörten Laufen mit Gewichten an Armen und Beinen, eine Reihe von Kraftübungen, Liegestütze, Sit-ups und dann Sprints ohne Gewichte.
Die in Hebron stationierten israelischen Soldaten kannten den Fußballspieler aus Tel Rumeida, und einige von ihnen, so erzählte er mir, ermutigten ihn beim Training. Dennoch war der Versuch, am ungewöhnlichsten Ort der Welt Normalität zu schaffen, zum Scheitern verurteilt, und an jenem Frühsommertag ging die Trainingseinheit schief. Eine Gruppe junger Juden aus der Siedlung in der Stadt tauchte auf, und als Azzeh auf die andere Straßenseite rannte, beschimpften sie ihn und nahmen seine Gewichte, die er auf dem Boden liegen gelassen hatte, und warfen sie in einen Mülleimer.
Als Azzeh bemerkte, was vor sich ging, rief er ihnen zu, sie sollten ihm sein Eigentum zurückgeben, und rief einen in der Nähe befindlichen Soldaten zum Eingreifen auf. Innerhalb von Sekunden eskalierte die Situation. Einer der Siedler rief Azzeh zu, die Straße gehöre den Juden und er solle gehen und seine Ausbildung woanders absolvieren. Jemand warf einen Stein, der ihn am Knöchel traf und ihn verletzte. Ein dritter Siedler traf ihn mit Pfefferspray. Der Vater des letzteren, der die Schreie von der Straße aus hörte, eilte zum Tatort, spannte sein Gewehr und richtete es auf Azzeh. Eine Palästinenserin, die den Vorfall dokumentieren wollte, wurde geschlagen und ihr Handy zertrümmert; einer der jüdischen Jugendlichen riss ihr den Hidschab vom Kopf.
Wir haben im Laufe der Jahre viele hundert Fälle bearbeitet. Die Statistiken über den Umgang der Polizei mit Beschwerden von Palästinensern sind deprimierend. Über einen Zeitraum von anderthalb Jahrzehnten wurden jedes Jahr 92 Prozent der Beschwerden ohne Anklageerhebung abgeschlossen.

Bezeichnenderweise verhafteten die am Tatort eintreffenden Polizeibeamten Azzeh, nicht seine Angreifer. Er wurde wegen des Verdachts, die Siedler angegriffen zu haben, verhört – die aber überhaupt nicht befragt wurden. Seine Beschwerde über ihre Gewalt und den Diebstahl seiner Gewichte wurde völlig ignoriert.
Die Übergriffe israelischer Bürger auf Palästinenser und ihr Eigentum im Westjordanland – die in Israel erst kürzlich durch Angriffe auf jüdisch-israelische Menschenrechtsaktivisten, die zur Unterstützung der Palästinenser gekommen waren, Schlagzeilen machten – sind nicht nur ein kriminelles Phänomen. Sie sind von strategischer Bedeutung und stellen in der Tat ein Instrument dar, von dem Israel profitiert, da es politisch bedeutsame, einseitige Veränderungen herbeiführt, um seine Herrschaft in dem 1967 eroberten Gebiet zu festigen. Im gesamten Westjordanland werden tagtäglich Übergriffe von Siedlern begangen, die Palästinenser systematisch aus ihrem Lebensumfeld vertreiben. Siedlertrupps bemächtigen sich gewaltsam des Landes, roden Bäume, verprügeln palästinensische Bauern und terrorisieren ganze Gemeinden. In den Gebieten, in die sie eindringen, bauen oder pflanzen die Siedler illegal und schaffen eine permanente kriminelle Präsenz. Dieses Phänomen tritt vor allem in ländlichen Gebieten, aber auch in Hebron und Jerusalem auf.
Die Daten, die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din in den 17 Jahren seiner Tätigkeit zusammengetragen hat, weisen auf einen ebenso beständigen wie erschütternden Prozess hin: die Verlagerung des zentralen Schauplatzes der Gewalt von den offenen Flächen in die palästinensischen Dörfer und in den letzten Jahren sogar in die einzelnen Häuser, wenn die Siedlerbanden mitten in der Nacht Überfälle im Stil des Ku-Klux-Klan durchführen. Sie werfen Steine, schlagen Fenster ein und legen Brände. Von den fast 1.500 Fällen, die wir in diesen Jahren bearbeitet haben, ging es bei fast der Hälfte um Sachbeschädigung, bei einem Drittel um Gewalt und bei fast allen anderen, 12 Prozent, um Landraub. Und das sind nur die Beschwerden, die bei Yesh Din eingegangen sind. Es gibt zweifelsohne Tausende von Fällen, die uns nicht erreicht haben.“ https://www.haaretz.com/israel-news/.premium.HIGHLIGHT.MAGAZINE-violent-israeli-settlers-are-starting-to-resemble-the-kkk-1.10605081

Der Autor, Rechtsanwalt Michael Sfard, arbeitet für die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din. Er ist Referent auf der BIP-Konferenz in Nürnberg vom 27. Bis 29. Mai.

BIP Aktuell erinnert: 2021 ist das tödlichste Jahr für palästinensische Kinder seit 2014
76 palästinensische Kinder wurden seit Januar 2021 in den besetzten palästinensischen Gebieten getötet, darunter 61 palästinensische Kinder im Gazastreifen und 15 palästinensische Kinder im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem.
17 palästinensische Kinder wurden von der israelischen Armee mit scharfer Munition erschossen, 15 im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, und zwei im Gazastreifen. Mindestens neun palästinensische Kinder wurden im Rahmen von Demonstrationen oder Konfrontationen mit israelischen Streitkräften erschossen, ohne dass eine unmittelbare Bedrohung für das Leben oder eine ernsthafte Verletzung bestand, als sie erschossen wurden.
Bewaffnete israelische Zivilisten haben im besetzten Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, zwei palästinensische Kinder getötet. Zuletzt erlag der 15-jährige Mohammad Nidal Younis Mousa am 6. Dezember seinen Verletzungen, nachdem ein privater israelischer Sicherheitsbeamter auf ihn geschossen hatte, nachdem er angeblich ein Auto an einem israelischen Militärkontrollpunkt in der Nähe von Tulkarem gerammt hatte.
Sieben palästinensische Kinder wurden durch Raketen getötet, die von bewaffneten palästinensischen Gruppen im Gazastreifen abgefeuert wurden, und ein palästinensisches Kind wurde durch einen nicht explodierten Sprengsatz getötet, dessen Herkunft nicht ermittelt werden konnte.

Das humanitäre Völkerrecht verbietet wahllose und unverhältnismäßige Angriffe und verlangt von allen an einem bewaffneten Konflikt beteiligten Parteien, zwischen militärischen Zielen, Zivilisten und zivilen Objekten zu unterscheiden. Israel als Besatzungsmacht in den besetzten palästinensischen Gebieten, einschließlich des Gazastreifens, ist verpflichtet, die palästinensische Zivilbevölkerung vor Gewalt zu schützen. Die von DCI-P durchgeführten Untersuchungen und gesammelten Beweise deuten jedoch regelmäßig darauf hin, dass die israelischen Streitkräfte tödliche Gewalt gegen palästinensische Kinder unter Umständen anwenden, die auf außergerichtliche oder vorsätzliche Tötungen hinauslaufen können.
So töteten israelische Streitkräfte 60 palästinensische Kinder während des israelischen Militärangriffs auf den Gazastreifen im Mai 2021, der unter dem Namen “Operation Guardian of the Walls” (Wächter der Mauern) bekannt wurde, mit Panzergeschossen, scharfer Munition und Raketen, die von bewaffneten Drohnen, US-Kampfflugzeugen und Apache-Hubschraubern abgeworfen wurden.
Sechs Kinder wurden am 10. Mai, dem ersten Tag der Feindseligkeiten, in Beit Hanoun im nördlichen Gazastreifen getötet: Zu den Opfern des israelischen Luftangriffs gehörten Rahaf Mohammad Attalla al-Masri, 10, und ihr Cousin Yazan Sultan Mohammad al-Masri, 2, die Brüder Marwan Yousef Attalla al-Masri, 6, und Ibrahim Yousef Attalla al-Masri, 11, sowie Hussein Muneer Hussein Hamad, 11, und der 16-jährige Ibrahim Abdullah Mohammad Hassanain.
“Israelische Kampfflugzeuge und bewaffnete Drohnen bombardierten dicht besiedelte zivile Gebiete und töteten palästinensische Kinder, die in ihren Betten schliefen, in ihrer Nachbarschaft spielten, in Geschäften in der Nähe ihrer Häuser einkauften und mit ihren Familien Eid Al-Fitr feierten”, sagte Ayed Abu Eqtaish, Leiter des Rechenschaftsprogramms bei DCI-P. “Der fehlende politische Wille der internationalen Gemeinschaft, israelische Beamte zur Rechenschaft zu ziehen, garantiert, dass israelische Soldaten weiterhin ungestraft palästinensische Kinder töten werden.”
2021 war damit das tödlichste Jahr für palästinensische Kinder seit 2014.
Zum Vergleich: Im Jahr 2018 töteten israelische Streitkräfte und Siedler palästinensische Kinder in einem durchschnittlichen Tempo von mehr als einem Kind pro Woche: insgesamt 57 palästinensische Kinder. Die meisten dieser Tötungen ereigneten sich während der Proteste des Marsches der Rückkehr im Gaza-Streifen.
Quelle: www.dci-Palestine.org

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BIP-Aktuell #205: Amnesty International: Israel ist ein Apartheidstaat

Der Bericht von Amnesty International ist ein Wendepunkt in der Diskussion über Israel/Palästina

Der Bericht von Amnesty International ist der sechste in einer Reihe von Berichten, die beweisen, dass die israelischen Behörden das Verbrechen der Apartheid gegen die Palästinenser begehen. Der Bericht verbindet eine historische mit einer juristischen Analyse und endet mit klaren Schlussfolgerungen, in denen ein Waffenembargo gegen Israel und die Einleitung einer Untersuchung durch den Internationalen Strafgerichtshof gefordert werden.

Die weltweit größte Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat am 1. Februar einen umfangreichen Bericht veröffentlicht, in dem sie den Staat Israel beschuldigt, das Verbrechen der Apartheid zu begehen. Der Bericht, für den vier Jahre recherchiert wurde, ist 280 Seiten lang und beschreibt detailliert die Art und Weise, wie die israelischen Behörden Apartheid ausüben.

Amnesty International reiht sich mit seinem Bericht in eine Liste von sechs Berichten über das vom Staat Israel begangene Verbrechen der Apartheid ein. Der erste aus dem Jahr 2017 war der zensierte UN-ESCWA–Bericht, der von zwei Professoren für internationales Recht, Prof. Richard Falk und Prof. Virginia Tilly, verfasst wurde. Der zweite Bericht wurde von der israelischen Organisation Yesh Din im Jahr 2020 veröffentlicht und ist der einzige der sechs Berichte, der sich nur auf das Westjordanland konzentriert. Der dritte wurde von Al-Haq veröffentlicht, der größten palästinensischen Menschenrechtsorganisation, die von der israelischen Regierung ohne Beweise des Terrorismus beschuldigt wird (siehe BIP-Aktuell #193). Der vierte Bericht wurde von der größten israelischen Menschenrechtsorganisation B’tselem im Januar 2021 (siehe BIP-Aktuell #154) und der fünfte Bericht von Human Rights Watch im April 2021 veröffentlicht (siehe BIP-Aktuell #169).

Der Bericht von Amnesty International bestätigt, dass die Menschenrechtsbewegung nicht nur in Israel/Palästina, sondern in der ganzen Welt inzwischen davon überzeugt ist, dass das Verbrechen der Apartheid von der israelischen Regierung begangen wird. Der israelische Außenminister Yair Lapid sagte im Januar, im Jahr 2022 werde der Kampf gegen die Apartheiddefinition geführt, aber schon im Februar scheint es, dass Israel den Kampf verloren hat. Da Amnesty International im Gegensatz zu den ersten fünf Organisationen eine eher pro-westliche und pro-amerikanische Organisation ist, ist die klare Botschaft dieser Organisation zur israelischen Apartheid ein Wendepunkt in der Diskussion.

Der Bericht von Amnesty International konzentriert sich, wie auch der Bericht von Human Rights Watch, auf die Frage der Intention der israelischen Apartheidpolitik. Der Bericht beschränkt sich nicht auf die Wiedergabe einer langen Liste von Beispielen, wie Palästinenser seit der Gründung des Staates Israel von den israelischen Behörden diskriminiert, benachteiligt, vertrieben und getötet wurden, denn Rassismus und Diskriminierung gibt es in vielen Ländern der Welt. Ein Staat ist dann ein Apartheidstaat, wenn diese Ungerechtigkeiten Teil einer vorsätzlichen Strategie sind, die auf die rassistische Vorherrschaft einer Gruppe über eine andere abzielt.

Daher konzentriert sich der Bericht von Amnesty International vor allem auf die Politik der ethnischen Säuberung seit der Gründung des Staates Israel und die Verweigerung des Rechts auf Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge, während alle Juden der Welt das Recht erhalten, automatisch israelische Staatsbürger zu werden. Der Bericht belegt die Schaffung getrennter Rechtssysteme für Palästinenser und Juden, die mit der Militärherrschaft über palästinensische Bürger Israels zwischen 1948 und 1966 begann und mit dem Nationalstaatsgesetz 2018 ihren Höhepunkt erreichte (siehe BIP-Aktuell #27).

Diese Fokussierung auf die Geschichte der Apartheid ist aus juristischen Gründen wichtig, um nachzuweisen zu können, dass die Apartheids-Massnahmen vorsätzlich ergriffen wurden. Das hat jedoch die meiste Kritik auf sich gezogen, weil Amnesty International auch Verbrechen aus der Vergangenheit erwähnt, die nicht mehr praktiziert werden wie zur Zeit der Militärherrschaft über die palästinensischen Bürger Israels bis zum Jahr 1966. Saleh Hijazi von Amnesty Internationalerklärte, ein weiterer Grund für die Analyse der Ursachen der Apartheid bestehe darin, das Leiden der Palästinenser zu dokumentieren, die sie seit 74 Jahren zu ertragen haben.

Die Zerstörung von Häusern, die Konfiszierung von Eigentum in Ostjerusalem, ein getrenntes Ausweissystem, das Juden von Palästinensern trennt, die Ermordung von Zivilisten ohne Rechenschaftspflicht und die Administrativhaft gehören zu den in dem Bericht aufgeführten spezifischen Verbrechen, die nur dann als Apartheidverbrechen eingestuft werden, wenn sie zu einer systematischen Politik mit der Intention kombiniert werden, die Vorherrschaft einer Gruppe über eine andere zu errichten. Das belegt Amnesty International mit Zitaten von israelischen Politikern.

Der Bericht endet mit vier klaren Empfehlungen:
Erstens fordert Amnesty International die israelische Regierung auf, den Palästinensern die gleichen Rechte wie den Juden zuzuerkennen und das Völkerrecht zu achten. Zweitens wird ein Waffenembargo gegen Israel gefordert, solange das Verbrechen der Apartheid fortbesteht. Drittens fordert der Bericht rechtliche Schritte gegen den Staat Israel, insbesondere vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH). Der IStGH hat eine Untersuchung gegen Israel wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeleitet (siehe BIP-Aktuell #157), nicht aber wegen Apartheid, obwohl sie im Römischen Statut des IStGH aufgeführt ist. Abschließend ruft Amnesty International alle Regierungen und Privatunternehmen dazu auf, sich ihrer eigenen Verantwortung bewusst zu werden und sich nicht an diesem Verbrechen zu beteiligen.

Latuff-Karicatur aus 2009.

Die Reaktion der israelischen Regierung auf den Bericht wurde vom Haaretz-Journalisten Anschel Pfeffer als “hysterisch” bezeichnet. Erstens ließ die israelische Regierung den mit einer Sperrfrist belegten Bericht durchsickern, um zu versuchen, ihn schon vor der Veröffentlichung  zu delegitimieren mit der Konsequenz, dass von Organisationen, die die israelische Politik kritisieren, keine Stellungnahme der israelischen Regierung mehr erwartet werden kann. Die Regierung beschuldigteAmnesty International natürlich des Antisemitismus. Sie geht jedoch nicht auf die Tatsachen ein, mit denen im AI-Bericht die Apartheid belegt wird.

Außenminister Yair Lapid benutzte ein typisches “Whataboutism”-Argument, als er Amnesty International vorwarf, keine ähnlichen Anschuldigungen gegen Syrien und Iran zu erheben. Zu Unrecht, denn Amnesty International wirft sowohl Syrien als auch dem Iran Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor, aber das Verbrechen der Apartheid trifft auf diese Länder nicht zu.

Die offizielle israelische Kritik an dem Bericht konzentriert sich auf den historischen Teil und nicht auf die Leugnung der gegenwärtig an den Palästinensern begangenen Verbrechen. Das gegen Amnesty International vorgebrachte Argument ist nicht, dass die Fakten falsch sind, sondern dass der Bericht die Existenz Israels selbst untergräbt, indem er behauptet, dass seit der Staatsgründung systematisch versucht wurde, palästinensisches Land zu konfiszieren, um eine jüdische Mehrheit statt der bisherigen palästinensischen Bevölkerungsmehrheit zu schaffen. In der Stellungnahme des israelischen Außenministeriums heißt es, der Bericht bestreite Israels Recht, überhaupt zu existieren. Kein anderes Land, das von Amnesty International beschuldigt wird, hat in dieser Weise auf Vorwürfe reagiert. Syrien und der Iran würden auch dann weiter existieren, wenn sie aufhören, Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen, aber der Staat Israel, so muss man die israelische Regierung verstehen, könne die Apartheid nicht beenden, ohne seine Existenz auszulöschen.

Innerhalb Israels berichteten die Zeitungen in hebräischer Sprache nicht darüber, dass Amnesty International einen Bericht über Apartheid veröffentlicht hat (Quelle auf Hebräisch), darunter die drei größten hebräischsprachigen Zeitungen: Yedioth Ahronot, Maariv und Israel Hayom. Die englischsprachigen Zeitungen (Jerusalem Post und Times of Israel) zitierten lediglich die Reaktion der israelischen Regierung auf den Bericht. Nur Haaretz und die ultra-orthodoxe Zeitung Hamodia veröffentlichten auf ihren ersten Seiten, dass Amnesty International Israel der Apartheid beschuldigt.

Generalsekretärin von Amnesty International, Agnès Callamard


Auf der Website des israelischen Fernsehsenders N12 wird ein schriftlicher Bericht über ein Interview mit der Generalsekretärin von Amnesty International, Agnès Callamard, wiedergegeben, in dem sie falsch zitiert wird. Sie sagte, sie verstehe, dass einige der Ergebnisse des Berichts schockierend sein könnten; daraus macht der Sender den Titel des Interviews: “Wir wollten die Menschen schockieren” (Quelle auf Hebräisch).

Die israelische Sektion von Amnesty International hat den Bericht gebilligt und eine zusammenfassende Übersetzung auf Hebräisch veröffentlicht. Sie kündigte an, dass sie Veranstaltungen und Gespräche in Israel durchführen wird, um den Bericht zu diskutieren und bekannt zu machen, fügte aber hinzu, dass sie sich aus rechtlichen Gründen nicht mit den Schlussfolgerungen befassen kann, da die israelische Gesetzgebung gegen Boykott keine Redefreiheit zulässt (Quelle auf Hebräisch und Arabisch).

Vier in Haaretz veröffentlichte Artikel reagierten auf den Amnesty-Bericht. Der erste stammt von Mordechai Kremnitzer, einem Juraprofessor, der die Auffassung vertritt, ein Apartheidsystem bestehe in den besetzten palästinensischen Gebieten, nicht aber innerhalb des Staates Israel, obwohl er zugibt, dass das israelische „Nationalstaatsgesetz“ den Apartheid-Vorwurf belegt. Ähnlich äußerte sich Alon Liel, der ehemalige israelische Botschafter in Südafrika (Quelle auf Hebräisch).

Dass sich Palästinenser aus verschiedenen Teilen der israelisch besetzten Gebiete nur online treffen konnten, um den Amnesty International Bericht zu besprechen, ist für Hanin Majadli ein Beweis für Apartheid (Quelle auf Hebräisch). Selbst Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft (wie Majadli) haben nicht das Recht, Freunde und Verwandte im Westjordanland und im Gazastreifen zu treffen. Ein Teilnehmer aus dem Gazastreifen konnte wegen eines Stromausfalls nicht in vollem Umfang an dem Treffen teilnehmen.

Schließlich fragte der Haaretz-Journalist Gideon Levy einfach, was an dem Bericht von Amnesty International unwahr sei. Er schrieb, jeder Israeli wisse, dass diese Anschuldigungen zutreffend seien, und deshalb müsse die Schlussfolgerung akzeptiert werden – Apartheid existiere.

In Deutschland löste der Bericht von Amnesty International einen kleinen Skandal aus. Die deutsche Sektion von Amnesty International distanzierte sich zunächst von dem Bericht und schrieb eine kurze Mitteilung, dass sie Veranstaltungen und Vorträge zur Verbreitung des Berichts in Deutschland wegen des Holocausts nicht unterstützen werde. Michael Sappir von der jüdischen Gruppe in Leipzig “JID” schrieb, die Entscheidung der deutschen Sektion von Amnesty International sei nicht durch ehrliche Schuldgefühle motiviert, sondern von der Angst, des Antisemitismus bezichtigt zu werden.

Diese Feigheit der deutschen Sektion von Amnesty International bewahrte die Organisation dennoch nicht vor dem Vorwurf des Antisemitismus, und tatsächlich wurde der Text mit der Distanzierung  kurz darauf gelöscht, da Amnesty Deutschland mit Protestschreiben bombardiert wurde. Der Gedanke, dass das Engagement der Organisation für die Menschenrechte im Namen eines deutschen Partikularismus in Bezug auf den Holocaust in Frage gestellt werden sollte, impliziert, dass jüdische Rechte eine Sonderrolle im Rahmen der Menschenrechten innehaben – ein unhaltbarer Gedanke. Für die deutschen Aktivisten von Amnesty International ist es peinlich, dass die israelischen Aktivisten der Organisation bereit waren, den Bericht trotz des Risikos staatlicher Verfolgung offen zu unterstützen.

Wie nicht anders zu erwarten, griff das deutsche Außenministerium den Bericht an und nannte ihn “einseitig” und unausgewogen: „Begriffe wie Apartheid ebenso wie eine einseitige Fokussierung der Kritik auf Israel lehnen wir ab. Für eine Lösung des Nahostkonflikts ist das nicht hilfreich.”

Der Zentralrat der Juden betete die offizielle Linie der israelischen Regierung gegen den Bericht nach, warf Amnesty International Antisemitismus vor und ignorierte die fünf früheren Berichte über die israelische Apartheid. Damit hat er wieder einmal bewiesen, dass er ein Sprachrohr der israelischen Regierung ist und keine Organisation, die deutsche Juden vertritt. Die Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost e.V.begrüßte den Bericht und vertrat die Auffassung, dass die deutsche Sektion von Amnesty International dem Kampf gegen Antisemitismus nicht dienlich sei, indem sie sich von dem Bericht distanziere.

In den deutschen Medien reagierten mehr deutschsprachige Zeitungen auf den Bericht als hebräischsprachige. Die taz veröffentlichte drei verschiedene Artikel: einen sachlichen und fairen Bericht von Jannis Hagmann, eine Diffamierung des Berichts von Judith Poppe, ohne auf seine Argumente einzugehen, indem sie ihn als antisemitisch bezeichnete, und einen pro-israelischen Propagandaartikel von Jan Feddersen.

Sowohl Hanno Hauenstein von der Berliner Zeitung als auch Peter Münch von der Süddeutschen Zeitung haben Artikel veröffentlicht, die eine ausgewogene und aufschlussreiche Perspektive auf den Bericht bieten, was zeigt, dass sie ihn tatsächlich gelesen haben,  sie haben auch Kritik an ihm geäußert.

Bemerkenswert ist der Gastbeitrag des ehemaligen israelischen Generalstaatsanwaltes Michael Benyair in der Frankfurter Rundschau, der praktisch alle Vorwürfe des Amnesty-Berichts bestätigt.
BIP-Mitglied und Völkerrechtsprofessor Prof. Dr. Norman Paech hat für Telepolis eine rechtliche Analyse des Berichts verfasst, die dessen Bedeutung und Relevanz hervorhebt.

Amnesty International stellte klar, dass es in dem Bericht nicht um das Judentum oder die jüdische Selbstbestimmung geht. Generalsekretärin  Agnès Callamard warf der israelischen Regierung Lüge vor, wenn sie behauptet, der Bericht würde zur Zerstörung des Staates Israel aufrufen (Quelle auf Hebräisch).

Einige Palästinenser haben kritisiert, dass der Bericht von Amnesty International nicht tief genug in die Ursachen der Apartheid eindringt, den Zionismus nicht anprangert und die israelische Apartheid nicht im Rahmen des Siedlerkolonialismus analysiert.

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Als Update zur BIP-Aktuell #199 möchten wir auf diesem Artikel hinweisen, über die Nutzung des Programme „Pegasus“ von NSO gegen israelische Aktivisten:
https://www.haaretz.com/israel-news/calcalist-police-used-pegasus-against-netanyahu-s-associates-protest-leaders-1.10595999?utm_source=mailchimp&utm_medium=content&utm_campaign=breaking-news&utm_content=afafc5b465

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BIP-Aktuell #204: Palästinenser müssen für ihre Arbeitserlaubnis zahlen

Eine gescheiterte Reform der israelischen Zentralbank zeigt, wie palästinensische Arbeitnehmer ausgebeutet werden

Die Wirtschaft im Westjordanland hängt von den Löhnen von über 100 000 palästinensischen Arbeitern ab, die täglich die Grenze überqueren, um in Israel ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das von der israelischen Regierung eingeführte komplexe Genehmigungssystem wurde angeblich aus Sicherheitsgründen eingeführt, hat aber in der Praxis einen Schwarzmarkt für den Verkauf gefälschter Genehmigungen geschaffen und zwingt die palästinensischen Arbeiter, einen großen Teil ihres Einkommens an korrupte Vermittler zu zahlen, um eine Arbeitserlaubnis zu erhalten.

Die schon 55 Jahre andauernde israelische Militärbesatzung im Westjordanland hat die palästinensische Wirtschaft stranguliert und die Entwicklung der Industrie, der Landwirtschaft, des Finanzwesens und des Dienstleistungssektors gebremst. Daher gibt es im Westjordanland nicht genügend Arbeitsplätze, um die wachsende palästinensische Bevölkerung zu beschäftigen. Wir haben darüber bereits in BIP-Aktuell #91 berichtet.

Palästinensische Arbeiter morgens ab 4 Uhr am Qalandia-Nord Checkpoint. Quelle: Ekkehart Drost.



Seit den ersten Tagen der Besatzung haben israelische Unternehmen von der Beschäftigung palästinensischer Arbeiter, die sie zu niedrigen Löhnen einstellen, profitiert. Landwirtschafts- und Wohnungsbausektor in Israel hängen bis heute von der Arbeit von mehr als 100.000 palästinensischen Arbeitern ab, die jeden Tag die Kontrollpunkte passieren, um in Israel zu arbeiten. Die meisten von ihnen haben eine Arbeitsgenehmigung, die jedoch (wie ähnliche Genehmigungen, die die südafrikanische Regierung während der Zeit der Apartheid schwarzen Arbeitern erteilte) nur für bestimmte Stunden gültig ist, so dass die Arbeiter gezwungen sind, jeden Abend nach der Arbeit nach Hause zu gehen. Dieses Genehmigungssystem führt dazu, dass sich tagtäglich in den frühen Morgenstunden lange Schlangen an den Kontrollpunkten bilden. Die Arbeiter müssen stundenlang warten, um nach einer peinlich genauen Kontrolle pünktlich zur Arbeit auf die andere, die israelische Seite zu kommen.

Dem israelischen Soziologen Lev Greenberg (Quelle auf Hebräisch) zufolge wurde das Genehmigungssystem durch Verhandlungen zwischen der israelischen Regierung, den großen Unternehmen und der Histadrut, dem israelischen Dachverband der Gewerkschaften, eingeführt. Die Palästinenser wurden nicht in die Entscheidung einbezogen mit dem Ergebnis, dass sie zwar Gewerkschaftsbeiträge an die Histadrut und Steuern an die israelische Regierung zu zahlen haben, aber für die Zahlung derselben Beiträge und Steuern nicht dieselben Vorteile wie israelische Arbeitnehmer erhalten.

Die israelische Wirtschaft ist von palästinensischen Arbeitnehmern abhängig, insbesondere im Bausektor, da es in Israel an Wohnraum mangelt. Die Regierung hat sogar Ausnahmen für palästinensische Arbeiter während der Covid-Sperrungen gemacht, um den Bau von Wohnungen aufrechtzuerhalten und den Anstieg der Wohnungspreise zu bremsen.

Loch im Zaun bei Azzoun. Durch dieses Loch betreten jeden Tag palästinensische Arbeiter illegal, also ohne Genehmigung, aber in Kenntnis der Armee, israelisches Gebiet. Quelle: Ekkehart Drost.



Die israelische Regierung erklärte, dass die Genehmigungen aus Sicherheitsgründen erforderlich sind. Ein spezielles Computerprogramm namens “Rolling Stone” ist an jedem Kontrollpunkt und in den Handcomputern der Soldaten installiert, so dass Palästinenser überall überprüft werden können. Die Soldaten erfahren dadurch, ob die Arbeiter auf einer geheimen Liste von Personen stehen, denen aus Sicherheitsgründen die Einreise in israelisches Gebiet verweigert wird. Diese kann aus vielen Gründen verweigert oder entzogen werden. Der häufigste Grund ist, wenn ein Familienmitglied vom israelischen Militär getötet, verletzt oder verhaftet oder verdächtigt wird, der Hamas anzugehören. Um Racheakte zu verhindern, werden alle Familienmitglieder kollektiv als verdächtig eingestuft und erhalten ein “Sicherheitsverbot”.

Die eigentliche Sicherheitskontrolle der Arbeitnehmer ist jedoch dezentral bei den Arbeitgebern angesiedelt. Die israelischen Arbeitgeber haben eine Liste der Arbeitnehmer und sind verpflichtet, der Polizei oder dem Militär zu melden, wenn sich die Arbeitnehmer verdächtig verhalten. In vielen Fällen haben die Arbeitgeber bewusst falsche Meldungen gemacht, um die Arbeitserlaubnis eines Arbeitnehmers zu annullieren und ihn so an der Einreise nach Israel zu hindern. So können sie die Zahlung des Gehalts dieses Arbeitnehmers vermeiden. Die Fälle, in denen palästinensische Arbeitnehmer in Israel tatsächlich an gewalttätigen Übergriffen beteiligt waren, sind jedoch so stark zurückgegangen, dass israelische Arbeitgeber nicht mehr befürchten müssen, für Arbeitnehmer verantwortlich gemacht zu werden, die sie nicht einmal kennen.

Palästinenser ohne Genehmigung können versuchen, sich nach Israel einzuschmuggeln, um dort illegal zu arbeiten, was sehr gefährlich ist. Sie sind nicht versichert und können von der Armee verprügelt, verhaftet oder sogar erschossen werden. Andere, etwa 40.000, arbeiten in den illegalen Siedlungen, für die keine Genehmigungen erforderlich sind, aber wie die palästinensische Wirtschaftswissenschaftlerin Leila Farsakh herausgefunden hat, werden ihre Löhne drastisch niedriger.

Die Möglichkeit, legal in Israel zu arbeiten, ist für palästinensische Arbeitnehmer also viel Geld wert. Sie zahlen einen großen Teil ihres Einkommens für Transport, Lebensmittel (da es an den Kontrollpunkten Beschränkungen für die Mitnahme von Lebensmitteln aus dem Westjordanland gibt) und Steuern. Außerdem müssen sie für die biometrische Karte, ohne die ihre Arbeitsgenehmigung nicht gültig ist, und eine Gebühr für die Genehmigung selbst bezahlen. Darüber hinaus hat sich ein Schwarzmarkt entwickelt, auf dem israelische Arbeitgeber vorgeben, mehr Arbeiter einzustellen, als sie tatsächlich tun. Wie bereits erwähnt, wissen die Arbeitgeber, dass eine Ermittlung gegen sie wegen einer gefälschten Arbeitsgenehmigung sehr unwahrscheinlich ist, da die Gewaltbereitschaft unter palästinensischen Arbeitnehmern sehr gering ist. Die zusätzlichen Genehmigungen werden dann gegen Geld verkauft, in der Regel an palästinensische Zwischenhändler im Westjordanland, die sie dann an Arbeit suchende Palästinenser verkaufen.

Bethlehem Checkpoint. Quelle: Ahmad el-Bazz, 2017, Activestills.



Im Jahr 2019 veröffentlichte die israelische Zentralbank einen ausführlichen Bericht (Quelle auf Hebräisch) über diesen Schwarzmarkt und forderte die israelische Regierung dringend  auf, das Genehmigungssystem zu reformieren, um den Schwarzmarkt zu unterbinden. Sie forderte die Regierung auf, Arbeitgeber zu bestrafen, die Arbeitsgenehmigungen an Arbeitnehmer und Vermittler verkaufen. Vielmehr müsse es in Zukunft palästinensischen Arbeitnehmern erleichtert werden, Genehmigungen direkt und legal zu erhalten.

Die Journalistin Tali Haruti-Sover deckte im Januar dieses Jahres auf, dass die Reform der israelischen Zentralbank gescheitert ist und der Schwarzmarkt für Arbeitsgenehmigungen weiter besteht. Haruti-Sovers Studie ergab, dass ein palästinensischer Bauarbeiter 8.000 New Israeli Shekel/NIS (2.240 Euro) verdient, was nur auf den ersten Blick als ausreichend erscheint. Aber: 500 NIS davon müssen für Mahlzeiten, 1.500 NIS für den Transport und 2.500 NIS für die Arbeitserlaubnis bezahlt werden, so dass ihm 3.500 NIS (980 Euro) bleiben. Von den 2.500 NIS, die für die Arbeitserlaubnis gezahlt wurden, sind 600 NIS der Gewinn des palästinensischen Vermittlers, und 1.900 NIS verbleiben bei dem israelischen Arbeitgeber, der die gefälschte Erlaubnis verkauft hat.

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Eine neue Folge des Podcasts BIP-Gespräch ist da. Diese Woche sprechen wir mit BIP-Mitglied Dr. med. Eva Renate Marx-Mollière.
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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.

The PIPD Weekly Updates vom 16. – 23. Januar berichten:
Dokumentarfilm enthüllt das Tantoura-Massaker von 1948:
Die späten Geständnisse israelischer Armeeveteranen beweisen, dass Palästinenser 1948  vor der Zerstörung ihres Dorfes  Tantoura massakriert wurden. Dies bestätigt einmal mehr, was Palästinenser*innen seit Jahrzehnten über die Massaker im Zuge der Nakba berichten und dokumentiert haben. 
Joshua Flanders schrieb am 22. Januar im „Forward“, der bekanntesten jüdischen Zeitung in den USA, gegründet 1897:
„Eine Woche nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 (und drei Tage vor der Gründung der israelischen Verteidigungsstreitkräfte) kam es im palästinensischen Dorf Tantoura zu einem groß angelegten Massaker an mehr als 200 Arabern. Dieses Ereignis war ein Zwischenfall in den Kriegen von 1947-1949, einem Zeitraum, den die israelischen Juden als Unabhängigkeitskrieg bezeichnen. Die Palästinenser verwenden einen anderen Begriff: Al Nakba, oder die Katastrophe.
Die Einzelheiten des Geschehens in Tantoura sind seit langem umstritten, wobei einige israelische Juden behaupten, es sei nichts passiert, und die meisten weigern sich, überhaupt darüber zu sprechen. Indem die Regierung das Massaker in Tantoura nicht anerkennt, versucht sie, dieses Thema zu tabuisieren.“
Ein neuer Dokumentarfilm eines israelischen Regisseurs, der am 20. Januar, dem Eröffnungsabend des Sundance-Filmfestivals in Park City, Utah, seine Weltpremiere feierte, geht den Ereignissen auf den Grund. Der Film von Alon Schwarz mit dem schlichten Titel “Tantoura” untersucht auch, warum die Nakba in Israel ein Tabuthema ist und was geschah, als eine Person die Einzelheiten dieses Ereignisses in Frage stellte.
Das Tantoura-Massaker war eine der großen “Kontroversen” innerhalb Israels über die Leugnung der Nakba. Der Student Theodore Katz, der das Massaker in seiner Masterarbeit untersuchte, wurde heftig angegriffen, und sein Ruf wurde beschädigt. Er wurde jedoch von Ilan Pappé verteidigt, der deswegen seine Anstellung an der Universität Haifa verlor und seitdem in England an der University of Exeter arbeitet. 

Über den Zeitraum vom 11. bis 24. Januar berichtet OCHA https://ochaopt.us5.list-manage.com/track/click?u=5a6b19e1cb44562e4e7a92167&id=77413fc442&e=3065666374
„Am 18. Januar stürmten israelische Streitkräfte eine Schule im Dorf Deir Nidham (Ramallah), griffen zwei 17-jährige Schüler körperlich an und nahmen sie unter dem Verdacht fest, Steine geworfen zu haben. Nach Angaben des Schulleiters beschädigten die israelischen Streitkräfte bei körperlichen Auseinandersetzungen zwischen dem Schulpersonal, den Schülern und den israelischen Streitkräften Fenster, Stühle und Tische der Schule. Der Unterricht wurde für den Rest des Tages ausgesetzt, wovon über 210 Schüler betroffen waren.“

Dieser Angriff auf palästinensische Bildungseinrichtungen hat eine unrühmliche Tradition: Bereits am 24.02.2014 veröffentlichte die Zeitschrift
“Internationale Politik und Gesellschaft“ der Friedrich-Ebert-Stiftung einen Artikel unter dem Titel „Besatzung verhindert Bildung in Palästina“
„Die in einem Bericht des palästinensischen Ministeriums für Bildung und Hochschulbildung neu veröffentlichten Zahlen für den Zeitraum vom 01.01. – 31.12.2013 belegen die fortgesetzte Besatzungspolitik Israels gezielt gegenüber Bildungseinrichtungen und Schulen:
So wurden im vergangenen Jahr 12.071 Schüler und Schülerinnen, 547 Lehrer und Lehrerinnen sowie sechs Angestellte von israelischen Besatzungssoldaten attackiert bzw. als Zielscheibe benutzt. Die einzelnen Attacken waren in ihrer Art und Weise unterschiedlich: von Tötungen, Verletzungen, Festnahmen über Verhaftungen, Hausarrest bis hin Behinderungen an den Checkpoints und elektronischen Absperrungen. Durch diese Aggressionen sind sowohl menschliche als auch materielle Verluste zu beklagen.“

Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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