BIP-Aktuell #316: Der Pakt zwischen Zionismus und ultraorthodoxen Juden bekommt Risse

Es wurde kein Kompromiss beim Militärdienst von Ultra-Orthodoxen gefunden

BIP-Aktuell #316:

  1. Der Pakt zwischen Zionismus und ultraorthodoxen Juden bekommt Risse
  2. Die Spitze des Eisbergs: Israel kann schreckliche Misshandlungen von Palästinensern durch seine Soldaten nicht beschönigen

Die ultraorthodoxen Gemeinschaften in Israel sind sehr unterschiedlich, aber alle sind sich einig darin, dass sie keinen Militärdienst leisten wollen. Der Krieg im Gazastreifen zwang das israelische Verteidigungsministerium jetzt, die Zahl der Soldaten zu erhöhen. Daher wies der Oberste Gerichtshof Israels die Regierung an, ultraorthodoxe Juden einzuberufen, die sich jedoch weigern, als Soldaten zu dienen. Der Oberste Gerichtshof Israels akzeptierte die Auffassung, dass nur Juden vollwertige Bürger des Staates sind, die zum Militärdienst verpflichtet sind, und bestätigte damit indirekt den Status Israels als Apartheidstaat. Aber die israelische Regierung hält sich nicht an die Anordnungen des Gerichts und macht die israelische Gewaltenteilung zur Farce.

Die Gemara, ein Teil des Talmud, befiehlt den Juden, das heilige Land nicht vor der Ankunft des Messias zu besiedeln. Daher wurde und wird die zionistische Bewegung in den Augen frommer Juden als blasphemisch angesehen. Ultraorthodoxe Juden, die vor der Gründung des Staates Israel in Palästina lebten, lehnten die Idee eines jüdischen Staates ab. Die zionistische Bewegung unter der Führung von Ben-Gurion suchte ein Bündnis mit den Ultraorthodoxen, um im Staat eine jüdische Mehrheit zu erreichen. Als der Staat 1948 gegründet und die Wehrpflicht eingeführt wurde, wurden ultraorthodoxe Jeschiwa-Studenten vom Militärdienst befreit, um dieses Bündnis zu erhalten.




Neturei Karta ist eine antizionistische Gruppe unter den aschkenasischen, misnagdimischen Ultra-Orthodoxen. Quelle: 2005, Wikipedia.



Trotz ähnlicher Bekleidungstradition ist die ultraorthodoxe Gemeinschaft nicht homogen. Es gibt Unterschiede zwischen den aschkenasischen Gruppen (europäischen Ursprungs) und den sefardischen Gruppen, die den Traditionen der großen Rabbiner aus dem Irak, Iran, Jemen und Nordafrika folgen. Zwischen den chassidischen Juden und den Misnagdim (auch Litauer genannt) gibt es große theologische, politische und kulturelle Unterschiede. Dennoch bezeichnen sie sich auf Hebräisch gemeinsam als “Haredim“, wörtlich “die Gottesfürchten”. Die deutschen Medien übersehen diese Unterschiede und berichten über die Ultra-Orthodoxen, als seien sie eine homogene Gruppe und stellen sie oft als Extremisten dar. In Wirklichkeit sind die Ultra-Orthodoxen die am wenigsten militaristische jüdische Gruppe in Israel.

In den 76 Jahren des Bestehens Israels wuchs die ultraorthodoxe Gemeinschaft auf 13 % der israelischen Bürger (und 16,5 % der jüdischen Bürger) an. Mehrere politische Parteien vertreten die Ultra-Orthodoxen in der israelischen Politik. Derzeit stellen Yahadut Hatora mit 7 Sitzen als Vertreter der aschkenasischen Ultraorthodoxen und Shas mit 11 Sitzen als Vertreter der sefardischen Ultraorthodoxen fast ein Drittel von Netanjahus Koalition mit 64 Sitzen. Diese Parteien waren in der Vergangenheit bereit, Koalitionen mit linkszionistischen Parteien einzugehen. Sie waren beispielsweise Teil der Koalition von Yitzhak Rabin, die die Osloer Abkommen unterzeichnete, entfremdeten sich aber allmählich von der zionistischen Linken aufgrund der ständigen Forderungen dieser Parteien, nach denen die Ultra-Orthodoxen ihre Autonomie, die staatliche Finanzierung ihres Bildungssystems und die Sozialhilfe zur Unterstützung großer Familien verlieren sollten und vor allem aufgrund der Forderungen, sie zum Militär zu rekrutieren. Infolgedessen drifteten die Ultraorthodoxen nach rechts ab. Die israelischen Regierungen bauten große illegale Siedlungen im Westjordanland mit subventionierten Wohnungen, Mikwen und Synagogen, die auf die Bedürfnisse der Ultraorthodoxen zugeschnitten waren: Modi’in Illit auf dem gestohlenen Land des palästinensischen Dorfes Bil’in und Beitar Illit auf dem gestohlenen Land des palästinensischen Dorfes Batir. Waren es bei der Gründung des Staates Israel nur 400 Jeschiwa-Studenten, die von der Wehrpflicht befreit wurden, sind es jetzt  über 60.000 (Quelle auf Hebräisch).

Die vier großen ultra-orthodoxen Zeitungen: Yated Ne’eman, Hamevaser, Hamodia und Hapeles, berichten regelmäßig über den Krieg in Gaza. Obwohl ihre Leser mehrheitlich antizionistisch eingestellt sind, nehmen die Zeitungen überwiegend eine regierungsfreundliche Position ein, berichten nicht über die an Palästinensern begangenen Gräueltaten und identifizieren sich mit dem israelischen Militär. Sie plädieren jedoch nicht für den Militärdienst. Ultraorthodoxe haben erklärt, der Militärdienst verstöße gegen ihren Glauben, bedrohe ihre kulturelle und religiöse Autonomie und entfremde die Gläubigen von der Gemeinschaft. Bei Demonstrationen bezeichnen sie den Militärdienst als Strafe, als eine Form der Zerstörung (“shmad”), und bei Demonstrationen halten die Ultraorthodoxen immer wieder Schilder hoch, auf denen steht, dass sie lieber sterben würden als zum Militär zu gehen.

Der laufende Krieg hat jedoch die Bereitschaft der israelischen Öffentlichkeit, den Pakt mit den Ultraorthodoxen zu akzeptieren, untergraben. Die  israelischen Generäle geben zu, dass sie nicht genügend Soldaten haben, insbesondere angesichts des Risikos einer regionalen Eskalation (siehe BIP-Aktuell #280), und viele Soldaten haben protestiert, dass ein umfangreicher Reservedienst ungerecht ist, wenn Ultra-Orthodoxe nicht mit ihnen dienen. Die Regierung hat versucht, das “Rekrutierungsgesetz” (Quelle auf Hebräisch) zu erlassen, das vorgibt, die Ultraorthodoxen zu rekrutieren, in Wirklichkeit aber Schlupflöcher schafft, um den Status quo zu erhalten. Dies führte zu internen Meinungsverschiedenheiten innerhalb der israelischen Regierung: Verteidigungsminister Yoav Gallant drohte, gegen den Gesetzentwurf zu stimmen, und die Opposition und die Reservisten lehnten ihn vehement ab. Der Gesetzentwurf wurde schließlich auf Eis gelegt.

Der Oberste Gerichtshof Israels hat am 25. Juni entschieden, dass die Ausnahmeregelung für Ultraorthodoxe rechtswidrig ist und dass das Verteidigungsministerium unverzüglich mit der Rekrutierung von 3.000 Männern beginnen müsse. Ultraorthodoxe haben sich fraktionsübergreifend zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen die Rekrutierung zu protestieren. In der ersten Augustwoche forderte das Verteidigungsministerium 900 junge ultraorthodoxe Männer auf, sich in den Rekrutierungszentren zu melden. Nur 48 kamen (Quelle auf Hebräisch), aber der Protest gegen die Rekrutierung hat Tausende angelockt, die sogar in die Rekrutierungszentren eindrangen. Das anhaltende Versäumnis, die Ultraorthodoxen zu rekrutieren, untergräbt die Moral der israelischen Soldaten und erhöht die Motivation der Israelis, sich dem Wehrdienst zu entziehen.



Screenshot von der Demo vor dem Rekrutierungszentrum in Tel-Aviv am 30. Juli. Auf dem Schild steht: “Ich werde auch stolz ins Gefängnis gehen und nicht zur Armee”. Quelle: 2024, Twitter.



Obwohl die Rekrutierung von Ultra-Orthodoxen im israelischen Diskurs als Akt der “Gleichheit” (gleiche Verantwortung der Bürger für den Militärdienst) diskutiert wird, sind religiöse Frauen vom Militärdienst ausgenommen, nicht-religiöse Frauen dagegen nicht. Palästinensische Bürger Israels, die 21 % der Bürger ausmachen, werden nicht einmal zum Dienst einberufen, und weder die Regierung noch die Gerichte diskutieren entsprechende Pläne. Im Jahr 1954 rief das israelische Verteidigungsministerium palästinensische Bürger auf, sich zum Militärdienst zu melden. Es meldeten sich so viele in den Rekrutierungszentren, dass dieser Aufruf sofort widerrufen wurde, weil man befürchtete, dass die Zulassung von Palästinensern zur Ausbildung als Soldaten ihnen politische Legitimität und militärische Macht verschaffen und das israelische Apartheidsystem untergraben würde (siehe BIP-Aktuell #205). Der einzige Ort, an dem Israel mehr Soldaten sucht, ist unter seinen jüdischen Bürgern, ein weiteres Indiz dafür, dass Israel eine Ethnokratie, also ein Apartheidstaat, der von einer ethnischen Gruppe regiert wird, aber keine Demokratie ist.

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BIP Aktuell wird bis zur nächsten Ausgabe am 10. September eine Sommerpause einlegen.

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.

Anmerkung der Redaktion: Lesern unseres Newsletters wird die ständig wiederkehrende Behauptung der israelischen Armeeführung, Verbrechen der Soldaten würden einer Untersuchung unterzogen, aufgefallen sein. Die Scheinheiligkeit und Fragwürdigkeit dieser Erklärungen deckt der ehemalige Direktor von B´Tselem, Hagai El-Ad, in diesem Haaretz-Artikel vom 6. August auf (s. dazu auch BIP Aktuell #315, ähnlich der Göttinger Völkerrechtler Prof. Kai Ambos in seinem Gespräch mit Thilo Jung ab 1.15 Std. https://www.youtube.com/live/iTtWMqnXKT8?si=kd9kumGIpDnvOrBr)
„Die Spitze des Eisbergs:Israel kann schreckliche Misshandlungen von Palästinensern durch seine Soldaten nicht beschönigen

Es ist nicht leicht, Verbrechen zu begehen und ungeschoren davonzukommen. Es erfordert juristisches Fachwissen und ein gewisses Maß an Raffinesse, vor allem, wenn man sich gleichzeitig mit der öffentlichen Meinung auseinandersetzen muss, sowohl lokal als auch international.
Und nein, ich spreche nicht von den Reservisten, die verdächtigt werden, eine palästinensische Gefangene auf dem Armeestützpunkt Sde Teiman vergewaltigt zu haben. Ich spreche über den Staat Israel und seine ausgeklügelten Mechanismen zur Beschönigung. Diese Mechanismen haben dem israelischen System über Generationen hinweg treu gedient. Aber es scheint, dass sie endlich ihr Verfallsdatum erreicht haben und nun unter dem Gewicht der internen Widersprüche zusammenbrechen, die sie bisher zu verbergen wussten.

Was geht im Iran wirklich vor, während Israel sich auf Vergeltung vorbereitet?
Jahrzehntelang hat das israelische System seine Fähigkeit perfektioniert, brutale Gewalt gegen Palästinenser anzuwenden, ohne dafür einen Preis zahlen zu müssen. Dies ist ein kritischer Punkt. Schließlich ist es unmöglich, Millionen von Menschen jahrzehntelang zu unterdrücken, ohne dass es zu Gewalt in einem entsetzlichen Ausmaß kommt. Aber es ist auch unmöglich, diejenigen, die solche Gewalt anwenden, immer wieder vor Gericht zu stellen, denn wer würde einer Herrschaft mit Gewalt zustimmen, wenn er später als Verbrecher denunziert wird? 
Was tun Sie also? Man lässt sich auf einen typischen israelischen Bluff ein – aber einen raffinierten.
Der Bluff ist das Betriebssystem, das bis jetzt so gut funktioniert hat. Es gehen massenhaft Beschwerden von allen ein, die sich beschweren wollen. Palästinenser, Menschenrechtsorganisationen, UN-Organisationen – bitte, beschweren Sie sich einfach. Es wird Papierkram erzeugt, aber nichts wird ernsthaft untersucht. 
Jeder Vorfall wird so behandelt, als ob es sich höchstens um einen Verstoß durch die unteren Ränge handeln würde. Gegen die Politik und die höheren Ränge wird nie ermittelt. Und das ganze Verfahren läuft sehr langsam ab. 
Es zieht sich so lange hin, dass es in der Zwischenzeit von allen vergessen wird. Die Aufmerksamkeit nimmt ab, und es vergehen Jahre. Und wer kümmert sich dann noch um einen palästinensischen Teenager, den Soldaten vor vielen Jahren irgendwo in der Nähe der Trennmauer in den Rücken geschossen und getötet haben? Aber trotzdem können wir sagen: ´Wir haben ermittelt`.
Als Teil dieses Systems wird alle paar Jahre irgendeine niedrigrangige Person angeklagt und eine große Sache daraus gemacht. Eine solche Anklage erfolgt fast immer dann, wenn es unwiderlegbare Videoaufnahmen oder forensische Beweise gibt, was kann man also tun? Und dann ist es ein Skandal. Die internationale Aufmerksamkeit ist groß. Denken Sie an den Grenzpolizisten Ben Dery in Beitunia im Jahr 2014 oder an Sergeant Elor Azaria in Hebron im Jahr 2016. In beiden Fällen gab es eindeutige Videobeweise, so dass es keine andere Wahl gab, als sie vor Gericht zu stellen. 
In beiden Fällen wurde ein Palästinenser getötet. Beide wurden verurteilt. Aber keiner von ihnen verbrachte auch nur ein Jahr im Gefängnis. 
Die Strafen waren sicherlich lächerlich. Aber sie waren nützlich. Sehen Sie: Wir haben ermittelt, wir haben Maßnahmen ergriffen. Jetzt können wir alle anderen Fälle bequem abschließen. So hat es Israel geschafft, sein Image als ein Land, das sich an seine Gesetze hält, aufrechtzuerhalten und gleichzeitig das Risiko internationaler Prozesse zu neutralisieren. 
Genau auf diese Methode bereitet sich Israels gesamtes politisches, militärisches und justizielles Establishment vor, indem es das heilige, wohlklingende Mantra wiederholt: ´Ermittlungen schützen die Soldaten.` Denken Sie einmal darüber nach, wie oft Sie diesen schwachsinnigen Satz in den letzten Monaten gehört haben: vom Premierminister und vom Oppositionsführer, vom derzeitigen Generalstabschef und von früheren Generalstabschefs, von Rechtsberatern und ehemaligen Richtern. Und damit es nicht missverstanden wird, wird die Absicht deutlich gemacht: Wenn wir hier ´ermitteln`, dann werden die Antisemiten in Den Haag dort nicht ermitteln. Also sollten wir besser hier ´ermitteln`, zwinker-zwinker. Ist das klar?
Und bei allem israelischen Bluff, der das ist – man muss zugeben, dass es gar nicht so schlecht gelaufen ist. Denken Sie auf der einen Seite an all die Leichen, all die Folter, all die Zerstörung und all die anderen Verbrechen. Dann denken Sie auf der anderen Seite an die Zahl der Israelis, die bisher im Ausland vor Gericht gestellt worden sind. Zehntausende auf der einen Seite, null auf der anderen. Die Methode funktioniert. 
Bis sie aufhörte zu funktionieren, sowohl lokal als auch international. Auf lokaler Ebene wurden die politischen Kosten der Ermittlungen und der seltenen Gerichtsverfahren zu hoch, weil die Öffentlichkeit nicht einmal mehr diesen dürftigen, heruntergekommenen Schutzschild akzeptiert. Wie das Nationalstaatsgesetz und andere ähnliche Phänomene ist auch der aktuelle politische „gute Ton“ eine jüdische Vormachtstellung von oben. Es ist eine Vormachtstellung, die sich jetzt weigert, auch nur den Anschein von Verantwortlichkeit für die Tötung oder Misshandlung von Palästinensern zu akzeptieren. 
Auch auf der internationalen Bühne funktionierte der Bluff allmählich nicht mehr. Nach Jahren wiederholter Berichte von Menschenrechtsorganisationen wurde es immer schwieriger zu leugnen, was hier wirklich vor sich geht – und dennoch war das nicht genug. Letztendlich haben jedoch die Veränderungen in der internationalen öffentlichen Meinung, die Tatsache, dass Israel sich nicht mehr darum bemüht, den Schein zu wahren, und das Ausmaß und die Dauer der Gewalt – die alle miteinander zusammenhängen – dazu geführt, dass das Risiko eines internationalen Gerichtshofs in Den Haag real ist. Dieses Risiko hat wiederum die politische Bereitschaft in Israel verringert, die ´Untersuchungs`-Farce fortzusetzen.
Denn wofür ist das alles eigentlich gut? Bei all der Show, die der Oberste Gerichtshof, der Generalstaatsanwalt, der Staatsanwalt, die Klagen und die Berge von Papierkram – sogar seltene Prozesse – veranstalten, sieht es immer noch so aus, als ob Den Haag Haftbefehle ausstellen wird. Wenn das der Fall ist, dann ist dies ‚ein Beweis, der das Sprichwort widerlegt, dass unsere Justiz unser Schutzschild gegen die Gerichte im Ausland ist`, wie Simcha Rothman erklärte. 
Rothman, der Vorsitzende des Ausschusses für Verfassung, Recht und Justiz der Knesset, erinnerte uns daran, dass das Rechtssystem hierzulande offensichtlich nur einen instrumentellen Wert hat.
Das bringt uns zu Sde Teiman – und zu Den Haag. Teile des israelischen Establishments versuchen immer noch, mit dem alten Aktivierungscode zu arbeiten. Sie tun dies zögerlich, aus Schwäche, wie unter Zwang, aus Angst vor der Menge und vor dem Ministerpräsidenten selbst. Der Ministerpräsident und seine Leute arbeiten bereits von oben herab, mit dem neuen Aktivierungscode. Aber diejenigen, die am alten Code festhalten, tun dies nicht, um der Gerechtigkeit zu dienen oder weil es das Richtige und moralisch Notwendige ist. Selbst im Angesicht der schrecklichsten Taten war und ist ihr Ziel instrumentell. Wie der israelische Generalstabschef Herzi Halevi erklärte: ´Diese Ermittlungen schützen unsere Soldaten in Israel und im Ausland und helfen, die Werte des israelischen Militärs zu schützen.` Nachdem man in dieser Woche all diesen Politikern und Offizieren zugehört hat, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die einzigen schrecklichen Dinge, die passiert sind, wenn sie überhaupt schrecklich waren, Zivilisten waren, die in Sde Teiman eingebrochen sind und die Fähigkeit des Militärs behindert haben, zu ´ermitteln`. Niemand würde sich um Gräueltaten kümmern, die von Soldaten an den ihnen anvertrauten Gefangenen begangen wurden, Gott behüte.
Diese eine Untersuchung, die diese Woche aufflog, ist nur die Spitze des Eisbergs. Weitere Ermittlungen warten nicht nur auf die unteren Ränge in Israel. Im Ausland stehen zur Abwechslung einmal echte Ermittlungen gegen sehr hochrangige Personen an. Denn die Fragen zu Sde Teiman können gar nicht anders, als bis zur Militärgeneralanwältin selbst hochzusprudeln. 
Und Fragen zur Politik der militärischen Gewaltanwendung im Gazastreifen mit seinen Zehntausenden von Toten werden nicht von Feldwebeln beantwortet werden. Und wir haben noch kein Wort über die israelische Politik im Westjordanland verloren, die voll von Kriegsverbrechen ist – Verbrechen, die im Wesentlichen Verbrechen der Politik sind, das Ergebnis von Entscheidungen, die von einer Regierung nach der anderen getroffen wurden. Internationale Haftbefehle werden kommen, und sie werden sich nicht gegen rangniedrige Beamte des Wohnungsbauministeriums richten.
Diese sich überschneidenden Kräfte sind das Ergebnis der Kreuzung zwischen Israels Regierungssystem – der reinen, offensichtlichen jüdischen Vorherrschaft – und der Realität. Es ist die Realität eines nicht-normativen Staates, der internationale rechtliche Risiken nicht vermeiden kann. Der alte Aktivierungscode ist ausgelaufen. Ihn weiter zu benutzen, ist nicht der Weg, um zu reparieren, was kaputt ist.“
https://www.haaretz.com/opinion/2024-08-06/ty-article-opinion/.premium/tip-of-the-iceberg-israel-cannot-whitewash-horrific-abuse-of-palestinians-by-its-soldiers/00000191-237e-dcd6-abf7-777f4f4a0000?utm_source=mailchimp&utm_medium=Content&utm_campaign=daily-brief&utm_content=514743bb1d


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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BIP-Aktuell #315: Am Rande des Bürgerkriegs

Chaos und Anarchie –  droht der Zusammenbruch des israelischen Staates?

BIP-Aktuell #315:

  1. Am Rande des Bürgerkriegs
  2. Die Dezimierung der akademischen Welt im Gazastreifen ist “unmöglich zu quantifizieren”

Am 29. Juli, als die Militärpolizei israelische Soldaten verhaftete, die der Vergewaltigung und anderer Misshandlungen palästinensischer Gefangener beschuldigt werden, kam es zu gewalttätigen Angriffen rechtsextremer Aktivisten auf zwei israelische Militärstützpunkte, um eine Bestrafung der Soldaten zu verhindern. Die Ohnmacht der israelischen Polizei und das Versagen der Stützpunkte, sich gegen die Eindringlinge zu wehren, zeigen eine tiefe Spaltung der israelischen Gesellschaft und eine Gefahr für die Existenz des Staates.

Die israelischen Attentate auf Fuad Shukr von der Hisbollah in Beirut und Ismail Haniyeh, den Chef des politischen Flügels der Hamas in Teheran, in der vergangenen Woche haben internationale Aufmerksamkeit erregt, da Israels illegale Angriffe auf das Hoheitsgebiet anderer Staaten die Wahrscheinlichkeit eines umfassenden regionalen Krieges stark erhöht haben (siehe BIP-Aktuell #280). Sie machen es fast unmöglich, in den Verhandlungen über einen Waffenstillstand im Gazastreifen und einen Gefangenenaustausch voranzukommen. Diese Provokationen müssen vor dem Hintergrund der tiefen politischen und rechtlichen Krise verstanden werden, die sich seit Montag, den 29. Juli 2024 in Israel abzeichnet.



Foto eines palästinensischen Gefangenen mit verbundenen Augen in Sde Teiman, das von einem anonymen Informanten zur Verfügung gestellt wurde. Quelle: 2024, über CNN, Wikipedia.



Sde Teiman [Jemenfeld] ist ein Militärgefängnis im Negev, nicht weit von Beersheba entfernt. Palästinensische Gefangene werden dort unter grausamen Bedingungen festgehalten. Israel hat im Rahmen seiner Propaganda zur Rechtfertigung des Krieges in Gaza immer wieder auf die Gewalt der Hamas und anderer palästinensischer Widerstandsgruppen gegen israelische Zivilisten am 7. Oktober verwiesen. Diese angebliche Rechtfertigung hat die deutsche Regierung davon überzeugt, die Augen vor Israels Gräueltaten in Gaza zu verschließen. Jedoch sollte daran erinnert werden, dass die meisten der in Sde Teiman inhaftierten Palästinenser keines Verbrechens angeklagt sind. Der palästinensische Anwalt Khaled Mahajneh war der erste Anwalt, der Sde Teiman betreten durfte und berichtete, was er dort am 27. Juni sah. Er sagte aus, dass das Lager schlimmer sei als in  Guantánamo, da die Gefangenen täglich gefoltert, ausgehungert und gedemütigt würden. Die Häftlinge in dem Lager hätten nicht einmal gewusst, wo sie festgehalten werden,  sie hätten ihr Gefängnis “Todeslager” genannt. 

Am 31. Juli veröffentlichte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, einen detaillierten Bericht über die Haftbedingungen in Sde Teiman. Die Lektüre des Berichts ist schwer auszuhalten. Denn unter den vielen Grausamkeiten, die darin beschrieben werden, stellt der Bericht fest, dass mindestens 53 palästinensische Gefangene in der Haft an den Folgen von Vernachlässigung, Hunger, Folter und Verweigerung des Zugangs zu medizinischer Versorgung gestorben sind. Der Bericht beschreibt auch sexuelle Gewalt gegen die Gefangenen, einschließlich Vergewaltigungen.

Die israelischen Behörden wussten, dass der Bericht bald veröffentlicht werden würde, und beschlossen, gegen eine Gruppe von Soldaten und Gefängniswärtern zu ermitteln, die im Verdacht stehen, palästinensische Gefangene vergewaltigt zu haben. Ein palästinensischer Gefangener wurde angeblich mit Werkzeugen so sehr vergewaltigt, dass er dabei schwere  Verletzungen erltt. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert und nach Sde Teiman zurückgebracht. Wie Or Bassok in Haaretz (auf Hebräisch) schrieb, ist die angekündigte Untersuchung nur ein Lippenbekenntnis, da die israelischen Justizbehörden nicht einmal Anstrengungen unternehmen, um die Bombardierung des Gazastreifens und die Hungersnot (siehe BIP-Aktuell #311), die zum Tod von Zehntausenden von Menschen geführt hat, zu untersuchen. Bassok glaubt, dass lediglich eine symbolische Anzahl israelischer Soldaten angeklagt und vor ein Kriegsgericht gestellt wird, um den Anschein der Rechtsstaatlichkeit zu erwecken. Dies wird den Internationalen Strafgerichtshof aber nicht davon überzeugen, von der Ausstellung von Haftbefehlen gegen hochrangige israelische Politiker und Offiziere abzusehen.

Am Montag, den 29. Juli, um 13 Uhr veröffentlichten Soldaten aus Sde Teiman in den sozialen Medien, dass die Militärpolizei eingetroffen sei, um Verhaftungen vorzunehmen, und baten um Hilfe. Die Zeitung Haaretz veröffentlichte eine detaillierte Beschreibung (auf Hebräisch) der Ereignisse während der folgenden 12 Stunden. Israelische Knessetmitglieder publizierten Erklärungen, die Soldaten, die der Vergewaltigung und des Missbrauchs von Gefangenen beschuldigt werden, seien “unsere wahren Helden” und die Militäranwälte, die versuchen, sie anzuklagen, seien Verbrecher. Knessetmitglieder und rechte Prominente hetzten gegen das Justizsystem und riefen die Öffentlichkeit auf, die Verdächtigten zu unterstützen. Einige Knessetmitglieder und ein Minister, Amichai Elyahu, kamen nach Sde Teiman und drangen mit einem wütenden und bewaffneten Mob in die Militärbasis ein, begleitet von schwer bewaffneten Milizionären mit vermummten Gesichtern. Soldaten, die die Tore bewachten, wurden zur Seite gedrängt. Ein Teil des Mobs waren Reservisten mit einem Hemd, das sie als improvisierte Uniform bedruckt hatten und sich als “Force 100” ausgaben, eine Anspielung auf eine besonders gewalttätige Militäreinheit von Gefängniswärtern, die 2006 aufgelöst wurde.


Die Ereignisse wurden live im israelischen Fernsehen übertragen. Israels berühmtester Journalist Amit Segal ermunterte die Soldaten, die Palästinenser vergewaltigt hatten, amüsiert mit den Worten: “Wenn ihr Erfolg haben wollt, lasst euch nicht erwischen!” (Quelle auf Hebräisch). Ein Journalist von Haaretz wurde in Sde Teiman von rechtsgerichteten Aktivisten angegriffen. Nachdem die Verdächtigten aus dem Gefängnis gebracht worden waren, folgte der Mob ihnen zum Militärstützpunkt Beit Lid in der Nähe von Netanya im nördlichen Israel. Auf dem Stützpunkt Beit Lid befindet sich das zentrale Militärgericht des israelischen Militärs. Rechte Demonstranten verbrannten Holz an den Toren des Stützpunkts und versuchten, ihn zu betreten, schlugen gegen die Zäune, einige versuchten, hineinzuklettern. Die israelische Polizei nahm niemanden fest und konnte die Unruhen, die bis Dienstag um 1 Uhr morgens andauerten, nicht verhindern.



Das israelische Knessetmitglied Tally Gotliv spricht in Sde Teiman, umringt von bewaffneten Milizen mit “Force 100”-Shirts und maskierten Gesichtern. Quelle: 2024, Zo Haderech.


Am nächsten Morgen berichteten israelische Zeitungen über die Unruhen als “Chaos”, “Anarchie” und “Zusammenbruch des Staates”. Die Untätigkeit der Polizei wurde als Folge des Einflusses des rechtsextremen israelischen Ministers für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, gewertet, der in Echtzeit Erklärungen abgegeben hatte, in denen er die Verdächtigten unterstützte und den Versuch, sie vor Gericht zu stellen, verurteilte. Die Unruhen wurden mit dem Angriff auf das Kapitol am 6. Januar 2021 in den USA verglichen, weil in beiden Fällen die populistische Rechte einen gewaltsamen Versuch unternommen hat, die Rechtsstaatlichkeit zu untergraben. Zwischen beiden Ereignissen besteht jedoch ein deutlicher Unterschied, denn dem Angriff auf das Kapitol gingen nachrichtendienstliche Ermittlungen voraus, und die Teilnehmer an den Ausschreitungen sowie diejenigen, die dazu aufriefen, wurden angeklagt. In Israel unternahm die Polizei keinen Versuch, die maskierten Angreifer zu identifizieren. Staatsanwältin Gali Baharav-Miara gab bekannt, dass die Knessetmitglieder, die an den Ausschreitungen beteiligt waren, keine parlamentarische Immunität genießen, und bereitet eine Anklage gegen sie vor. Der israelische Journalist Nadav Eyal twitterte (in Anlehnung an Max Weber): “Die Definition eines Staates, auch eines nicht-demokratischen, basiert auf dem Gewaltmonopol. In Militärbasen einzubrechen […] und die Ermittlungsbehörden anzugreifen, sind Anzeichen für den Zerfall des Staates.” (Quelle auf Hebräisch). Wenn Israels geschwächtes Justizsystem es nicht schafft, die Knessetmitglieder, den Minister Amichai Elyahu und die Mitglieder des Mobs, die die Unruhen angezettelt haben, strafrechtlich zu verfolgen, ist der Staat in seiner Existenz gefährdet.

Am 5. August veröffentlichte Haaretz weitere Informationen über die schrecklichen Bedingungen im Gefangenenlager Sde Teiman, die sich auf eine Untersuchung von B’tselem stützen.

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.
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Die Dezimierung der akademischen Welt im Gazastreifen ist “unmöglich zu quantifizieren”

Ibtisam Mahdi schreibt am 26. Juli 2024 in dem Magazin  +924:
„Die palästinensischen Universitäten im Gazastreifen, in denen wahrscheinlich Tausende von Lehrkräften und Studenten getötet und die Campusse zerstört wurden, überstehen kaum den israelischen Ansturm auf die Hochschulen.  Dr. Refaat Alareer war ein guter Freund von mir. Als Dichter, Schriftsteller und prominenter Aktivist für die palästinensische Sache lehrte Refaat viele Jahre lang englische Literatur und Poesie an der Islamischen Universität Gaza. Er liebte die Werke von Shakespeare, Thomas White, John Donne, Wilfred Owen und vielen anderen, und er war Herausgeber zweier Bücher: “Gaza Unsilenced” und “Gaza Writes Back“.
Refaat ist einer von mindestens 105 palästinensischen Akademikern, die seit Beginn des israelischen Krieges in Gaza getötet wurden, wie aus den jüngsten Statistiken des palästinensischen Bildungsministeriums hervorgeht. Seine Heimatuniversität, die Islamische Universität, wurde durch die Bombardierung vollständig zerstört. Alle 19 Universitäten im Gazastreifen wurden schwer beschädigt oder liegen in Trümmern, über 80 Prozent der Universitätsgebäude sind zerstört. Die fast 90.000 Studenten, die vor dem Krieg an den Hochschulen im Gazastreifen eingeschrieben waren, konnten ihr Studium größtenteils nicht fortsetzen.
Die Zerstörung der Hochschulen ist besonders tragisch für die Zukunft des Gazastreifens: Diese Quelle des Lernens, des Wirtschaftswachstums, des Lebensunterhalts und der Gemeinschaft ist nun verschwunden. Aber die Geschichten der Lehrer und Schulen, die wir verloren haben, und die Bildungschancen, die nun nicht mehr gegeben sind, verdienen es, erzählt zu werden.
Refaat verstand die Bedeutung von Bildung besser als die meisten anderen. Er ermutigte mich, für meine Arbeit als Journalistin Englisch zu lernen, und er liebte es, mir neue Wörter sowohl auf Englisch als auch auf Arabisch beizubringen. ´Durch das Erzählen von Geschichten`, so erinnerte er mich, ´bekräftigen wir unser Recht auf dieses Land. Und das Erlernen der englischen Sprache ist ein Mittel, um aus der anhaltenden Belagerung des Gazastreifens auszubrechen.`
Bei dem israelischen Luftangriff, der Refaat am 7. Dezember das Leben kostete, wurden neben ihm auch sein Bruder Salah und sein Neffe Mohammad sowie seine Schwester Asmaa und ihre drei Kinder Alaa, Yahya und Muhammad getötet, und weitere Familienmitglieder wurden verwundet. Drei von Refaats Söhnen – einer von ihnen im ersten Jahr seines Studiums – und seine drei Töchter blieben bei ihrer Mutter in einer anderen Unterkunft und überlebten.
Refaats Cousin, Muhammad Alareer, sagte, er glaube, dass die israelische Armee Refaat gerade wegen seiner Gelehrsamkeit und seiner fließenden Englischkenntnisse ins Visier genommen habe – ebenso wie wegen seiner Arbeit für das Projekt ´We Are Not Numbers`, eine palästinensische gemeinnützige Organisation, die Refaat 2015 mitbegründet hatte. ´Vor dem Angriff`, so Muhammad gegenüber +972, ´erhielt er viele Todesdrohungen online und per Handy von israelischen Konten, die ihn aufforderten, mit dem Schreiben und Veröffentlichen aufzuhören.`
Laut Muhammad erhielt Refaat einen Anruf von jemandem, der sich als israelischer Offizier ausgab und sagte, dass das Militär genau wisse, wo er sich befinde, und dass er ermordet oder inhaftiert werde, wenn er weiter schreibe. Diese Drohung veranlasste Refaat, seine Frau und Kinder in der UNRWA-Schule in Al-Tuffah, nordöstlich von Gaza-Stadt, zurückzulassen. Er ging zum Haus seiner Schwester, weil er glaubte, dort sei es sicherer als in der Schule – doch er irrte sich gewaltig. 
Unter den vielen palästinensischen Akademikern, die seit dem 7. Oktober in Gaza getötet wurden, waren auch drei Universitätspräsidenten. Der 53-jährige Physiker Dr. Sofyan Abdel Rahman Taya war Präsident der Islamischen Universität von Gaza, als er am 2. Dezember bei einem israelischen Luftangriff auf Jabalia zusammen mit seiner Frau, seinen Eltern und fünf Kindern getötet wurde.
Das Magazin +972 sprach mit Dr. Tayas Bruder Nabil, der beschrieb, wie sehr Sofyan seine Arbeit liebte und sich sehr um seine Familie und die Menschen in seinem Umfeld kümmerte. Für seine Forschungen zu optischen Wellenleitern und Biosensoren erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter den Palestine Islamic Bank Award for Scientific Research, den Abdul Hameed Shoman Award for Young Arab Scientists und den Islamic University Award for Scientific Research. Im März 2023 wurde Dr. Taya auf den UNESCO-Lehrstuhl für Physik, Astrophysik und Weltraumwissenschaften in Palästina berufen. Als Universitätspräsident hatte er ein klares Ziel vor Augen: Er wollte sowohl die wissenschaftliche Forschung als auch den Dienst an der Gemeinschaft zu den Eckpfeilern des Auftrags der Universität machen.
Doch in den Wochen vor seiner Ermordung, so Nabil gegenüber +972, ´rechnete Sofyan damit, ins Visier genommen zu werden, vor allem, nachdem viele akademische und administrative Mitarbeiter der Islamischen Universität vor ihm ermordet worden waren`. Dazu gehörten Omar Farwana, Dekan der medizinischen Fakultät, und Dr. Muhammad Shabir, der ehemalige Präsident der Universität. Nach Taya und Shabir war Dr. Said Anwar Alzebda von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Gaza der dritte Universitätspräsident, der zusammen mit mehreren Familienmitgliedern am 31. Dezember getötet wurde.
Dr. Khitam Al-Wasifi, Leiterin des Fachbereichs Physik an der Islamischen Universität und Vizedekanin der wissenschaftlichen Hochschule, war eine weitere prominente palästinensische Akademikerin, die zusammen mit ihrem Ehemann – ebenfalls Professor an der Islamischen Universität – und ihren Kindern am 1. Dezember getötet wurde. Sie war bei Kollegen und Freunden als ´Scheicha der Physiker` bekannt, veröffentlichte Dutzende von Artikeln über Magnetoelektrizität und Optoelektronik und wurde für ihre Arbeit mit mehreren Preisen ausgezeichnet.
Viele überlebende Fakultätsmitglieder sahen den Tod dieser Akademiker als gezielte Tötung prominenter Intellektueller im Gazastreifen an – und viele lehnten es daher ab, für diesen Artikel interviewt zu werden, aus Angst, selbst ermordet zu werden. Durch die Ermordung einflussreicher Akademiker, so Salah Abd El Atei, der Präsident der Internationalen Kommission zur Unterstützung der Rechte der Palästinenser (Hashd), der mit +972 aus Kairo sprach, will Israel ´alles Symbolische in der palästinensischen Gesellschaft zerstören, so dass die Menschen in Gaza keine Persönlichkeiten haben, auf die sie sich in Zukunft verlassen können.`
Am 11. Oktober bombardierte Israel die Islamische Universität von Gaza und zerstörte den gesamten Campus. Unter den zerstörten Gebäuden befand sich auch die Moschee der Universität, was gegen internationales Recht verstößt, das Angriffe auf Gotteshäuser verbietet. Die Universität war bereits in früheren Kriegen beschädigt worden, aber das Ausmaß der aktuellen Zerstörung ist beispiellos.
Nach Schätzungen von UN-Experten sind seit Oktober 80 Prozent der Schulen und Universitäten beschädigt oder zerstört worden, was ihrer Ansicht nach auf einen ´Schulmord` hinausläuft. `Man kann sich die Frage stellen`, schreiben die Experten, ´ob das palästinensische Bildungssystem absichtlich und umfassend zerstört werden soll`.
Der Hauptcampus der Al-Azhar-Universität in Gaza-Stadt und ihre Zweigstelle in Al-Mughraqa wurden in den ersten Monaten des Krieges durch wiederholte israelische Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt. Nach Angaben von Muhammad Al-Wazir, einem Professor der Universität, bestand die Universität vor Oktober aus 12 Hochschulen, die zusammen Bachelor-Abschlüsse in 77 Studiengängen, 33 Master-Studiengänge und vier Promotionsstudiengänge anboten.
Wie die Islamische Universität wurde auch die Al-Azhar bei früheren Eskalationen im Gazastreifen wiederholt angegriffen. ´Jedes Mal`, so Al-Wazir gegenüber +972, ´wandte sich die Universität umgehend an arabische, islamische und internationale Institutionen, um bei der Behebung der Schäden zu helfen`. Nach diesem Krieg wird die Universität jedoch gezwungen sein, von Grund auf neu zu bauen. Al-Wazir wies darauf hin, dass die Zerstörung der Al-Azhar-Universität eines der Beweisstücke war, die Südafrika vor dem Internationalen Gerichtshof als Beleg für die systematische und vorsätzliche Zerstörung der Bildungsinfrastruktur durch Israel anführte.
Die Israa-Universität, die Universität von Palästina, die Gaza-Universität, die Al-Quds Open University und die Al-Aqsa-Universität – meine Alma Mater – haben ähnliche Zerstörungen erlebt. Es wurden so viele Mitarbeiter getötet und fast alle Studenten und Angestellten vertrieben, dass es äußerst schwierig ist, eine vollständige Bilanz der Zerstörung zu ziehen. ´Es ist nicht möglich, den Schaden an der Universität zu beziffern`, sagte Dr. Imad Abu Kishek, der Präsident der Al-Quds Open University. ´Wir können die Situation auch nicht einschätzen, während wir das wichtigste Element, die Menschen – Akademiker, Techniker, Arbeiter und Studenten – täglich verlieren.`
Auch die universitäre Infrastruktur, die der palästinensischen Öffentlichkeit zugute kam, wurde zerstört. Es gibt auch mehrereBerichte darüber, dass israelische Soldaten die Israa-Universität als behelfsmäßigen Militärstützpunkt und Gefangenenlager nutzten, bevor sie die restlichen Gebäude im Januar in die Luft sprengten.
Nicht nur Studenten und Professoren sind die Leidtragenden des Verlusts der Universitäten in Gaza, sondern alle Palästinenser in Gaza, denen die Vorteile einer lebendigen akademischen Gemeinschaft vorenthalten werden – von Kunst und Kultur bis hin zur medizinischen Versorgung. Esraa Hammad war vor dem 7. Oktober Zahnmedizinstudentin an der Universität von Palästina. ´Ich habe dort fünf Jahre lang studiert und war kurz davor, meinen Abschluss zu machen`, sagte sie, ´aber all das wurde durch eine Entscheidung der Besatzungsarmee beendet.`
Viele sehen die Zerstörung des akademischen Lebens in Gaza als Teil des israelischen Ziels, sicherzustellen, dass die Palästinenser keine Zukunft im Gazastreifen haben. Für Dr. Ali Abu Saada, Generaldirektor für höhere Bildung im Bildungsministerium des Gazastreifens, ist die gezielte Zerstörung von Bildungseinrichtungen ´Teil der Bemühungen, den Palästinensern die wesentlichen Bestandteile ihres Lebens zu nehmen: Denken, Kultur und Bildung.` Auch wenn die Universitätsstrukturen nach dem Krieg wieder aufgebaut werden können, glaubt Abu Saada, dass Israel die Botschaft vermitteln will, dass die Palästinenser einer Zukunft entgegensehen, in der es ´keinen Platz für Bildung und keine Lehrer gibt, die unterrichten können – eine Realität, die dazu beiträgt, die Abwanderung zu beschleunigen, was das Ziel der Besatzer ist.`
Trotz der Schäden gibt es unter den Palästinensern im Gazastreifen Bemühungen, den Unterricht fortzusetzen. Die Al-Azhar-Universität hat eine Erklärung herausgegeben, in der sie die Studenten auffordert, ihre Semester aus der Ferne fortzusetzen. Al-Wazir, der Al-Azhar-Professor, sagte, dies sei ´ein Weg, um die durch die Zerstörung der Universitäten durch die israelische Armee erzwungene Realität herauszufordern – damit das akademische Jahr für die Studenten nicht umsonst war.`
Dr. Muhammad Hamdan, Direktor für Öffentlichkeitsarbeit an der Al-Aqsa-Universität, bestätigt, dass die meisten Universitäten im Gazastreifen zum Fernstudium zurückgekehrt sind. An der Al-Aqsa-Universität konzentrieren sich die meisten Fernkurse auf eher theoretische Fächer, für die Vorlesungen auf der Online-Bildungsplattform der Universität verfügbar sind. Mehrere Dozenten außerhalb des Gazastreifens, so Hamdan, betreuen diese Plattform und halten bei Bedarf neue Fernvorlesungen.
Ein Fernstudium während des Krieges ist jedoch nicht ohne Weiteres möglich. Ayman Safi, Student der Informationstechnologie im dritten Studienjahr an der Al-Azhar, meldete sich für Online-Kurse an seiner Universität an, sobald diese verfügbar waren. Aber wie er gegenüber +972 erklärte, erfordere das Herunterladen von akademischen Materialien von der Plattform auf den Laptop oder das Mobiltelefon, einschließlich der Lehrbücher, ein starkes Internet, und er ist gezwungen, mehr als vier Kilometer zu fahren, um eine ausreichende Verbindung zu finden.
Universitäten im Westjordanland wie die An-Najah-Universität haben mit Hilfe des Bildungsministeriums ihre Türen für Studierende aus dem Gazastreifen geöffnet, die dort aus der Ferne lernen können, und Zehntausende haben sich für das Frühjahrs- und Sommersemester eingeschrieben. Doch obwohl die Gebäude noch stehen, sind diese Einrichtungen seit dem 7. Oktober mit Abriegelungen und anderen Störungen konfrontiert, während das israelische Militär und die Siedler es den Palästinensern im Westjordanland immer schwerer machen, sich frei zwischen ihren Häusern und der Hochschule zu bewegen.
Die Auswirkungen des Krieges werden noch jahrelang zu spüren sein. Laut Dr. Wissam Amer, Dekan der Fakultät für Kommunikation und Sprachen an der Universität Gaza, hat eine ganze Generation von Studenten auf allen Bildungsebenen erhebliche Rückschläge hinnehmen müssen. ´Der Wiederaufbau des Bildungssystems in Gaza ist nicht unmöglich`, sagte er, ´aber es wird lange dauern. Die Universitäten sind völlig zerstört`.
Der Armee-Sprecher antwortete auf unsere Anfrage nach einem Kommentar mit folgender Erklärung: ´Die IDF zielen nicht absichtlich auf Bildungseinrichtungen als solche ab, sondern handeln ausschließlich aus militärischer Notwendigkeit. Die Hamas platziert ihre Agenten und militärischen Einrichtungen systematisch im Herzen der Zivilbevölkerung und führt ihre Kämpfe von ziviler Infrastruktur aus, einschließlich Bildungseinrichtungen und Universitäten. Das Gebäude der Islamischen Universität von Gaza und seine Umgebung wurden von der Hamas für verschiedene militärische Aktivitäten über und unter der Erde genutzt, einschließlich der Entwicklung und Herstellung von Waffen und der Ausbildung des Geheimdienstpersonals im militärischen Bereich der Hamas.”
Ibtisam Mahdi ist eine freiberufliche Journalistin aus Gaza, die sich auf die Berichterstattung über soziale Themen, insbesondere über Frauen und Kinder, spezialisiert hat.Sie arbeitet auch mit feministischen Organisationen in Gaza in den Bereichen Berichterstattung und Kommunikation zusammen.
https://www.972mag.com/gaza-academia-destruction-universities/


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