BIP-Aktuell #384: Israelisches Regierungsdekret zur Landnahme im Westjordanland

Verwischung der Grünen Linie und fortschreitende Annexion

  1. Israelisches Regierungsdekret zur Landnahme im Westjordanland
  2. Klage gegen FIFA- und UEFA-Führungskräfte
  3. Ben-Gvirs Gefängnisspektakel

Die israelische Regierung erließ Ende 2025 ein Dekret, das die Registrierung von Land im Gebiet C des Westjordanlands zur Erweiterung der Siedlungen vorschreibt. Israel hat bereits mit der illegalen Siedlung Adam begonnen, indem es eine andere Siedlung erweitert, die die Straße von Ramallah in Richtung Süden blockiert. Dadurch wird die Grüne Linie verwischt, und die Rechte der Palästinenser auf Eigentum und Souveränität werden untergraben. Die israelische Regierung hat sich für ein schnelles Vorgehen entschieden, weil dies den Forderungen der rechtsextremen und ultraorthodoxen Wähler entspricht. Die arabischen Staaten, die EU und sogar die USA lehnen die Annexion Israels offiziell ab, haben jedoch keine konkreten Maßnahmen ergriffen, um sie zu stoppen.
 
Am 4. Dezember 2025 erließ die israelische Regierung das Dekret Nr. 3559 (Quelle auf Hebräisch), in dem sie die Besatzungstruppen im Westjordanland anwies, mindestens 15 % der nicht registrierten Flächen in Gebiet C zu registrieren. Israel erkennt das Eigentumsrecht der Palästinenser in weiten Landstrichen nicht an und betrachtet alle Flächen, die 1967 nicht in Privatbesitz waren, als „öffentliches” Land. Die Registrierung ist ein Euphemismus für die Beanspruchung als jüdisches Eigentum. Das Dekret sieht im israelischen Budget über 10 Millionen Euro pro Jahr sowie 35 Regierungsangestellte vor, um die Landnahme umzusetzen. Die israelische Nichtregierungsorganisation Peace Now bezeichnete dieses Regierungsdekret als einen Akt der „massiven Enteignung” und als Verfahren zur Annexion des Westjordanlands.

Karte der geplanten Siedlungserweiterung zwischen Neve Yaakov und Adam, nordöstlich von Jerusalem und südöstlich von Ramallah. Quelle: 2026, Peace Now.

Die Entscheidung Israels verstößt eklatant gegen das Völkerrecht. Die Siedlungsaktivitäten sind gemäß der 4. Genfer Konvention verboten. Dementsprechend kam der Internationale Gerichtshof in einem Gutachten vom 19. Juli 2024 zu dem Schluss, dass der Staat Israel verpflichtet ist, alle neuen Siedlungsaktivitäten unverzüglich einzustellen und alle Siedler aus dem besetzten palästinensischen Gebiet auszusiedeln. Er stellte darüber hinaus fest, dass die Besatzung durch Israel insgesamt illegal ist und so schnell wie möglich beendet werden muss. Diese Vorgabe wurde in einer Resolution der UNO-Generalversammlung vom 13. September 2024 dahingehend konkretisiert, dass Israel sich innerhalb von 12 Monaten aus dem besetzten palästinensischen Gebiet zurückziehen muss.
 
Das Dekret Nr. 3559 sieht vor, dass der Prozess der Landnahme schrittweise erfolgen soll. Die Landregistrierung wird als „Phase A“ bezeichnet und soll bis Anfang 2030 abgeschlossen sein. Doch die israelischen Streitkräfte sind bereits im Februar 2026 dem Zeitplan voraus. Sie haben mit der angeblichen Erweiterung der illegalen Siedlung Adam, auch bekannt als Geva Binyamin, nordöstlich von Jerusalem begonnen. Die neue Siedlung ist aber überhaupt nicht mit Adam verbunden, sondern mit der Siedlung Neve Yaakov, einem ultraorthodoxen jüdischen Viertel in Ostjerusalem. Sie durchschneidet das Westjordanland, um Ramallah mit israelischen Siedlungen zu umzingeln, und untergräbt damit zusätzlich die Möglichkeit einer palästinensischen Souveränität im Westjordanland. Die neue Siedlung, die ebenfalls für ultraorthodoxe jüdische Siedler vorgesehen ist (BIP-Aktuell #316), wird keinen eigenen Namen haben, da sie offiziell Teil von Adam ist. Sie wird effektiv eine Erweiterung von Neve Yaakov darstellen, wodurch die Grüne Linie, die Grenze von 1967, missachtet wird.
 
Israels rechtsextreme Regierung hatte, nachdem sie im Januar 2023 an die Macht gekommen war, schon 2024 eine organisatorische Maßnahme getroffen, die als faktische und rechtliche Annexion des Westjordanlandes angesehen werden konnte: Finanzminister Itamar Ben-Gvir erhielt die Zuständigkeit für die zivile Verwaltung des besetzten Gebietes (BIP-Aktuell #249).
 
Die deutsche Journalistin Sophie von der Tann berichtet, dass Siedler im Westjordanland Tausende von Flaggen entlang der Straßen aufgestellt haben. Es gebe auch viele Werbetafeln mit Immobilienanzeigen und Aufrufen wie „Israel besiedeln!“ oder der Aufschrift „Souveränität“. Eine Kampagne, um die Annexion als Fakt darzustellen.
 
Middle East Eye erläuterte eine Reihe neuer Maßnahmen, die am 8. Februar in Kraft traten und die gesamte Westbank betreffen. Damit wird die israelische Kontrolle über die Gebiete A und B ausgeweitet (in Gebiet C hat Israel bereits fast die vollständige Kontrolle), um, wie Smotrich sagte, „den palästinensischen Staat zu begraben“. Smotrich hatte einen Waffenstillstand in Gaza konsequent abgelehnt und, als der von Trump auferlegte einseitige Waffenstillstand in Kraft trat (BIP-Aktuell #370), seine Aufmerksamkeit mit der israelischen rechtsextremen Partei auf das Westjordanland gerichtet. Siedler haben tödliche Pogrome gegen Palästinenser verübt, wobei das israelische Militär sie nicht nur nicht daran gehindert, sondern sogar unterstützt hat (BIP-Aktuell #373).
 
Das Magazin „972 Magazine“ führte ein Interview mit Ziv Stahl, der Direktorin der israelischen Menschenrechtsorganisation gegen die Besatzung „Yesh Din“ (was auf Hebräisch „Es gibt ein Gesetz“ bedeutet). In dem Interview wurden die sechs jüngsten Regierungsbeschlüsse diskutiert, die die Besatzung in einen Zustand permanenter israelischer Herrschaft oder Annexion führen könnten.
 
Der politische Diskurs in Israel dreht sich derzeit um die Vorbereitung der bevorstehenden Wahlen. Die rasche Umsetzung des Regierungsdekrets zur Schaffung von Fakten vor Ort dient mehreren Zwecken: 1. Das Dekret beweist den Wählern von Smotrich, dass dieser die gewalttätigen Siedler belohnen und das Territorium Israels sogar während eines Waffenstillstands in Gaza erweitern kann. 2. Es bietet ultraorthodoxen Juden, die derzeit gegen den Versuch protestieren, sie zum Militärdienst zu rekrutieren, günstigen Wohnraum und beweist ihnen, dass es in ihrem Interesse liegt, weiterhin eine rechtsgerichtete Regierung zu unterstützen. 3. Es bietet den Wählern Netanjahus den Beweis, dass Israel so handeln kann, ohne dass Verstöße gegen das Völkerrecht Konsequenzen haben.

Die rot markierte Fläche ist das Gebiet C des Westjordanlands. Quelle: 2013, B’tselem.

Saudi-Arabien, Ägypten, Katar und Jordanien verurteilten Israels Vorgehen als völkerrechtswidrig. Die EU forderte Israel auf, den Schritt rückgängig zu machen, und bekräftigte ebenfalls, dass die Annexion nach internationalem Recht illegal ist. UN-Generalsekretär Antonio Guterres bezeichnete Israels Vorgehen als „destabilisierend“ und warnte, dass die Entscheidung „den Palästinensern ihr Eigentum entziehen könnte“. Die Trump-Regierung in den USA erklärte, dass „Präsident Trump klar zum Ausdruck gebracht hat, dass er die Annexion des Westjordanlands durch Israel nicht unterstützt“. Konkrete Maßnahmen zur Unterbindung der Annexion wurden jedoch nicht getroffen.
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Vierte Internationale BIP-Konferenz vom 29. – 31. Mai 2026 in Nürnberg, Thema: Die Zukunft Palästinas
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BA 384 Bemerkenswert:
Klage gegen FIFA- und UEFA-Führungskräfte
FIFA-Präsident Gianni Infantino und UEFA-Präsident Aleksander Čeferin werden beschuldigt, Verstöße gegen internationales Recht ermöglicht zu haben.
Eine Koalition aus Sportinstitutionen, Menschenrechtsgruppen, Vereinen, Spielern und palästinensischen Landbesitzern hat eine Klage beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) eingereicht. In der Klage wird die Leitung der FIFA und der UEFA der Beihilfe zum Bruch des Völkerrechts beschuldigt, da sie weiterhin israelische Vereine aus Siedlungen zulassen, die in besetzten Gebieten aktiv sind. Die Kläger begründen ihre Klage außerdem damit, dass die Durchführung organisierter Wettbewerbe auf Gebieten erlaubt werde, die nach internationalem Recht als besetzt gelten. Im Mittelpunkt der Klage stehen Mannschaften aus Siedlungen im Westjordanland, die unter dem Dach des israelischen Fußballverbands spielen.
Die Kläger sind der Meinung, dass die Fußballverbände über Regulierungsbefugnisse verfügen und daher die Verantwortung dafür tragen, dass Aktivitäten im Zusammenhang mit Siedlungen erlaubt werden, die nach internationalem Recht als illegal gelten. Den beiden Fußball-Funktionären wird Unterstützung der israelischen Behörden vorgeworfen, da sie trotz wiederholter Einwände palästinensischer Sportverbände die weitere Integration von Teams aus den Siedlungen in offizielle Wettbewerbe zulassen. Die Genehmigung der Spiele durch Fußballverbände verschaffe Aktivitäten, die sonst mit Sanktionen belegt würden, Legitimität, Sichtbarkeit und institutionellen Schutz. Die Teilnahme an von der FIFA anerkannten Strukturen mache die Angelegenheit von einer rein sportlichen zu einer Frage des humanitären Völkerrechts.
Der vollständige Artikel unter:
https://www.palestinechronicle.com/legal-complaint-accuses-fifa-uefa-leaders-of-complicity-in-settlement-football/?utm_source=emailoctopus&utm_medium=email&utm_campaign=The%20Palestine%20Chronicle%20Newsletter%2C%20February%2017
Anm. der Redaktion: Es handelt sich rechtstechnisch nicht um eine Klage, sondern um das Einreichen von Informationen nach Art. 15 des Römischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs.
 
BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle von Menschenrechtsverletzungen, die in deutschen Medien kaum Beachtung finden
 
Ben-Gvirs Gefängnisspektakel zeigt den Abstieg der Regierung in gesetzlose Brutalität
Die inszenierte Zurschaustellung gefesselter palästinensischer Gefangener verherrlicht Gewalt, untergräbt rechtliche Normen und entlarvt eine Regierung, die bereit ist, Menschlichkeit gegen politisches Theater einzutauschen.
16. Februar 2026
„Am vergangenen Wochenende präsentierte der Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, auf eklatante Weise das hässliche Gesicht, das diese Regierung charakterisiert. In Begleitung einiger trauernder Eltern besuchte Ben-Gvir eine Gefängnisanstalt, in der Sicherheitshäftlinge, darunter Terroristen der Hamas-Spezialeinheit Nukhba [die am 7. Oktober 2023 eine führende Rolle gespielt hatte, Anm. der Redaktion], festgehalten werden.
Der israelische Gefängnisdienst, dessen Kommandanten darum wetteifern, wer Ben-Gvir durch die Misshandlung palästinensischer Gefangener am meisten schmeicheln kann, inszenierte eine Vorführung für den Minister. Am Ende seines Besuchs veröffentlichte Ben-Gvir ein Video auf seinem X-Account, das seinen Besuch zeigt – stolz und voller Selbstbeweihräucherung für die verabscheuungswürdige und erbärmliche Show, die er inszeniert hatte.
Während Israel in der Vergangenheit stolz auf die humanen Bedingungen war, unter denen es palästinensische Terroristen gefangen hielt, ist die Regierung heute stolz darauf, unter der Leitung des Ministers des Bösen „Snuff“-Videos zu veröffentlichen.
‚Es ist kurz vor dem Ramadan, und wir sehen die Routinetätigkeiten des Strafvollzugsdienstes‘, sagte der Minister vor der Kamera, ‚im Umgang mit den mörderischen, verabscheuungswürdigen, verfluchten Terroristen. Was wir hier getan haben, ist historisch … aber jetzt brauchen wir etwas anderes: Tod den Terroristen.‘
Während er mit dem Finger auf die gefesselten Gefangenen zeigt, die ihm von den Gefängniswärtern zu Füßen geworfen wurden, fährt er begeistert fort: ‚Sie müssen hingerichtet werden, durch Erhängen, durch Injektion, auf dem elektrischen Stuhl; wichtig ist nur, dass sie hingerichtet werden.‘
Wir wissen nicht, wer die Gefangenen sind, die Ben-Gvir zu Füßen geworfen wurden. Es ist anzunehmen, dass keiner von ihnen nach mehr als zwei Jahren ein Gerichtsverfahren durchlaufen hat. Auch hat keiner von ihnen auch nur einen einzigen Besuch von Vertretern des Roten Kreuzes erhalten, wie es das Völkerrecht vorschreibt. Unter ihnen sind Gefangene, deren Familien im Gazastreifen keine Ahnung haben, was mit ihnen geschehen ist und ob sie noch am Leben sind.
Die Gefangenen werden unter harten Bedingungen festgehalten, darunter Hunger und Fesselung während des größten Teiles des Tages. Im November veröffentlichte die gemeinnützige Organisation ‚Physicians for Human Rights‘ einen Bericht, aus dem hervorgeht, dass seit Beginn des Krieges im Gazastreifen 94 Gefangene in israelischen Gefängnissen gestorben sind.
In einer besonders irrwitzigen und absurden Aktion ‚stürmten‘ Kräfte des Strafvollzugsdienstes mit maskierten Gesichtern, bewaffnet und von Kopf bis Fuß gepanzert, den Gefängnishof und warfen ohne Grund Blendgranaten in den Hof, nur um sich bei Ben-Gvir anzubiedern. Dann drangen sie in die Zellen ein, zerrten einen Gefangenen nach dem anderen mit gefesselten Händen und Füßen und verbundenen Augen heraus und warfen sie wie Gegenstände auf den Boden. Es war offensichtlich, dass Ben-Gvir die Aktion genoss, und er überschüttete die Wärter und ihre Kommandanten mit Lob.
Unter den Gefangenen befinden sich brutale Terroristen, die an dem Massaker vom 7. Oktober beteiligt waren (…). Ihre Hände sind mit dem Blut unschuldiger Israelis befleckt, und sie müssen mit der ganzen Härte des Gesetzes bestraft werden. Aber die Distanz zwischen dem legalen und vorschriftsgemäßen Strafverfahren und der inszenierten Darbietung zu Ehren von Ben-Gvir ist enorm. Eine Gesellschaft wird daran gemessen, wie sie diese Distanz wahrt.“
https://www.haaretz.com/opinion/editorial/2026-02-16/ty-article-opinion/ben-gvirs-prison-spectacle-shows-the-governments-descent-into-lawless-brutality/0000019c-6314-de36-a19f-ef9f32330000?utm_source=mailchimp&utm_medium=Content&utm_campaign=daily-brief&utm_content=fdbdb3b359

Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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BIP-Aktuell #383: Die Meinungsfreiheit in Deutschland wird unzulässig eingeschränkt

UN-Sonderberichterstatterin kritisiert die Unterdrückung der Solidarität mit Palästina in Deutschland

1. Die Meinungsfreiheit in Deutschland wird unzulässig eingeschränkt
2. Über 400 ehemalige Minister, Botschafter und hochrangige Beamte der EU fordern wirksame Maßnahmen in Bezug auf Palästina/Israel
3. Diebstahl für Israels boomende Weinindustrie
4. Israelisches Gericht verweigert lebensrettende Krebsbehandlung für 5-jährigen Jungen aufgrund seines Wohnsitzes in Gaza 

Die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für Meinungsfreiheit, Irene Khan, besuchte Anfang 2026 Deutschland und berichtete jetzt über Verletzungen der Meinungsfreiheit palästinensischer Solidaritätsorganisationen in Deutschland, über die Kriminalisierung der BDS-Bewegung und die Nutzung der IHRA- Antisemitismus-Definition als Mittel, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Deutschland wurde bereits 2022 von Human Rights Watch und 2025 von sechs Sonderberichterstattern der UN wegen der Einschränkung der Meinungsfreiheit im Zusammenhang mit Palästina scharf kritisiert.

Seit ihrer Ernennung zur Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit durch die UNO im Jahr 2020 besuchte Irene Khan Ungarn, Serbien und Kosovo, Honduras, die Philippinen und Sambia. Israel und die besetzten palästinensischen Gebiete konnte sie nicht besuchen, da Israel den Sonderberichterstattern der UNO die Einreise verbietet. In diesem Jahr besuchte Irene Khan vom 26. Januar bis 6. Februar 2026 Deutschland – der erste derartige Besuch, seit das Mandat des Sonderberichterstatters für Meinungsfreiheit im Jahr 1993 geschaffen wurde. Sie traf sich mit Regierungsvertretern, Richtern, Vertretern der Zivilgesellschaft, Journalisten und Aktivisten in Berlin, Leipzig, Dresden, Köln, Düsseldorf und Karlsruhe.


Irene Khan. Quelle: 2024, Juan Carlo Ruff, Philippine Information Agency, Wikipedia.



Irene Khan ist eine Juristin aus Bangladesch, die Rechtswissenschaften an der Universität Manchester und der Harvard Law School studiert hat und von 2001 bis 2009 als Generalsekretärin von Amnesty International sowie zwischen 2012 und 2019 als Generaldirektorin der Internationalen Organisation für Entwicklungsrecht (IDLO) in Rom tätig war, bevor sie zur Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für Meinungsfreiheit ernannt wurde.

In ihrem vorläufigen Bericht über die Meinungsfreiheit in Deutschland berichtet Khan über besorgniserregende Entwicklungen. Einerseits nähmen Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Hetze gegen Migranten zu, was Minderheiten einschüchtere und zum Schweigen bringe. Andererseits führten sicherheitsorientierte Gegenmaßnahmen der Regierung zu Unsicherheit über die Grenzen zwischen erlaubten und verbotenen Meinungsäußerungen.

Nach dem Hamas-Angriff vom Oktober 2023 seien zahlreiche pro-palästinensische Veranstaltungen verboten, Aktivisten verhaftet und Demonstrationen eingeschränkt worden. Eine Studie zeige, dass 85% der deutschen Akademiker seit Oktober 2023 eine zunehmende Bedrohung der akademischen Freiheit spüren. Die Berichterstatterin beanstandet insbesondere pauschale Verbote von Parolen und die Verwendung von Anti-Terror-Gesetzen zur Einschränkung der Vertretung palästinensischer Interessen als unverhältnismäßig.

Khan kritisiert die Vermischung legitimer Kritik an der israelischen Regierung mit vermeintlichem Antisemitismus durch Behörden. Sie verweist auf die problematische Anwendung der IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus durch manche deutschen Behörden, die auch vom Menschenrechtsbeauftragten des Europarats beanstandet worden sei. Kritik an Israel als antisemitisch einzustufen, sei unvereinbar mit dem internationalen Verständnis von Meinungsfreiheit.

Khan schreibt:



„Ein problematischer Aspekt ist die Haltung der Behörden gegenüber der Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung (BDS). Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat in einem Verfahren gegen Frankreich zwischen Antisemitismus, der nach internationalem Recht verboten ist, und politischer Meinungsäußerung wie BDS, die zulässig ist, unterschieden. Diese kontextbezogene Betrachtung scheint jedoch in der Resolution des Bundestages gegen BDS ignoriert worden zu sein. Die Verwirrung wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass der Bundesnachrichtendienst BDS, einschließlich jüdischer Gruppen, die sich dafür einsetzen, als ‚extremistische‘ Bedrohung untersucht hat, wodurch sie einer Überwachung unterliegen würden – eine Maßnahme, die eine einschüchternde Wirkung auf die Meinungsäußerung hat.“



Trotz robuster rechtlicher Rahmenbedingungen stünden Medien vor Herausforderungen durch technologischen Wandel, KI-Auswirkungen, sinkende Werbeeinnahmen und 55 registrierte Angriffe auf Medienschaffende im letzten Jahr.

Khan würdigt Deutschlands starken verfassungsrechtlichen Rahmen und seine unabhängige Justiz, warnt aber vor der Kriminalisierung politischer Meinungsäußerungen. Sie plädiert für gemeinschaftsbasierte Ansätze, Menschenrechtsbildung und kluge Regulierung sozialer Medien statt primär sicherheitsorientierter Maßnahmen.

Der vollständige Bericht mit detaillierten Empfehlungen folgt im Juni 2026.

Die Berliner Polizei verhaftet am 7. Februar 2026 eine Aktivistin der Palästina-Solidaritätsbewegung. Quelle: Twitter.



Schon im Oktober 2025 hatten sechs Sonderberichterstatter der UN Deutschland aufgefordert, die Kriminalisierung palästinensischer Solidaritätsaktivisten zu beenden und die Polizeigewalt einzudämmen. Der Bericht wurde unterzeichnet von Gina Romero, Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für das Recht auf friedliche Versammlung und Vereinigungsfreiheit, Cecilia M. Balliet, unabhängige Expertin für Menschenrechte und internationale Solidarität, George Katrougalos, unabhängiger Experte für die Förderung einer demokratischen und gerechten internationalen Ordnung, Ashwini K.P., Sonderberichterstatter für zeitgenössische Formen von Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängender Intoleranz, Mary Lawlor, Sonderberichterstatterin für die Lage von Menschenrechtsverteidigern, und Ben Saul, Sonderberichterstatter für die Förderung und den Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten bei der Bekämpfung des Terrorismus.
Im November 2025 veröffentlichte das Transnational Institute einen Bericht über die gewaltsame Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Deutschland im Zusammenhang mit Solidaritätsprotesten für Palästina.
Auch Human Rights Watch (HRW), eine Organisation, die in der Regel kritische Berichte über autoritäre Regime veröffentlicht, hat die Einschränkung der Meinungsfreiheit im Zusammenhang mit der Palästina-Solidarität wiederholt kritisiert, so 2022 und 2024.

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Weitere Informationen: www.bip-jetzt.de
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Vierte Internationale BIP-Konferenz vom 29. – 31. Mai 2026 in Nürnberg:
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Angesichts der zumeist sehr deprimierenden Berichte in unserem Newsletter steht an dieser Stelle die Rubrik „Bemerkenswert“ – in der Hoffnung, dass diese Meldungen uns allen Mut machen, denn „Aufgeben ist keine Option“!

BA 383 Bemerkenswert:
Über 400 ehemalige Minister, Botschafter und hochrangige Beamte der EU fordern wirksame Maßnahmen in Bezug auf Palästina/Israel (2.Februar 2026)
Die vollständige Erklärung findet sich hier:
https://bip-jetzt.de/wp-content/uploads/2026/02/Statement-on-Israel-Palestine-February-2026-DE-1.pdf
Die Liste der Unterzeichner:
https://bip-jetzt.de/wp-content/uploads/2026/02/List-former-EU-ambassadors-senior-officials_February-2.pdf

BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle von Menschenrechtsverletzungen, die in deutschen Medien kaum Beachtung finden

Diebstahl für Israels boomende Weinindustrie
„Nachdem sie palästinensisches Land beschlagnahmt haben, bepflanzen Siedler es mit Weinreben – und exportieren ihren Wein dann als ‚Made in Israel‘, um seine Herkunft zu verschleiern.
Die Bewohner von Atiriyah in der Region South Hebron Hills im besetzten Westjordanland sind in den Wochen nach dem 7. Oktober 2023 vor den unerbittlichen Angriffen israelischer Siedler aus ihren Häusern geflohen. Neben ihren verstreuten Habseligkeiten erstrecken sich nun Reihen neu gepflanzter Weinreben über die entvölkerte Landschaft.
‚Sie haben uns jeden Tag, jede Nacht, jede Stunde bedroht‘, sagte der 76-jährige Issa Abu Al-Qbash, bekannt als Abu Safi, etwa einen Monat, nachdem er aus seinem Haus im nahe gelegenen Khirbet Ar-Ratheem vertrieben worden war. ‚Fünf von ihnen schlugen mich mit M16-Gewehren direkt zwischen die Augen und sagten mir: ‚Du wirst sterben, wenn du nicht gehst. Du hast fünf Tage Zeit.’
Wie Hunderte andere Bewohner dieser Gemeinden floh Abu Safi mit seiner Familie aus Angst um ihr Leben. Sie hofften, dass es nur für ein paar Tage sein würde. Er starb einige Monate später, im Mai 2024, während er in der Stadt As-Samu auf der Flucht war und sich danach sehnte, nach Hause zurückzukehren.
Seit Jahren sind die israelischen Siedlungen in der Region Hebron nach aufeinanderfolgenden Wellen der Landenteignung ein Ort des Weinanbaus. In den letzten Monaten sind jedoch neue Weinberge neben den ethnisch gesäuberten Gemeinden Atiriyah, Ar-Ratheem und Zanuta entstanden.
Da die Siedler ihre Angriffe mit Unterstützung des Staates verstärken, vertreiben sie die Palästinenser in beispiellosem Ausmaß von ihrem Land und beschlagnahmen es für die Erweiterung jüdischer Siedlungen. In diesem Zusammenhang erweist sich der Anbau von Weinreben für die israelische Weinindustrie als wirksames Mittel zur Enteignung, da er den Siedlern wirtschaftliche Möglichkeiten bietet und gleichzeitig die Palästinenser daran hindert, auf ihr Land zurückzukehren.“
Der vollständige Artikel unter:
https://www.972mag.com/israel-wine-industry-west-bank-settlers/?utm_source=972+Magazine+Newsletter&utm_campaign=1d796805e8-EMAIL_CAMPAIGN_9_12_2022_11_20_COPY_01&utm_medium=email&utm_term=0_f1fe821d25-1d796805e8-318940841

Israelisches Gericht verweigert lebensrettende Krebsbehandlung für 5-jährigen Jungen aufgrund seines Wohnsitzes in Gaza

„Ein israelisches Gericht hat einen Antrag abgelehnt, einem fünfjährigen palästinensischen Jungen mit einer aggressiven Form von Krebs die Einreise nach Israel für eine lebensrettende Behandlung zu gestatten, und sich dabei auf eine Regierungsrichtlinie berufen, die es in Gaza registrierten Einwohnern verbietet, die Grenze zu überqueren, selbst wenn sie nicht mehr dort leben.
In einem am Sonntag erlassenen Urteil wies das Bezirksgericht Jerusalem einen Antrag auf Erlaubnis zurück, das Kind von Ramallah in das Tel HaShomer-Krankenhaus in der Nähe von Tel Aviv zu verlegen, um dort eine Knochenmarktransplantation durchzuführen – ein Verfahren, das weder im Gazastreifen noch im besetzten Westjordanland verfügbar ist. Der Junge lebt seit 2022 im Westjordanland, wo er eine medizinische Versorgung erhielt, die im Gazastreifen nicht verfügbar ist. Seine Ärzte haben festgestellt, dass er dringend eine Antikörper-Immuntherapie benötigt.
Die Entscheidung spiegelt Israels umfassendes Einreiseverbot für Menschen aus dem Gazastreifen nach den Angriffen der Hamas am 7. Oktober 2023 wider, darunter auch Krebspatienten, denen vor dem Krieg regelmäßig Zugang zu lebensrettenden Behandlungen in Jerusalem gewährt wurde. (…)
In seinem Urteil bezeichnete der israelische Richter Ram Winograd die Petition als indirekte Anfechtung der nach dem 7. Oktober verhängten Beschränkungen der Sicherheitsbehörden, die den Bewohnern Gazas die Einreise nach Israel zur medizinischen Behandlung verwehren. (…)
Die israelische Menschenrechtsorganisation Gisha ist seit November 2025 in ein Gerichtsverfahren zum Fall des Jungen involviert und argumentiert, dass die Situation des Kindes die Grausamkeit eines starren bürokratischen Systems offenbare, das Registrierungsdaten über medizinische Dringlichkeit stelle.
‚Dieser Fall verdeutlicht einmal mehr die verheerenden Folgen einer pauschalen Politik, die Palästinensern allein aufgrund ihrer registrierten Adresse in Gaza den Zugang zu lebensrettender medizinischer Versorgung verweigert, selbst wenn sie nicht dort wohnen und keine Sicherheitsbedenken gegen sie vorliegen‘, erklärte Gisha in einer Stellungnahme. ‚Die Bedeutung dieses Urteils liegt darin, dass das Gericht eine rechtswidrige Politik unterstützt, die Kinder praktisch zum Tode verurteilt, selbst wenn eine lebensrettende Behandlung in Reichweite ist.‘
Trotz der Wiedereröffnung des Grenzübergangs Rafah in der vergangenen Woche sitzen immer noch etwa 11.000 palästinensische Krebspatienten in Gaza fest. Ärzte sagen, dass sich die Zahl der krebsbedingten Todesfälle in dem Gebiet seit Beginn des Krieges verdreifacht hat, da Israel weiterhin Patienten daran hindert, das Gebiet zu verlassen, und die Einfuhr von Chemotherapeutika beschränkt. Zwar haben einige Patienten das Gebiet verlassen, doch sind sie zahlenmäßig weit unterlegen gegenüber denen, die als medizinisch bedürftig gelten und nicht ausreisen konnten. Laut Gesundheitsbehörden in Gaza gibt es etwa 4.000 Menschen mit offiziellen Überweisungen zur Behandlung in Drittländern, die die Grenze nicht überqueren können. Die Weltgesundheitsorganisation gibt an, dass bereits 900 Menschen, darunter Kinder und Krebspatienten, während der Wartezeit auf ihre Evakuierung gestorben sind.“
Der vollständige Bericht unter:
https://www.theguardian.com/world/2026/feb/10/israel-court-blocks-life-saving-cancer-care-boy-5-gaza-address

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BIP-Aktuell #382: Das Schulsystem in Gaza

Israel behindert die Versorgung mit Schulmaterialien

  1. Das Schulsystem in Gaza
  2. Ehrendoktor für Francesca Albanese
  3. Jüdische Gruppen gegen Todesstrafe in Israel
  4. UN warnt vor der schlimmsten Krise im Westjordanland seit 1967  

UNICEF berichtet über den desolaten Zustand des Bildungssystems in Gaza nach zwei Jahren Krieg. Die Organisation steht vor Herausforderungen wie zerstörten Gebäuden, unpassierbaren Straßen und Standorten, an denen nicht explodierte Bomben geräumt werden müssen. Israel hält Schulmaterialien an der Grenze fest. Trotz anhaltender Verstöße Israels gegen den Waffenstillstand unterrichten die Palästinenser in provisorischen Klassenzimmern. Da die meisten Bewohner Gazas Flüchtlinge sind, bilden die UNRWA-Schulen das Rückgrat des Bildungssystems. Doch Israel hat die UNRWA verboten und ihr Hauptquartier im besetzten Ostjerusalem demoliert und niedergebrannt.

In einem UNICEF-Bericht über das Bildungssystem in Gaza vom November 2025 wurde der desolate Zustand des Schulsystems nach zwei Jahren Krieg beschrieben. Mehr als 97 Prozent der Schulen wurden beschädigt oder zerstört, 91,8 Prozent müssen vollständig wiederaufgebaut oder umfassend saniert werden. Die meisten der 658.000 schulpflichtigen Kinder in Gaza hatten seit über zwei Jahren nur minimalen Zugang zu formaler Bildung. UNICEF wies darauf hin, dass der gerade in Kraft getretene Waffenstillstand zwar „instabil” sei – ein Euphemismus für einen einseitigen Waffenstillstand, den Israel regelmäßig verletzt (BIP-Aktuell #370) – und dass im Oktober 2025 46 Kinder durch israelische Luftangriffe getötet wurden. UNICEF stellte jedoch auch fest, dass die Palästinenser in Gaza der Bildung weiterhin hohe Priorität einräumen, obwohl Wasser, Nahrung und andere Grundbedürfnisse nicht gesichert sind.


Schulkinder in einem Flüchtlingslager im Gazastreifen. Quelle: 2026, We Will Read Again, Instagram.



In einer Zelt-Schule von UNICEF in Beit Lahiya, innerhalb der „gelben Zone“, in der das israelische Militär aktiv ist, werden Kinder unter ständiger Bedrohung durch israelische Scharfschützen unterrichtet. UNICEF warnt, dass die Kinder unter schweren Traumata leiden könnten.

UNICEF hat 78 Lernzentren für 109.310 Kinder (54 % Mädchen) eingerichtet, in denen sie eine informelle Bildung erhalten. Die Organisation steht vor großen Herausforderungen, da Schulmaterialien wie Schreibwaren, Rucksäcke und Lehrmittel an den Grenzen festgehalten werden, weil sie nicht als lebensrettende humanitäre Hilfe eingestuft sind. Es sind provisorische Lernzentren, da in den Trümmern nur sehr wenige Klassenzimmer verfügbar sind. UNICEF-Teams, die nach geeigneten Standorten suchten, berichteten von unbeschreiblichen Zerstörungen, oft unpassierbaren Straßen und vielen Orten, die zerstört worden sind. Potenzielle Räume mussten von Blindgängern, chemischen Gefahren und Trümmern geräumt werden. Aufgrund der hohen Nachfrage und der begrenzten Platzkapazitäten können die Kinder nur an drei Tagen pro Woche für jeweils drei Stunden am Unterricht teilnehmen.

Trotz der anhaltenden Verstöße Israels gegen die Waffenruhe haben die Palästinenser im Gazastreifen offiziell das Schuljahr und den Unterricht begonnen. In den Ruinen der Lulwa Abdel Wahab al-Qatami-Schule im Stadtteil Tel al-Hawa in Gaza-Stadt herrscht in den provisorischen Zeltklassenzimmern nun reges Treiben. Die Schule war im Januar 2024 von Raketen getroffen worden und diente als Notunterkunft, bevor sie als Lernzentrum wiedereröffnet wurde. Der 14-jährige Naeem al-Asmaar, der seine Mutter bei einem israelischen Luftangriff verloren hat, kehrte nach dem Waffenstillstand in die Schule zurück. „Es war das Schwerste, was ich je durchgemacht habe“, sagt er leise. „Ich habe die Schule sehr vermisst. Vor dem Krieg fand der Unterricht in richtigen Klassenzimmern statt. Jetzt sind es Zelte. Wir lernen nur vier Fächer. Es gibt nicht genug Platz. Die Bildung ist nicht mehr dieselbe – aber es ist wichtig, hier zu sein. Die Schule füllt meine ganze Zeit aus, und das habe ich wirklich gebraucht.“ Seine Mitschülerin Rital Alaa Harb, eine Neuntklässlerin, die Zahnärztin werden möchte, teilt ähnliche Gefühle: „Die Vertreibung hat meine Bildung komplett beeinträchtigt. Es gab keine Zeit zum Lernen. Keine Schulen. Ich habe meine Freunde so sehr vermisst – und ich vermisse meine alte Schule.“

Ein Artikel der BBC berichtete über diese Schule. Derzeit werden dort 1.100 Schüler in drei täglichen Schichten unterrichtet, wobei Jungen und Mädchen an wechselnden Tagen den Unterricht besuchen und nur 24 Lehrer unterrichten. Der Schulleiter Dr. Mohammed Saeed Schheiber, der über 24 Jahre Erfahrung im Bildungswesen verfügt, erklärt die harte Realität: „Vor dem Krieg lernten unsere Schüler in voll ausgestatteten Schulen – mit naturwissenschaftlichen Labors, Computerräumen, Internetzugang und Bildungsressourcen. All das ist jetzt weg.“ Ohne Strom und Internet und mit vielen Kindern, die unter Traumata leiden, kann die Schule nur die Grundlagen vermitteln: Arabisch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften. Mehr als 100 Schüler haben einen oder beide Elternteile verloren, ihre Häuser wurden zerstört, oder sie wurden Zeugen von Morden. „Wir haben hier bereits mehr als tausend Schüler, aber nur sechs Klassenzimmer pro Schicht. Neben der Schule befindet sich ein großes Flüchtlingslager – mit Familien aus dem Norden und Osten Gazas. Viele Kinder möchten sich einschreiben. Wir können sie einfach nicht aufnehmen“, sagt Dr. Schheiber.

Eltern äußern Erleichterung über die Wiederaufnahme des Schulunterrichts, sind aber auch besorgt. Huda Bassam al-Dasouki, eine aus ihrem Wohnort vertriebene Mutter von fünf Kindern, beschreibt die überwältigenden Herausforderungen: „Es ist nicht so, dass es keine Bildung gibt. Es ist nur extrem schwierig.“ Grundlegende Schulmaterialien sind unerschwinglich teuer oder nicht mehr erhältlich. „Ein Heft, das vor dem Krieg einen Schekel (0,27 Euro) gekostet hat, kostet jetzt fünf. Ich habe fünf Kinder.“ Einige Kinder haben einen Rückstand von vier Jahren, weil auch während der Covid-Pandemie die Schulzeit begrenzt war, da in Gaza kaum Schutzmittel und Impfungen zur Verfügung standen (BIP-Aktuell #136). „Mein Sohn kann nicht lesen. Er kann nicht schreiben. Er weiß nicht, wie man von der Tafel abschreibt“, sagt sie.

UNICEF-Sprecher Jonathan Crickx betont, wie die Beschränkungen für Hilfslieferungen die Krise verschärfen: „Papier, Hefte, Stifte, Radiergummis, Lineale … Wir fordern schon seit langem, dass diese Hilfsgüter in den Gazastreifen gelangen dürfen, aber sie werden nicht hineingelassen. Das Gleiche gilt für Sets für die psychische Gesundheit und zur psychosozialen Freizeitgestaltung – Spielzeugsets, die für Aktivitäten für die psychische Gesundheit und zur Freizeitgestaltung mit den Kindern verwendet werden können.“ Während Israel behauptet, seine Waffenstillstandsverpflichtungen zu erfüllen und Hilfslieferungen zu erleichtern, bestreiten die UNO und Hilfsorganisationen dies und werfen Israel vor, den Zugang zu lebenswichtigen Hilfsgütern weiterhin zu beschränken. Trotz der anhaltenden Bombardierungen als Reaktion auf angebliche Verstöße der Hamas besuchen die Kinder weiterhin die Schule. Die Lehrerin Kholoud Habib bringt die Entschlossenheit der Palästinenser auf den Punkt: „Bildung ist unser Fundament. Für uns Palästinenser ist sie unser Kapital. Wir verlieren unsere Häuser. Wir verlieren unser Geld. Wir verlieren alles. Aber Wissen – Wissen ist die einzige Investition, die wir unseren Kindern noch geben können.“

Haaretz berichtet, dass das israelische Militär nur eine lockere Kontrolle über den Warenfluss nach Gaza ausübt, was es israelischen Geschäftsleuten ermöglicht, Waren zu schmuggeln und zu überhöhten Preisen zu verkaufen (Quelle auf Hebräisch). Die Palästinenser in Gaza bleiben unter Belagerung und können nicht normal importieren, sodass sie für Grundbedarfsgüter auf Schmuggelrouten angewiesen sind. Soldaten plündern einen Teil dieser Waren für sich selbst. Kürzlich wurde eine Untersuchung gegen Schmuggler eingeleitet. Unter den Verdächtigen befinden sich israelische Soldaten, die ihre Autorität nutzen, um die Waren durch militärische Kontrollpunkte zu schmuggeln. Dies dürfte die Erklärung dafür sein, dass Schulen und Eltern Notizbücher und Schreibutensilien beschaffen können, wenn auch zu sehr hohen Preisen. Die Hilfsgelder, die von verschiedenen Ländern und privaten Spendern gespendet werden, werden verwendet, um die hohen Preise für Schulmaterialien zu bezahlen, wodurch sich israelische Unternehmen bereichern.


Am 20. Januar zerstörten israelische Streitkräfte das UNRWA-Hauptquartier im besetzten Ostjerusalem. Quelle: 2026, Prof. Dr. Helga Baumgarten.



Da der Großteil der Bevölkerung im Gazastreifen aus Flüchtlingen besteht, ist die UNRWA der größte Bildungsanbieter in Gaza. Die Schulen der UNRWA bilden das Rückgrat des Bildungssystems in Gaza. Israel hat die UNRWA verboten (BIP-Aktuell #324). Sie ist jedoch weiter in Gaza tätig. Am 8. Dezember stürmten israelische Soldaten das Gebäude der UNRWA im besetzten Ostjerusalem und ersetzten die UN-Flagge durch eine israelische Flagge, was einen direkten Angriff Israels auf die UN darstellt. Am 20. Januar zerstörte Israel das Gebäude mit Bulldozern. Am 24. Januar brannten israelische Streitkräfte es nieder. Dies ist sowohl ein symbolischer als auch ein physischer Angriff auf die UNO und auf das Bildungssystem für alle palästinensischen Flüchtlinge, insbesondere im Gazastreifen.

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Angesichts der zumeist sehr deprimierenden Berichte in unserem Newsletter steht an dieser Stelle die Rubrik „Bemerkenswert“ – in der Hoffnung, dass diese Meldungen uns allen Mut machen, denn „Aufgeben ist keine Option“!

BA 382 Bemerkenswert:
Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für Palästina, erhält von drei belgischen Universitäten die Ehrendoktorwürde
https://www.pressenza.com/de/2026/01/francesca-albanese-und-die-wuerde-der-intelligenz-wenn-eine-universitaet-sich-weigert-sich-zu-beugen/

„Rassistisch, diskriminierend und unvertretbar“
Progressive jüdische Gruppen in Nordamerika fordern israelische Politiker auf, sich gegen das Gesetz über die Todesstrafe zu stellen.
In einer Erklärung gegenüber Haaretz forderten führende liberale jüdische Organisationen in den USA und Kanada israelische Politiker auf, die Verabschiedung des Gesetzes zu stoppen und „die Werte zu bekräftigen, die seit langem das jüdische Leben leiten: die Heiligkeit des menschlichen Lebens und die Würde jedes Menschen“.
„Dieser Gesetzesentwurf würde eine erhebliche Abweichung von dieser langjährigen Norm darstellen, indem er Hinrichtungen genehmigt und die Todesstrafe in das israelische Recht einführt“, heißt es in dem Brief.
„Seit Jahrzehnten verfolgt Israel eine Politik der de facto Abschaffung der Todesstrafe, die die breite Anerkennung widerspiegelt, die sowohl in der jüdischen Tradition als auch in demokratischen Gesellschaften geteilt wird, dass die Macht des Staates, Leben zu nehmen, größte Zurückhaltung erfordert“, heißt es in dem Brief.
Der Gesetzentwurf befindet sich derzeit in der zweiten und dritten Lesung in der Knesset.
https://www.haaretz.com/israel-news/israel-politics/2026-01-28/ty-article/.premium/progressive-jews-urge-israeli-leaders-to-oppose-indefensible-death-penalty-bill/0000019c-0548-dd8b-a79e-1549ee3d0000

BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle von Menschenrechtsverletzungen, die in deutschen Medien kaum Beachtung finden

UN warnt vor der schlimmsten Krise im Westjordanland seit 1967 – Eskalation von Morden, Vertreibungen und Gewalt durch Siedler
25. Januar 2026
Die UNO erklärt, das Westjordanland stehe vor der schlimmsten humanitären Krise seit 1967, da sich die israelischen Militäroperationen, Angriffe von Siedlern, Morde und Massenvertreibungen verschärfen.
Das besetzte Westjordanland steht vor der schlimmsten humanitären Krise seit 1967, da israelische Militäroperationen, weit verbreitete Gewalt durch Siedler, Zwangsvertreibungen und groß angelegte Zerstörungen zusammenkommen und palästinensische Gemeinden verwüsten, so mehrere Organisationen der Vereinten Nationen und palästinensische Amtsträger.
UNRWA-Generalkommissar Philippe Lazzarini warnte, dass das besetzte Westjordanland einen beispiellosen Zusammenbruch der humanitären Lage erlebe, der durch israelische Angriffe auf Flüchtlingslager und die Zwangsvertreibung von Zehntausenden Palästinensern verursacht wird.
„Ein Jahr nach Beginn der israelischen Militäroperation mit dem Namen ‚Eiserne Mauer‘ sind immer noch 33.000 Menschen aus palästinensischen Flüchtlingslagern im nördlichen Westjordanland vertrieben“, sagte Lazzarini in einem Beitrag auf X. Er fügte hinzu, dass die israelischen Streitkräfte weiterhin große Teile der Lager zerstören und damit die Aussichten auf Wiederaufbau und Rückkehr drastisch verringern.
Lazzarini warnte, dass die Zerstörung in einer Situation stattfinde, in der es fast keine tragfähigen Alternativen für Gesundheitsversorgung, Bildung und soziale Dienste gibt, wodurch die vertriebenen Gemeinschaften in zunehmender Armut und Instabilität gefangen sind.

Tötungen, Verletzte und Massenvertreibungen
Das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) berichtete, dass allein im Jahr 2025 240 Palästinenser von israelischen Streitkräften und Siedlern im Westjordanland getötet und fast 4.000 verletzt wurden. Die Behörde dokumentierte mehr als 1.800 Angriffe von Siedlern, von denen viele zu Verletzungen, Sachschäden und Zwangsvertreibungen führten.
OCHA gab an, dass zwischen dem 6. und 19. Januar innerhalb von nur zwei Wochen mehr als 100 palästinensische Beduinen- und Hirtenfamilien aus fünf Gemeinden im zentralen Westjordanland aufgrund anhaltender Gewalt, Drohungen und Einschüchterungen durch Siedler vertrieben wurden. Diese Angriffe haben die Bewohner daran gehindert, ihre Häuser, Weideflächen und Wasserquellen zu erreichen.
Nach Angaben der Vereinten Nationen haben die Zerstörungen durch Israel im besetzten Ostjerusalem ein Rekordniveau erreicht: Unter dem Vorwand fehlender Baugenehmigungen wurden 256 Häuser und Gebäude zerstört.

Angriffe von Siedlern in Hebron und Zwangsräumungen
Am Samstag wurden laut lokalen Quellen, die von Al-Jazeera zitiert wurden, zwei Palästinenser bei einem Angriff von Siedlern im Dorf Khallet al-Natsh östlich von Hebron verletzt. Siedler griffen ein palästinensisches Haus an, zerstörten Teile einer Mauer, verwüsteten Ernten und bewarfen die Bewohner mit Steinen. Bei dem Angriff wurde auch Pfefferspray eingesetzt. Lokalen Quellen zufolge griffen die Siedler die Bewohner mit Steinen und Stöcken an und verursachten Verletzungen, die medizinisch behandelt werden mussten. Das Gebiet ist wiederholt Angriffen von Siedlern aus der nahe gelegenen Siedlung Kiryat Arba ausgesetzt.
In einem anderen Fall zwangen Siedler 15 palästinensische Familien mit Gewalt zur Flucht aus der Beduinengemeinde Shallal al-Auja östlich von Jericho, wodurch sich die Gesamtzahl der aus dem Gebiet vertriebenen Familien auf 94 erhöhte.
Ahmed Ghuanima, ein Bewohner, der dabei ist, seine Gemeinde zu verlassen, berichtete Anadolu, dass 120 Familien mit insgesamt rund 650 Menschen in der Gegend gelebt hätten, aber zwei Jahre lang anhaltenden Angriffen von Siedlern, Stromausfällen und systematischer Schikane ausgesetzt gewesen seien, die ihnen das Leben unmöglich gemacht hätten.
Im Mai 2024 errichtete ein israelischer Siedler einen Weideplatz in der Nähe der Quelle Ein al-Auja, einer wichtigen Wasserquelle für die Gemeinde. Die Bewohner sagten, dass dieser Schritt darauf abzielte, die Kontrolle über das Gebiet zu erlangen und den Palästinensern den Zugang zu Wasser zu verweigern.

Angriffe im Regierungsbezirk Hebron
Weitere Gewalttaten von Siedlern wurden aus dem gesamten Verwaltungsbezirk Hebron gemeldet. Laut WAFA wurden mehrere Palästinenser bei koordinierten Angriffen bewaffneter Siedlergruppen verletzt, während sie in Khallet al-Natsh, Wadi Sa‘ir und Marah Abu Asida in der Nähe von Beit Ula Landwirtschaft betrieben und Vieh hüteten.
In Khallet al-Natsh griffen Siedler Bauern an und verletzten mehrere Menschen, darunter einen Mann, der durch einen Steinwurf eine Kopfverletzung erlitt. In Wadi Sa‘ir griffen Siedler Häuser an und blockierten die Hauptstraße, wodurch der Verkehr behindert wurde.
Der Bürgermeister von Beit Ula, Atiyah al-Adam, berichtete der Nachrichtenagentur WAFA, dass Siedler in Begleitung israelischer Soldaten Bewohner in Marah Abu Asida in der Nähe der Trennmauer angegriffen hätten. Als Palästinenser den Siedlern entgegentraten, setzten israelische Streitkräfte Tränengas ein, was bei mehreren Personen zu Erstickungsanfällen führte.

Zusammenbruch des Zugangs zu Dienstleistungen
Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (S) warnte, dass die anhaltenden israelischen Operationen, die Gewalt der Siedler und die Bewegungsbeschränkungen den Zugang zu Schulen, Arbeitsplätzen, Märkten und Gesundheitseinrichtungen stark einschränken.
Die Organisation schätzt, dass mehr als 230.000 Frauen und Mädchen, darunter fast 15.000 Schwangere, aufgrund der eskalierenden Gewalt und der Beschränkungen mit ernsthaften Hindernissen beim Zugang zu Gesundheitsdiensten konfrontiert sind.

Vorwürfe der UN gegen Israel
Die UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese, warf Israel einen systematischen Angriff auf das System der Vereinten Nationen selbst vor und forderte die Aussetzung der UN-Mitgliedschaft Israels sowie die Verhängung internationaler Sanktionen.
Albanese sagte, die Zerstörung des UNRWA-Hauptquartiers im besetzten Ostjerusalem stelle eine gefährliche Eskalation dar, die sowohl gegen die internationale Organisation als auch gegen das palästinensische Volk gerichtet sei.

Siedlungen und demografischer Druck
Laut offiziellen palästinensischen Berichten erreichte die Zahl der israelischen Siedler im Westjordanland bis Ende 2024 etwa 770.000, die in mehr als 180 Siedlungen und 256 Außenposten leben.
UN-Agenturen warnen, dass die Kombination aus Siedlungsausbau, Gewalt durch Siedler, Militärrazzien und Zerstörungen die palästinensischen Gemeinden zu einer irreversiblen Vertreibung führt und damit das demografische und humanitäre  Umfeld des besetzten Westjordanlands dauerhaft zu verändern droht.
https://www.palestinechronicle.com/un-warns-of-worst-west-bank-crisis-since-1967-killings-displacement-and-settler-violence-escalate/?utm_source=emailoctopus&utm_medium=email&utm_campaign=The%20Palestine%20Chronicle%20Newsletter%2C%20January%2025

Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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