BIP-Aktuell #314: Eine historische Entscheidung

Das neueste Gutachten des Internationalen Gerichtshofs (IGH) vom 22. Juli 2024 macht deutlich, dass die Besetzung des palästinensischen Territoriums, seine Besiedlung, der Landraub und die Ausbeutung seiner Ressourcen rechtswidrig sind, dass Armee und Siedler die besetzten Gebiete zu verlassen haben.

BIP-Aktuell #314:

  1. Eine historische Entscheidung
  2. Beobachtungen amerikanischer Ärzte und Krankenschwestern aus dem Gaza-Streifen seit dem 7. Oktober 2023

Von Prof. Dr. Norman Paech, em. Professor für Politische Wissenschaft und für öffentliches Recht an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg

Es wird eng um Israel: politisch, moralisch und juristisch. Politisch ist Israel schon lange in der UNO isoliert wie kaum ein anderes Land und verdankt seine Mitgliedschaft bis heute praktisch nur den USA. Immer wenn wieder ein Antrag auf Ausschluss kam, konterten die USA mit der Drohung, ebenfalls die UNO zu verlassen, wenn Israel hinausgeworfen werde. Moralisch wird das offenbar in vielen Regierungen anders gesehen als in ihren Universitäten. Aber man müsste schon die Prinzipien und Grundgedanken des Völkerrechts als Maßstab immerhin unverbindlicher Moral beiseiteschieben und in das neue Regal „regelbasierte Ordnung“ greifen, um die Politik in Jerusalem sowohl nach innen wie nach außen nicht als moralisch abstoßend zu bezeichnen. Und juristisch ist kaum noch ein Ausweg aus der selbstgebauten Sackgasse.



Das neueste Gutachten des Internationalen Gerichtshofs (IGH) vom 22. Juli 2024 erzählt in der Substanz nichts Neues, und niemand war in der Tat wirklich überrascht. Auch die stärksten und dauerhaftesten Unterstützer der israelischen Regierung in Politik und Medien wissen seit Jahren, dass die Besetzung des palästinensischen Territoriums, seine Besiedlung, der Landraub und die Ausbeutung seiner Ressourcen rechtswidrig sind, dass Armee und Siedler die besetzten Gebiete zu verlassen haben. Sie kennen das erste Gutachten des IGH aus dem Jahr 2004, in dem er den Bau der Mauer/Sperrzauns soweit als rechtswidrig erklärte, wie er auf palästinensisches Territorium übergreift – 16% mit ca. 80. 000 Siedlern – , und sich faktisch aneignete. Seinerzeit liess der IGH schon keine Zweifel aufkommen, dass er nicht auch die Besatzung und die Siedlungspolitik für rechtswidrig hielt.

Aktuell nun greift der IGH weiter aus, wird konkreter und präziser – das mag überrascht haben. Die Fragen, die ihm die UN-Generalversammlung Ende Dezember 2022 gestellt hatte, waren klar und machten auch aus der Meinung der Versammlung keinen Hehl:

1. „Welche rechtlichen Konsequenzen ergeben sich aus der fortwährenden Verletzung des Rechts des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung durch Israel, aus seiner anhaltenden Besatzung, Besiedlung und Annexion des seit 1967 besetzten palästinensischen Gebietes, einschließlich der Maßnahmen, die darauf abzielen, die demografische Zusammensetzung, den Charakter und den Status der Heiligen Stadt Jerusalem zu verändern, und aus der Verabschiedung damit verbundener diskriminierender Gesetze und Maßnahmen?“
2. „Wie wirken sich die oben erwähnten Politiken und Praktiken Israels auf den rechtlichen Status der Besatzung aus, und welche rechtlichen Konsequenzen ergeben sich daraus für alle Staaten und die Vereinten Nationen?“

Der IGH veranstaltete vom 19. Februar an eine einwöchige Anhörung in Den Haag, zu der sich 49 Staaten und drei internationale Organisationen angemeldet hatten. Nur auf die Erklärung der chinesischen Regierung sei hier hingewiesen, da sie so ungewohnt in unseren Ohren klingt und wir sie so klar und eindeutig nie von einer Regierung im westlichen NATO-Horizont hören werden. Chinas Vertreter Ma Xinmin erklärte, dass die Palästinenser ein „unveräußerliches Recht“ haben, sich mit Gewalt gegen ausländische Unterdrückung zu wehren. Israel sei aufgrund seiner Besatzung und Unterdrückung für den Konflikt mit den Palästinensern verantwortlich, und fügte hinzu, dass „in diesem Zusammenhang“ der bewaffnete Kampf von Terrorismus zu unterscheiden sei und dass der palästinensische Kampf eine gerechtfertigte Aktion zur Wiederherstellung ihrer legitimen Rechte sei.

Vier Monate später am 19. Juni eröffnete der libanesische Gerichtspräsident Nawaf Salam die Verlesung des Gutachtens mit den Worten:  “Israels anhaltender Missbrauch seiner Position als Besatzungsmacht durch die Annexion und die Behauptung einer ständigen Kontrolle über die besetzten palästinensischen Gebiete und die fortgesetzte Vereitelung des Rechts des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung verstößt gegen grundlegende Prinzipien des Völkerrechts und macht die Anwesenheit Israels in den besetzten palästinensischen Gebieten rechtswidrig”.

In allen neun Kernpunkten des 83 Seiten umfassenden Gutachtens waren sich die Richter und Richterinnen mit großer Mehrheit einig. Die Besatzung sei, so der Vorsitzende Salam, das Produkt „systematischer Diskriminierung, Segregation und Apartheid“, eine „de-facto Annexion“. Israel habe seine „gesetzwidrige Anwesenheit in den besetzten palästinensischen Gebieten so schnell wie möglich zu beenden“. Die Regierung müsse sofort alle Siedlungsaktivitäten stoppen und alle Siedler aus den bestehenden Siedlungen evakuieren, ferner die „Rückkehr aller Palästinenser, die während der Besatzung vertrieben wurden, an ihren ursprünglichen Wohnort“ ermöglichen. Israel habe für alle Schäden, die alle „natürlichen und juristischen Personen“ durch die Besatzung erlitten hätten, Entschädigung zu leisten. Zudem wiederholt der Gerichtshof seine Forderung von 2004 nach Rückbau der Sperranlage auf israelisches Territorium.

Es gab eine grundsätzliche Ablehnung aller neun Punkte durch ein Dissenting Vote der ugandischen Richterin Julia Sebutinde. Sie hatte sich schon in den Entscheidungen des IGH in der Klage Südafrikas gegen Israel gegen alle Entscheidungen gewandt. Ihre Ablehnung basiert auf der sog. political question – Doktrin in den USA, die die Regierung in zentralen politischen Fragen vor der Gerichtsbarkeit schützt. Ihre Wirkung gilt offensichtlich auch in Uganda und lässt sich mit der Mitgliedschaft Sebutindes bei den Evangelikalen erklären, deren Chef ihr Ehemann ist.

Drei weitere abweichende Voten der Richter Abraham aus Frankreich, Auresku aus Rumänien und Tomka aus Slowakei zu einigen Punkten des Gutachtens mindern nicht den großen Konsens über die zentralen Fragen im Richterkollegium. Während die Mehrheit im Gericht die Berufung Israels auf ein Selbstverteidigungsrecht für die Besatzung 57 Jahre nach ihrem Beginn ablehnt, sind die drei Richter da anderer Meinung. Wegen der “außergewöhnlich komplexen Geschichte und Natur des israelisch-palästinensischen Konflikts” sei auch jetzt noch eine israelische Militärpräsenz vertretbar. Doch hatte diese Netanjahu zweifellos angenehme Meinung keine Chance im Kollegium,  und Richter Yusuf aus Somalia und die australische Richterin Charlesworth traten dem in ihrem Votum ausdrücklich entgegen. 

Auf eine besondere Formulierung im Gutachten weist das Sondervotum der US-amerikanischen Richterin Cleveland und des deutschen Richters Nolte hin. Es heißt dort, dass sich Israel „so schnell wie möglich“ aus den besetzten Gebieten zurückziehen soll. Dies ist eine kleine Hintertür, die das Gericht dem Rückzug gelassen hat, und es ist nicht zufällig, dass das Votum aus den USA und der BRD den Blick darauf gelenkt hat.

Israels Offizielle wiesen, wie zu erwarten, das Gutachten zurück, es würde den Friedensprozess unterminieren. Netanjahu fand es absurd und erklärte: „Das jüdische Volk ist kein Besatzer in seinem eigenen Land, auch nicht in unserer ewigen Hauptstadt Jerusalem oder in Judäa und Samaria, unserer historischen Heimat.“

Das Auswärtige Amt verbreitete einen X-Spot der deutschen Außenministerin auf Reisen, das schon jetzt signalisiert, dass die Bundesregierung der Forderung des IGH, die Unterstützung der rechtswidrigen Besatzungspolitik Israels aufzugeben, nicht nachkommen wird: „Der IGH hat ein wegweisendes Gutachten zum Nahostkonflikt veröffentlicht. Klar ist: Die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik steht der 2-Staaten-Lösung im Weg. ISR-Regierung wäre gut beraten, das Gutachten ernst zu nehmen & den Weg für 2-Staatenlösung freizumachen.“

Da auch von den USA, gleich unter welcher zukünftigen Präsidentschaft, kein Wechsel in ihrer Israel-Politik zu erwarten ist, bleiben nur die Vereinten Nationen, an die die Forderung ergeht, „die genauen Modalitäten und weiteren Maßnahmen, die erforderlich sind, um die unrechtmäßige Präsenz des Staates Israel in den besetzten palästinensischen Gebieten so schnell wie möglich zu beenden“. Da der UN-Sicherheitsrat durch das Veto der USA blockiert bleibt, wird es die Aufgabe der Generalversammlung sein, Mittel zu finden, die die israelische Regierung unter Druck setzen, sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen. Vorbild sollte die Zähigkeit der südafrikanischen Regierung sein, die durch wiederholte Anträge beim Gerichtshof schließlich ein Votum für den Waffenstillstand im Süden des Gazastreifens erhielt. Dabei gilt es vor allem, die kleine Hintertür zu schließen, die das Gutachten gelassen hat, indem es den Rückzug aus den besetzten Gebieten nur „so schnell wie möglich“ fordert.



Bei aller Skepsis über die Wirkung dieses Gutachtens auf die Politik Israels und seiner Paten USA und BRD sollte seine Bedeutung nicht unterschätzt werden. Jahrzehnte war die internationale Justiz systematisch aus dem Konflikt in Palästina herausgehalten worden. Erst in den letzten 10 Jahren war es zunächst der Internationale Strafgerichtshof (IStGH), der nach dem schweren Angriff auf Gaza 2014 mit über 2000 Toten und Zehntausend Verletzten die Untersuchungen wegen möglicher Kriegsverbrechen aufnahm. In umfangreichen Gutachten musste er seine Zuständigkeit für Palästina, ein Land, das von der UNO bisher trotz mehrfacher Versuche nur als Staat mit Beobachterstatus anerkannt worden ist, begründen. Und nun steht er vor der Entscheidung, zum ersten Mal in der Geschichte einen westlichen Staatschef in Haft zu nehmen. Der Internationale Gerichtshof folgte, angetrieben durch die Klage Südafrikas gegen Israel und Nicaraguas gegen Deutschland. Der Auftrag der UN-Generalversammlung an den IGH initiierte nicht nur das vierte Verfahren der internationalen Gerichtsbarkeit, sondern auch die grundsätzlichste, die gesamte Problematik der israelischen Besatzung umfassende Prüfung und Entscheidung. Die vom IGH geforderte Beendigung von über fünfzig Jahre Unterdrückung, Landraub und Apartheid in Palästina mag nicht sofort gelingen, ist aber dennoch eine historische Entscheidung der Internationalen Justiz.

Anmerkung der Redaktion zum obigen Thema: Der ehemalige Direktor von Human Rights Watch, Kenneth Roth, wirft der Bundesregierung Inkonsequenz in ihrer Nahostpolitik vor. Wenn Palästinenser von Menschenrechten ausgenommen würden, gebe es für niemanden Menschenrechte, sagt Roth im Deutschlandfunk.

Kenneth Roth im Gespräch mit Stephan Detjen | DLF 27.07.2024

https://www.deutschlandfunk.de/israel-gaza-kenneth-roth-human-rights-watch-100.html

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.

Beobachtungen amerikanischer Ärzte und Krankenschwestern aus dem Gaza-Streifen seit dem 7. Oktober 2023 – Brief an Präsident Biden

Ich habe noch nie so schreckliche Verletzungen gesehen, in so großem Ausmaß und mit so wenigen Mitteln. Unsere Bomben zerfetzen Frauen und Kinder zu Tausenden. Ihre verstümmelten Körper sind ein Monument der Grausamkeit.
Dr. Feroze Sidhwa, Chirurg für Traumatologie und Intensivmedizin
Ich habe so viele Totgeburten und Todesfälle von Müttern gesehen, die leicht hätten verhindert werden können, wenn die Krankenhäuser normal funktioniert hätten.
Dr. Thalia Pachiyannakis, Geburtshelferin und Gynäkologin

Jeden Tag sah ich Babys sterben. Sie waren gesund geboren worden. Ihre Mütter waren so mangelernährt,dass sie nicht stillen konnten, und wir hatten weder Muttermilch noch sauberes Wasser, um sie zu füttern, so dass sie verhungerten.
Asma Taha, praktizierende Kinderkrankenschwester

In Gaza hielt ich zum ersten Mal das Gehirn eines Babys in meiner Hand. Das erste von vielen.
Dr. Mark Perlmutter, Orthopäde und Handchirurg

Sehr geehrter Präsident Joseph R. Biden, sehr geehrte Vizepräsidentin Kamala Harris und Dr. Jill Biden,
wir sind fünfundvierzig US-amerikanische Ärzte, Chirurgen und Krankenschwestern, die sich seit dem 7. Oktober 2023 freiwillig in den Gaza-Streifen begeben haben. Wir arbeiteten mit verschiedenen Nichtregierungsorganisationen und der Weltgesundheitsorganisation in Krankenhäusern im gesamten Gazastreifen. Neben unserem medizinischen und chirurgischen Fachwissen haben viele von uns einen Hintergrund im Bereich der öffentlichen Gesundheit sowie Erfahrung in humanitären und Konfliktgebieten, einschließlich der Ukraine während der brutalen russischen Invasion. Einige von uns sind Veteranen der Streitkräfte der Vereinigten Staaten. Wir sind eine multireligiöse und multiethnische Gruppe. Keiner von uns unterstützt die Gräueltaten, die am 7. Oktober von bewaffneten palästinensischen Gruppen und Einzelpersonen in Israel begangen wurden.
In der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation heißt es: “Die Gesundheit aller Völker ist von grundlegender Bedeutung für die Verwirklichung von Frieden und Sicherheit und hängt von der uneingeschränkten Zusammenarbeit von Einzelpersonen und Staaten ab.“ In diesem Sinne schreiben wir Ihnen.
Wir gehören zu den einzigen neutralen Beobachtern, die seit dem 7. Oktober in den Gaza-Streifen einreisen durften. Aufgrund unseres umfassenden Fachwissens und unserer unmittelbaren Erfahrung im Gazastreifen sind wir in einer einzigartigen Position, um uns zu mehreren Fragen zu äußern, die für unsere Regierung wichtig sind, wenn sie entscheidet, den Angriff Israels auf den Gazastreifen und dessen Belagerung weiterhin zu unterstützen.  Insbesondere glauben wir, dass wir gut positioniert sind, um uns zu den massiven menschlichen Opfern des israelischen Angriffs auf den Gazastreifen zu äußern, insbesondere zu den Opfern an   Frauen und Kindern.
In diesem Schreiben haben wir unsere eigenen Erfahrungen und direkten Beobachtungen in Gaza zusammengetragen und zusammengefasst. Wir haben auch Links zu einem viel längeren und viel zitierten Anhang, der die öffentlich zugänglichen Informationen aus Medien, humanitären und akademischen Quellen zu den wichtigsten Aspekten der israelischen Invasion in Gaza zusammenfasst. Der Anhang ist als PDF-Datei unter  https://tinyurl.com/gazadoctorsletterappendix verfügbar. Dieser Brief kann elektronisch als PDF-Datei unter https://tinyurl.com/gazadoctorsletter abgerufen werden.
Dieser Brief und der Anhang zeigen, dass die Zahl der Opfer in Gaza viel höher ist, als in den Vereinigten Staaten verstanden wird. Es ist wahrscheinlich, dass die Zahl der Todesopfer in diesem Konflikt bereits höher ist als 92.000, das sind erstaunliche 4,2 % der Bevölkerung des Gazastreifens. Unsere Regierung muss sofort handeln, um eine noch schlimmere Katastrophe zu verhindern als die, die bereits über die Menschen in Gaza und Israel hereingebrochen ist.
Ein Waffenstillstand muss sowohl Israel als auch den bewaffneten palästinensischen Gruppen auferlegt werden, indem die militärische Unterstützung für Israel  aufhört und ein internationales Waffenembargo gegen Israel und alle bewaffneten palästinensischen Gruppen durchgesetzt wird. Wir glauben, dass unsere Regierung dazu verpflichtet ist, sowohl nach US-amerikanischem Recht als auch nach  dem humanitärem Völkerrecht, und wir glauben, dass es das Richtige ist, dies zu tun.
Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Menschen in Gaza krank, verletzt oder beides. Dies gilt für jeden nationalen Helfer, jeden internationalen Freiwilligen und wahrscheinlich jede israelische Geisel: jeder Mann, jede Frau und jedes Kind. Während unserer Arbeit in Gaza sahen wir eine weit verbreitete Unterernährung bei unseren Patienten und unseren palästinensischen Kollegen im Gesundheitswesen. Jeder von uns verlor in Gaza schnell an Gewicht, obwohl wir privilegierten Zugang zu Lebensmitteln hatten und unsere eigene nährstoffreiche Zusatznahrung mitgenommen hatten. Wir haben Fotobeweise für eine lebensbedrohliche Unterernährung unserer Patienten, insbesondere der Kinder, die wir gerne mit Ihnen teilen möchten.
Praktisch jedes Kind unter fünf Jahren, das wir sowohl innerhalb als auch außerhalb des Krankenhauses angetroffen haben, hatte sowohl Husten als auch wässrigen Durchfall. Wir fanden Fälle von Gelbsucht (ein Hinweis auf eine Hepatitis-A-Infektion) in praktisch jedem Raum der Krankenhäuser, in denen wir arbeiteten, und bei vielen unserer Kollegen im Gesundheitswesen in Gaza. Ein erstaunlich hoher Prozentsatz unserer chirurgischen Schnitte wurde infiziert, eine Kombination aus Unterernährung, unmöglichen Operationsbedingungen und Mangel an Vorräten von Medikamenten, einschließlich Antibiotika. Die schwangeren Frauen, die wir behandelten, brachten oft untergewichtige Kinder zur Welt, die aufgrund von Unterernährung nicht gestillt werden konnten. Dadurch waren ihre Neugeborenen einem hohen Risiko ausgesetzt. Da es im gesamten Gazastreifen keinen Zugang zu Trinkwasser gibt, besteht für die Neugeborenen ein hohes Sterberisiko. Viele dieser Säuglinge starben. In Gaza sahen wir, wie unterernährte Mütter ihre untergewichtigen Neugeborenen mit Säuglingsnahrung fütterten, die mit vergiftetem Wasser hergestellt wurde. Wir dürfen nie vergessen, dass die Welt diese unschuldigen Frauen und Babys im Stich gelassen hat.
Wir bitten Sie, sich bewusst zu machen, dass im Gazastreifen Epidemien wüten. Israels fortgesetzte, wiederholte Vertreibung der unterernährten und kranken Bevölkerung von Gaza, von denen die Hälfte Kinder sind, in Gebiete ohne fließendes Wasser oder gar Toiletten, ist absolut schockierend. Es ist praktisch garantiert, dass dies zu weit verbreiteten und bakteriellen Durchfallerkrankungen und Lungenentzündungen, insbesondere bei Kindern unter fünf Jahren führt. Wir befürchten, dass unbekannte Tausende bereits an der tödlichen Kombination aus Unterernährung und Krankheit gestorben sind und dass in den kommenden Monaten weitere Zehntausende sterben werden. Die meisten von ihnen werden junge Kinder sein.
Kinder gelten in bewaffneten Konflikten gemeinhin als unschuldig. Doch jeder einzelne Unterzeichner dieses Schreibens hat Kinder im Gazastreifen behandelt, die Opfer von Gewalt wurden, die gezielt gegen sie gerichtet war.
Konkret hat jeder von uns täglich Kinder im Alter unter zehn behandelt, denen in den Kopf und in die Brust geschossen worden war.
Herr Präsident und Herr Dr. Biden, wir wünschten, Sie könnten die Albträume sehen, die so viele von uns seit unserer Rückkehr plagen, Träume von Kindern, die von unseren Waffen verstümmelt wurden, und ihre untröstlichen Mütter, die uns anflehen, sie zu retten. Wir wünschten, Sie könnten die Schreie und das Weinen hören, die unser Gewissen uns nicht vergessen lassen wird. Wir können nicht glauben, dass irgendjemand weiterhin das Land bewaffnet, das diese Kinder vorsätzlich tötet, nachdem wir gesehen haben, was wir gesehen haben.
Die schwangeren Frauen, die wir behandelten, waren besonders unterernährt. Diejenigen von uns, die mit schwangeren Frauen arbeiteten, sahen regelmäßig Totgeburten und Todesfälle bei Müttern, die in jedem anderen Gesundheitssystem der sog. Dritten Welt leicht vermeidbar wären. Die Infektionsrate bei Kaiserschnittentbindungen war erstaunlich groß. Frauen wurden ohne Anästhesie operiert und bekamen danach nur Tylenol, weil keine anderen Schmerzmittel zur Verfügung standen.
Wir alle beobachteten, dass die Notaufnahmen von Patienten überschwemmt wurden, die eine Behandlung für chronische Krankheiten wie Nierenversagen, Bluthochdruck und Diabetes suchten.  Abgesehen von Traumapatienten waren die meisten Betten auf der Intensivstation mit Typ-1-Diabetikern belegt, die aufgrund des Mangels an Medikamenten und des weit verbreiteten Stromausfalls keinen Zugang mehr zu gespritztem Insulin hatten. Israel hat mehr als die Hälfte der Gesundheitseinrichtungen im Gazastreifen zerstört und jeden 40. Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Gaza getötet. Gleichzeitig ist der Bedarf an medizinischer Versorgung durch die tödliche Kombination von militärischer Gewalt, Unterernährung und Krankheiten massiv gestiegen.
In den Krankenhäusern, in denen wir arbeiteten, fehlte es an grundlegenden Hilfsgütern, von chirurgischem Material bis hin zu Seife. Sie waren regelmäßig von der Stromversorgung und dem Internetzugang abgeschnitten, hatten kein sauberes Wasser und arbeiteten mit der vier- bis siebenfachen ihrer Bettenkapazität. Jedes Krankenhaus war überfordert mit dem Ansturm von Vertriebenen, die Sicherheit suchten, durch den ständigen Strom von Patienten, deren Behandlung chronischer Erkrankungen durch den Krieg unterbrochen worden war, durch den enormen Zustrom schwer verwundeter Patienten, die typischerweise bei Massenunfällen eintrafen und durch kranke und unterernährte Menschen, die medizinische Hilfe suchten.
Diese Beobachtungen und das öffentlich zugängliche Material, das im Anhang aufgeführt ist, führen zu der Annahme, dass die Zahl der Todesopfer in diesem Konflikt um ein Vielfaches höher ist als vom Gesundheitsministerium in Gaza angegeben. Wir glauben auch, dass dies ein Beweis für weit verbreitete Verstöße gegen US- amerikanische Gesetze ist, die den Einsatz amerikanischer Waffen im Ausland regeln, und gegen humanitäres Völkerrecht. Wir können die Szenen unerträglicher Grausamkeit gegen Frauen und Kinder nicht vergessen, die wir selbst miterlebt haben.
Als wir unsere Kollegen aus dem Gesundheitswesen in Gaza trafen, war klar, dass sie unterernährt und sowohl körperlich und seelisch am Boden zerstört waren. Wir erfuhren schnell, dass unsere palästinensischen Kollegen im Gesundheitswesen zu den am stärksten traumatisierten Menschen in Gaza, vielleicht sogar in der ganzen Welt, gehörten. Wie praktisch alle Menschen in Gaza hatten sie Familienmitglieder und ihr Zuhause verloren. Die meisten lebten in und um ihre Krankenhäuser mit ihren überlebenden Familien unter unvorstellbaren Bedingungen. Obwohl sie weiterhin nach einem zermürbenden Zeitplan arbeiteten und obwohl sie seit dem 7. Oktober nicht mehr bezahlt worden waren. Alle waren sich bewusst, dass sie durch ihre Arbeit als Gesundheitsdienstleister zur Zielscheibe Israels geworden waren. Dies ist eine Verhöhnung des Schutzstatus der Krankenhäuser und der Gesundheitsdienstleister nach den ältesten und am meisten akzeptierten Bestimmungen des humanitären Völkerrechts.
In Gaza trafen wir medizinisches Personal, das in Krankenhäusern arbeitete, die von Israel überfallen und zerstört worden waren. Viele dieser Kollegen wurden während der Angriffe von Israel verschleppt. Sie alle erzählten uns in leicht veränderter Version dieselbe Geschichte: In der Gefangenschaft wurden sie kaum ernährt, ständig körperlich und psychisch missbraucht und schließlich nackt am Straßenrand ausgesetzt. Viele erzählten uns, dass sie Scheinhinrichtungen und anderen Formen der Misshandlung und Folter ausgesetzt waren. Viel zu viele unserer Kollegen aus dem Gesundheitswesen sagten uns, dass sie einfach auf den Tod warteten.
Wir fordern Sie auf zu erkennen, dass Israel das gesamte Gesundheitssystem des Gazastreifens direkt angegriffen und vorsätzlich zerstört hat und dass Israel unsere Kollegen im Gazastreifen zum Tode verurteilt hat, sie verschwinden lässt und foltert. Diese skrupellosen Handlungen stehen im völligen Widerspruch zum US-amerikanischen Recht, zu den amerikanischen Werten und dem humanitären Völkerrecht.
Dr. Biden, Sie haben Ihr ganzes Leben lang mit jungen Menschen gearbeitet. Wir hoffen und beten, dass Sie nicht wegschauen werden von den unaussprechlichen Schrecken, denen die Jugend von Gaza heute ausgesetzt ist, Schrecken, die nur wir als US-Amerikaner beenden können. Wir hoffen aufrichtig, dass Sie alles in Ihrer Macht Stehende tun werden, um das, was ihnen angetan wird, zu beenden.
Präsident Biden und Vizepräsidentin Harris, jede Lösung für dieses Problem muss mit einem sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand beginnen. Wir fordern Sie dringend auf, dem Staat Israel die militärische, wirtschaftliche und diplomatische Unterstützung zu verweigern und sich an einem internationalen Waffenembargo sowohl gegen Israel als auch gegen alle bewaffneten palästinensischen Gruppen zu beteiligen, bis ein dauerhafter Waffenstillstand erreicht ist und bis aufrichtige Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern zu einer dauerhaften Lösung des Konflikts führen.
In der Zwischenzeit:
1. Alle Landübergänge zwischen Gaza und Israel sowie der Rafah-Übergang müssen für ungehinderte Hilfslieferungen durch anerkannte internationale humanitäre Organisationen geöffnet werden. Die Sicherheitskontrolle der Hilfslieferungen muss durch ein unabhängiges internationales Inspektionssystem anstelle der israelischen Streitkräfte durchgeführt werden. Diese Kontrollen müssen auf einer klaren, unmissverständlichen und veröffentlichten Liste verbotener Güter und einem klaren unabhängigen internationalen Mechanismus zur Zurückweisung verbotener Güter, vom UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten in den besetzten palästinensischen Gebieten überprüft.
2. Der Bevölkerung des Gazastreifens muss eine Mindestmenge von 20 Litern Trinkwasser pro Person und Tag zugewiesen werden,  von UN Water überprüft.
3. Uneingeschränkter Zugang für medizinisches und chirurgisches Personal und medizinische und chirurgische Ausrüstung in den Gaza-Streifen muss zugelassen werden. Es gilt auch für Gegenstände, die im persönlichen Gepäck des medizinischen Personals mitgeführt werden, um ihre ordnungsgemäße Lagerung, Sterilität und rechtzeitige Lieferung zu gewährleisten, wie von der Weltgesundheitsorganisation überprüft. Unglaublicherweise verbietet Israel derzeit allen Ärzten palästinensischer Abstammung, in Gaza zu arbeiten, selbst  wenn sie US-amerikanische Staatsbürger sind. Dies ist eine Verhöhnung des US-amerikanischen Ideals, dass “alle Menschen gleich geschaffen sind”, und entwürdigt unsere Nation und unseren Beruf. Unsere Arbeit ist lebensrettend. Unsere palästinensischen Kollegen im Gesundheitswesen in Gaza suchen verzweifelt nach Hilfe und Schutz, und sie verdienen beides.
Wir sind keine Politiker. Wir erheben nicht den Anspruch, alle Antworten zu haben. Wir sind einfach Ärzte und Krankenschwestern, die zu dem, was wir in Gaza gesehen haben, nicht schweigen können. Jeder Tag, an dem wir weiterhin Waffen und Munition an Israel liefern, ist ein weiterer Tag, an dem Frauen von unseren Bomben zerfetzt und Kinder mit unseren Kugeln ermordet werden.
Präsident Biden und Vizepräsident Harris, wir fordern Sie auf: Beenden Sie diesen Wahnsinn jetzt!
Mit freundlichen und dringlichen Grüßen
Feroze Sidhwa, MD, MPH, FACS, FICS
Chirurg für Trauma, Akutversorgung, Intensivpflege und Allgemeinchirurgie
Allgemeiner Chirurg für Veteranenangelegenheiten in Nordkalifornien
Einsatz im European Hospital, Khan Younis, 25. März bis 8. April
Sekretär/Schatzmeister, Chest Wall Injury Society
Außerordentlicher Professor für Chirurgie, California Northstate University
College für Medizin
Frühere humanitäre Einsätze in Haiti, Westjordanland, Ukraine (3
Einsätze seit 2023), und Simbabwe
Behandlung der Opfer des Boston-Marathon-Bombenanschlags
French Camp, CA

Mark Perlmutter, MD, FAAOS, FICS
Orthopädische und Handchirurgie
Einsatz im European Hospital, Khan Younis, 25. März bis 8. April
Präsident, World Surgical Foundation
Globaler Vizepräsident, Internationales College der Chirurgen
Frühere humanitäre Arbeit in 30 Ländern
Behandlung von Opfern des 11. Septembers und des Hurrikans Katrina
Rocky Mount, NC

(Es folgen 43 weitere Unterschriften.)
https://edition.cnn.com/2024/07/26/world/open-letter-45-us-physicians-gaza/index.html
https://www.dropbox.com/scl/fi/bf4mfymnmn4t1wyvdkx4h/Letter.pdf?rlkey=z3ekl4u9gtya2p33ek6ud2zet&e=3&dl=0


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.Das neueste Gutachten des Internationalen Gerichtshofs (IGH) vom 22. Juli 2024 macht deutlich, dass die Besetzung des palästinensischen Territoriums, seine Besiedlung, der Landraub und die Ausbeutung seiner Ressourcen rechtswidrig sind, dass Armee und Siedler die besetzten Gebiete zu verlassen haben.

BIP-Aktuell #314:

  1. Eine historische Entscheidung
  2. Beobachtungen amerikanischer Ärzte und Krankenschwestern aus dem Gaza-Streifen seit dem 7. Oktober 2023

Von Prof. Dr. Norman Paech, em. Professor für Politische Wissenschaft und für öffentliches Recht an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg

Es wird eng um Israel: politisch, moralisch und juristisch. Politisch ist Israel schon lange in der UNO isoliert wie kaum ein anderes Land und verdankt seine Mitgliedschaft bis heute praktisch nur den USA. Immer wenn wieder ein Antrag auf Ausschluss kam, konterten die USA mit der Drohung, ebenfalls die UNO zu verlassen, wenn Israel hinausgeworfen werde. Moralisch wird das offenbar in vielen Regierungen anders gesehen als in ihren Universitäten. Aber man müsste schon die Prinzipien und Grundgedanken des Völkerrechts als Maßstab immerhin unverbindlicher Moral beiseiteschieben und in das neue Regal „regelbasierte Ordnung“ greifen, um die Politik in Jerusalem sowohl nach innen wie nach außen nicht als moralisch abstoßend zu bezeichnen. Und juristisch ist kaum noch ein Ausweg aus der selbstgebauten Sackgasse.



Das neueste Gutachten des Internationalen Gerichtshofs (IGH) vom 22. Juli 2024 erzählt in der Substanz nichts Neues, und niemand war in der Tat wirklich überrascht. Auch die stärksten und dauerhaftesten Unterstützer der israelischen Regierung in Politik und Medien wissen seit Jahren, dass die Besetzung des palästinensischen Territoriums, seine Besiedlung, der Landraub und die Ausbeutung seiner Ressourcen rechtswidrig sind, dass Armee und Siedler die besetzten Gebiete zu verlassen haben. Sie kennen das erste Gutachten des IGH aus dem Jahr 2004, in dem er den Bau der Mauer/Sperrzauns soweit als rechtswidrig erklärte, wie er auf palästinensisches Territorium übergreift – 16% mit ca. 80. 000 Siedlern – , und sich faktisch aneignete. Seinerzeit liess der IGH schon keine Zweifel aufkommen, dass er nicht auch die Besatzung und die Siedlungspolitik für rechtswidrig hielt.

Aktuell nun greift der IGH weiter aus, wird konkreter und präziser – das mag überrascht haben. Die Fragen, die ihm die UN-Generalversammlung Ende Dezember 2022 gestellt hatte, waren klar und machten auch aus der Meinung der Versammlung keinen Hehl:

1. „Welche rechtlichen Konsequenzen ergeben sich aus der fortwährenden Verletzung des Rechts des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung durch Israel, aus seiner anhaltenden Besatzung, Besiedlung und Annexion des seit 1967 besetzten palästinensischen Gebietes, einschließlich der Maßnahmen, die darauf abzielen, die demografische Zusammensetzung, den Charakter und den Status der Heiligen Stadt Jerusalem zu verändern, und aus der Verabschiedung damit verbundener diskriminierender Gesetze und Maßnahmen?“
2. „Wie wirken sich die oben erwähnten Politiken und Praktiken Israels auf den rechtlichen Status der Besatzung aus, und welche rechtlichen Konsequenzen ergeben sich daraus für alle Staaten und die Vereinten Nationen?“

Der IGH veranstaltete vom 19. Februar an eine einwöchige Anhörung in Den Haag, zu der sich 49 Staaten und drei internationale Organisationen angemeldet hatten. Nur auf die Erklärung der chinesischen Regierung sei hier hingewiesen, da sie so ungewohnt in unseren Ohren klingt und wir sie so klar und eindeutig nie von einer Regierung im westlichen NATO-Horizont hören werden. Chinas Vertreter Ma Xinmin erklärte, dass die Palästinenser ein „unveräußerliches Recht“ haben, sich mit Gewalt gegen ausländische Unterdrückung zu wehren. Israel sei aufgrund seiner Besatzung und Unterdrückung für den Konflikt mit den Palästinensern verantwortlich, und fügte hinzu, dass „in diesem Zusammenhang“ der bewaffnete Kampf von Terrorismus zu unterscheiden sei und dass der palästinensische Kampf eine gerechtfertigte Aktion zur Wiederherstellung ihrer legitimen Rechte sei.

Vier Monate später am 19. Juni eröffnete der libanesische Gerichtspräsident Nawaf Salam die Verlesung des Gutachtens mit den Worten:  “Israels anhaltender Missbrauch seiner Position als Besatzungsmacht durch die Annexion und die Behauptung einer ständigen Kontrolle über die besetzten palästinensischen Gebiete und die fortgesetzte Vereitelung des Rechts des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung verstößt gegen grundlegende Prinzipien des Völkerrechts und macht die Anwesenheit Israels in den besetzten palästinensischen Gebieten rechtswidrig”.

In allen neun Kernpunkten des 83 Seiten umfassenden Gutachtens waren sich die Richter und Richterinnen mit großer Mehrheit einig. Die Besatzung sei, so der Vorsitzende Salam, das Produkt „systematischer Diskriminierung, Segregation und Apartheid“, eine „de-facto Annexion“. Israel habe seine „gesetzwidrige Anwesenheit in den besetzten palästinensischen Gebieten so schnell wie möglich zu beenden“. Die Regierung müsse sofort alle Siedlungsaktivitäten stoppen und alle Siedler aus den bestehenden Siedlungen evakuieren, ferner die „Rückkehr aller Palästinenser, die während der Besatzung vertrieben wurden, an ihren ursprünglichen Wohnort“ ermöglichen. Israel habe für alle Schäden, die alle „natürlichen und juristischen Personen“ durch die Besatzung erlitten hätten, Entschädigung zu leisten. Zudem wiederholt der Gerichtshof seine Forderung von 2004 nach Rückbau der Sperranlage auf israelisches Territorium.

Es gab eine grundsätzliche Ablehnung aller neun Punkte durch ein Dissenting Vote der ugandischen Richterin Julia Sebutinde. Sie hatte sich schon in den Entscheidungen des IGH in der Klage Südafrikas gegen Israel gegen alle Entscheidungen gewandt. Ihre Ablehnung basiert auf der sog. political question – Doktrin in den USA, die die Regierung in zentralen politischen Fragen vor der Gerichtsbarkeit schützt. Ihre Wirkung gilt offensichtlich auch in Uganda und lässt sich mit der Mitgliedschaft Sebutindes bei den Evangelikalen erklären, deren Chef ihr Ehemann ist.

Drei weitere abweichende Voten der Richter Abraham aus Frankreich, Auresku aus Rumänien und Tomka aus Slowakei zu einigen Punkten des Gutachtens mindern nicht den großen Konsens über die zentralen Fragen im Richterkollegium. Während die Mehrheit im Gericht die Berufung Israels auf ein Selbstverteidigungsrecht für die Besatzung 57 Jahre nach ihrem Beginn ablehnt, sind die drei Richter da anderer Meinung. Wegen der “außergewöhnlich komplexen Geschichte und Natur des israelisch-palästinensischen Konflikts” sei auch jetzt noch eine israelische Militärpräsenz vertretbar. Doch hatte diese Netanjahu zweifellos angenehme Meinung keine Chance im Kollegium,  und Richter Yusuf aus Somalia und die australische Richterin Charlesworth traten dem in ihrem Votum ausdrücklich entgegen. 

Auf eine besondere Formulierung im Gutachten weist das Sondervotum der US-amerikanischen Richterin Cleveland und des deutschen Richters Nolte hin. Es heißt dort, dass sich Israel „so schnell wie möglich“ aus den besetzten Gebieten zurückziehen soll. Dies ist eine kleine Hintertür, die das Gericht dem Rückzug gelassen hat, und es ist nicht zufällig, dass das Votum aus den USA und der BRD den Blick darauf gelenkt hat.

Israels Offizielle wiesen, wie zu erwarten, das Gutachten zurück, es würde den Friedensprozess unterminieren. Netanjahu fand es absurd und erklärte: „Das jüdische Volk ist kein Besatzer in seinem eigenen Land, auch nicht in unserer ewigen Hauptstadt Jerusalem oder in Judäa und Samaria, unserer historischen Heimat.“

Das Auswärtige Amt verbreitete einen X-Spot der deutschen Außenministerin auf Reisen, das schon jetzt signalisiert, dass die Bundesregierung der Forderung des IGH, die Unterstützung der rechtswidrigen Besatzungspolitik Israels aufzugeben, nicht nachkommen wird: „Der IGH hat ein wegweisendes Gutachten zum Nahostkonflikt veröffentlicht. Klar ist: Die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik steht der 2-Staaten-Lösung im Weg. ISR-Regierung wäre gut beraten, das Gutachten ernst zu nehmen & den Weg für 2-Staatenlösung freizumachen.“

Da auch von den USA, gleich unter welcher zukünftigen Präsidentschaft, kein Wechsel in ihrer Israel-Politik zu erwarten ist, bleiben nur die Vereinten Nationen, an die die Forderung ergeht, „die genauen Modalitäten und weiteren Maßnahmen, die erforderlich sind, um die unrechtmäßige Präsenz des Staates Israel in den besetzten palästinensischen Gebieten so schnell wie möglich zu beenden“. Da der UN-Sicherheitsrat durch das Veto der USA blockiert bleibt, wird es die Aufgabe der Generalversammlung sein, Mittel zu finden, die die israelische Regierung unter Druck setzen, sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen. Vorbild sollte die Zähigkeit der südafrikanischen Regierung sein, die durch wiederholte Anträge beim Gerichtshof schließlich ein Votum für den Waffenstillstand im Süden des Gazastreifens erhielt. Dabei gilt es vor allem, die kleine Hintertür zu schließen, die das Gutachten gelassen hat, indem es den Rückzug aus den besetzten Gebieten nur „so schnell wie möglich“ fordert.



Bei aller Skepsis über die Wirkung dieses Gutachtens auf die Politik Israels und seiner Paten USA und BRD sollte seine Bedeutung nicht unterschätzt werden. Jahrzehnte war die internationale Justiz systematisch aus dem Konflikt in Palästina herausgehalten worden. Erst in den letzten 10 Jahren war es zunächst der Internationale Strafgerichtshof (IStGH), der nach dem schweren Angriff auf Gaza 2014 mit über 2000 Toten und Zehntausend Verletzten die Untersuchungen wegen möglicher Kriegsverbrechen aufnahm. In umfangreichen Gutachten musste er seine Zuständigkeit für Palästina, ein Land, das von der UNO bisher trotz mehrfacher Versuche nur als Staat mit Beobachterstatus anerkannt worden ist, begründen. Und nun steht er vor der Entscheidung, zum ersten Mal in der Geschichte einen westlichen Staatschef in Haft zu nehmen. Der Internationale Gerichtshof folgte, angetrieben durch die Klage Südafrikas gegen Israel und Nicaraguas gegen Deutschland. Der Auftrag der UN-Generalversammlung an den IGH initiierte nicht nur das vierte Verfahren der internationalen Gerichtsbarkeit, sondern auch die grundsätzlichste, die gesamte Problematik der israelischen Besatzung umfassende Prüfung und Entscheidung. Die vom IGH geforderte Beendigung von über fünfzig Jahre Unterdrückung, Landraub und Apartheid in Palästina mag nicht sofort gelingen, ist aber dennoch eine historische Entscheidung der Internationalen Justiz.

Anmerkung der Redaktion zum obigen Thema: Der ehemalige Direktor von Human Rights Watch, Kenneth Roth, wirft der Bundesregierung Inkonsequenz in ihrer Nahostpolitik vor. Wenn Palästinenser von Menschenrechten ausgenommen würden, gebe es für niemanden Menschenrechte, sagt Roth im Deutschlandfunk.

Kenneth Roth im Gespräch mit Stephan Detjen | DLF 27.07.2024

https://www.deutschlandfunk.de/israel-gaza-kenneth-roth-human-rights-watch-100.html

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.

Beobachtungen amerikanischer Ärzte und Krankenschwestern aus dem Gaza-Streifen seit dem 7. Oktober 2023 – Brief an Präsident Biden

Ich habe noch nie so schreckliche Verletzungen gesehen, in so großem Ausmaß und mit so wenigen Mitteln. Unsere Bomben zerfetzen Frauen und Kinder zu Tausenden. Ihre verstümmelten Körper sind ein Monument der Grausamkeit.
Dr. Feroze Sidhwa, Chirurg für Traumatologie und Intensivmedizin
Ich habe so viele Totgeburten und Todesfälle von Müttern gesehen, die leicht hätten verhindert werden können, wenn die Krankenhäuser normal funktioniert hätten.
Dr. Thalia Pachiyannakis, Geburtshelferin und Gynäkologin

Jeden Tag sah ich Babys sterben. Sie waren gesund geboren worden. Ihre Mütter waren so mangelernährt,dass sie nicht stillen konnten, und wir hatten weder Muttermilch noch sauberes Wasser, um sie zu füttern, so dass sie verhungerten.
Asma Taha, praktizierende Kinderkrankenschwester

In Gaza hielt ich zum ersten Mal das Gehirn eines Babys in meiner Hand. Das erste von vielen.
Dr. Mark Perlmutter, Orthopäde und Handchirurg

Sehr geehrter Präsident Joseph R. Biden, sehr geehrte Vizepräsidentin Kamala Harris und Dr. Jill Biden,
wir sind fünfundvierzig US-amerikanische Ärzte, Chirurgen und Krankenschwestern, die sich seit dem 7. Oktober 2023 freiwillig in den Gaza-Streifen begeben haben. Wir arbeiteten mit verschiedenen Nichtregierungsorganisationen und der Weltgesundheitsorganisation in Krankenhäusern im gesamten Gazastreifen. Neben unserem medizinischen und chirurgischen Fachwissen haben viele von uns einen Hintergrund im Bereich der öffentlichen Gesundheit sowie Erfahrung in humanitären und Konfliktgebieten, einschließlich der Ukraine während der brutalen russischen Invasion. Einige von uns sind Veteranen der Streitkräfte der Vereinigten Staaten. Wir sind eine multireligiöse und multiethnische Gruppe. Keiner von uns unterstützt die Gräueltaten, die am 7. Oktober von bewaffneten palästinensischen Gruppen und Einzelpersonen in Israel begangen wurden.
In der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation heißt es: “Die Gesundheit aller Völker ist von grundlegender Bedeutung für die Verwirklichung von Frieden und Sicherheit und hängt von der uneingeschränkten Zusammenarbeit von Einzelpersonen und Staaten ab.“ In diesem Sinne schreiben wir Ihnen.
Wir gehören zu den einzigen neutralen Beobachtern, die seit dem 7. Oktober in den Gaza-Streifen einreisen durften. Aufgrund unseres umfassenden Fachwissens und unserer unmittelbaren Erfahrung im Gazastreifen sind wir in einer einzigartigen Position, um uns zu mehreren Fragen zu äußern, die für unsere Regierung wichtig sind, wenn sie entscheidet, den Angriff Israels auf den Gazastreifen und dessen Belagerung weiterhin zu unterstützen.  Insbesondere glauben wir, dass wir gut positioniert sind, um uns zu den massiven menschlichen Opfern des israelischen Angriffs auf den Gazastreifen zu äußern, insbesondere zu den Opfern an   Frauen und Kindern.
In diesem Schreiben haben wir unsere eigenen Erfahrungen und direkten Beobachtungen in Gaza zusammengetragen und zusammengefasst. Wir haben auch Links zu einem viel längeren und viel zitierten Anhang, der die öffentlich zugänglichen Informationen aus Medien, humanitären und akademischen Quellen zu den wichtigsten Aspekten der israelischen Invasion in Gaza zusammenfasst. Der Anhang ist als PDF-Datei unter  https://tinyurl.com/gazadoctorsletterappendix verfügbar. Dieser Brief kann elektronisch als PDF-Datei unter https://tinyurl.com/gazadoctorsletter abgerufen werden.
Dieser Brief und der Anhang zeigen, dass die Zahl der Opfer in Gaza viel höher ist, als in den Vereinigten Staaten verstanden wird. Es ist wahrscheinlich, dass die Zahl der Todesopfer in diesem Konflikt bereits höher ist als 92.000, das sind erstaunliche 4,2 % der Bevölkerung des Gazastreifens. Unsere Regierung muss sofort handeln, um eine noch schlimmere Katastrophe zu verhindern als die, die bereits über die Menschen in Gaza und Israel hereingebrochen ist.
Ein Waffenstillstand muss sowohl Israel als auch den bewaffneten palästinensischen Gruppen auferlegt werden, indem die militärische Unterstützung für Israel  aufhört und ein internationales Waffenembargo gegen Israel und alle bewaffneten palästinensischen Gruppen durchgesetzt wird. Wir glauben, dass unsere Regierung dazu verpflichtet ist, sowohl nach US-amerikanischem Recht als auch nach  dem humanitärem Völkerrecht, und wir glauben, dass es das Richtige ist, dies zu tun.
Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Menschen in Gaza krank, verletzt oder beides. Dies gilt für jeden nationalen Helfer, jeden internationalen Freiwilligen und wahrscheinlich jede israelische Geisel: jeder Mann, jede Frau und jedes Kind. Während unserer Arbeit in Gaza sahen wir eine weit verbreitete Unterernährung bei unseren Patienten und unseren palästinensischen Kollegen im Gesundheitswesen. Jeder von uns verlor in Gaza schnell an Gewicht, obwohl wir privilegierten Zugang zu Lebensmitteln hatten und unsere eigene nährstoffreiche Zusatznahrung mitgenommen hatten. Wir haben Fotobeweise für eine lebensbedrohliche Unterernährung unserer Patienten, insbesondere der Kinder, die wir gerne mit Ihnen teilen möchten.
Praktisch jedes Kind unter fünf Jahren, das wir sowohl innerhalb als auch außerhalb des Krankenhauses angetroffen haben, hatte sowohl Husten als auch wässrigen Durchfall. Wir fanden Fälle von Gelbsucht (ein Hinweis auf eine Hepatitis-A-Infektion) in praktisch jedem Raum der Krankenhäuser, in denen wir arbeiteten, und bei vielen unserer Kollegen im Gesundheitswesen in Gaza. Ein erstaunlich hoher Prozentsatz unserer chirurgischen Schnitte wurde infiziert, eine Kombination aus Unterernährung, unmöglichen Operationsbedingungen und Mangel an Vorräten von Medikamenten, einschließlich Antibiotika. Die schwangeren Frauen, die wir behandelten, brachten oft untergewichtige Kinder zur Welt, die aufgrund von Unterernährung nicht gestillt werden konnten. Dadurch waren ihre Neugeborenen einem hohen Risiko ausgesetzt. Da es im gesamten Gazastreifen keinen Zugang zu Trinkwasser gibt, besteht für die Neugeborenen ein hohes Sterberisiko. Viele dieser Säuglinge starben. In Gaza sahen wir, wie unterernährte Mütter ihre untergewichtigen Neugeborenen mit Säuglingsnahrung fütterten, die mit vergiftetem Wasser hergestellt wurde. Wir dürfen nie vergessen, dass die Welt diese unschuldigen Frauen und Babys im Stich gelassen hat.
Wir bitten Sie, sich bewusst zu machen, dass im Gazastreifen Epidemien wüten. Israels fortgesetzte, wiederholte Vertreibung der unterernährten und kranken Bevölkerung von Gaza, von denen die Hälfte Kinder sind, in Gebiete ohne fließendes Wasser oder gar Toiletten, ist absolut schockierend. Es ist praktisch garantiert, dass dies zu weit verbreiteten und bakteriellen Durchfallerkrankungen und Lungenentzündungen, insbesondere bei Kindern unter fünf Jahren führt. Wir befürchten, dass unbekannte Tausende bereits an der tödlichen Kombination aus Unterernährung und Krankheit gestorben sind und dass in den kommenden Monaten weitere Zehntausende sterben werden. Die meisten von ihnen werden junge Kinder sein.
Kinder gelten in bewaffneten Konflikten gemeinhin als unschuldig. Doch jeder einzelne Unterzeichner dieses Schreibens hat Kinder im Gazastreifen behandelt, die Opfer von Gewalt wurden, die gezielt gegen sie gerichtet war.
Konkret hat jeder von uns täglich Kinder im Alter unter zehn behandelt, denen in den Kopf und in die Brust geschossen worden war.
Herr Präsident und Herr Dr. Biden, wir wünschten, Sie könnten die Albträume sehen, die so viele von uns seit unserer Rückkehr plagen, Träume von Kindern, die von unseren Waffen verstümmelt wurden, und ihre untröstlichen Mütter, die uns anflehen, sie zu retten. Wir wünschten, Sie könnten die Schreie und das Weinen hören, die unser Gewissen uns nicht vergessen lassen wird. Wir können nicht glauben, dass irgendjemand weiterhin das Land bewaffnet, das diese Kinder vorsätzlich tötet, nachdem wir gesehen haben, was wir gesehen haben.
Die schwangeren Frauen, die wir behandelten, waren besonders unterernährt. Diejenigen von uns, die mit schwangeren Frauen arbeiteten, sahen regelmäßig Totgeburten und Todesfälle bei Müttern, die in jedem anderen Gesundheitssystem der sog. Dritten Welt leicht vermeidbar wären. Die Infektionsrate bei Kaiserschnittentbindungen war erstaunlich groß. Frauen wurden ohne Anästhesie operiert und bekamen danach nur Tylenol, weil keine anderen Schmerzmittel zur Verfügung standen.
Wir alle beobachteten, dass die Notaufnahmen von Patienten überschwemmt wurden, die eine Behandlung für chronische Krankheiten wie Nierenversagen, Bluthochdruck und Diabetes suchten.  Abgesehen von Traumapatienten waren die meisten Betten auf der Intensivstation mit Typ-1-Diabetikern belegt, die aufgrund des Mangels an Medikamenten und des weit verbreiteten Stromausfalls keinen Zugang mehr zu gespritztem Insulin hatten. Israel hat mehr als die Hälfte der Gesundheitseinrichtungen im Gazastreifen zerstört und jeden 40. Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Gaza getötet. Gleichzeitig ist der Bedarf an medizinischer Versorgung durch die tödliche Kombination von militärischer Gewalt, Unterernährung und Krankheiten massiv gestiegen.
In den Krankenhäusern, in denen wir arbeiteten, fehlte es an grundlegenden Hilfsgütern, von chirurgischem Material bis hin zu Seife. Sie waren regelmäßig von der Stromversorgung und dem Internetzugang abgeschnitten, hatten kein sauberes Wasser und arbeiteten mit der vier- bis siebenfachen ihrer Bettenkapazität. Jedes Krankenhaus war überfordert mit dem Ansturm von Vertriebenen, die Sicherheit suchten, durch den ständigen Strom von Patienten, deren Behandlung chronischer Erkrankungen durch den Krieg unterbrochen worden war, durch den enormen Zustrom schwer verwundeter Patienten, die typischerweise bei Massenunfällen eintrafen und durch kranke und unterernährte Menschen, die medizinische Hilfe suchten.
Diese Beobachtungen und das öffentlich zugängliche Material, das im Anhang aufgeführt ist, führen zu der Annahme, dass die Zahl der Todesopfer in diesem Konflikt um ein Vielfaches höher ist als vom Gesundheitsministerium in Gaza angegeben. Wir glauben auch, dass dies ein Beweis für weit verbreitete Verstöße gegen US- amerikanische Gesetze ist, die den Einsatz amerikanischer Waffen im Ausland regeln, und gegen humanitäres Völkerrecht. Wir können die Szenen unerträglicher Grausamkeit gegen Frauen und Kinder nicht vergessen, die wir selbst miterlebt haben.
Als wir unsere Kollegen aus dem Gesundheitswesen in Gaza trafen, war klar, dass sie unterernährt und sowohl körperlich und seelisch am Boden zerstört waren. Wir erfuhren schnell, dass unsere palästinensischen Kollegen im Gesundheitswesen zu den am stärksten traumatisierten Menschen in Gaza, vielleicht sogar in der ganzen Welt, gehörten. Wie praktisch alle Menschen in Gaza hatten sie Familienmitglieder und ihr Zuhause verloren. Die meisten lebten in und um ihre Krankenhäuser mit ihren überlebenden Familien unter unvorstellbaren Bedingungen. Obwohl sie weiterhin nach einem zermürbenden Zeitplan arbeiteten und obwohl sie seit dem 7. Oktober nicht mehr bezahlt worden waren. Alle waren sich bewusst, dass sie durch ihre Arbeit als Gesundheitsdienstleister zur Zielscheibe Israels geworden waren. Dies ist eine Verhöhnung des Schutzstatus der Krankenhäuser und der Gesundheitsdienstleister nach den ältesten und am meisten akzeptierten Bestimmungen des humanitären Völkerrechts.
In Gaza trafen wir medizinisches Personal, das in Krankenhäusern arbeitete, die von Israel überfallen und zerstört worden waren. Viele dieser Kollegen wurden während der Angriffe von Israel verschleppt. Sie alle erzählten uns in leicht veränderter Version dieselbe Geschichte: In der Gefangenschaft wurden sie kaum ernährt, ständig körperlich und psychisch missbraucht und schließlich nackt am Straßenrand ausgesetzt. Viele erzählten uns, dass sie Scheinhinrichtungen und anderen Formen der Misshandlung und Folter ausgesetzt waren. Viel zu viele unserer Kollegen aus dem Gesundheitswesen sagten uns, dass sie einfach auf den Tod warteten.
Wir fordern Sie auf zu erkennen, dass Israel das gesamte Gesundheitssystem des Gazastreifens direkt angegriffen und vorsätzlich zerstört hat und dass Israel unsere Kollegen im Gazastreifen zum Tode verurteilt hat, sie verschwinden lässt und foltert. Diese skrupellosen Handlungen stehen im völligen Widerspruch zum US-amerikanischen Recht, zu den amerikanischen Werten und dem humanitären Völkerrecht.
Dr. Biden, Sie haben Ihr ganzes Leben lang mit jungen Menschen gearbeitet. Wir hoffen und beten, dass Sie nicht wegschauen werden von den unaussprechlichen Schrecken, denen die Jugend von Gaza heute ausgesetzt ist, Schrecken, die nur wir als US-Amerikaner beenden können. Wir hoffen aufrichtig, dass Sie alles in Ihrer Macht Stehende tun werden, um das, was ihnen angetan wird, zu beenden.
Präsident Biden und Vizepräsidentin Harris, jede Lösung für dieses Problem muss mit einem sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand beginnen. Wir fordern Sie dringend auf, dem Staat Israel die militärische, wirtschaftliche und diplomatische Unterstützung zu verweigern und sich an einem internationalen Waffenembargo sowohl gegen Israel als auch gegen alle bewaffneten palästinensischen Gruppen zu beteiligen, bis ein dauerhafter Waffenstillstand erreicht ist und bis aufrichtige Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern zu einer dauerhaften Lösung des Konflikts führen.
In der Zwischenzeit:
1. Alle Landübergänge zwischen Gaza und Israel sowie der Rafah-Übergang müssen für ungehinderte Hilfslieferungen durch anerkannte internationale humanitäre Organisationen geöffnet werden. Die Sicherheitskontrolle der Hilfslieferungen muss durch ein unabhängiges internationales Inspektionssystem anstelle der israelischen Streitkräfte durchgeführt werden. Diese Kontrollen müssen auf einer klaren, unmissverständlichen und veröffentlichten Liste verbotener Güter und einem klaren unabhängigen internationalen Mechanismus zur Zurückweisung verbotener Güter, vom UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten in den besetzten palästinensischen Gebieten überprüft.
2. Der Bevölkerung des Gazastreifens muss eine Mindestmenge von 20 Litern Trinkwasser pro Person und Tag zugewiesen werden,  von UN Water überprüft.
3. Uneingeschränkter Zugang für medizinisches und chirurgisches Personal und medizinische und chirurgische Ausrüstung in den Gaza-Streifen muss zugelassen werden. Es gilt auch für Gegenstände, die im persönlichen Gepäck des medizinischen Personals mitgeführt werden, um ihre ordnungsgemäße Lagerung, Sterilität und rechtzeitige Lieferung zu gewährleisten, wie von der Weltgesundheitsorganisation überprüft. Unglaublicherweise verbietet Israel derzeit allen Ärzten palästinensischer Abstammung, in Gaza zu arbeiten, selbst  wenn sie US-amerikanische Staatsbürger sind. Dies ist eine Verhöhnung des US-amerikanischen Ideals, dass “alle Menschen gleich geschaffen sind”, und entwürdigt unsere Nation und unseren Beruf. Unsere Arbeit ist lebensrettend. Unsere palästinensischen Kollegen im Gesundheitswesen in Gaza suchen verzweifelt nach Hilfe und Schutz, und sie verdienen beides.
Wir sind keine Politiker. Wir erheben nicht den Anspruch, alle Antworten zu haben. Wir sind einfach Ärzte und Krankenschwestern, die zu dem, was wir in Gaza gesehen haben, nicht schweigen können. Jeder Tag, an dem wir weiterhin Waffen und Munition an Israel liefern, ist ein weiterer Tag, an dem Frauen von unseren Bomben zerfetzt und Kinder mit unseren Kugeln ermordet werden.
Präsident Biden und Vizepräsident Harris, wir fordern Sie auf: Beenden Sie diesen Wahnsinn jetzt!
Mit freundlichen und dringlichen Grüßen
Feroze Sidhwa, MD, MPH, FACS, FICS
Chirurg für Trauma, Akutversorgung, Intensivpflege und Allgemeinchirurgie
Allgemeiner Chirurg für Veteranenangelegenheiten in Nordkalifornien
Einsatz im European Hospital, Khan Younis, 25. März bis 8. April
Sekretär/Schatzmeister, Chest Wall Injury Society
Außerordentlicher Professor für Chirurgie, California Northstate University
College für Medizin
Frühere humanitäre Einsätze in Haiti, Westjordanland, Ukraine (3
Einsätze seit 2023), und Simbabwe
Behandlung der Opfer des Boston-Marathon-Bombenanschlags
French Camp, CA

Mark Perlmutter, MD, FAAOS, FICS
Orthopädische und Handchirurgie
Einsatz im European Hospital, Khan Younis, 25. März bis 8. April
Präsident, World Surgical Foundation
Globaler Vizepräsident, Internationales College der Chirurgen
Frühere humanitäre Arbeit in 30 Ländern
Behandlung von Opfern des 11. Septembers und des Hurrikans Katrina
Rocky Mount, NC

(Es folgen 43 weitere Unterschriften.)
https://edition.cnn.com/2024/07/26/world/open-letter-45-us-physicians-gaza/index.html
https://www.dropbox.com/scl/fi/bf4mfymnmn4t1wyvdkx4h/Letter.pdf?rlkey=z3ekl4u9gtya2p33ek6ud2zet&e=3&dl=0


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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BIP-Aktuell #313: Anzeichen für eine wirtschaftliche Katastrophe in Israel mehren sich

Finanzkrise, Verlust von Produktionsmitteln, Unsicherheit über die Zukunft

BIP-Aktuell #313:

  1. Anzeichen für eine wirtschaftliche Katastrophe mehren sich
  2. Wasserversorgung im palästinensischen Viertel in Ostjerusalem wegen der Hitzewelle reduziert

Israelische Zeitungen, Wirtschaftswissenschaftler und Historiker sprechen von einem systematischen Zusammenbruch der israelischen Wirtschaft, der staatlichen Institutionen und des zionistischen Projekts selbst. Da ausländische Investitionen und der Tourismus zum Erliegen gekommen sind und Hunderttausende von Israelis nach Möglichkeiten suchen, das Land zu verlassen, hat die israelische Öffentlichkeit selbst aufgehört zu glauben, dass sich die israelische Wirtschaft jemals erholen könnte. Wichtige Wirtschaftszweige haben ihre Investitionen ins Ausland verlagert.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Schlagzeilen der israelischen Tageszeitungen und die Slogans der BDS-Bewegung fast identisch sind. Kein Staat auf der Welt war in der Lage, der israelischen Wirtschaft so viel Schaden zuzufügen wie der Staat Israel selbst. Das Ergebnis: Es gibt zunehmende Anzeichen dafür, dass die israelische Wirtschaft in eine Sackgasse geraten ist, die von der ganzen Welt gesehen werden – außer von den USA und Deutschland.



Demonstranten in Tel Aviv beklagen mit einem BDS-Slogan den Niedergang der israelischen Wirtschaft. Quelle: 2023, Twitter.



Als israelische Demonstranten gegen die Regierung ein riesiges Schild mit dem BDS-Slogan “From startup nation to shutdown nation” trugen, war das nichts anderes als eine Verletzung des Urheberrechts, denn dieser Slogan stammt von der BDS-Bewegung … Aber das war im Februar 2023. Nach dem 7. Oktober erhielt die Krise andere Dimensionen. Zunächst einmal in Gaza. Israels völkermörderischer Angriff auf den Gazastreifen, der mehr als 40.000 Palästinenser, darunter mehr als 15.000 Kinder, getötet hat und möglicherweise über 146.000 weitere Palästinenser aus dem Gazastreifen dazu verdammt hat, in den kommenden Monaten an gesundheitlichen Schäden aufgrund von Verletzungen, Hunger und Krankheiten zu sterben (siehe BIP-Aktuell #312). Der Krieg hat das Leben von 2,3 Millionen Menschen im Gaza-Streifen und von Tausenden im besetzten Westjordanland ruiniert. Nach Schätzungen der UNO wurden 70 % der Häuser zerstört, und es wird 15 Jahre dauern, bis die Trümmer beseitigt sind. Dennoch gibt es kaum Zweifel daran, dass die palästinensischen Überlebenden des Völkermords, auch wenn sie traumatisiert und verarmt sind und um ihre verlorenen Familienmitglieder und Freunde trauern, letztendlich ihre Heimat wieder aufbauen und sich erholen wollen, wie lange es auch immer dauern mag. Israel dagegen hat weniger Tote und weniger physische und wirtschaftliche Zerstörungen zu beklagen, aber die Auswirkungen des Krieges auf die israelische Wirtschaft sind möglicherweise nicht mehr zu beheben.

Die Wirtschaftsindikatoren sprechen von nichts weniger als einer wirtschaftlichen Katastrophe. Mehr als 46.000 Unternehmen sind in Konkurs gegangen, der Tourismus ist zum Erliegen gekommen, die Kreditwürdigkeit Israels wurde herabgesetzt, israelische Anleihen werden zu Preisen verkauft, die fast dem Niveau von “Schrottanleihen” entsprechen, und die Auslandsinvestitionen, die im ersten Quartal 2023 bereits um 60 % zurückgegangen sind (als Folge der Politik der rechtsextremen israelischen Regierung vor dem 7. Oktober), zeigen keine Aussichten auf Erholung. Der Großteil der in israelischen Investmentfonds angelegten Gelder wurde in Anlagen im Ausland umgeleitet, weil Israelis nicht wollen, dass ihre eigenen Renten- und Versicherungsfonds und ihre eigenen Ersparnisse an das Schicksal des Staates Israel gebunden sind. Dies hat zu einer überraschenden Stabilität des israelischen Aktienmarktes geführt, da die in ausländische Aktien und Anleihen investierten Gelder Gewinne in ausländischer Währung generierten, die durch den Anstieg des Wechselkurses zwischen ausländischen Währungen und dem israelischen Schekel multipliziert wurden. Doch die israelische Finanznachrichten-Website Calcalist berichtete, dass Intel einen Investitionsplan  von 25 Milliarden US-Dollar platzen lasse; obwohl der Bericht vom Chiphersteller weder bestätigt noch dementiert wurde, ist aller Erfahrung nach davon auszugehen, dass er zutrifft – ganz im Sinne der BDS-Forderungen. 

Dies sind alles finanzielle Indikatoren. Aber die Krise sitzt tiefer, nämlich bei den Produktionsmitteln der israelischen Wirtschaft. Das israelische Stromnetz, das weitgehend auf Erdgas umgestellt wurde, ist zur Deckung der Nachfrage immer noch auf Kohle angewiesen. Der größte Kohlelieferant Israels ist Kolumbien, das angekündigt hat, die Kohlelieferungen nach Israel auszusetzen, solange der Völkermord andauert. Nach Kolumbien sind die beiden nächstgrößten Lieferanten Südafrika und Russland. Ohne eine zuverlässige und kontinuierliche Stromversorgung kann Israel nicht länger so tun, als sei es auf lange Stromausfälle gut vorbereitet: Ein hochrangiger Beamter der staatlichen Elektrizitätsbehörde warnte davor, dass ein Krieg mit der Hisbollah die israelische Strominfrastruktur ernsthaft stören könnte. Er sagte voraus, dass Israel innerhalb von drei Tagen nach einem Stromausfall unbewohnbar werden würde.

Serverfarmen funktionieren nicht ohne 24-Stunden-Strom, und niemand weiß, wie viele Stromausfälle der israelische High-Tech-Sektor möglicherweise überleben könnte. Internationale Technologieunternehmen haben bereits damit begonnen, ihre Niederlassungen in Israel zu schließen.

Israels Ruf als “Startup-Nation” hängt von seinem Technologiesektor ab, der auf gut ausgebildete Arbeitnehmer angewiesen ist. Israelische Akademiker berichten, dass die gemeinsame Forschung mit ausländischen Universitäten dank der Aktivitäten von Studenten in Protestcamps in mehreren Ländern gegen den Gazakrieg stark zurückgegangen ist (siehe BIP-Aktuell #305). Die israelischen Zeitungen sind voll von Artikeln über den Exodus gut ausgebildeter Israelis. Prof. Dan Ben David, ein berühmter Wirtschaftswissenschaftler, wies darauf hin, dass die israelische Wirtschaft von 300.000 Menschen zusammengehalten wird (die leitenden Angestellten in Universitäten, Technologieunternehmen, Krankenhäusern). Wenn ein erheblicher Teil dieser Menschen das Land verlässt, so sagt er, “werden wir nicht zu einem Dritte-Welt-Land, wir werden  einfach  aufhören zu existieren” (Quelle auf Hebräisch).

Die Daten über die tatsächliche Zahl der Israelis, die das Land verlassen, sind verwirrend und widersprüchlich, und das in einer Zeit, in der israelische Zeitungen Desinformationen über eine weltweite Welle des Antisemitismus verbreiten, als ob Juden in Europa oder Nordamerika stärker gefährdet wären als in Israel. Deshalb machen Familien längere Urlaube und erkunden Möglichkeiten für Arbeit und Studium im Ausland. Die Schätzungen über die Zahl der Israelis, die das Land bereits verlassen haben, gehen weit auseinander.

Die beiden Sektoren der israelischen Wirtschaft, die keinen Absturz zu verzeichnen haben, sind die Rüstungsunternehmen, die hohe Umsätze verzeichnen (weil die meisten von ihnen im Inland tätig sind und den Völkermord bewaffnen), und die “Exits” – internationale Konzerne, die „Leichen“ des israelischen Technologiesektors auf der Suche nach Schnäppchen durchwühlen. Sogar Google hat Interesse am Kauf des israelischen Cybersicherheitsunternehmens Wiz bekundet, das von israelischen Geheimdienstoffizieren gegründet wurde, die ihr Unternehmen gerne an Google verkaufen würden, um Israel verlassen zu können.

Israelische Wirtschaftswissenschaftler erwarten von der israelischen Regierung dringende Maßnahmen zur Bewältigung der Krise, zur Beendigung des Krieges, zur Kürzung der öffentlichen Ausgaben, zur Erhöhung der Steuern, zur Wiederherstellung des Vertrauens in die öffentlichen Institutionen Israels, zur Wiederherstellung der Außenbeziehungen Israels, insbesondere mit den Ländern, von denen es im Handel abhängig ist, der EU, der Türkei und Kolumbien. Die israelische Regierung setzt stattdessen Pläne zur Zerstörung der palästinensischen Wirtschaft nicht nur im Gazastreifen, sondern auch der Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland um, geht aggressiv gegen jeden Staat vor, der ihre Politik kritisiert, und hat in letzter Minute einen unrealistischen Haushalt für 2024 verabschiedet.

Im Zeitalter der Informationswirtschaft werden die wirtschaftlichen Aussichten von Staaten nicht mehr nur von Rohstoffen oder der Qualität der Arbeitskräfte bestimmt. Stattdessen leben wir in einer Ära der “Ökonomie der Erwartungen“. Der Hype um Israels “Startup-Nation” hat sich in eine “Shutdown-Nation” verwandelt. Zwei hochrangige israelische Wirtschaftswissenschaftler, Jugene Kendel und Ron Tzur, haben einen geheimen Bericht geschrieben, in dem sie vorhersagen, dass Israel sein hundertstes Jahr nicht erleben wird. Der Bericht wird geheim gehalten, weil sie nicht wollen, dass er zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird, aber sie gaben Interviews darüber. Am 76. Unabhängigkeitstag Israels veröffentlichte die Zeitung Haaretz sowohl in ihrer englischen als auch in ihrer hebräischen Ausgabe einen Leitartikel mit der Überschrift “Wird Israel die 100-Jahr-Feier überleben? Nur wenn Netanjahu zurücktritt”. Die hebräische Ausgabe wurde ohne diese Einschränkung veröffentlicht (Quelle auf Hebräisch). Fast drei Monate sind vergangen, und Netanjahu zeigt keine Anzeichen, die Macht abzugeben. Vielmehr sabotiert er die Verhandlungen über einen Waffenstillstand, um Wahlen zu verhindern.



Israelis, die in der Schlange in Tel-Aviv stehen, um einen Reisepass zu beantragen, ohne den sie das Land nicht verlassen können. Quelle: 2023, Cadya Levy, israelisches Innenministerium.



Drei israelische Historiker, zwei Zionisten und ein Antizionist, haben erklärt, dass das zionistische Projekt an sein Ende gekommen ist. Wenn eine kritische Masse von Israelis, unabhängig von ihrer politischen Meinung, zu der Überzeugung gelangt, dass die israelische Apartheid unhaltbar geworden ist, sind sie nicht mehr bereit, Energie und Geld zu investieren, ihr Leben und ihre Familien für das zionistische Projekt zu riskieren. Sie suchen nach einer besseren Zukunft für sich selbst, wie es jeder vernünftige Mensch tun würde.

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden. dfsf
Wasserversorgung im palästinensischen Viertel in Ostjerusalem wegen der Hitzewelle reduziert
”Obwohl das Viertel Kfar Aqab innerhalb der städtischen Grenzen liegt, wird es von einem palästinensischen Unternehmen mit Wasser versorgt, das angibt, dass Israel weniger Wasser an dieses Viertel liefert. Nach Angaben der Bewohner des Viertels wurde das Wasser in dieser Woche nur zwei Tage lang geliefert. Israels Wasserversorger: Dafür ist die Palästinensische Autonomiebehörde verantwortlich.
Palästinenser berichten, dass die Wasserversorgung im Ostjerusalemer Stadtteil Kafr Aqab in der vergangenen Woche nur zwei Tage lang möglich war, da Israel nach Angaben der örtlichen Wassergesellschaft die Wasserversorgung in dem Gebiet eingeschränkt hat.
Die Wasserversorgung des Viertels, in dem rund 100 000 Menschen leben, wird von einem palästinensischen Wasserversorger übernommen, der das Wasser von Mekorot, dem staatlichen israelischen Wasserversorger, auf Vermittlung der Palästinensischen Autonomiebehörde kauft und in die Wasserleitungen pumpt.
´Wir entschuldigen uns für das Problem, auf das wir keinen Einfluss haben, und bitten unsere Kunden, den Wasserverbrauch einzuschränken`, teilte das Unternehmen inmitten einer schweren Hitzewelle in der Region mit.
Mekorot erklärte, es habe keine Kenntnis von einer Entscheidung, die Wassermenge für das Viertel zu reduzieren, und es sei Aufgabe der Palästinensischen Autonomiebehörde, Wasser an die in ihrem Gebiet tätigen Wasserunternehmen zu liefern. Die Stadtverwaltung von Jerusalem hat nicht geantwortet.
Kafr Aqab liegt innerhalb der Stadtgrenze Jerusalems und unterliegt der vollen Verantwortung der israelischen Behörden. Durch die Trennmauer ist das Viertel jedoch vom Rest der Stadt abgeschnitten und wird seit dem Bau der Mauer oft vernachlässigt.
´Warum haben alle umliegenden Siedlungen rund um die Uhr Wasser und wir nicht?, fragt Munir Zarier, Vorsitzender des Bewohnerkomitees des Viertels. 
Die Schuldirektoren in der Nachbarschaft sagten, dass sie unter diesen Bedingungen zu kämpfen haben und gezwungen sind, die Kinder früher nach Hause zu schicken. Die Leiter der örtlichen Sommercamps haben erklärt, dass sie nicht in der Lage sind, das Sommercamp zu eröffnen, solange das Problem nicht gelöst ist.
Die Jerusalemer Wasserversorgungsgesellschaft Hagihon, die den Großteil der Einwohner der Stadt mit Wasser versorgt, ist in Kafr Aqab überhaupt nicht tätig. Im Laufe der Jahre haben die Bewohner unter längeren Wasserabschaltungen gelitten, und der Wasserdruck ist regelmäßig niedrig.
Nach eigenen Angaben war die Wasserversorgung bis letzte Woche jedoch recht gut. Da es im Laufe der Jahre immer wieder zu Problemen mit der Wasserversorgung gekommen ist, haben die meisten Bewohner des Viertels Wassertanks auf ihren Dächern aufgestellt, um auf Engpässe vorbereitet zu sein. Wenn das Wasser fließt, verwenden sie Pumpen, um die Tanks zu füllen. Sie behaupten jedoch, dass das gespeicherte Wasser, das oft nur 1.000 oder 1.500 Liter beträgt, nicht ausreicht.
Trotz der Vernachlässigung durch die Behörden ist Kafr Aqab zu einem begehrten Wohnort geworden, da die Jerusalemer Stadtverwaltung die Bauvorschriften in diesem Gebiet kaum durchsetzt. Seit dem Bau des Trennungszauns wurden Tausende von Wohnungen ohne Genehmigung gebaut, und derzeit leben über 100.000 Menschen in dem Viertel, die meisten von ihnen israelische Staatsbürger.”
https://www.haaretz.com/israel-news/2024-06-13/ty-article/.premium/water-supply-reduced-in-palestinian-neighborhood-in-east-jerusalem-amid-heat-wave/00000190-1170-d667-abf0-75fbf3850000


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BIP-Aktuell #312: Zeugenaussagen von Soldaten aus Gaza

Willkürliche tödliche Gewaltanwendung gegen wehrlose Zivilisten

BIP-Aktuell #312:

  1. Zeugenaussagen von Soldaten aus Gaza
  2. Die Zählung der Toten in Gaza: schwierig, aber wichtig

Die Aussagen israelischer Soldaten zu den in Gaza begangenen Gräueltaten, der mangelnden Rechenschaftspflicht und der fehlenden militärischen Disziplin sind im Zusammenhang mit der systematischen Kampagne Israels, die Medienberichterstattung über Gaza zum Schweigen zu bringen, wichtig. Die in den Zeugenaussagen der Soldaten offengelegten Informationen beweisen, dass die deutsche Regierung nicht behaupten kann,  die israelischen Streitkräfte würden innerhalb der Grenzen des Völkerrechts agieren.

Im Mai veröffentlichte BIP Aktuell einen Bericht über die Kultur der Straflosigkeit unter israelischen Soldaten (siehe BIP-Aktuell #303). Ziel dieses Berichts war es, die Behauptung der deutschen Regierung zu widerlegen, dass das israelische Militär im Gazastreifen im Einklang mit dem Völkerrecht agiert. Wenn Soldaten für Übertretungen nicht bestraft werden, kann es keine Rechtsstaatlichkeit geben, und das hat eine rechtliche Bedeutung, weil Deutschland Waffenverkäufe an eine kriminelle Armee nicht rechtfertigen kann. Solche Verkäufe sind völkerrechtswidrig. Da die deutsche Regierung trotz mehrfacher Warnungen weiterhin Waffen an Israel verkauft, veröffentlichen wir in dieser Woche Zeugenaussagen israelischer Soldaten, die belegen, dass die vorsätzliche Tötung von Zivilisten durch israelische Soldaten angesichts der fehlenden Rechenschaftspflicht ein Kriegsverbrechen darstellt.




Ein Caterpillar D9 Bulldozer, den israelische Streitkräfte im Gazastreifen einsetzen. Die Soldaten sprühten auf den Bulldozer “Lasst uns Gaza platt machen” auf Hebräisch. Quelle: 2024, Twitter.



Am 25. Juni veröffentlichte die israelische Zeitung Haaretz ein ausführliches Interview mit drei Reservisten: Ofer Ziv, Tal Vardi und Yuval Green (Quelle auf Hebräisch). Es handelt sich um drei von 41 Reservisten, die bereits in Gaza eingesetzt waren und einen offenen Brief unterzeichnet haben, in dem sie ankündigen, dass sie sich weigern werden, weiter in Gaza zu dienen. In den Interviews sagten die Soldaten, dass der Einmarsch in Rafah das Leben unschuldiger Zivilisten gefährdet und nichts zur Befreiung israelischer Geiseln beigetragen habe. Sie sprachen über die Militäroperation im Al-Shifa-Krankenhaus (siehe BIP-Aktuell #281), über das grundlose Inbrandsetzen von Wohnhäusern, über Begeisterungsschreie der Soldaten, wenn Bomben auf Zivilisten fallen, und Rufe von Soldaten nach Rache. Die Soldaten berichteten in dem Interview, dass sie freie Hand hatten, auf andere zivile Ziele in der Nähe von Krankenhäusern und anderen Orten zu schießen, an denen humanitäre Hilfe geleistet wird.

 Ein Soldat sagte: “Ich kann an den Fingern einer Hand abzählen, wie oft sie uns gesagt haben: ‘Da drüben könnt ihr nicht schießen.'” Der offene Brief der Soldaten ist einzigartig in der Geschichte Israels. Es ist das erste Mal, dass Soldaten ihre Weigerung bekunden, in einem Krieg weiterzukämpfen, in dem sie bereits gekämpft und Kriegsverbrechen begangen haben. Die Weigerung schützt sie nicht vor der internationalen Rechenschaftspflicht für Kriegsverbrechen, sondern setzt sie einer schweren Bestrafung durch die israelischen Behörden aus. Dennoch wurde keiner der Soldaten vom israelischen Militärgerichtssystem bestraft für seine Weigerung, zu kämpfen.

Am 8. Juli veröffentlichte das israelisch-palästinensische +972 Magazin, das von der Heinrich-Böll-Stiftung finanziert wird, einen ausführlichen Artikel von Oren Ziv mit anonymen Interviews mit israelischen Soldaten, die sich nicht geweigert haben zu kämpfen. Die Zeugenaussagen sind der Beweis dafür, dass Soldaten unbewaffnete palästinensische Zivilisten ohne ersichtlichen Grund exekutieren. Sie führen einen Vernichtungskrieg. Die Zeugenaussagen stammen von sechs Soldaten, fünf anonymen und einem, der seinen Namen nannte, Yuval Green, der ebenfalls von Haaretz interviewt wurde. Der Artikel trägt den Titel “Mir ist langweilig, also schieße ich: Die Zustimmung der israelischen Armee zur Gewaltanwendung, die nicht bestraft wird.” Da Israel den Zugang von Reportern in den Gazastreifen stark einschränkt, um zu verhindern, dass der fortgesetzte Völkermord dokumentiert wird, und bereits Dutzende von Journalisten in Gaza getötet wurden, sind die Aussagen der Soldaten von großer Bedeutung.

In den Berichten wird der Gazastreifen als eine Landschaft beschrieben, die mit Leichen von unbewaffneten Menschen übersät ist, die der Verwesung überlassen oder von Tieren gefressen werden. Ein schwerer Geruch des Todes liegt in der Luft. Soldaten benutzen tödliche Waffen aus Langeweile, um ihrer Wut Luft zu machen oder einfach so. In vielen Fällen werden große Landstriche zu “Tötungszonen” erklärt, ohne die Menschen in Gaza zu informieren, und dann wird jeder getötet, der in diesen Gebieten angetroffen wird. Auch Menschen, die aus ihren Fenstern schauen, gelten als verdächtig und können erschossen werden. Die Soldaten berichten von einem Vorfall, bei dem sie in einer Schule kämpften und dabei auf Zivilisten schossen, die versuchten, in die Richtung zu fliehen, in der die Soldaten stationiert waren.

Der Artikel geht auf die Tatsache ein, dass das israelische Militär keine klaren Einsatzregeln hat und die Anweisungen, die die Soldaten erhalten, wann und wie sie die Waffen einsetzen dürfen, nicht veröffentlicht. Dies ist ein wichtiger Punkt in Bezug auf die Kultur der Straflosigkeit und der Grund dafür, dass die Regierungen der anderen Staaten nicht davon ausgehen dürfen, dass das israelische Militär in einer Weise agiert, die dem Völkerrecht entspricht.

Die Soldaten sagten aus, dass die Armee keinen Unterschied zwischen palästinensischen Zivilisten und Kämpfern macht. Sie zitierten Offiziere, die sagten: “‘Sie haben Süßigkeiten verteilt’, ‘Sie haben nach dem 7. Oktober getanzt’ oder ‘Sie haben die Hamas gewählt’ … Nicht alle, aber auch nicht wenige, dachten, dass das Kind von heute der Terrorist von morgen ist.” Die Offiziere bezeichneten alle männlichen Personen, die sie töteten, als “Terroristen” und verglichen die Zahlen der Getöteten zwischen den Einheiten in einer Art Wettbewerb. Die Soldaten töten nicht nur Zivilisten, sondern setzen auch Bulldozer ein, um Leichen unter die Trümmer zu schieben oder sie zu vergraben, damit sie nicht gefunden werden. Die Soldaten berichten, dass sie ausgiebig plündern, alles mitnehmen, was sie wollen, und die Häuser niederbrennen, wenn sie gehen.




Dieser Screenshot aus einem Video zeigt einen Soldaten in einer mit Graffiti beschmierten Uniform, der mit einer Hand raucht, während er mit der anderen ein Maschinengewehr bedient und nicht einmal in die Richtung schaut, in die er schießt. Quelle: 2024, Twitter.



Die Soldaten, die gegenüber dem +972 Magazin ausgesagt haben, wiesen darauf hin, dass der Mangel an Disziplin in den Einheiten und die Mentalität der Straffreiheit der Grund dafür sind, dass fast zehn Prozent der israelischen Verluste im Gazastreifen auf “Friendly Fire” zurückzuführen sind, d. h. auf Schüsse anderer israelischer Soldaten. Drei israelische Geiseln: Yotam Haim, Alon Shamriz und Samer Talalka wurden am 15. Dezember von israelischen Soldaten im Gazastreifen erschossen, obwohl Offiziere den Soldaten befohlen hatten, das Feuer einzustellen, als die Geiseln gesichtet wurden. Niemand wurde für die Tötung der Geiseln und die Missachtung der Befehle bestraft.

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden. 

Die Zählung der Toten in Gaza: schwierig, aber wichtig

Published: The Lancet July 05, 2024DOI: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(24)01169-3
„Bis zum 19. Juni 2024 wurden im Gazastreifen seit dem Angriff der Hamas und der israelischen Invasion im Oktober 2023 37.396 Menschen getötet, wie das Gesundheitsministerium des Gazastreifens und das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten mitteilten.
Die Zahlen des Ministeriums wurden von den israelischen Behörden angefochten, obwohl sie von den israelischen Geheimdiensten als korrekt anerkannt wurden, ebenso von den UN und der WHO. Diese Daten werden durch unabhängige Analysen gestützt, die die Entwicklung der Zahl der Todesfälle von Mitarbeitern des UN-Hilfswerks UNRWA mit den Angaben des Ministeriums vergleichen, die die Behauptung der Datenfälschung für unplausibel halten.

Die Erhebung von Daten wird für das Gesundheitsministerium im Gazastreifen immer schwieriger, da ein Großteil der Infrastruktur zerstört ist.
Das Gesundheitsministerium in Gaza musste seine übliche Berichterstattung, die sich auf Menschen stützt, die in seinen Krankenhäusern sterben oder tot eingeliefert werden, durch Informationen aus zuverlässigen Medienquellen und von Ersthelfern ergänzen. Diese Änderung hat zwangsläufig zu einer Verschlechterung der zuvor erfassten detaillierten Daten geführt. Daher weist das Gesundheitsministerium im Gazastreifen nun die Zahl der nicht identifizierten Leichen gesondert aus, die zur Gesamtzahl der Todesopfer hinzukommen. Mit Stand vom 10. Mai 2024 waren 30 % der 35.091 Toten nicht identifiziert.
Einige Beamte des Gesundheitsministeriums  von Gaza und Nachrichtenagenturen haben diese Entwicklung, mit der die Datenqualität verbessert werden soll, genutzt, um den Wahrheitsgehalt der Daten zu untergraben. Die Zahl der gemeldeten Todesfälle ist jedoch wahrscheinlich zu niedrig angesetzt. Die Nichtregierungsorganisation Airwars führt detaillierte Bewertungen von Vorfällen im Gazastreifen durch und stellt häufig fest, dass nicht alle Namen von identifizierbaren Opfern in der Liste des Ministeriums enthalten sind. Darüber hinaus schätzt die UNO, dass bis zum 29. Februar 2024 35 % der Gebäude im Gazastreifen zerstört waren.
Die Zahl der Leichen, die noch unter den Trümmern begraben sind, dürfte also beträchtlich sein und wird auf mehr als 10.000 geschätzt.

Bewaffnete Konflikte haben indirekte gesundheitliche Auswirkungen, die über die direkten Schäden durch Gewalt hinausgehen. Selbst wenn der Konflikt sofort beendet wird, wird es in den kommenden Monaten und Jahren weiterhin viele indirekte Todesfälle geben, beispielsweise durch reproduktive, übertragbare und nicht übertragbare Krankheiten. Angesichts der Intensität des Konflikts, der zerstörten Infrastruktur des Gesundheitswesens, des gravierenden Mangels an Nahrungsmitteln, Wasser und Unterkünften, der Unfähigkeit der Bevölkerung, an sichere Orte zu fliehen, und des Verlusts von Finanzmitteln für UNRWA, eine der wenigen humanitären Organisationen, die noch im Gazastreifen tätig sind, wird die Gesamtzahl der Todesopfer voraussichtlich noch höher sein.

In den jüngsten Konflikten ist die Zahl der indirekten Todesopfer drei- bis 15-mal so hoch wie die Zahl der direkten Todesopfer. Bei einer vorsichtigen Schätzung von vier indirekten Todesfällen pro einem direkten Todesfall auf die 37.396 gemeldeten Todesfälle ist es nicht unplausibel zu schätzen, dass bis zu 186 000 oder sogar mehr Todesfälle auf den aktuellen Konflikt im Gazastreifen zurückzuführen sein könnten. Legt man die für 2022 geschätzte Bevölkerungszahl des Gazastreifens von 2.375.259 zugrunde, so würde dies 7-9 % der Gesamtbevölkerung des Gazastreifens entsprechen. In einem Bericht vom 7. Februar 2024, als die unmittelbare Zahl der Todesopfer 28.000 betrug, wurde geschätzt, dass es ohne Waffenstillstand bis zum 6. August 2024 zwischen 58.260 Todesopfer (ohne eine Epidemie oder Eskalation des Krieges) und 85.750 Todesopfer (wenn beides eintritt) geben würde.

Ein sofortiger und dringender Waffenstillstand im Gazastreifen ist unabdingbar, begleitet von Maßnahmen, die die Verteilung von medizinischen Hilfsgütern, Nahrungsmitteln, sauberem Wasser und anderen Ressourcen zur Deckung der menschlichen Grundbedürfnisse ermöglichen. Gleichzeitig ist es notwendig, das Ausmaß und die Art des Leids in diesem Konflikt zu erfassen. Die Dokumentation des wahren Ausmaßes ist von entscheidender Bedeutung, um die historische Rechenschaftspflicht zu gewährleisten und die vollen Kosten des Krieges anzuerkennen. Dies ist auch ein rechtliches Erfordernis. Die vom Internationalen Gerichtshof im Januar 2024 erlassenen einstweiligen Maßnahmen verlangen von Israel, ´wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um die Zerstörung von Beweismaterial zu verhindern und die Erhaltung von Beweismaterial zu gewährleisten, das sich auf Anschuldigungen von Handlungen bezieht, die in den Anwendungsbereich der Völkermordkonvention fallen`.
Das Gesundheitsministerium von Gaza ist die einzige Organisation, die die Toten zählt. Darüber hinaus werden diese Daten für den Wiederaufbau nach dem Krieg, die Wiederherstellung der Infrastruktur und die Planung der humanitären Hilfe von entscheidender Bedeutung sein.“

Anmerkung der Redaktion von The Lancet: Martin McKee ist Mitglied des Redaktionsausschusses des Israel Journal of Health Policy Research und des internationalen Beratungsausschusses des Israel National Institute for Health Policy Research. Er war Mitvorsitzender der 6. Internationalen Jerusalemer Konferenz zur Gesundheitspolitik 2016 des Instituts, schreibt aber in persönlicher Eigenschaft. Er arbeitet auch mit Forschern in Israel, Palästina und dem Libanon zusammen. Rasha Khatib und Salim Yusuf erklären, dass sie keine konkurrierenden Interessen haben. Die Autoren danken den Mitgliedern des Studienteams Shofiqul Islam und Safa Noreen für ihren Beitrag zur Erhebung und Verwaltung der Daten für diese Korrespondenz. Die Lancet-Gruppe nimmt eine neutrale Position in Bezug auf territoriale Ansprüche in veröffentlichten Texten und institutionelle Zugehörigkeiten ein.
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(24)01169-3/volltext


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BIP-Aktuell #311: Verhungernlassen als Waffe

Was wir wissen und was wir sehen

BIP-Aktuell #311:

  1. Verhungernlassen als Waffe
  2. Israel verschärft Kontrolle über Zone B – Annexion des Westjordanlandes beginnt

Es ist mittlerweile erwiesen, dass Israel den Hunger als Kriegswaffe einsetzt und  verhindert, dass ausreichend Lebensmittel in den Gazastreifen gelangen. Die israelische Regierung hat diese Absicht sogar angekündigt und das Urteil des Internationalen Gerichtshofs (IGH) ignoriert, die Blockade von Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten einzustellen. Die deutsche Regierung und die israelischen Medien bestreiten den Einsatz des Hungers als Waffe und erkennen nicht an, dass es sich um einen Akt des Völkermords handelt. Wird er auch in den deutschen Medien thematisiert werden?

Im März veröffentlichte das Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und  Palästinensern (BIP) einen Bericht über den Hunger in Gaza (BIP-Aktuell #295). Human Rights Watch veröffentlichte bereits im Dezember eine Warnung, dass der Hunger in Gaza keine Naturkatastrophe ist, sondern ein vorsätzlicher Einsatz als Kriegswaffe und damit ein Kriegsverbrechen. In der Tat haben die israelische Politik und das israelische Militär keinen Hehl daraus gemacht, dass sie die palästinensische Bevölkerung aushungern wollen, wie Verteidigungsminister Yoav Gallant in seiner Rede vom 9. Oktober sagte: Die Palästinenser in Gaza werden vom Zugang zu Nahrungsmitteln, Wasser und Medikamenten abgeschnitten. Dies deutet auf die Absicht hin, einer Bevölkerung die notwendigen Lebensbedingungen zu entziehen, ein Verbrechen gemäß Artikel 2 c der Konvention zur Verhütung und Bestrafung von Völkermord. Am 26. Januar entschied der IGH, dass Israel die Maßnahmen nach Artikel 2 der Konvention einstellen muss, eine Anordnung, die Israel ignorierte.



Screenshot aus einem Al-Jazeera-Video über die hungernden Kinder in Gaza vom März. Normalerweise veröffentlichen wir keine Fotos wie dieses, die auf unsere Leser eine verstörende Wirkung haben können. Da es in dieser Ausgabe aber darum geht, die Realität des Hungers zu dokumentieren, meinen wir, dass es notwendig ist, ein Bild (von Tausenden) zu zeigen. Quelle: 2024, Al-Jazeera.


Die israelischen Zeitungen berichteten nicht über die Hungersnot in Gaza, was die Frage aufwirft, ob die israelische Öffentlichkeit sich der begangenen Gräueltaten bewusst ist. Als die Türkei Sanktionen gegen Israel ankündigte und die Ausfuhr von Gütern mit doppeltem Verwendungszweck („dual-use“) aus türkischen Häfen so lange blockiert (siehe BIP-Aktuell #302), bis Hilfsgüter in den Gazastreifen gelangen dürfen, antworteten die israelischen Zeitungen mit Unverständnis, denn Hilfsgüter dürfen, so behaupteten sie, nach Gaza gelangen.

 Es hat sich eine Gruppe von Israelis als Bewegung gebildet, die sich „Tsav 9“ oder “Befehl Nummer Neun” nennt (der Name bezieht sich auf den Befehl Nr. 8, den Notruf zur Einberufung von Reservisten), um Lastwagen mit Hilfsgütern, insbesondere mit Lebensmitteln, zu blockieren, in einen Hinterhalt zu locken und anzugreifen, bevor sie in den Gazastreifen gelangen können. Dies zeigt, dass das Wissen um die Verweigerung von Hilfsgütern unter Israelis durchaus vorhanden ist. Die radikalen Aktivisten brachten ihre Kinder mit, um sich an der Erstürmung der Lastwagen für Hilfsgüter zu beteiligen und die Lebensmittel auf dem Boden zu zerstreuen, damit die hungernden Menschen in Gaza nichts bekommen. Die israelische Polizei unternahm nichts, um die Lastwagen zu schützen. So konnten die Hilfsgüter nicht mehr über israelisches Gebiet nach Gaza geliefert werden.
Anstatt die Waffenlieferungen an Israel zu stoppen, um Druck auf Israel auszuüben, damit das Töten aufhört, versprachen die USA, eine schwimmende Anlegestelle einzurichten und Schiffen die Lieferung von Lebensmitteln nach Gaza vom Meer aus zu ermöglichen, aber die Anlegestelle wurde von der Strömung weggerissen. Es kann den Israelis somit nicht unbekannt sein, dass nicht genug Lebensmittel den Gazastreifen erreichen.

In ihrem Artikel in Haaretz vom 6. April (Quelle auf Hebräisch) verwies Prof. Dr. Yuli Tamir auf das absichtliche Aushungern der Menschen in Gaza. Tamir repräsentiert die Mitte der israelischen Gesellschaft. Sie war einst Mitbegründerin der Peace-Now-Bewegung und von 1999 bis 2001 Bildungsministerin in der Regierung von Ehud Barak, später Vorstandsmitglied des größten israelischen Rüstungsunternehmens Elbit Systems und ist derzeit Präsidentin des Beit Berl College für Bildung. In ihrem Artikel verwendete Tamir nicht den Begriff “Völkermord” (sonst hätte Haaretz ihn kaum veröffentlicht), sondern schrieb einfach, dass das absichtliche Aushungern ein Verbrechen ist, das das Existenzrecht des Staates Israel in Frage stellt. Eine solche Aussage von einer der Führerinnen der israelischen Arbeitspartei, die ihr Leben dem Dienst am Staat gewidmet hat und 2019 ein Buch mit dem Titel “Why Nationalism?” veröffentlicht hat, um den israelischen Patriotismus zu rechtfertigen, ist ein Weckruf für deutsche Politiker, die über Israels “Existenzrecht” wie ein Mantra sprechen. Das vorsätzliche Verhungernlassen hat alle Grenzen des Humanitären Völkerrechts überschritten.



Prof. Dr. Yuli Tamir. Quelle: 2018, Sasha Fleet, Wikipedia.


Bei seinem Besuch in Israel sagte Bundeskanzler Olaf Scholz: “Wir können nicht danebenstehen und riskieren, dass Palästinenserinnen und Palästinenser Hunger leiden” – eine unklare Aussage. Sie weist zwar auf die Verantwortung Deutschlands hin, das nicht tatenlos zusehen darf, wie Menschen verhungern. Sie bedeutet aber auch nicht, dass Deutschland seine Waffenexporte nach Israel einstellen wird. Scholz’ Erklärung war lediglich eine freundliche Warnung an Israel, aber die israelische Regierung, die das Urteil des IGH bereits ignoriert hat, ignoriert natürlich auch die Warnung von Scholz und demaskiert sie als leere Worte.

Der Hunger ist nicht auf den Gazastreifen selbst beschränkt. Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass Palästinenser in israelischen Gefängnissen und Gefangenenlagern, insbesondere im Gefangenenlager Sde Teiman (“Jemen-Feld”) in der Wüste, ausgehungert wurden, unabhängig davon, ob die Gefangenen aus dem Gazastreifen oder aus dem Westjordanland stammten. Mindestens 27 Gefangene starben in israelischen Gefängnissen an einer Kombination aus Hunger und körperlicher Folter. Nur wenige Gefangene wurden freigelassen, darunter der Direktor des Al-Shifa-Krankenhauses, Dr. Muhammed Abu Salmiya, der die Haftbedingungen und die unzureichende Versorgung mit Nahrungsmitteln beklagte. Der für die Gefängnisse zuständige israelische Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, wies die Anschuldigungen nicht zurück, sondern erinnerte daran, dass er versprochen hatte, die Bedingungen für palästinensische Gefangene zu verschlechtern, und dass “eine Todesstrafe für Terroristen das Problem der überfüllten Gefängnisse lösen wird” (Quelle auf Hebräisch). Wenn Gefangene ohne Gerichtsverfahren und unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten werden und keine Nahrung zum Überleben erhalten, kann dann ihr Haftort noch als “Gefängnis” bezeichnet werden?

Am 3. Juli veröffentlichte Haaretz endlich einen Bericht von Reuters über die Hungersnot in Gaza (Quelle auf Hebräisch). Diese Zeitung hatte es bisher vermieden, Fotos von verhungernden Kindern zu zeigen, weil sie sofort Assoziationen zum Holocaust hervorrufen und die Zeitung somit zwingen würde, von einem Völkermord zu sprechen. Dieser Reuters-Bericht, der sich auf Recherchen von UNICEF stützt, enthielt jedoch Fotos. Die Daten der IPC (Integrierte Klassifizierung der Ernährungssicherheitsphase – Integrated nourishment Phase Classification) zeigen, dass mehr als eine Million Menschen in Gaza an akuter Unterernährung leiden. Kinder werden für den Rest ihres Lebens gesundheitliche Probleme haben. Wie der Nobelpreisträger und Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen schrieb, verursacht eine Hungersnot dauerhafte und verheerende Schäden in einer Gesellschaft, die jeden Aspekt des Lebens beeinträchtigen, und selbst nach lediglich einigen Monaten der Hungersnot dauert es Jahrzehnte, bis sich die Menschen davon  erholen.

Oxfam veröffentlichte einen dringenden Appell an die Welt, einzugreifen und die Hungersnot zu beenden. Oxfam warnt, dass die Hungersnot eine Folge des israelischen Angriffs und der Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft ist. “Nennt es Hungersnot oder nennt es nicht Hungersnot – so oder so stehen Menschenleben auf dem Spiel.”

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden. dfsf

Israel verschärft Kontrolle über Zone B – Annexion des Westjordanlandes beginnt
2. Juli 2024
Von Fayha Shalash – Ramallah

„Die israelischen Behörden treiben ihre Annexionspläne im besetzten Westjordanland voran, was einen eklatanten Verstoß gegen das Völkerrecht darstellt. In ihrer jüngsten Annexionsaktion hat die israelische Regierung beschlossen, die Bautätigkeit von Palästinensern in der sogenannten Zone B einzuschränken oder zu verhindern, einer Region, die [gemäß den Oslo-Abkommen] der gemeinsamen Souveränität  der Palästinensischen Autonomiebehörde und Israel unterliegt.
Trotz der Behauptungen, dass die Entscheidung aus ´Sicherheitsgründen` motiviert sei, glauben die Palästinenser, dass Israel lediglich darauf abzielt, mehr Land zu annektieren und seinen Handlungsspielraum sogar über die als Zone C klassifizierten Gebiete hinaus auszudehnen – die der israelischen Souveränität unterliegen und fast 60 Prozent der Gesamtgröße des Westjordanlandes ausmachen.
In der Praxis bedeutet dies, dass Palästinenser sowohl in den B– und C-Gebieten nicht mehr ohne israelische Beschränkungen bauen dürfen. Dies lässt ihnen nur die Möglichkeit, im A-Gebiet zu bauen, das unter die Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) fällt. Die Fläche ist jedoch sehr klein – 18 Prozent des Westjordanlandes – und reicht kaum für ein Zehntel der Gesamtbevölkerung aus.
Zusätzlich zu den [völkerrechtlich]  illegalen Siedlungen und Außenposten entzog Israel die Sicherheits-, Verwaltungs- und Zivilbefugnisse der PA in den  A- , B- und C-Gebieten. Mit den jüngsten Entscheidungen kontrolliert es nun praktisch mehr als 80 Prozent des Westjordanlandes.
Tamer Abu Aisha lebt in Hebron – arabisch: Al-Khalil. Vor einigen Tagen stürmten über 20 maskierte Mitglieder der israelischen Armee sein Haus und befahlen ihm, das Haus sofort zu verlassen, ohne ihm auch nur zu erlauben, seine Sachen zu packen. Innerhalb weniger Minuten wurde das Haus, das sich in Zone B befand, abgerissen, obwohl es von der Stadtverwaltung von Hebron und der sogenannten israelischen Zivilverwaltung lizenziert war.
Tamers Bruder Nader sagte dem Palestine Chronicle, dass das israelische Militär die Maßnahme damit begründete, dass das Haus eine ´Bedrohung für die Sicherheit des Staates Israel` darstelle, ohne weitere Erläuterungen. Das Gebäude wurde zusammen mit allen Möbeln und Einrichtungsgegenständen abgerissen.
Das 2013 erbaute Haus wurde von Tamers Familie bewohnt, die aus acht Personen besteht, darunter sechs Kinder. Sie wurden bis vor wenigen Wochen nie über den Abriss informiert. ´Mein Bruder und seine Familie leben jetzt in einem gemieteten Zimmer, nachdem sie früher in einem zweistöckigen Haus gelebt haben, das sie ihre gesamten Ersparnisse gekostet hat`, sagte Nader.
Während er mit dem israelischen Offizier diskutierte, wurde Nader gesagt, dass Israel auch bestimmte Gebiete innerhalb der Zone A kontrolliert, die bisher von der PA kontrolliert wird, wo es den Bau unter dem gleichen Vorwand, dem der Sicherheit, verhindert.
´Israels Ziel ist es, uns alle von unserem Land zu entwurzeln. Nachdem sie das Land konfisziert und uns gestohlen haben, werden sie seine Bewohner vertreiben`, behauptete er.
In Gebieten, die als Zone  B eingestuft sind, dringen illegale jüdische Siedler, eskortiert von der israelischen Armee, regelmäßig in sog. archäologische Gebiete ein, unter dem Vorwand, dass es sich um religiöse Stätten handele. Aufgrund ihrer strategischen Lage glauben die Palästinenser jedoch, dass das eigentliche Ziel darin besteht, lebenswichtige Gebiete zu kontrollieren und sie in illegale Siedlungsaußenposten zu verwandeln.
Experten für Siedlungsangelegenheiten haben bestätigt, dass es Siedlergruppen gibt, die sich auf die Überwachung palästinensischer Bauten in der Zone C und  in der Nähe von  Siedlungen  in der Zone B spezialisiert haben. Sie sagen, dass diese Gruppen von der israelischen Regierung bezahlt werden.
Seit der Bildung der derzeitigen rechtsextremen Regierung von Benjamin Netanjahu im Dezember 2022 sind die illegalen und oft gewaltsamen Beschlagnahmungen palästinensischen Landes und der Siedlungsausbau eskaliert.
Suhail Khaliliyah, Direktor der Siedlungsüberwachungseinheit am ARIJ Center for Applied Research, sagte uns, dass Israels Entscheidung gefährliche Konsequenzen haben kann. ´Es stimmt, dass die Entscheidung nicht bedeutet, dass alle Bauvorhaben in der Zone B eingeschränkt werden, aber es ist ein gefährlicher Schritt, weil sie den Palästinensern weiter die Möglichkeit nimmt, ihr Land zu nutzen und in der Nähe der (illegalen) Siedlungen zu bauen`, erklärte er. Laut Khaliliyah werden große Teile des Territoriums rund um die illegalen Siedlungen konfisziert. ´Der extremistische israelische Finanzminister Bezalel Smotrich ist jetzt für die Zivilverwaltung verantwortlich, also hat er nicht gezögert, eine solche Entscheidung zu treffen, erklärte Khaliliyah.
Tatsächlich treibt die Regierung ihre Annexionspläne voran, um den Forderungen jüdischer Siedlergruppen nachzukommen, deren Hauptziel es ist, alle Gebiete rund um die Siedlungen, die israelischen Militärlager und die Apartheidmauer zu kontrollieren.“ https://www.palestinechronicle.com/israel-tightens-control-over-area-b-annexation-of-west-bank-begins/
Anmerkung der Redaktion: Laut Oslo-Abkommen ist in der Zone B die Palästinensische Autonomiebehörde für die Zivilverwaltung zuständig. Aber, wie Evelyn Hecht-Galinski zutreffend titelte: „Das elfte Gebot: Israel darf alles“.


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BIP-Aktuell #310: Die Mitschuld der EU am Völkermord

Bericht des Transnationalen Instituts Amsterdam

BIP-Aktuell #310:

  1. Die Komplizenschaft der EU mit dem Genozid
  2. Verwundeter Palästinenser vor israelisches Armeefahrzeug geschnallt und als menschlicher Schutzschild benutzt

Das Transnational Institute hat einen umfassenden Bericht über die Komplizenschaft der EU bei den Verbrechen Israels, einschließlich des Verbrechens des Völkermords, veröffentlicht. Der Bericht gibt einen historischen Überblick und beschreibt detailliert die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Maßnahmen, mit denen die EU Israel unterstützt und die Rechte der Palästinenser diskriminiert. Der Bericht bietet eine ausführliche Zeitleiste der EU-Aktionen und -Erklärungen nach dem 7. Oktober. Im Folgenden finden Sie eine kurze Zusammenfassung und die wichtigsten Punkte des Berichts.

Die in Amsterdam ansässige Organisation Transnational Institute (TNI) hat am 4. Juni einen umfangreichen, 81-seitigen Bericht über die Komplizenschaft der EU mit den Verbrechen Israels veröffentlicht. Der Bericht besteht aus vier Kapiteln. Im ersten wird die Geschichte der europäischen Kolonialinteressen in Palästina untersucht. Das zweite Kapitel berichtet über die Allianz der EU mit Israel. Das dritte befasst sich mit dem Waffenhandel zwischen der EU und Israel und das vierte ist eine Zeitleiste der Ereignisse, die die Komplizenschaft der EU mit Israels anhaltendem Völkermord in Gaza aufzeigt.



EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei einem Treffen mit dem wegen Kriegsverbrechen verdächtigten Netanjahu. Quelle: 2024, Pressedienst der israelischen Regierung.


Der Bericht beginnt mit einem historischen Überblick über den Kolonialismus europäischer Staaten in Palästina, insbesondere durch Großbritannien und Frankreich – das Sykes-Pikot-Abkommen und die Balfour-Erklärung. Das zweite Kapitel, das sich auf die EU konzentriert, ist für die aktuelle Politik von größerer Bedeutung. Die Aussage der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die Israel zum 75. Unabhängigkeitstag gratulierte, indem sie das Märchen wiederholte, die Israelis hätten “die Wüste zum Blühen gebracht”, beweist, dass die koloniale Ideologie des vorigen Jahrhunderts bis heute auf allen Ebenen der EU vorherrscht. Dies zeigt sich nicht nur in Worten, sondern auch in Taten, da Israel im Rahmen des Assoziierungsabkommens von 1995 (siehe BIP-Aktuell #258) Handelsvorteile von der EU erhält, die vermutlich kein anderes Land außerhalb der EU genießt. Um Israel diese Vorteile zu gewähren, verletzt die EU ihre eigenen Gesetze, insbesondere Artikel 2 des Assoziierungsabkommens, die das Abkommen von der Einhaltung der Menschenrechte abhängig macht. Die EU erlaubt israelischen Rüstungsunternehmen auch die Teilnahme am Forschungsprogramm Horizon Europe. Damit verstößt die EU gegen ihre eigenen Richtlinien. Nach dem 7. Oktober und dem Beginn des israelischen Angriffs auf den Gazastreifen genehmigte die EU 130 Forschungszuschüsse an israelische Institutionen und Unternehmen im Rahmen des Programms Horizon Europe im Wert von 126 Millionen Euro. Davon gingen 640.000 Euro an das israelische Rüstungsunternehmen IAI, das Waffen entwickelt und herstellt, mit denen palästinensische Zivilisten getötet werden.

Das Kapitel über den EU-Waffenhandel mit Israel dürfte für deutsche Leser von besonderem Interesse sein, denn zwischen 2018 und 2022 machten deutsche Exportgenehmigungen für Waffen nach Israel in Höhe von rund 880 Millionen Euro etwa die Hälfte der gesamten Waffenexporte der EU nach Israel aus. Deutschland ist nach den USA der weltweit zweitgrößte Waffenlieferant Israels. Die EU importiert auch Waffen aus Israel: Etwa 25 % der israelischen Waffenexporte sind für die EU bestimmt. Israelische Waffen werden von FRONTEX eingesetzt, um Flüchtlinge daran zu hindern, Europa zu erreichen. Der größte Importeur israelischer Waffen in der EU ist Deutschland, auch schon vor dem Vertrag für Arrow3-Raketen (siehe BIP-Aktuell #212). Die EU betreibt darüber hinaus eine gemeinsame Sicherheitsforschung mit israelischen Rüstungsunternehmen und sogar mit dem israelischen Ministerium für öffentliche Sicherheit, das derzeit unter der Kontrolle von Minister Itamar Ben-Gvir steht (BIP-Aktuell #236). Zwei deutsche Universitäten, die Hochschule für den Öffentlichen Dienst in Bayern und die Technische Universität Berlin, haben gemeinsame Sicherheitsprojekte mit israelischen Universitäten.

TNI weist darauf hin, dass der „Gemeinsame Standpunkt der Europäischen Union zu Waffenexporten“ den Verkauf von Waffen an eine Besatzungsmacht, die Kriegsverbrechen begeht, verbietet. Israelische Rüstungsunternehmen vermarkten ihre Waffen als “kampferprobt“ (war proofed), nachdem sie sie an Palästinensern getestet haben. Die EU-Länder treiben weiterhin Handel mit diesen Unternehmen und legitimiert damit die Erprobung von Militärtechnologien an Zivilisten. Nachdem der Internationale Gerichtshof am 26. Januar festgestellt hat, dass es “plausible“ Gründe gibt, Israel des Völkermordes zu beschuldigen, ist die rechtliche Verpflichtung, Waffenverkäufe, -käufe und -transit an Israel zu beenden, im internationalen Recht verankert.


Die Tabelle zeigt die Waffenexportgenehmigungen der EU-Staaten nach Israel zwischen 2018 und 2022. Quelle: TNI, 2024.


Nach dem 7. Oktober nahmen die EU und ihre Mitgliedsstaaten eine einseitige Haltung zur Unterstützung Israels ein. Der Sitz der Europäischen Kommission im Berlaymont-Gebäude wurde am 8. Oktober mit den Farben der israelischen Flagge beleuchtet, was der israelische Botschafter bei der EU, Haim Regev, mit den Worten kommentierte, der “Anblick … stärke unsere Entschlossenheit”. Stunden nachdem der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant verkündet hatte, dass die Palästinenser menschliche Tiere seien und keine Nahrung, kein Wasser und keine Elektrizität erhalten würden (siehe BIP-Aktuell #277), kündigte der EU-Nachbarschaftskommissar Olivér Várhelyi an, dass die Europäische Kommission die Hilfen für Palästina einstellen werde. Deutschland hatte sich dieser Ankündigung angeschlossen.

Als Israel am 13. Oktober ankündigte, dass es jeden der 1,1 Millionen Bewohner des nördlichen Gazastreifens töten wird, wenn sie nicht innerhalb von 24 Stunden in den Süden ziehen, verbreitete Kommissionspräsidentin von der Leyen Fotos von sich selbst aus Israel, wo sie sich mit Generälen und Politikern traf. Sie behauptete, sie habe die “am stärksten betroffenen Gebiete” besucht, nicht aber den Gazastreifen. Das Vorgehen der israelischen Armee bezeichnete der israelische Prof. Dr. Raz Segal in einem Artikel als einen „Lehrbuchfall von Völkermord“.

Am 1. November hatte Israel bereits mehr als 25.000 Tonnen Sprengstoff auf Gaza abgeworfen, was der Sprengkraft von zwei Atombomben entspricht. An diesem Tag twitterte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell, dass “Israel das Recht hat, sich zu verteidigen”. Mitte November, nachdem Israel das Al-Ahli-Krankenhaus, das Al-Quds-Krankenhaus und das Al-Shifa-Krankenhaus angegriffen hatte (siehe BIP-Aktuell #281), gab die EU eine Erklärung ab, in der sie die Hamas dafür verurteilte, dass sie Krankenhäuser und Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt, anstatt Israel für die Angriffe auf Krankenhäuser zu verurteilen.

Erst am 18. Januar war das Europäische Parlament bereit, eine Entschließung zu verabschieden, in der es zu einem Waffenstillstand aufrief und auf die humanitäre Krise und die Notwendigkeit des Schutzes der Zivilbevölkerung hinwies, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Geiseln freigelassen und die Hamas zerschlagen wird. “Die Europäische Union will, dass Israel diesen Krieg gegen die Hamas gewinnt”.  Dies kann man kaum als einen Aufruf zu einem Waffenstillstand verstehen, eher zur Fortsetzung des Krieges. Am 19. Januar beschloss die EU Sanktionen gegen Einzelpersonen und Organisationen, die die Hamas und den Palästinensischen Islamischen Dschihad unterstützen.  Bisher hat die EU nur Sanktionen gegen einzelne gewalttätige israelische Siedler beschlossen.

Mehrere EU-Mitgliedsstaaten, allen voran Deutschland, kündigten an, die Finanzierung von UNRWA, der wichtigsten Hilfsorganisation, die den Palästinensern im Gazastreifen Nothilfe leistet (siehe BIP-Aktuell #291), aufgrund einer Propagandakampagne Israels auszusetzen, UNWRA-Mitarbeiter seien am 7. Oktober am Angriff auf Israel beteiligt gewesen. Diese Kampagne stellte sich später als Lüge heraus.

Am 18. März diskutierte  der Europäische Rat über das Assoziierungsabkommen mit Israel, wobei er anerkannte, dass die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens von einer Hungersnot betroffen sei. Die Sitzung endete mit dem Beschluss, die Diskussion auf einen späteren Termin zu verschieben. Erst am 21. März, fünfeinhalb Monate nach Beginn des Krieges, nachdem  bereits mehr als 30.000 Menschen in Gaza getötet worden waren, forderten die Staats- und Regierungschefs der EU erstmals eine “sofortige humanitäre Pause, die zu einem dauerhaften Waffenstillstand führt”.

Der TNI-Bericht erwähnt als Teil der Komplizenschaft der EU mit Israels Völkermord auch, dass Deutschland den Palästina-Kongress in Berlin am 12. April gewaltsam und rechtswidrig verbot.

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.

Mondoweiss berichtet:
„Während einer Razzia in Jenin haben israelische Soldaten einen verletzten palästinensischen Zivilisten an die Front eines Militärjeeps geschnallt und ihn als menschlicher Schutzschild durch die Straße gefahren. Er wurde schließlich an palästinensische medizinische Teams übergeben.
´Als ich sah, dass die Besatzungssoldaten in den Raum schossen, steckte ich meinen Kopf unter die Decke und versteckte mich`, sagte der 13-jährige Alaa Husseiniyya, der Zeuge einer israelischen Militäroperation wurde, die am Samstag in Jenin von Spezialeinheiten durchgeführt wurde.
Die Operation fand im Jabariyat-Viertel von Jenin statt und richtete sich gegen palästinensische Widerstandskämpfer, die sich in der Nähe des Hauses aufhielten, in dem Alaa zusammen mit seinen Onkeln schlief.
Alaa erzählte Mondoweiss, dass israelische Soldaten das Zimmer, in dem er und seine Onkel schliefen, stürmten und wahllos auf sie zu schießen begannen. Als er die Decke von seinem Kopf zog, sah er seinen Onkel, Majd Husseiniyya, verwundet am Boden liegen. Neben ihm lag ein weiterer Mann, Mujahid Balas, der an beiden Beinen verletzt war und außerhalb des Zimmers auf dem Boden lag.
Die israelischen Streitkräfte ergriffen einen der Verletzten, schnallten ihn vorne an ein Militärfahrzeug und fuhren mit ihm herum, während sie ihn als menschlichen Schutzschild vorführten, bevor sie ihn schließlich an palästinensische Sanitäter übergaben, die ihn in ein Krankenhaus in Jenin brachten.
Ein Augenzeuge, der es vorzog, anonym zu bleiben, sagte gegenüber Mondoweiss, dass die israelischen Streitkräfte den Verletzten absichtlich misshandelten.
´Sie schienen mit ihm zu spielen, um sich zu amüsieren`, sagte der Augenzeuge und wies darauf hin, dass der Mann weder gesucht wurde noch ein Widerstandskämpfer war, sondern ein unbewaffneter Zivilist. Dies zeigte sich auch daran, dass die israelischen Streitkräfte ihn nicht festnahmen, sondern dem palästinensischen Krankenwagen übergaben, nachdem sie ihn mehrere Minuten lang in der heißen Sommersonne an der Vorderseite des Fahrzeugs festgeschnallt hatten.
Ra’fat Husseiniyya, der Besitzer des Hauses, in dem die Razzia stattfand, sagte, die jungen Männer hätten wie jede Nacht in seinem Haus geschlafen. Die Armee habe nichts gegen sie in der Hand, und sie würden nicht des Widerstands verdächtigt, sagte Ra’fat. Aber die israelischen Spezialeinheiten schossen direkt auf sie, während sie schliefen.
Die Soldaten verhörten ihn und fragten ihn nach seiner Beziehung zu den Männern im Haus. Er sagte ihnen, dass sie seine Brüder seien und dass es keinen Grund gebe, das Haus zu stürmen und sie zu verhaften. Er erklärte, dass die Besatzungsarmee die medizinische Versorgung seines Bruders Majd stundenlang hinauszögerte, bevor sie ihm erste Hilfe leistete.
Nach Angaben der israelischen Zeitung Yedioth Aharonoth untersucht die israelische Armee den Vorfall mit dem Mann, der an das Armeefahrzeug gefesselt war.
Während der israelischen Operation, die etwa drei Stunden dauerte, setzten die israelischen Streitkräfte ein ziviles Fahrzeug in Brand, das vor dem belagerten Haus geparkt war. Nachdem die Spezialeinheiten vom Widerstand entdeckt worden waren, kam es zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen Widerstandskämpfern und israelischen Soldaten. Die Soldaten schossen während dieser Auseinandersetzungen auf Zivilisten und Häuser.
Während der Razzia teilte die Jenin-Brigade über ihren Telegrammkanal mit, dass sie die Spezialeinheiten im Viertel Jabariyat entdeckt und in ein Gefecht verwickelt habe, indem sie die eindringenden Kräfte mit scharfer Munition und lokal improvisierten Sprengsätzen beschossen habe. Später meldete die Brigade, sie habe Infanteriesoldaten ins Visier genommen und bestätigte, dass es unter ihnen Tote gegeben habe.

Der Palästinensische Rote Halbmond meldete, dass seine Teams drei durch scharfe Munition verletzte Personen in der Gegend von Jabariyat behandelten.
Die israelischen Streitkräfte nahmen bei der Razzia in dem Viertel drei junge Männer fest, darunter den verletzten Majd Husseiniyya. Die Art seiner Verletzung ist noch unbekannt. Die israelische Armee brachte ihn mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus am Kontrollpunkt Salem im Westen der Stadt.
Die Familie erklärte, sie habe bisher keine Informationen über den Verbleib von Majd oder seinen Gesundheitszustand erhalten. Keine offizielle Behörde hat sich mit ihnen in Verbindung gesetzt, um sie über seinen Zustand zu informieren oder darüber, wohin er verlegt worden ist.
Der Einmarsch in Jenin erfolgte einen Tag, nachdem eine verdeckte israelische Spezialeinheit, die in einem zivilen Fahrzeug mit palästinensischem Nummernschild unterwegs war, einen Anführer der Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden in Qalqilya ermordet hatte. Während des Einsatzes in Qalqilya verfolgte die Armee ein palästinensisches Fahrzeug und schoss auf die Insassen, wobei die Widerstandskämpfer Ihab Abu Hamed und Mahmoud Mansour getötet wurden. Ihre Leichen wurden von der Armee beschlagnahmt.
Insbesondere seit dem 7. Oktober setzt die israelische Armee bei ihren Razzien zunehmend Spezialkräfte in Zivilkleidung oder palästinensische Zivilfahrzeuge ein. Diese Eskalation sei eine Reaktion auf die verstärkte Präsenz von bewaffnetem Widerstand in den nördlichen Gebieten des Westjordanlandes.“  https://mondoweiss.net/2024/06/wounded-palestinian-man-strapped-to-front-of-israeli-army-vehicle-used-as-human-shield/?ml_recipient=124931589917377857&ml_link=124931586111047237&utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_term=2024-06-24&utm_campaign=Daily+Headlines+RSS+Automation


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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