BIP-Aktuell #316: Der Pakt zwischen Zionismus und ultraorthodoxen Juden bekommt Risse

Es wurde kein Kompromiss beim Militärdienst von Ultra-Orthodoxen gefunden

BIP-Aktuell #316:

  1. Der Pakt zwischen Zionismus und ultraorthodoxen Juden bekommt Risse
  2. Die Spitze des Eisbergs: Israel kann schreckliche Misshandlungen von Palästinensern durch seine Soldaten nicht beschönigen

Die ultraorthodoxen Gemeinschaften in Israel sind sehr unterschiedlich, aber alle sind sich einig darin, dass sie keinen Militärdienst leisten wollen. Der Krieg im Gazastreifen zwang das israelische Verteidigungsministerium jetzt, die Zahl der Soldaten zu erhöhen. Daher wies der Oberste Gerichtshof Israels die Regierung an, ultraorthodoxe Juden einzuberufen, die sich jedoch weigern, als Soldaten zu dienen. Der Oberste Gerichtshof Israels akzeptierte die Auffassung, dass nur Juden vollwertige Bürger des Staates sind, die zum Militärdienst verpflichtet sind, und bestätigte damit indirekt den Status Israels als Apartheidstaat. Aber die israelische Regierung hält sich nicht an die Anordnungen des Gerichts und macht die israelische Gewaltenteilung zur Farce.

Die Gemara, ein Teil des Talmud, befiehlt den Juden, das heilige Land nicht vor der Ankunft des Messias zu besiedeln. Daher wurde und wird die zionistische Bewegung in den Augen frommer Juden als blasphemisch angesehen. Ultraorthodoxe Juden, die vor der Gründung des Staates Israel in Palästina lebten, lehnten die Idee eines jüdischen Staates ab. Die zionistische Bewegung unter der Führung von Ben-Gurion suchte ein Bündnis mit den Ultraorthodoxen, um im Staat eine jüdische Mehrheit zu erreichen. Als der Staat 1948 gegründet und die Wehrpflicht eingeführt wurde, wurden ultraorthodoxe Jeschiwa-Studenten vom Militärdienst befreit, um dieses Bündnis zu erhalten.




Neturei Karta ist eine antizionistische Gruppe unter den aschkenasischen, misnagdimischen Ultra-Orthodoxen. Quelle: 2005, Wikipedia.



Trotz ähnlicher Bekleidungstradition ist die ultraorthodoxe Gemeinschaft nicht homogen. Es gibt Unterschiede zwischen den aschkenasischen Gruppen (europäischen Ursprungs) und den sefardischen Gruppen, die den Traditionen der großen Rabbiner aus dem Irak, Iran, Jemen und Nordafrika folgen. Zwischen den chassidischen Juden und den Misnagdim (auch Litauer genannt) gibt es große theologische, politische und kulturelle Unterschiede. Dennoch bezeichnen sie sich auf Hebräisch gemeinsam als “Haredim“, wörtlich “die Gottesfürchten”. Die deutschen Medien übersehen diese Unterschiede und berichten über die Ultra-Orthodoxen, als seien sie eine homogene Gruppe und stellen sie oft als Extremisten dar. In Wirklichkeit sind die Ultra-Orthodoxen die am wenigsten militaristische jüdische Gruppe in Israel.

In den 76 Jahren des Bestehens Israels wuchs die ultraorthodoxe Gemeinschaft auf 13 % der israelischen Bürger (und 16,5 % der jüdischen Bürger) an. Mehrere politische Parteien vertreten die Ultra-Orthodoxen in der israelischen Politik. Derzeit stellen Yahadut Hatora mit 7 Sitzen als Vertreter der aschkenasischen Ultraorthodoxen und Shas mit 11 Sitzen als Vertreter der sefardischen Ultraorthodoxen fast ein Drittel von Netanjahus Koalition mit 64 Sitzen. Diese Parteien waren in der Vergangenheit bereit, Koalitionen mit linkszionistischen Parteien einzugehen. Sie waren beispielsweise Teil der Koalition von Yitzhak Rabin, die die Osloer Abkommen unterzeichnete, entfremdeten sich aber allmählich von der zionistischen Linken aufgrund der ständigen Forderungen dieser Parteien, nach denen die Ultra-Orthodoxen ihre Autonomie, die staatliche Finanzierung ihres Bildungssystems und die Sozialhilfe zur Unterstützung großer Familien verlieren sollten und vor allem aufgrund der Forderungen, sie zum Militär zu rekrutieren. Infolgedessen drifteten die Ultraorthodoxen nach rechts ab. Die israelischen Regierungen bauten große illegale Siedlungen im Westjordanland mit subventionierten Wohnungen, Mikwen und Synagogen, die auf die Bedürfnisse der Ultraorthodoxen zugeschnitten waren: Modi’in Illit auf dem gestohlenen Land des palästinensischen Dorfes Bil’in und Beitar Illit auf dem gestohlenen Land des palästinensischen Dorfes Batir. Waren es bei der Gründung des Staates Israel nur 400 Jeschiwa-Studenten, die von der Wehrpflicht befreit wurden, sind es jetzt  über 60.000 (Quelle auf Hebräisch).

Die vier großen ultra-orthodoxen Zeitungen: Yated Ne’eman, Hamevaser, Hamodia und Hapeles, berichten regelmäßig über den Krieg in Gaza. Obwohl ihre Leser mehrheitlich antizionistisch eingestellt sind, nehmen die Zeitungen überwiegend eine regierungsfreundliche Position ein, berichten nicht über die an Palästinensern begangenen Gräueltaten und identifizieren sich mit dem israelischen Militär. Sie plädieren jedoch nicht für den Militärdienst. Ultraorthodoxe haben erklärt, der Militärdienst verstöße gegen ihren Glauben, bedrohe ihre kulturelle und religiöse Autonomie und entfremde die Gläubigen von der Gemeinschaft. Bei Demonstrationen bezeichnen sie den Militärdienst als Strafe, als eine Form der Zerstörung (“shmad”), und bei Demonstrationen halten die Ultraorthodoxen immer wieder Schilder hoch, auf denen steht, dass sie lieber sterben würden als zum Militär zu gehen.

Der laufende Krieg hat jedoch die Bereitschaft der israelischen Öffentlichkeit, den Pakt mit den Ultraorthodoxen zu akzeptieren, untergraben. Die  israelischen Generäle geben zu, dass sie nicht genügend Soldaten haben, insbesondere angesichts des Risikos einer regionalen Eskalation (siehe BIP-Aktuell #280), und viele Soldaten haben protestiert, dass ein umfangreicher Reservedienst ungerecht ist, wenn Ultra-Orthodoxe nicht mit ihnen dienen. Die Regierung hat versucht, das “Rekrutierungsgesetz” (Quelle auf Hebräisch) zu erlassen, das vorgibt, die Ultraorthodoxen zu rekrutieren, in Wirklichkeit aber Schlupflöcher schafft, um den Status quo zu erhalten. Dies führte zu internen Meinungsverschiedenheiten innerhalb der israelischen Regierung: Verteidigungsminister Yoav Gallant drohte, gegen den Gesetzentwurf zu stimmen, und die Opposition und die Reservisten lehnten ihn vehement ab. Der Gesetzentwurf wurde schließlich auf Eis gelegt.

Der Oberste Gerichtshof Israels hat am 25. Juni entschieden, dass die Ausnahmeregelung für Ultraorthodoxe rechtswidrig ist und dass das Verteidigungsministerium unverzüglich mit der Rekrutierung von 3.000 Männern beginnen müsse. Ultraorthodoxe haben sich fraktionsübergreifend zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen die Rekrutierung zu protestieren. In der ersten Augustwoche forderte das Verteidigungsministerium 900 junge ultraorthodoxe Männer auf, sich in den Rekrutierungszentren zu melden. Nur 48 kamen (Quelle auf Hebräisch), aber der Protest gegen die Rekrutierung hat Tausende angelockt, die sogar in die Rekrutierungszentren eindrangen. Das anhaltende Versäumnis, die Ultraorthodoxen zu rekrutieren, untergräbt die Moral der israelischen Soldaten und erhöht die Motivation der Israelis, sich dem Wehrdienst zu entziehen.



Screenshot von der Demo vor dem Rekrutierungszentrum in Tel-Aviv am 30. Juli. Auf dem Schild steht: “Ich werde auch stolz ins Gefängnis gehen und nicht zur Armee”. Quelle: 2024, Twitter.



Obwohl die Rekrutierung von Ultra-Orthodoxen im israelischen Diskurs als Akt der “Gleichheit” (gleiche Verantwortung der Bürger für den Militärdienst) diskutiert wird, sind religiöse Frauen vom Militärdienst ausgenommen, nicht-religiöse Frauen dagegen nicht. Palästinensische Bürger Israels, die 21 % der Bürger ausmachen, werden nicht einmal zum Dienst einberufen, und weder die Regierung noch die Gerichte diskutieren entsprechende Pläne. Im Jahr 1954 rief das israelische Verteidigungsministerium palästinensische Bürger auf, sich zum Militärdienst zu melden. Es meldeten sich so viele in den Rekrutierungszentren, dass dieser Aufruf sofort widerrufen wurde, weil man befürchtete, dass die Zulassung von Palästinensern zur Ausbildung als Soldaten ihnen politische Legitimität und militärische Macht verschaffen und das israelische Apartheidsystem untergraben würde (siehe BIP-Aktuell #205). Der einzige Ort, an dem Israel mehr Soldaten sucht, ist unter seinen jüdischen Bürgern, ein weiteres Indiz dafür, dass Israel eine Ethnokratie, also ein Apartheidstaat, der von einer ethnischen Gruppe regiert wird, aber keine Demokratie ist.

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BIP Aktuell wird bis zur nächsten Ausgabe am 10. September eine Sommerpause einlegen.

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.

Anmerkung der Redaktion: Lesern unseres Newsletters wird die ständig wiederkehrende Behauptung der israelischen Armeeführung, Verbrechen der Soldaten würden einer Untersuchung unterzogen, aufgefallen sein. Die Scheinheiligkeit und Fragwürdigkeit dieser Erklärungen deckt der ehemalige Direktor von B´Tselem, Hagai El-Ad, in diesem Haaretz-Artikel vom 6. August auf (s. dazu auch BIP Aktuell #315, ähnlich der Göttinger Völkerrechtler Prof. Kai Ambos in seinem Gespräch mit Thilo Jung ab 1.15 Std. https://www.youtube.com/live/iTtWMqnXKT8?si=kd9kumGIpDnvOrBr)
„Die Spitze des Eisbergs:Israel kann schreckliche Misshandlungen von Palästinensern durch seine Soldaten nicht beschönigen

Es ist nicht leicht, Verbrechen zu begehen und ungeschoren davonzukommen. Es erfordert juristisches Fachwissen und ein gewisses Maß an Raffinesse, vor allem, wenn man sich gleichzeitig mit der öffentlichen Meinung auseinandersetzen muss, sowohl lokal als auch international.
Und nein, ich spreche nicht von den Reservisten, die verdächtigt werden, eine palästinensische Gefangene auf dem Armeestützpunkt Sde Teiman vergewaltigt zu haben. Ich spreche über den Staat Israel und seine ausgeklügelten Mechanismen zur Beschönigung. Diese Mechanismen haben dem israelischen System über Generationen hinweg treu gedient. Aber es scheint, dass sie endlich ihr Verfallsdatum erreicht haben und nun unter dem Gewicht der internen Widersprüche zusammenbrechen, die sie bisher zu verbergen wussten.

Was geht im Iran wirklich vor, während Israel sich auf Vergeltung vorbereitet?
Jahrzehntelang hat das israelische System seine Fähigkeit perfektioniert, brutale Gewalt gegen Palästinenser anzuwenden, ohne dafür einen Preis zahlen zu müssen. Dies ist ein kritischer Punkt. Schließlich ist es unmöglich, Millionen von Menschen jahrzehntelang zu unterdrücken, ohne dass es zu Gewalt in einem entsetzlichen Ausmaß kommt. Aber es ist auch unmöglich, diejenigen, die solche Gewalt anwenden, immer wieder vor Gericht zu stellen, denn wer würde einer Herrschaft mit Gewalt zustimmen, wenn er später als Verbrecher denunziert wird? 
Was tun Sie also? Man lässt sich auf einen typischen israelischen Bluff ein – aber einen raffinierten.
Der Bluff ist das Betriebssystem, das bis jetzt so gut funktioniert hat. Es gehen massenhaft Beschwerden von allen ein, die sich beschweren wollen. Palästinenser, Menschenrechtsorganisationen, UN-Organisationen – bitte, beschweren Sie sich einfach. Es wird Papierkram erzeugt, aber nichts wird ernsthaft untersucht. 
Jeder Vorfall wird so behandelt, als ob es sich höchstens um einen Verstoß durch die unteren Ränge handeln würde. Gegen die Politik und die höheren Ränge wird nie ermittelt. Und das ganze Verfahren läuft sehr langsam ab. 
Es zieht sich so lange hin, dass es in der Zwischenzeit von allen vergessen wird. Die Aufmerksamkeit nimmt ab, und es vergehen Jahre. Und wer kümmert sich dann noch um einen palästinensischen Teenager, den Soldaten vor vielen Jahren irgendwo in der Nähe der Trennmauer in den Rücken geschossen und getötet haben? Aber trotzdem können wir sagen: ´Wir haben ermittelt`.
Als Teil dieses Systems wird alle paar Jahre irgendeine niedrigrangige Person angeklagt und eine große Sache daraus gemacht. Eine solche Anklage erfolgt fast immer dann, wenn es unwiderlegbare Videoaufnahmen oder forensische Beweise gibt, was kann man also tun? Und dann ist es ein Skandal. Die internationale Aufmerksamkeit ist groß. Denken Sie an den Grenzpolizisten Ben Dery in Beitunia im Jahr 2014 oder an Sergeant Elor Azaria in Hebron im Jahr 2016. In beiden Fällen gab es eindeutige Videobeweise, so dass es keine andere Wahl gab, als sie vor Gericht zu stellen. 
In beiden Fällen wurde ein Palästinenser getötet. Beide wurden verurteilt. Aber keiner von ihnen verbrachte auch nur ein Jahr im Gefängnis. 
Die Strafen waren sicherlich lächerlich. Aber sie waren nützlich. Sehen Sie: Wir haben ermittelt, wir haben Maßnahmen ergriffen. Jetzt können wir alle anderen Fälle bequem abschließen. So hat es Israel geschafft, sein Image als ein Land, das sich an seine Gesetze hält, aufrechtzuerhalten und gleichzeitig das Risiko internationaler Prozesse zu neutralisieren. 
Genau auf diese Methode bereitet sich Israels gesamtes politisches, militärisches und justizielles Establishment vor, indem es das heilige, wohlklingende Mantra wiederholt: ´Ermittlungen schützen die Soldaten.` Denken Sie einmal darüber nach, wie oft Sie diesen schwachsinnigen Satz in den letzten Monaten gehört haben: vom Premierminister und vom Oppositionsführer, vom derzeitigen Generalstabschef und von früheren Generalstabschefs, von Rechtsberatern und ehemaligen Richtern. Und damit es nicht missverstanden wird, wird die Absicht deutlich gemacht: Wenn wir hier ´ermitteln`, dann werden die Antisemiten in Den Haag dort nicht ermitteln. Also sollten wir besser hier ´ermitteln`, zwinker-zwinker. Ist das klar?
Und bei allem israelischen Bluff, der das ist – man muss zugeben, dass es gar nicht so schlecht gelaufen ist. Denken Sie auf der einen Seite an all die Leichen, all die Folter, all die Zerstörung und all die anderen Verbrechen. Dann denken Sie auf der anderen Seite an die Zahl der Israelis, die bisher im Ausland vor Gericht gestellt worden sind. Zehntausende auf der einen Seite, null auf der anderen. Die Methode funktioniert. 
Bis sie aufhörte zu funktionieren, sowohl lokal als auch international. Auf lokaler Ebene wurden die politischen Kosten der Ermittlungen und der seltenen Gerichtsverfahren zu hoch, weil die Öffentlichkeit nicht einmal mehr diesen dürftigen, heruntergekommenen Schutzschild akzeptiert. Wie das Nationalstaatsgesetz und andere ähnliche Phänomene ist auch der aktuelle politische „gute Ton“ eine jüdische Vormachtstellung von oben. Es ist eine Vormachtstellung, die sich jetzt weigert, auch nur den Anschein von Verantwortlichkeit für die Tötung oder Misshandlung von Palästinensern zu akzeptieren. 
Auch auf der internationalen Bühne funktionierte der Bluff allmählich nicht mehr. Nach Jahren wiederholter Berichte von Menschenrechtsorganisationen wurde es immer schwieriger zu leugnen, was hier wirklich vor sich geht – und dennoch war das nicht genug. Letztendlich haben jedoch die Veränderungen in der internationalen öffentlichen Meinung, die Tatsache, dass Israel sich nicht mehr darum bemüht, den Schein zu wahren, und das Ausmaß und die Dauer der Gewalt – die alle miteinander zusammenhängen – dazu geführt, dass das Risiko eines internationalen Gerichtshofs in Den Haag real ist. Dieses Risiko hat wiederum die politische Bereitschaft in Israel verringert, die ´Untersuchungs`-Farce fortzusetzen.
Denn wofür ist das alles eigentlich gut? Bei all der Show, die der Oberste Gerichtshof, der Generalstaatsanwalt, der Staatsanwalt, die Klagen und die Berge von Papierkram – sogar seltene Prozesse – veranstalten, sieht es immer noch so aus, als ob Den Haag Haftbefehle ausstellen wird. Wenn das der Fall ist, dann ist dies ‚ein Beweis, der das Sprichwort widerlegt, dass unsere Justiz unser Schutzschild gegen die Gerichte im Ausland ist`, wie Simcha Rothman erklärte. 
Rothman, der Vorsitzende des Ausschusses für Verfassung, Recht und Justiz der Knesset, erinnerte uns daran, dass das Rechtssystem hierzulande offensichtlich nur einen instrumentellen Wert hat.
Das bringt uns zu Sde Teiman – und zu Den Haag. Teile des israelischen Establishments versuchen immer noch, mit dem alten Aktivierungscode zu arbeiten. Sie tun dies zögerlich, aus Schwäche, wie unter Zwang, aus Angst vor der Menge und vor dem Ministerpräsidenten selbst. Der Ministerpräsident und seine Leute arbeiten bereits von oben herab, mit dem neuen Aktivierungscode. Aber diejenigen, die am alten Code festhalten, tun dies nicht, um der Gerechtigkeit zu dienen oder weil es das Richtige und moralisch Notwendige ist. Selbst im Angesicht der schrecklichsten Taten war und ist ihr Ziel instrumentell. Wie der israelische Generalstabschef Herzi Halevi erklärte: ´Diese Ermittlungen schützen unsere Soldaten in Israel und im Ausland und helfen, die Werte des israelischen Militärs zu schützen.` Nachdem man in dieser Woche all diesen Politikern und Offizieren zugehört hat, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die einzigen schrecklichen Dinge, die passiert sind, wenn sie überhaupt schrecklich waren, Zivilisten waren, die in Sde Teiman eingebrochen sind und die Fähigkeit des Militärs behindert haben, zu ´ermitteln`. Niemand würde sich um Gräueltaten kümmern, die von Soldaten an den ihnen anvertrauten Gefangenen begangen wurden, Gott behüte.
Diese eine Untersuchung, die diese Woche aufflog, ist nur die Spitze des Eisbergs. Weitere Ermittlungen warten nicht nur auf die unteren Ränge in Israel. Im Ausland stehen zur Abwechslung einmal echte Ermittlungen gegen sehr hochrangige Personen an. Denn die Fragen zu Sde Teiman können gar nicht anders, als bis zur Militärgeneralanwältin selbst hochzusprudeln. 
Und Fragen zur Politik der militärischen Gewaltanwendung im Gazastreifen mit seinen Zehntausenden von Toten werden nicht von Feldwebeln beantwortet werden. Und wir haben noch kein Wort über die israelische Politik im Westjordanland verloren, die voll von Kriegsverbrechen ist – Verbrechen, die im Wesentlichen Verbrechen der Politik sind, das Ergebnis von Entscheidungen, die von einer Regierung nach der anderen getroffen wurden. Internationale Haftbefehle werden kommen, und sie werden sich nicht gegen rangniedrige Beamte des Wohnungsbauministeriums richten.
Diese sich überschneidenden Kräfte sind das Ergebnis der Kreuzung zwischen Israels Regierungssystem – der reinen, offensichtlichen jüdischen Vorherrschaft – und der Realität. Es ist die Realität eines nicht-normativen Staates, der internationale rechtliche Risiken nicht vermeiden kann. Der alte Aktivierungscode ist ausgelaufen. Ihn weiter zu benutzen, ist nicht der Weg, um zu reparieren, was kaputt ist.“
https://www.haaretz.com/opinion/2024-08-06/ty-article-opinion/.premium/tip-of-the-iceberg-israel-cannot-whitewash-horrific-abuse-of-palestinians-by-its-soldiers/00000191-237e-dcd6-abf7-777f4f4a0000?utm_source=mailchimp&utm_medium=Content&utm_campaign=daily-brief&utm_content=514743bb1d


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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BIP-Aktuell #315: Am Rande des Bürgerkriegs

Chaos und Anarchie –  droht der Zusammenbruch des israelischen Staates?

BIP-Aktuell #315:

  1. Am Rande des Bürgerkriegs
  2. Die Dezimierung der akademischen Welt im Gazastreifen ist “unmöglich zu quantifizieren”

Am 29. Juli, als die Militärpolizei israelische Soldaten verhaftete, die der Vergewaltigung und anderer Misshandlungen palästinensischer Gefangener beschuldigt werden, kam es zu gewalttätigen Angriffen rechtsextremer Aktivisten auf zwei israelische Militärstützpunkte, um eine Bestrafung der Soldaten zu verhindern. Die Ohnmacht der israelischen Polizei und das Versagen der Stützpunkte, sich gegen die Eindringlinge zu wehren, zeigen eine tiefe Spaltung der israelischen Gesellschaft und eine Gefahr für die Existenz des Staates.

Die israelischen Attentate auf Fuad Shukr von der Hisbollah in Beirut und Ismail Haniyeh, den Chef des politischen Flügels der Hamas in Teheran, in der vergangenen Woche haben internationale Aufmerksamkeit erregt, da Israels illegale Angriffe auf das Hoheitsgebiet anderer Staaten die Wahrscheinlichkeit eines umfassenden regionalen Krieges stark erhöht haben (siehe BIP-Aktuell #280). Sie machen es fast unmöglich, in den Verhandlungen über einen Waffenstillstand im Gazastreifen und einen Gefangenenaustausch voranzukommen. Diese Provokationen müssen vor dem Hintergrund der tiefen politischen und rechtlichen Krise verstanden werden, die sich seit Montag, den 29. Juli 2024 in Israel abzeichnet.



Foto eines palästinensischen Gefangenen mit verbundenen Augen in Sde Teiman, das von einem anonymen Informanten zur Verfügung gestellt wurde. Quelle: 2024, über CNN, Wikipedia.



Sde Teiman [Jemenfeld] ist ein Militärgefängnis im Negev, nicht weit von Beersheba entfernt. Palästinensische Gefangene werden dort unter grausamen Bedingungen festgehalten. Israel hat im Rahmen seiner Propaganda zur Rechtfertigung des Krieges in Gaza immer wieder auf die Gewalt der Hamas und anderer palästinensischer Widerstandsgruppen gegen israelische Zivilisten am 7. Oktober verwiesen. Diese angebliche Rechtfertigung hat die deutsche Regierung davon überzeugt, die Augen vor Israels Gräueltaten in Gaza zu verschließen. Jedoch sollte daran erinnert werden, dass die meisten der in Sde Teiman inhaftierten Palästinenser keines Verbrechens angeklagt sind. Der palästinensische Anwalt Khaled Mahajneh war der erste Anwalt, der Sde Teiman betreten durfte und berichtete, was er dort am 27. Juni sah. Er sagte aus, dass das Lager schlimmer sei als in  Guantánamo, da die Gefangenen täglich gefoltert, ausgehungert und gedemütigt würden. Die Häftlinge in dem Lager hätten nicht einmal gewusst, wo sie festgehalten werden,  sie hätten ihr Gefängnis “Todeslager” genannt. 

Am 31. Juli veröffentlichte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, einen detaillierten Bericht über die Haftbedingungen in Sde Teiman. Die Lektüre des Berichts ist schwer auszuhalten. Denn unter den vielen Grausamkeiten, die darin beschrieben werden, stellt der Bericht fest, dass mindestens 53 palästinensische Gefangene in der Haft an den Folgen von Vernachlässigung, Hunger, Folter und Verweigerung des Zugangs zu medizinischer Versorgung gestorben sind. Der Bericht beschreibt auch sexuelle Gewalt gegen die Gefangenen, einschließlich Vergewaltigungen.

Die israelischen Behörden wussten, dass der Bericht bald veröffentlicht werden würde, und beschlossen, gegen eine Gruppe von Soldaten und Gefängniswärtern zu ermitteln, die im Verdacht stehen, palästinensische Gefangene vergewaltigt zu haben. Ein palästinensischer Gefangener wurde angeblich mit Werkzeugen so sehr vergewaltigt, dass er dabei schwere  Verletzungen erltt. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert und nach Sde Teiman zurückgebracht. Wie Or Bassok in Haaretz (auf Hebräisch) schrieb, ist die angekündigte Untersuchung nur ein Lippenbekenntnis, da die israelischen Justizbehörden nicht einmal Anstrengungen unternehmen, um die Bombardierung des Gazastreifens und die Hungersnot (siehe BIP-Aktuell #311), die zum Tod von Zehntausenden von Menschen geführt hat, zu untersuchen. Bassok glaubt, dass lediglich eine symbolische Anzahl israelischer Soldaten angeklagt und vor ein Kriegsgericht gestellt wird, um den Anschein der Rechtsstaatlichkeit zu erwecken. Dies wird den Internationalen Strafgerichtshof aber nicht davon überzeugen, von der Ausstellung von Haftbefehlen gegen hochrangige israelische Politiker und Offiziere abzusehen.

Am Montag, den 29. Juli, um 13 Uhr veröffentlichten Soldaten aus Sde Teiman in den sozialen Medien, dass die Militärpolizei eingetroffen sei, um Verhaftungen vorzunehmen, und baten um Hilfe. Die Zeitung Haaretz veröffentlichte eine detaillierte Beschreibung (auf Hebräisch) der Ereignisse während der folgenden 12 Stunden. Israelische Knessetmitglieder publizierten Erklärungen, die Soldaten, die der Vergewaltigung und des Missbrauchs von Gefangenen beschuldigt werden, seien “unsere wahren Helden” und die Militäranwälte, die versuchen, sie anzuklagen, seien Verbrecher. Knessetmitglieder und rechte Prominente hetzten gegen das Justizsystem und riefen die Öffentlichkeit auf, die Verdächtigten zu unterstützen. Einige Knessetmitglieder und ein Minister, Amichai Elyahu, kamen nach Sde Teiman und drangen mit einem wütenden und bewaffneten Mob in die Militärbasis ein, begleitet von schwer bewaffneten Milizionären mit vermummten Gesichtern. Soldaten, die die Tore bewachten, wurden zur Seite gedrängt. Ein Teil des Mobs waren Reservisten mit einem Hemd, das sie als improvisierte Uniform bedruckt hatten und sich als “Force 100” ausgaben, eine Anspielung auf eine besonders gewalttätige Militäreinheit von Gefängniswärtern, die 2006 aufgelöst wurde.


Die Ereignisse wurden live im israelischen Fernsehen übertragen. Israels berühmtester Journalist Amit Segal ermunterte die Soldaten, die Palästinenser vergewaltigt hatten, amüsiert mit den Worten: “Wenn ihr Erfolg haben wollt, lasst euch nicht erwischen!” (Quelle auf Hebräisch). Ein Journalist von Haaretz wurde in Sde Teiman von rechtsgerichteten Aktivisten angegriffen. Nachdem die Verdächtigten aus dem Gefängnis gebracht worden waren, folgte der Mob ihnen zum Militärstützpunkt Beit Lid in der Nähe von Netanya im nördlichen Israel. Auf dem Stützpunkt Beit Lid befindet sich das zentrale Militärgericht des israelischen Militärs. Rechte Demonstranten verbrannten Holz an den Toren des Stützpunkts und versuchten, ihn zu betreten, schlugen gegen die Zäune, einige versuchten, hineinzuklettern. Die israelische Polizei nahm niemanden fest und konnte die Unruhen, die bis Dienstag um 1 Uhr morgens andauerten, nicht verhindern.



Das israelische Knessetmitglied Tally Gotliv spricht in Sde Teiman, umringt von bewaffneten Milizen mit “Force 100”-Shirts und maskierten Gesichtern. Quelle: 2024, Zo Haderech.


Am nächsten Morgen berichteten israelische Zeitungen über die Unruhen als “Chaos”, “Anarchie” und “Zusammenbruch des Staates”. Die Untätigkeit der Polizei wurde als Folge des Einflusses des rechtsextremen israelischen Ministers für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, gewertet, der in Echtzeit Erklärungen abgegeben hatte, in denen er die Verdächtigten unterstützte und den Versuch, sie vor Gericht zu stellen, verurteilte. Die Unruhen wurden mit dem Angriff auf das Kapitol am 6. Januar 2021 in den USA verglichen, weil in beiden Fällen die populistische Rechte einen gewaltsamen Versuch unternommen hat, die Rechtsstaatlichkeit zu untergraben. Zwischen beiden Ereignissen besteht jedoch ein deutlicher Unterschied, denn dem Angriff auf das Kapitol gingen nachrichtendienstliche Ermittlungen voraus, und die Teilnehmer an den Ausschreitungen sowie diejenigen, die dazu aufriefen, wurden angeklagt. In Israel unternahm die Polizei keinen Versuch, die maskierten Angreifer zu identifizieren. Staatsanwältin Gali Baharav-Miara gab bekannt, dass die Knessetmitglieder, die an den Ausschreitungen beteiligt waren, keine parlamentarische Immunität genießen, und bereitet eine Anklage gegen sie vor. Der israelische Journalist Nadav Eyal twitterte (in Anlehnung an Max Weber): “Die Definition eines Staates, auch eines nicht-demokratischen, basiert auf dem Gewaltmonopol. In Militärbasen einzubrechen […] und die Ermittlungsbehörden anzugreifen, sind Anzeichen für den Zerfall des Staates.” (Quelle auf Hebräisch). Wenn Israels geschwächtes Justizsystem es nicht schafft, die Knessetmitglieder, den Minister Amichai Elyahu und die Mitglieder des Mobs, die die Unruhen angezettelt haben, strafrechtlich zu verfolgen, ist der Staat in seiner Existenz gefährdet.

Am 5. August veröffentlichte Haaretz weitere Informationen über die schrecklichen Bedingungen im Gefangenenlager Sde Teiman, die sich auf eine Untersuchung von B’tselem stützen.

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.
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Die Dezimierung der akademischen Welt im Gazastreifen ist “unmöglich zu quantifizieren”

Ibtisam Mahdi schreibt am 26. Juli 2024 in dem Magazin  +924:
„Die palästinensischen Universitäten im Gazastreifen, in denen wahrscheinlich Tausende von Lehrkräften und Studenten getötet und die Campusse zerstört wurden, überstehen kaum den israelischen Ansturm auf die Hochschulen.  Dr. Refaat Alareer war ein guter Freund von mir. Als Dichter, Schriftsteller und prominenter Aktivist für die palästinensische Sache lehrte Refaat viele Jahre lang englische Literatur und Poesie an der Islamischen Universität Gaza. Er liebte die Werke von Shakespeare, Thomas White, John Donne, Wilfred Owen und vielen anderen, und er war Herausgeber zweier Bücher: “Gaza Unsilenced” und “Gaza Writes Back“.
Refaat ist einer von mindestens 105 palästinensischen Akademikern, die seit Beginn des israelischen Krieges in Gaza getötet wurden, wie aus den jüngsten Statistiken des palästinensischen Bildungsministeriums hervorgeht. Seine Heimatuniversität, die Islamische Universität, wurde durch die Bombardierung vollständig zerstört. Alle 19 Universitäten im Gazastreifen wurden schwer beschädigt oder liegen in Trümmern, über 80 Prozent der Universitätsgebäude sind zerstört. Die fast 90.000 Studenten, die vor dem Krieg an den Hochschulen im Gazastreifen eingeschrieben waren, konnten ihr Studium größtenteils nicht fortsetzen.
Die Zerstörung der Hochschulen ist besonders tragisch für die Zukunft des Gazastreifens: Diese Quelle des Lernens, des Wirtschaftswachstums, des Lebensunterhalts und der Gemeinschaft ist nun verschwunden. Aber die Geschichten der Lehrer und Schulen, die wir verloren haben, und die Bildungschancen, die nun nicht mehr gegeben sind, verdienen es, erzählt zu werden.
Refaat verstand die Bedeutung von Bildung besser als die meisten anderen. Er ermutigte mich, für meine Arbeit als Journalistin Englisch zu lernen, und er liebte es, mir neue Wörter sowohl auf Englisch als auch auf Arabisch beizubringen. ´Durch das Erzählen von Geschichten`, so erinnerte er mich, ´bekräftigen wir unser Recht auf dieses Land. Und das Erlernen der englischen Sprache ist ein Mittel, um aus der anhaltenden Belagerung des Gazastreifens auszubrechen.`
Bei dem israelischen Luftangriff, der Refaat am 7. Dezember das Leben kostete, wurden neben ihm auch sein Bruder Salah und sein Neffe Mohammad sowie seine Schwester Asmaa und ihre drei Kinder Alaa, Yahya und Muhammad getötet, und weitere Familienmitglieder wurden verwundet. Drei von Refaats Söhnen – einer von ihnen im ersten Jahr seines Studiums – und seine drei Töchter blieben bei ihrer Mutter in einer anderen Unterkunft und überlebten.
Refaats Cousin, Muhammad Alareer, sagte, er glaube, dass die israelische Armee Refaat gerade wegen seiner Gelehrsamkeit und seiner fließenden Englischkenntnisse ins Visier genommen habe – ebenso wie wegen seiner Arbeit für das Projekt ´We Are Not Numbers`, eine palästinensische gemeinnützige Organisation, die Refaat 2015 mitbegründet hatte. ´Vor dem Angriff`, so Muhammad gegenüber +972, ´erhielt er viele Todesdrohungen online und per Handy von israelischen Konten, die ihn aufforderten, mit dem Schreiben und Veröffentlichen aufzuhören.`
Laut Muhammad erhielt Refaat einen Anruf von jemandem, der sich als israelischer Offizier ausgab und sagte, dass das Militär genau wisse, wo er sich befinde, und dass er ermordet oder inhaftiert werde, wenn er weiter schreibe. Diese Drohung veranlasste Refaat, seine Frau und Kinder in der UNRWA-Schule in Al-Tuffah, nordöstlich von Gaza-Stadt, zurückzulassen. Er ging zum Haus seiner Schwester, weil er glaubte, dort sei es sicherer als in der Schule – doch er irrte sich gewaltig. 
Unter den vielen palästinensischen Akademikern, die seit dem 7. Oktober in Gaza getötet wurden, waren auch drei Universitätspräsidenten. Der 53-jährige Physiker Dr. Sofyan Abdel Rahman Taya war Präsident der Islamischen Universität von Gaza, als er am 2. Dezember bei einem israelischen Luftangriff auf Jabalia zusammen mit seiner Frau, seinen Eltern und fünf Kindern getötet wurde.
Das Magazin +972 sprach mit Dr. Tayas Bruder Nabil, der beschrieb, wie sehr Sofyan seine Arbeit liebte und sich sehr um seine Familie und die Menschen in seinem Umfeld kümmerte. Für seine Forschungen zu optischen Wellenleitern und Biosensoren erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter den Palestine Islamic Bank Award for Scientific Research, den Abdul Hameed Shoman Award for Young Arab Scientists und den Islamic University Award for Scientific Research. Im März 2023 wurde Dr. Taya auf den UNESCO-Lehrstuhl für Physik, Astrophysik und Weltraumwissenschaften in Palästina berufen. Als Universitätspräsident hatte er ein klares Ziel vor Augen: Er wollte sowohl die wissenschaftliche Forschung als auch den Dienst an der Gemeinschaft zu den Eckpfeilern des Auftrags der Universität machen.
Doch in den Wochen vor seiner Ermordung, so Nabil gegenüber +972, ´rechnete Sofyan damit, ins Visier genommen zu werden, vor allem, nachdem viele akademische und administrative Mitarbeiter der Islamischen Universität vor ihm ermordet worden waren`. Dazu gehörten Omar Farwana, Dekan der medizinischen Fakultät, und Dr. Muhammad Shabir, der ehemalige Präsident der Universität. Nach Taya und Shabir war Dr. Said Anwar Alzebda von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Gaza der dritte Universitätspräsident, der zusammen mit mehreren Familienmitgliedern am 31. Dezember getötet wurde.
Dr. Khitam Al-Wasifi, Leiterin des Fachbereichs Physik an der Islamischen Universität und Vizedekanin der wissenschaftlichen Hochschule, war eine weitere prominente palästinensische Akademikerin, die zusammen mit ihrem Ehemann – ebenfalls Professor an der Islamischen Universität – und ihren Kindern am 1. Dezember getötet wurde. Sie war bei Kollegen und Freunden als ´Scheicha der Physiker` bekannt, veröffentlichte Dutzende von Artikeln über Magnetoelektrizität und Optoelektronik und wurde für ihre Arbeit mit mehreren Preisen ausgezeichnet.
Viele überlebende Fakultätsmitglieder sahen den Tod dieser Akademiker als gezielte Tötung prominenter Intellektueller im Gazastreifen an – und viele lehnten es daher ab, für diesen Artikel interviewt zu werden, aus Angst, selbst ermordet zu werden. Durch die Ermordung einflussreicher Akademiker, so Salah Abd El Atei, der Präsident der Internationalen Kommission zur Unterstützung der Rechte der Palästinenser (Hashd), der mit +972 aus Kairo sprach, will Israel ´alles Symbolische in der palästinensischen Gesellschaft zerstören, so dass die Menschen in Gaza keine Persönlichkeiten haben, auf die sie sich in Zukunft verlassen können.`
Am 11. Oktober bombardierte Israel die Islamische Universität von Gaza und zerstörte den gesamten Campus. Unter den zerstörten Gebäuden befand sich auch die Moschee der Universität, was gegen internationales Recht verstößt, das Angriffe auf Gotteshäuser verbietet. Die Universität war bereits in früheren Kriegen beschädigt worden, aber das Ausmaß der aktuellen Zerstörung ist beispiellos.
Nach Schätzungen von UN-Experten sind seit Oktober 80 Prozent der Schulen und Universitäten beschädigt oder zerstört worden, was ihrer Ansicht nach auf einen ´Schulmord` hinausläuft. `Man kann sich die Frage stellen`, schreiben die Experten, ´ob das palästinensische Bildungssystem absichtlich und umfassend zerstört werden soll`.
Der Hauptcampus der Al-Azhar-Universität in Gaza-Stadt und ihre Zweigstelle in Al-Mughraqa wurden in den ersten Monaten des Krieges durch wiederholte israelische Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt. Nach Angaben von Muhammad Al-Wazir, einem Professor der Universität, bestand die Universität vor Oktober aus 12 Hochschulen, die zusammen Bachelor-Abschlüsse in 77 Studiengängen, 33 Master-Studiengänge und vier Promotionsstudiengänge anboten.
Wie die Islamische Universität wurde auch die Al-Azhar bei früheren Eskalationen im Gazastreifen wiederholt angegriffen. ´Jedes Mal`, so Al-Wazir gegenüber +972, ´wandte sich die Universität umgehend an arabische, islamische und internationale Institutionen, um bei der Behebung der Schäden zu helfen`. Nach diesem Krieg wird die Universität jedoch gezwungen sein, von Grund auf neu zu bauen. Al-Wazir wies darauf hin, dass die Zerstörung der Al-Azhar-Universität eines der Beweisstücke war, die Südafrika vor dem Internationalen Gerichtshof als Beleg für die systematische und vorsätzliche Zerstörung der Bildungsinfrastruktur durch Israel anführte.
Die Israa-Universität, die Universität von Palästina, die Gaza-Universität, die Al-Quds Open University und die Al-Aqsa-Universität – meine Alma Mater – haben ähnliche Zerstörungen erlebt. Es wurden so viele Mitarbeiter getötet und fast alle Studenten und Angestellten vertrieben, dass es äußerst schwierig ist, eine vollständige Bilanz der Zerstörung zu ziehen. ´Es ist nicht möglich, den Schaden an der Universität zu beziffern`, sagte Dr. Imad Abu Kishek, der Präsident der Al-Quds Open University. ´Wir können die Situation auch nicht einschätzen, während wir das wichtigste Element, die Menschen – Akademiker, Techniker, Arbeiter und Studenten – täglich verlieren.`
Auch die universitäre Infrastruktur, die der palästinensischen Öffentlichkeit zugute kam, wurde zerstört. Es gibt auch mehrereBerichte darüber, dass israelische Soldaten die Israa-Universität als behelfsmäßigen Militärstützpunkt und Gefangenenlager nutzten, bevor sie die restlichen Gebäude im Januar in die Luft sprengten.
Nicht nur Studenten und Professoren sind die Leidtragenden des Verlusts der Universitäten in Gaza, sondern alle Palästinenser in Gaza, denen die Vorteile einer lebendigen akademischen Gemeinschaft vorenthalten werden – von Kunst und Kultur bis hin zur medizinischen Versorgung. Esraa Hammad war vor dem 7. Oktober Zahnmedizinstudentin an der Universität von Palästina. ´Ich habe dort fünf Jahre lang studiert und war kurz davor, meinen Abschluss zu machen`, sagte sie, ´aber all das wurde durch eine Entscheidung der Besatzungsarmee beendet.`
Viele sehen die Zerstörung des akademischen Lebens in Gaza als Teil des israelischen Ziels, sicherzustellen, dass die Palästinenser keine Zukunft im Gazastreifen haben. Für Dr. Ali Abu Saada, Generaldirektor für höhere Bildung im Bildungsministerium des Gazastreifens, ist die gezielte Zerstörung von Bildungseinrichtungen ´Teil der Bemühungen, den Palästinensern die wesentlichen Bestandteile ihres Lebens zu nehmen: Denken, Kultur und Bildung.` Auch wenn die Universitätsstrukturen nach dem Krieg wieder aufgebaut werden können, glaubt Abu Saada, dass Israel die Botschaft vermitteln will, dass die Palästinenser einer Zukunft entgegensehen, in der es ´keinen Platz für Bildung und keine Lehrer gibt, die unterrichten können – eine Realität, die dazu beiträgt, die Abwanderung zu beschleunigen, was das Ziel der Besatzer ist.`
Trotz der Schäden gibt es unter den Palästinensern im Gazastreifen Bemühungen, den Unterricht fortzusetzen. Die Al-Azhar-Universität hat eine Erklärung herausgegeben, in der sie die Studenten auffordert, ihre Semester aus der Ferne fortzusetzen. Al-Wazir, der Al-Azhar-Professor, sagte, dies sei ´ein Weg, um die durch die Zerstörung der Universitäten durch die israelische Armee erzwungene Realität herauszufordern – damit das akademische Jahr für die Studenten nicht umsonst war.`
Dr. Muhammad Hamdan, Direktor für Öffentlichkeitsarbeit an der Al-Aqsa-Universität, bestätigt, dass die meisten Universitäten im Gazastreifen zum Fernstudium zurückgekehrt sind. An der Al-Aqsa-Universität konzentrieren sich die meisten Fernkurse auf eher theoretische Fächer, für die Vorlesungen auf der Online-Bildungsplattform der Universität verfügbar sind. Mehrere Dozenten außerhalb des Gazastreifens, so Hamdan, betreuen diese Plattform und halten bei Bedarf neue Fernvorlesungen.
Ein Fernstudium während des Krieges ist jedoch nicht ohne Weiteres möglich. Ayman Safi, Student der Informationstechnologie im dritten Studienjahr an der Al-Azhar, meldete sich für Online-Kurse an seiner Universität an, sobald diese verfügbar waren. Aber wie er gegenüber +972 erklärte, erfordere das Herunterladen von akademischen Materialien von der Plattform auf den Laptop oder das Mobiltelefon, einschließlich der Lehrbücher, ein starkes Internet, und er ist gezwungen, mehr als vier Kilometer zu fahren, um eine ausreichende Verbindung zu finden.
Universitäten im Westjordanland wie die An-Najah-Universität haben mit Hilfe des Bildungsministeriums ihre Türen für Studierende aus dem Gazastreifen geöffnet, die dort aus der Ferne lernen können, und Zehntausende haben sich für das Frühjahrs- und Sommersemester eingeschrieben. Doch obwohl die Gebäude noch stehen, sind diese Einrichtungen seit dem 7. Oktober mit Abriegelungen und anderen Störungen konfrontiert, während das israelische Militär und die Siedler es den Palästinensern im Westjordanland immer schwerer machen, sich frei zwischen ihren Häusern und der Hochschule zu bewegen.
Die Auswirkungen des Krieges werden noch jahrelang zu spüren sein. Laut Dr. Wissam Amer, Dekan der Fakultät für Kommunikation und Sprachen an der Universität Gaza, hat eine ganze Generation von Studenten auf allen Bildungsebenen erhebliche Rückschläge hinnehmen müssen. ´Der Wiederaufbau des Bildungssystems in Gaza ist nicht unmöglich`, sagte er, ´aber es wird lange dauern. Die Universitäten sind völlig zerstört`.
Der Armee-Sprecher antwortete auf unsere Anfrage nach einem Kommentar mit folgender Erklärung: ´Die IDF zielen nicht absichtlich auf Bildungseinrichtungen als solche ab, sondern handeln ausschließlich aus militärischer Notwendigkeit. Die Hamas platziert ihre Agenten und militärischen Einrichtungen systematisch im Herzen der Zivilbevölkerung und führt ihre Kämpfe von ziviler Infrastruktur aus, einschließlich Bildungseinrichtungen und Universitäten. Das Gebäude der Islamischen Universität von Gaza und seine Umgebung wurden von der Hamas für verschiedene militärische Aktivitäten über und unter der Erde genutzt, einschließlich der Entwicklung und Herstellung von Waffen und der Ausbildung des Geheimdienstpersonals im militärischen Bereich der Hamas.”
Ibtisam Mahdi ist eine freiberufliche Journalistin aus Gaza, die sich auf die Berichterstattung über soziale Themen, insbesondere über Frauen und Kinder, spezialisiert hat.Sie arbeitet auch mit feministischen Organisationen in Gaza in den Bereichen Berichterstattung und Kommunikation zusammen.
https://www.972mag.com/gaza-academia-destruction-universities/


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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BIP-Aktuell #314: Eine historische Entscheidung

Das neueste Gutachten des Internationalen Gerichtshofs (IGH) vom 22. Juli 2024 macht deutlich, dass die Besetzung des palästinensischen Territoriums, seine Besiedlung, der Landraub und die Ausbeutung seiner Ressourcen rechtswidrig sind, dass Armee und Siedler die besetzten Gebiete zu verlassen haben.

BIP-Aktuell #314:

  1. Eine historische Entscheidung
  2. Beobachtungen amerikanischer Ärzte und Krankenschwestern aus dem Gaza-Streifen seit dem 7. Oktober 2023

Von Prof. Dr. Norman Paech, em. Professor für Politische Wissenschaft und für öffentliches Recht an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg

Es wird eng um Israel: politisch, moralisch und juristisch. Politisch ist Israel schon lange in der UNO isoliert wie kaum ein anderes Land und verdankt seine Mitgliedschaft bis heute praktisch nur den USA. Immer wenn wieder ein Antrag auf Ausschluss kam, konterten die USA mit der Drohung, ebenfalls die UNO zu verlassen, wenn Israel hinausgeworfen werde. Moralisch wird das offenbar in vielen Regierungen anders gesehen als in ihren Universitäten. Aber man müsste schon die Prinzipien und Grundgedanken des Völkerrechts als Maßstab immerhin unverbindlicher Moral beiseiteschieben und in das neue Regal „regelbasierte Ordnung“ greifen, um die Politik in Jerusalem sowohl nach innen wie nach außen nicht als moralisch abstoßend zu bezeichnen. Und juristisch ist kaum noch ein Ausweg aus der selbstgebauten Sackgasse.



Das neueste Gutachten des Internationalen Gerichtshofs (IGH) vom 22. Juli 2024 erzählt in der Substanz nichts Neues, und niemand war in der Tat wirklich überrascht. Auch die stärksten und dauerhaftesten Unterstützer der israelischen Regierung in Politik und Medien wissen seit Jahren, dass die Besetzung des palästinensischen Territoriums, seine Besiedlung, der Landraub und die Ausbeutung seiner Ressourcen rechtswidrig sind, dass Armee und Siedler die besetzten Gebiete zu verlassen haben. Sie kennen das erste Gutachten des IGH aus dem Jahr 2004, in dem er den Bau der Mauer/Sperrzauns soweit als rechtswidrig erklärte, wie er auf palästinensisches Territorium übergreift – 16% mit ca. 80. 000 Siedlern – , und sich faktisch aneignete. Seinerzeit liess der IGH schon keine Zweifel aufkommen, dass er nicht auch die Besatzung und die Siedlungspolitik für rechtswidrig hielt.

Aktuell nun greift der IGH weiter aus, wird konkreter und präziser – das mag überrascht haben. Die Fragen, die ihm die UN-Generalversammlung Ende Dezember 2022 gestellt hatte, waren klar und machten auch aus der Meinung der Versammlung keinen Hehl:

1. „Welche rechtlichen Konsequenzen ergeben sich aus der fortwährenden Verletzung des Rechts des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung durch Israel, aus seiner anhaltenden Besatzung, Besiedlung und Annexion des seit 1967 besetzten palästinensischen Gebietes, einschließlich der Maßnahmen, die darauf abzielen, die demografische Zusammensetzung, den Charakter und den Status der Heiligen Stadt Jerusalem zu verändern, und aus der Verabschiedung damit verbundener diskriminierender Gesetze und Maßnahmen?“
2. „Wie wirken sich die oben erwähnten Politiken und Praktiken Israels auf den rechtlichen Status der Besatzung aus, und welche rechtlichen Konsequenzen ergeben sich daraus für alle Staaten und die Vereinten Nationen?“

Der IGH veranstaltete vom 19. Februar an eine einwöchige Anhörung in Den Haag, zu der sich 49 Staaten und drei internationale Organisationen angemeldet hatten. Nur auf die Erklärung der chinesischen Regierung sei hier hingewiesen, da sie so ungewohnt in unseren Ohren klingt und wir sie so klar und eindeutig nie von einer Regierung im westlichen NATO-Horizont hören werden. Chinas Vertreter Ma Xinmin erklärte, dass die Palästinenser ein „unveräußerliches Recht“ haben, sich mit Gewalt gegen ausländische Unterdrückung zu wehren. Israel sei aufgrund seiner Besatzung und Unterdrückung für den Konflikt mit den Palästinensern verantwortlich, und fügte hinzu, dass „in diesem Zusammenhang“ der bewaffnete Kampf von Terrorismus zu unterscheiden sei und dass der palästinensische Kampf eine gerechtfertigte Aktion zur Wiederherstellung ihrer legitimen Rechte sei.

Vier Monate später am 19. Juni eröffnete der libanesische Gerichtspräsident Nawaf Salam die Verlesung des Gutachtens mit den Worten:  “Israels anhaltender Missbrauch seiner Position als Besatzungsmacht durch die Annexion und die Behauptung einer ständigen Kontrolle über die besetzten palästinensischen Gebiete und die fortgesetzte Vereitelung des Rechts des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung verstößt gegen grundlegende Prinzipien des Völkerrechts und macht die Anwesenheit Israels in den besetzten palästinensischen Gebieten rechtswidrig”.

In allen neun Kernpunkten des 83 Seiten umfassenden Gutachtens waren sich die Richter und Richterinnen mit großer Mehrheit einig. Die Besatzung sei, so der Vorsitzende Salam, das Produkt „systematischer Diskriminierung, Segregation und Apartheid“, eine „de-facto Annexion“. Israel habe seine „gesetzwidrige Anwesenheit in den besetzten palästinensischen Gebieten so schnell wie möglich zu beenden“. Die Regierung müsse sofort alle Siedlungsaktivitäten stoppen und alle Siedler aus den bestehenden Siedlungen evakuieren, ferner die „Rückkehr aller Palästinenser, die während der Besatzung vertrieben wurden, an ihren ursprünglichen Wohnort“ ermöglichen. Israel habe für alle Schäden, die alle „natürlichen und juristischen Personen“ durch die Besatzung erlitten hätten, Entschädigung zu leisten. Zudem wiederholt der Gerichtshof seine Forderung von 2004 nach Rückbau der Sperranlage auf israelisches Territorium.

Es gab eine grundsätzliche Ablehnung aller neun Punkte durch ein Dissenting Vote der ugandischen Richterin Julia Sebutinde. Sie hatte sich schon in den Entscheidungen des IGH in der Klage Südafrikas gegen Israel gegen alle Entscheidungen gewandt. Ihre Ablehnung basiert auf der sog. political question – Doktrin in den USA, die die Regierung in zentralen politischen Fragen vor der Gerichtsbarkeit schützt. Ihre Wirkung gilt offensichtlich auch in Uganda und lässt sich mit der Mitgliedschaft Sebutindes bei den Evangelikalen erklären, deren Chef ihr Ehemann ist.

Drei weitere abweichende Voten der Richter Abraham aus Frankreich, Auresku aus Rumänien und Tomka aus Slowakei zu einigen Punkten des Gutachtens mindern nicht den großen Konsens über die zentralen Fragen im Richterkollegium. Während die Mehrheit im Gericht die Berufung Israels auf ein Selbstverteidigungsrecht für die Besatzung 57 Jahre nach ihrem Beginn ablehnt, sind die drei Richter da anderer Meinung. Wegen der “außergewöhnlich komplexen Geschichte und Natur des israelisch-palästinensischen Konflikts” sei auch jetzt noch eine israelische Militärpräsenz vertretbar. Doch hatte diese Netanjahu zweifellos angenehme Meinung keine Chance im Kollegium,  und Richter Yusuf aus Somalia und die australische Richterin Charlesworth traten dem in ihrem Votum ausdrücklich entgegen. 

Auf eine besondere Formulierung im Gutachten weist das Sondervotum der US-amerikanischen Richterin Cleveland und des deutschen Richters Nolte hin. Es heißt dort, dass sich Israel „so schnell wie möglich“ aus den besetzten Gebieten zurückziehen soll. Dies ist eine kleine Hintertür, die das Gericht dem Rückzug gelassen hat, und es ist nicht zufällig, dass das Votum aus den USA und der BRD den Blick darauf gelenkt hat.

Israels Offizielle wiesen, wie zu erwarten, das Gutachten zurück, es würde den Friedensprozess unterminieren. Netanjahu fand es absurd und erklärte: „Das jüdische Volk ist kein Besatzer in seinem eigenen Land, auch nicht in unserer ewigen Hauptstadt Jerusalem oder in Judäa und Samaria, unserer historischen Heimat.“

Das Auswärtige Amt verbreitete einen X-Spot der deutschen Außenministerin auf Reisen, das schon jetzt signalisiert, dass die Bundesregierung der Forderung des IGH, die Unterstützung der rechtswidrigen Besatzungspolitik Israels aufzugeben, nicht nachkommen wird: „Der IGH hat ein wegweisendes Gutachten zum Nahostkonflikt veröffentlicht. Klar ist: Die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik steht der 2-Staaten-Lösung im Weg. ISR-Regierung wäre gut beraten, das Gutachten ernst zu nehmen & den Weg für 2-Staatenlösung freizumachen.“

Da auch von den USA, gleich unter welcher zukünftigen Präsidentschaft, kein Wechsel in ihrer Israel-Politik zu erwarten ist, bleiben nur die Vereinten Nationen, an die die Forderung ergeht, „die genauen Modalitäten und weiteren Maßnahmen, die erforderlich sind, um die unrechtmäßige Präsenz des Staates Israel in den besetzten palästinensischen Gebieten so schnell wie möglich zu beenden“. Da der UN-Sicherheitsrat durch das Veto der USA blockiert bleibt, wird es die Aufgabe der Generalversammlung sein, Mittel zu finden, die die israelische Regierung unter Druck setzen, sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen. Vorbild sollte die Zähigkeit der südafrikanischen Regierung sein, die durch wiederholte Anträge beim Gerichtshof schließlich ein Votum für den Waffenstillstand im Süden des Gazastreifens erhielt. Dabei gilt es vor allem, die kleine Hintertür zu schließen, die das Gutachten gelassen hat, indem es den Rückzug aus den besetzten Gebieten nur „so schnell wie möglich“ fordert.



Bei aller Skepsis über die Wirkung dieses Gutachtens auf die Politik Israels und seiner Paten USA und BRD sollte seine Bedeutung nicht unterschätzt werden. Jahrzehnte war die internationale Justiz systematisch aus dem Konflikt in Palästina herausgehalten worden. Erst in den letzten 10 Jahren war es zunächst der Internationale Strafgerichtshof (IStGH), der nach dem schweren Angriff auf Gaza 2014 mit über 2000 Toten und Zehntausend Verletzten die Untersuchungen wegen möglicher Kriegsverbrechen aufnahm. In umfangreichen Gutachten musste er seine Zuständigkeit für Palästina, ein Land, das von der UNO bisher trotz mehrfacher Versuche nur als Staat mit Beobachterstatus anerkannt worden ist, begründen. Und nun steht er vor der Entscheidung, zum ersten Mal in der Geschichte einen westlichen Staatschef in Haft zu nehmen. Der Internationale Gerichtshof folgte, angetrieben durch die Klage Südafrikas gegen Israel und Nicaraguas gegen Deutschland. Der Auftrag der UN-Generalversammlung an den IGH initiierte nicht nur das vierte Verfahren der internationalen Gerichtsbarkeit, sondern auch die grundsätzlichste, die gesamte Problematik der israelischen Besatzung umfassende Prüfung und Entscheidung. Die vom IGH geforderte Beendigung von über fünfzig Jahre Unterdrückung, Landraub und Apartheid in Palästina mag nicht sofort gelingen, ist aber dennoch eine historische Entscheidung der Internationalen Justiz.

Anmerkung der Redaktion zum obigen Thema: Der ehemalige Direktor von Human Rights Watch, Kenneth Roth, wirft der Bundesregierung Inkonsequenz in ihrer Nahostpolitik vor. Wenn Palästinenser von Menschenrechten ausgenommen würden, gebe es für niemanden Menschenrechte, sagt Roth im Deutschlandfunk.

Kenneth Roth im Gespräch mit Stephan Detjen | DLF 27.07.2024

https://www.deutschlandfunk.de/israel-gaza-kenneth-roth-human-rights-watch-100.html

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.

Beobachtungen amerikanischer Ärzte und Krankenschwestern aus dem Gaza-Streifen seit dem 7. Oktober 2023 – Brief an Präsident Biden

Ich habe noch nie so schreckliche Verletzungen gesehen, in so großem Ausmaß und mit so wenigen Mitteln. Unsere Bomben zerfetzen Frauen und Kinder zu Tausenden. Ihre verstümmelten Körper sind ein Monument der Grausamkeit.
Dr. Feroze Sidhwa, Chirurg für Traumatologie und Intensivmedizin
Ich habe so viele Totgeburten und Todesfälle von Müttern gesehen, die leicht hätten verhindert werden können, wenn die Krankenhäuser normal funktioniert hätten.
Dr. Thalia Pachiyannakis, Geburtshelferin und Gynäkologin

Jeden Tag sah ich Babys sterben. Sie waren gesund geboren worden. Ihre Mütter waren so mangelernährt,dass sie nicht stillen konnten, und wir hatten weder Muttermilch noch sauberes Wasser, um sie zu füttern, so dass sie verhungerten.
Asma Taha, praktizierende Kinderkrankenschwester

In Gaza hielt ich zum ersten Mal das Gehirn eines Babys in meiner Hand. Das erste von vielen.
Dr. Mark Perlmutter, Orthopäde und Handchirurg

Sehr geehrter Präsident Joseph R. Biden, sehr geehrte Vizepräsidentin Kamala Harris und Dr. Jill Biden,
wir sind fünfundvierzig US-amerikanische Ärzte, Chirurgen und Krankenschwestern, die sich seit dem 7. Oktober 2023 freiwillig in den Gaza-Streifen begeben haben. Wir arbeiteten mit verschiedenen Nichtregierungsorganisationen und der Weltgesundheitsorganisation in Krankenhäusern im gesamten Gazastreifen. Neben unserem medizinischen und chirurgischen Fachwissen haben viele von uns einen Hintergrund im Bereich der öffentlichen Gesundheit sowie Erfahrung in humanitären und Konfliktgebieten, einschließlich der Ukraine während der brutalen russischen Invasion. Einige von uns sind Veteranen der Streitkräfte der Vereinigten Staaten. Wir sind eine multireligiöse und multiethnische Gruppe. Keiner von uns unterstützt die Gräueltaten, die am 7. Oktober von bewaffneten palästinensischen Gruppen und Einzelpersonen in Israel begangen wurden.
In der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation heißt es: “Die Gesundheit aller Völker ist von grundlegender Bedeutung für die Verwirklichung von Frieden und Sicherheit und hängt von der uneingeschränkten Zusammenarbeit von Einzelpersonen und Staaten ab.“ In diesem Sinne schreiben wir Ihnen.
Wir gehören zu den einzigen neutralen Beobachtern, die seit dem 7. Oktober in den Gaza-Streifen einreisen durften. Aufgrund unseres umfassenden Fachwissens und unserer unmittelbaren Erfahrung im Gazastreifen sind wir in einer einzigartigen Position, um uns zu mehreren Fragen zu äußern, die für unsere Regierung wichtig sind, wenn sie entscheidet, den Angriff Israels auf den Gazastreifen und dessen Belagerung weiterhin zu unterstützen.  Insbesondere glauben wir, dass wir gut positioniert sind, um uns zu den massiven menschlichen Opfern des israelischen Angriffs auf den Gazastreifen zu äußern, insbesondere zu den Opfern an   Frauen und Kindern.
In diesem Schreiben haben wir unsere eigenen Erfahrungen und direkten Beobachtungen in Gaza zusammengetragen und zusammengefasst. Wir haben auch Links zu einem viel längeren und viel zitierten Anhang, der die öffentlich zugänglichen Informationen aus Medien, humanitären und akademischen Quellen zu den wichtigsten Aspekten der israelischen Invasion in Gaza zusammenfasst. Der Anhang ist als PDF-Datei unter  https://tinyurl.com/gazadoctorsletterappendix verfügbar. Dieser Brief kann elektronisch als PDF-Datei unter https://tinyurl.com/gazadoctorsletter abgerufen werden.
Dieser Brief und der Anhang zeigen, dass die Zahl der Opfer in Gaza viel höher ist, als in den Vereinigten Staaten verstanden wird. Es ist wahrscheinlich, dass die Zahl der Todesopfer in diesem Konflikt bereits höher ist als 92.000, das sind erstaunliche 4,2 % der Bevölkerung des Gazastreifens. Unsere Regierung muss sofort handeln, um eine noch schlimmere Katastrophe zu verhindern als die, die bereits über die Menschen in Gaza und Israel hereingebrochen ist.
Ein Waffenstillstand muss sowohl Israel als auch den bewaffneten palästinensischen Gruppen auferlegt werden, indem die militärische Unterstützung für Israel  aufhört und ein internationales Waffenembargo gegen Israel und alle bewaffneten palästinensischen Gruppen durchgesetzt wird. Wir glauben, dass unsere Regierung dazu verpflichtet ist, sowohl nach US-amerikanischem Recht als auch nach  dem humanitärem Völkerrecht, und wir glauben, dass es das Richtige ist, dies zu tun.
Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Menschen in Gaza krank, verletzt oder beides. Dies gilt für jeden nationalen Helfer, jeden internationalen Freiwilligen und wahrscheinlich jede israelische Geisel: jeder Mann, jede Frau und jedes Kind. Während unserer Arbeit in Gaza sahen wir eine weit verbreitete Unterernährung bei unseren Patienten und unseren palästinensischen Kollegen im Gesundheitswesen. Jeder von uns verlor in Gaza schnell an Gewicht, obwohl wir privilegierten Zugang zu Lebensmitteln hatten und unsere eigene nährstoffreiche Zusatznahrung mitgenommen hatten. Wir haben Fotobeweise für eine lebensbedrohliche Unterernährung unserer Patienten, insbesondere der Kinder, die wir gerne mit Ihnen teilen möchten.
Praktisch jedes Kind unter fünf Jahren, das wir sowohl innerhalb als auch außerhalb des Krankenhauses angetroffen haben, hatte sowohl Husten als auch wässrigen Durchfall. Wir fanden Fälle von Gelbsucht (ein Hinweis auf eine Hepatitis-A-Infektion) in praktisch jedem Raum der Krankenhäuser, in denen wir arbeiteten, und bei vielen unserer Kollegen im Gesundheitswesen in Gaza. Ein erstaunlich hoher Prozentsatz unserer chirurgischen Schnitte wurde infiziert, eine Kombination aus Unterernährung, unmöglichen Operationsbedingungen und Mangel an Vorräten von Medikamenten, einschließlich Antibiotika. Die schwangeren Frauen, die wir behandelten, brachten oft untergewichtige Kinder zur Welt, die aufgrund von Unterernährung nicht gestillt werden konnten. Dadurch waren ihre Neugeborenen einem hohen Risiko ausgesetzt. Da es im gesamten Gazastreifen keinen Zugang zu Trinkwasser gibt, besteht für die Neugeborenen ein hohes Sterberisiko. Viele dieser Säuglinge starben. In Gaza sahen wir, wie unterernährte Mütter ihre untergewichtigen Neugeborenen mit Säuglingsnahrung fütterten, die mit vergiftetem Wasser hergestellt wurde. Wir dürfen nie vergessen, dass die Welt diese unschuldigen Frauen und Babys im Stich gelassen hat.
Wir bitten Sie, sich bewusst zu machen, dass im Gazastreifen Epidemien wüten. Israels fortgesetzte, wiederholte Vertreibung der unterernährten und kranken Bevölkerung von Gaza, von denen die Hälfte Kinder sind, in Gebiete ohne fließendes Wasser oder gar Toiletten, ist absolut schockierend. Es ist praktisch garantiert, dass dies zu weit verbreiteten und bakteriellen Durchfallerkrankungen und Lungenentzündungen, insbesondere bei Kindern unter fünf Jahren führt. Wir befürchten, dass unbekannte Tausende bereits an der tödlichen Kombination aus Unterernährung und Krankheit gestorben sind und dass in den kommenden Monaten weitere Zehntausende sterben werden. Die meisten von ihnen werden junge Kinder sein.
Kinder gelten in bewaffneten Konflikten gemeinhin als unschuldig. Doch jeder einzelne Unterzeichner dieses Schreibens hat Kinder im Gazastreifen behandelt, die Opfer von Gewalt wurden, die gezielt gegen sie gerichtet war.
Konkret hat jeder von uns täglich Kinder im Alter unter zehn behandelt, denen in den Kopf und in die Brust geschossen worden war.
Herr Präsident und Herr Dr. Biden, wir wünschten, Sie könnten die Albträume sehen, die so viele von uns seit unserer Rückkehr plagen, Träume von Kindern, die von unseren Waffen verstümmelt wurden, und ihre untröstlichen Mütter, die uns anflehen, sie zu retten. Wir wünschten, Sie könnten die Schreie und das Weinen hören, die unser Gewissen uns nicht vergessen lassen wird. Wir können nicht glauben, dass irgendjemand weiterhin das Land bewaffnet, das diese Kinder vorsätzlich tötet, nachdem wir gesehen haben, was wir gesehen haben.
Die schwangeren Frauen, die wir behandelten, waren besonders unterernährt. Diejenigen von uns, die mit schwangeren Frauen arbeiteten, sahen regelmäßig Totgeburten und Todesfälle bei Müttern, die in jedem anderen Gesundheitssystem der sog. Dritten Welt leicht vermeidbar wären. Die Infektionsrate bei Kaiserschnittentbindungen war erstaunlich groß. Frauen wurden ohne Anästhesie operiert und bekamen danach nur Tylenol, weil keine anderen Schmerzmittel zur Verfügung standen.
Wir alle beobachteten, dass die Notaufnahmen von Patienten überschwemmt wurden, die eine Behandlung für chronische Krankheiten wie Nierenversagen, Bluthochdruck und Diabetes suchten.  Abgesehen von Traumapatienten waren die meisten Betten auf der Intensivstation mit Typ-1-Diabetikern belegt, die aufgrund des Mangels an Medikamenten und des weit verbreiteten Stromausfalls keinen Zugang mehr zu gespritztem Insulin hatten. Israel hat mehr als die Hälfte der Gesundheitseinrichtungen im Gazastreifen zerstört und jeden 40. Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Gaza getötet. Gleichzeitig ist der Bedarf an medizinischer Versorgung durch die tödliche Kombination von militärischer Gewalt, Unterernährung und Krankheiten massiv gestiegen.
In den Krankenhäusern, in denen wir arbeiteten, fehlte es an grundlegenden Hilfsgütern, von chirurgischem Material bis hin zu Seife. Sie waren regelmäßig von der Stromversorgung und dem Internetzugang abgeschnitten, hatten kein sauberes Wasser und arbeiteten mit der vier- bis siebenfachen ihrer Bettenkapazität. Jedes Krankenhaus war überfordert mit dem Ansturm von Vertriebenen, die Sicherheit suchten, durch den ständigen Strom von Patienten, deren Behandlung chronischer Erkrankungen durch den Krieg unterbrochen worden war, durch den enormen Zustrom schwer verwundeter Patienten, die typischerweise bei Massenunfällen eintrafen und durch kranke und unterernährte Menschen, die medizinische Hilfe suchten.
Diese Beobachtungen und das öffentlich zugängliche Material, das im Anhang aufgeführt ist, führen zu der Annahme, dass die Zahl der Todesopfer in diesem Konflikt um ein Vielfaches höher ist als vom Gesundheitsministerium in Gaza angegeben. Wir glauben auch, dass dies ein Beweis für weit verbreitete Verstöße gegen US- amerikanische Gesetze ist, die den Einsatz amerikanischer Waffen im Ausland regeln, und gegen humanitäres Völkerrecht. Wir können die Szenen unerträglicher Grausamkeit gegen Frauen und Kinder nicht vergessen, die wir selbst miterlebt haben.
Als wir unsere Kollegen aus dem Gesundheitswesen in Gaza trafen, war klar, dass sie unterernährt und sowohl körperlich und seelisch am Boden zerstört waren. Wir erfuhren schnell, dass unsere palästinensischen Kollegen im Gesundheitswesen zu den am stärksten traumatisierten Menschen in Gaza, vielleicht sogar in der ganzen Welt, gehörten. Wie praktisch alle Menschen in Gaza hatten sie Familienmitglieder und ihr Zuhause verloren. Die meisten lebten in und um ihre Krankenhäuser mit ihren überlebenden Familien unter unvorstellbaren Bedingungen. Obwohl sie weiterhin nach einem zermürbenden Zeitplan arbeiteten und obwohl sie seit dem 7. Oktober nicht mehr bezahlt worden waren. Alle waren sich bewusst, dass sie durch ihre Arbeit als Gesundheitsdienstleister zur Zielscheibe Israels geworden waren. Dies ist eine Verhöhnung des Schutzstatus der Krankenhäuser und der Gesundheitsdienstleister nach den ältesten und am meisten akzeptierten Bestimmungen des humanitären Völkerrechts.
In Gaza trafen wir medizinisches Personal, das in Krankenhäusern arbeitete, die von Israel überfallen und zerstört worden waren. Viele dieser Kollegen wurden während der Angriffe von Israel verschleppt. Sie alle erzählten uns in leicht veränderter Version dieselbe Geschichte: In der Gefangenschaft wurden sie kaum ernährt, ständig körperlich und psychisch missbraucht und schließlich nackt am Straßenrand ausgesetzt. Viele erzählten uns, dass sie Scheinhinrichtungen und anderen Formen der Misshandlung und Folter ausgesetzt waren. Viel zu viele unserer Kollegen aus dem Gesundheitswesen sagten uns, dass sie einfach auf den Tod warteten.
Wir fordern Sie auf zu erkennen, dass Israel das gesamte Gesundheitssystem des Gazastreifens direkt angegriffen und vorsätzlich zerstört hat und dass Israel unsere Kollegen im Gazastreifen zum Tode verurteilt hat, sie verschwinden lässt und foltert. Diese skrupellosen Handlungen stehen im völligen Widerspruch zum US-amerikanischen Recht, zu den amerikanischen Werten und dem humanitären Völkerrecht.
Dr. Biden, Sie haben Ihr ganzes Leben lang mit jungen Menschen gearbeitet. Wir hoffen und beten, dass Sie nicht wegschauen werden von den unaussprechlichen Schrecken, denen die Jugend von Gaza heute ausgesetzt ist, Schrecken, die nur wir als US-Amerikaner beenden können. Wir hoffen aufrichtig, dass Sie alles in Ihrer Macht Stehende tun werden, um das, was ihnen angetan wird, zu beenden.
Präsident Biden und Vizepräsidentin Harris, jede Lösung für dieses Problem muss mit einem sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand beginnen. Wir fordern Sie dringend auf, dem Staat Israel die militärische, wirtschaftliche und diplomatische Unterstützung zu verweigern und sich an einem internationalen Waffenembargo sowohl gegen Israel als auch gegen alle bewaffneten palästinensischen Gruppen zu beteiligen, bis ein dauerhafter Waffenstillstand erreicht ist und bis aufrichtige Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern zu einer dauerhaften Lösung des Konflikts führen.
In der Zwischenzeit:
1. Alle Landübergänge zwischen Gaza und Israel sowie der Rafah-Übergang müssen für ungehinderte Hilfslieferungen durch anerkannte internationale humanitäre Organisationen geöffnet werden. Die Sicherheitskontrolle der Hilfslieferungen muss durch ein unabhängiges internationales Inspektionssystem anstelle der israelischen Streitkräfte durchgeführt werden. Diese Kontrollen müssen auf einer klaren, unmissverständlichen und veröffentlichten Liste verbotener Güter und einem klaren unabhängigen internationalen Mechanismus zur Zurückweisung verbotener Güter, vom UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten in den besetzten palästinensischen Gebieten überprüft.
2. Der Bevölkerung des Gazastreifens muss eine Mindestmenge von 20 Litern Trinkwasser pro Person und Tag zugewiesen werden,  von UN Water überprüft.
3. Uneingeschränkter Zugang für medizinisches und chirurgisches Personal und medizinische und chirurgische Ausrüstung in den Gaza-Streifen muss zugelassen werden. Es gilt auch für Gegenstände, die im persönlichen Gepäck des medizinischen Personals mitgeführt werden, um ihre ordnungsgemäße Lagerung, Sterilität und rechtzeitige Lieferung zu gewährleisten, wie von der Weltgesundheitsorganisation überprüft. Unglaublicherweise verbietet Israel derzeit allen Ärzten palästinensischer Abstammung, in Gaza zu arbeiten, selbst  wenn sie US-amerikanische Staatsbürger sind. Dies ist eine Verhöhnung des US-amerikanischen Ideals, dass “alle Menschen gleich geschaffen sind”, und entwürdigt unsere Nation und unseren Beruf. Unsere Arbeit ist lebensrettend. Unsere palästinensischen Kollegen im Gesundheitswesen in Gaza suchen verzweifelt nach Hilfe und Schutz, und sie verdienen beides.
Wir sind keine Politiker. Wir erheben nicht den Anspruch, alle Antworten zu haben. Wir sind einfach Ärzte und Krankenschwestern, die zu dem, was wir in Gaza gesehen haben, nicht schweigen können. Jeder Tag, an dem wir weiterhin Waffen und Munition an Israel liefern, ist ein weiterer Tag, an dem Frauen von unseren Bomben zerfetzt und Kinder mit unseren Kugeln ermordet werden.
Präsident Biden und Vizepräsident Harris, wir fordern Sie auf: Beenden Sie diesen Wahnsinn jetzt!
Mit freundlichen und dringlichen Grüßen
Feroze Sidhwa, MD, MPH, FACS, FICS
Chirurg für Trauma, Akutversorgung, Intensivpflege und Allgemeinchirurgie
Allgemeiner Chirurg für Veteranenangelegenheiten in Nordkalifornien
Einsatz im European Hospital, Khan Younis, 25. März bis 8. April
Sekretär/Schatzmeister, Chest Wall Injury Society
Außerordentlicher Professor für Chirurgie, California Northstate University
College für Medizin
Frühere humanitäre Einsätze in Haiti, Westjordanland, Ukraine (3
Einsätze seit 2023), und Simbabwe
Behandlung der Opfer des Boston-Marathon-Bombenanschlags
French Camp, CA

Mark Perlmutter, MD, FAAOS, FICS
Orthopädische und Handchirurgie
Einsatz im European Hospital, Khan Younis, 25. März bis 8. April
Präsident, World Surgical Foundation
Globaler Vizepräsident, Internationales College der Chirurgen
Frühere humanitäre Arbeit in 30 Ländern
Behandlung von Opfern des 11. Septembers und des Hurrikans Katrina
Rocky Mount, NC

(Es folgen 43 weitere Unterschriften.)
https://edition.cnn.com/2024/07/26/world/open-letter-45-us-physicians-gaza/index.html
https://www.dropbox.com/scl/fi/bf4mfymnmn4t1wyvdkx4h/Letter.pdf?rlkey=z3ekl4u9gtya2p33ek6ud2zet&e=3&dl=0


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.Das neueste Gutachten des Internationalen Gerichtshofs (IGH) vom 22. Juli 2024 macht deutlich, dass die Besetzung des palästinensischen Territoriums, seine Besiedlung, der Landraub und die Ausbeutung seiner Ressourcen rechtswidrig sind, dass Armee und Siedler die besetzten Gebiete zu verlassen haben.

BIP-Aktuell #314:

  1. Eine historische Entscheidung
  2. Beobachtungen amerikanischer Ärzte und Krankenschwestern aus dem Gaza-Streifen seit dem 7. Oktober 2023

Von Prof. Dr. Norman Paech, em. Professor für Politische Wissenschaft und für öffentliches Recht an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg

Es wird eng um Israel: politisch, moralisch und juristisch. Politisch ist Israel schon lange in der UNO isoliert wie kaum ein anderes Land und verdankt seine Mitgliedschaft bis heute praktisch nur den USA. Immer wenn wieder ein Antrag auf Ausschluss kam, konterten die USA mit der Drohung, ebenfalls die UNO zu verlassen, wenn Israel hinausgeworfen werde. Moralisch wird das offenbar in vielen Regierungen anders gesehen als in ihren Universitäten. Aber man müsste schon die Prinzipien und Grundgedanken des Völkerrechts als Maßstab immerhin unverbindlicher Moral beiseiteschieben und in das neue Regal „regelbasierte Ordnung“ greifen, um die Politik in Jerusalem sowohl nach innen wie nach außen nicht als moralisch abstoßend zu bezeichnen. Und juristisch ist kaum noch ein Ausweg aus der selbstgebauten Sackgasse.



Das neueste Gutachten des Internationalen Gerichtshofs (IGH) vom 22. Juli 2024 erzählt in der Substanz nichts Neues, und niemand war in der Tat wirklich überrascht. Auch die stärksten und dauerhaftesten Unterstützer der israelischen Regierung in Politik und Medien wissen seit Jahren, dass die Besetzung des palästinensischen Territoriums, seine Besiedlung, der Landraub und die Ausbeutung seiner Ressourcen rechtswidrig sind, dass Armee und Siedler die besetzten Gebiete zu verlassen haben. Sie kennen das erste Gutachten des IGH aus dem Jahr 2004, in dem er den Bau der Mauer/Sperrzauns soweit als rechtswidrig erklärte, wie er auf palästinensisches Territorium übergreift – 16% mit ca. 80. 000 Siedlern – , und sich faktisch aneignete. Seinerzeit liess der IGH schon keine Zweifel aufkommen, dass er nicht auch die Besatzung und die Siedlungspolitik für rechtswidrig hielt.

Aktuell nun greift der IGH weiter aus, wird konkreter und präziser – das mag überrascht haben. Die Fragen, die ihm die UN-Generalversammlung Ende Dezember 2022 gestellt hatte, waren klar und machten auch aus der Meinung der Versammlung keinen Hehl:

1. „Welche rechtlichen Konsequenzen ergeben sich aus der fortwährenden Verletzung des Rechts des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung durch Israel, aus seiner anhaltenden Besatzung, Besiedlung und Annexion des seit 1967 besetzten palästinensischen Gebietes, einschließlich der Maßnahmen, die darauf abzielen, die demografische Zusammensetzung, den Charakter und den Status der Heiligen Stadt Jerusalem zu verändern, und aus der Verabschiedung damit verbundener diskriminierender Gesetze und Maßnahmen?“
2. „Wie wirken sich die oben erwähnten Politiken und Praktiken Israels auf den rechtlichen Status der Besatzung aus, und welche rechtlichen Konsequenzen ergeben sich daraus für alle Staaten und die Vereinten Nationen?“

Der IGH veranstaltete vom 19. Februar an eine einwöchige Anhörung in Den Haag, zu der sich 49 Staaten und drei internationale Organisationen angemeldet hatten. Nur auf die Erklärung der chinesischen Regierung sei hier hingewiesen, da sie so ungewohnt in unseren Ohren klingt und wir sie so klar und eindeutig nie von einer Regierung im westlichen NATO-Horizont hören werden. Chinas Vertreter Ma Xinmin erklärte, dass die Palästinenser ein „unveräußerliches Recht“ haben, sich mit Gewalt gegen ausländische Unterdrückung zu wehren. Israel sei aufgrund seiner Besatzung und Unterdrückung für den Konflikt mit den Palästinensern verantwortlich, und fügte hinzu, dass „in diesem Zusammenhang“ der bewaffnete Kampf von Terrorismus zu unterscheiden sei und dass der palästinensische Kampf eine gerechtfertigte Aktion zur Wiederherstellung ihrer legitimen Rechte sei.

Vier Monate später am 19. Juni eröffnete der libanesische Gerichtspräsident Nawaf Salam die Verlesung des Gutachtens mit den Worten:  “Israels anhaltender Missbrauch seiner Position als Besatzungsmacht durch die Annexion und die Behauptung einer ständigen Kontrolle über die besetzten palästinensischen Gebiete und die fortgesetzte Vereitelung des Rechts des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung verstößt gegen grundlegende Prinzipien des Völkerrechts und macht die Anwesenheit Israels in den besetzten palästinensischen Gebieten rechtswidrig”.

In allen neun Kernpunkten des 83 Seiten umfassenden Gutachtens waren sich die Richter und Richterinnen mit großer Mehrheit einig. Die Besatzung sei, so der Vorsitzende Salam, das Produkt „systematischer Diskriminierung, Segregation und Apartheid“, eine „de-facto Annexion“. Israel habe seine „gesetzwidrige Anwesenheit in den besetzten palästinensischen Gebieten so schnell wie möglich zu beenden“. Die Regierung müsse sofort alle Siedlungsaktivitäten stoppen und alle Siedler aus den bestehenden Siedlungen evakuieren, ferner die „Rückkehr aller Palästinenser, die während der Besatzung vertrieben wurden, an ihren ursprünglichen Wohnort“ ermöglichen. Israel habe für alle Schäden, die alle „natürlichen und juristischen Personen“ durch die Besatzung erlitten hätten, Entschädigung zu leisten. Zudem wiederholt der Gerichtshof seine Forderung von 2004 nach Rückbau der Sperranlage auf israelisches Territorium.

Es gab eine grundsätzliche Ablehnung aller neun Punkte durch ein Dissenting Vote der ugandischen Richterin Julia Sebutinde. Sie hatte sich schon in den Entscheidungen des IGH in der Klage Südafrikas gegen Israel gegen alle Entscheidungen gewandt. Ihre Ablehnung basiert auf der sog. political question – Doktrin in den USA, die die Regierung in zentralen politischen Fragen vor der Gerichtsbarkeit schützt. Ihre Wirkung gilt offensichtlich auch in Uganda und lässt sich mit der Mitgliedschaft Sebutindes bei den Evangelikalen erklären, deren Chef ihr Ehemann ist.

Drei weitere abweichende Voten der Richter Abraham aus Frankreich, Auresku aus Rumänien und Tomka aus Slowakei zu einigen Punkten des Gutachtens mindern nicht den großen Konsens über die zentralen Fragen im Richterkollegium. Während die Mehrheit im Gericht die Berufung Israels auf ein Selbstverteidigungsrecht für die Besatzung 57 Jahre nach ihrem Beginn ablehnt, sind die drei Richter da anderer Meinung. Wegen der “außergewöhnlich komplexen Geschichte und Natur des israelisch-palästinensischen Konflikts” sei auch jetzt noch eine israelische Militärpräsenz vertretbar. Doch hatte diese Netanjahu zweifellos angenehme Meinung keine Chance im Kollegium,  und Richter Yusuf aus Somalia und die australische Richterin Charlesworth traten dem in ihrem Votum ausdrücklich entgegen. 

Auf eine besondere Formulierung im Gutachten weist das Sondervotum der US-amerikanischen Richterin Cleveland und des deutschen Richters Nolte hin. Es heißt dort, dass sich Israel „so schnell wie möglich“ aus den besetzten Gebieten zurückziehen soll. Dies ist eine kleine Hintertür, die das Gericht dem Rückzug gelassen hat, und es ist nicht zufällig, dass das Votum aus den USA und der BRD den Blick darauf gelenkt hat.

Israels Offizielle wiesen, wie zu erwarten, das Gutachten zurück, es würde den Friedensprozess unterminieren. Netanjahu fand es absurd und erklärte: „Das jüdische Volk ist kein Besatzer in seinem eigenen Land, auch nicht in unserer ewigen Hauptstadt Jerusalem oder in Judäa und Samaria, unserer historischen Heimat.“

Das Auswärtige Amt verbreitete einen X-Spot der deutschen Außenministerin auf Reisen, das schon jetzt signalisiert, dass die Bundesregierung der Forderung des IGH, die Unterstützung der rechtswidrigen Besatzungspolitik Israels aufzugeben, nicht nachkommen wird: „Der IGH hat ein wegweisendes Gutachten zum Nahostkonflikt veröffentlicht. Klar ist: Die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik steht der 2-Staaten-Lösung im Weg. ISR-Regierung wäre gut beraten, das Gutachten ernst zu nehmen & den Weg für 2-Staatenlösung freizumachen.“

Da auch von den USA, gleich unter welcher zukünftigen Präsidentschaft, kein Wechsel in ihrer Israel-Politik zu erwarten ist, bleiben nur die Vereinten Nationen, an die die Forderung ergeht, „die genauen Modalitäten und weiteren Maßnahmen, die erforderlich sind, um die unrechtmäßige Präsenz des Staates Israel in den besetzten palästinensischen Gebieten so schnell wie möglich zu beenden“. Da der UN-Sicherheitsrat durch das Veto der USA blockiert bleibt, wird es die Aufgabe der Generalversammlung sein, Mittel zu finden, die die israelische Regierung unter Druck setzen, sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen. Vorbild sollte die Zähigkeit der südafrikanischen Regierung sein, die durch wiederholte Anträge beim Gerichtshof schließlich ein Votum für den Waffenstillstand im Süden des Gazastreifens erhielt. Dabei gilt es vor allem, die kleine Hintertür zu schließen, die das Gutachten gelassen hat, indem es den Rückzug aus den besetzten Gebieten nur „so schnell wie möglich“ fordert.



Bei aller Skepsis über die Wirkung dieses Gutachtens auf die Politik Israels und seiner Paten USA und BRD sollte seine Bedeutung nicht unterschätzt werden. Jahrzehnte war die internationale Justiz systematisch aus dem Konflikt in Palästina herausgehalten worden. Erst in den letzten 10 Jahren war es zunächst der Internationale Strafgerichtshof (IStGH), der nach dem schweren Angriff auf Gaza 2014 mit über 2000 Toten und Zehntausend Verletzten die Untersuchungen wegen möglicher Kriegsverbrechen aufnahm. In umfangreichen Gutachten musste er seine Zuständigkeit für Palästina, ein Land, das von der UNO bisher trotz mehrfacher Versuche nur als Staat mit Beobachterstatus anerkannt worden ist, begründen. Und nun steht er vor der Entscheidung, zum ersten Mal in der Geschichte einen westlichen Staatschef in Haft zu nehmen. Der Internationale Gerichtshof folgte, angetrieben durch die Klage Südafrikas gegen Israel und Nicaraguas gegen Deutschland. Der Auftrag der UN-Generalversammlung an den IGH initiierte nicht nur das vierte Verfahren der internationalen Gerichtsbarkeit, sondern auch die grundsätzlichste, die gesamte Problematik der israelischen Besatzung umfassende Prüfung und Entscheidung. Die vom IGH geforderte Beendigung von über fünfzig Jahre Unterdrückung, Landraub und Apartheid in Palästina mag nicht sofort gelingen, ist aber dennoch eine historische Entscheidung der Internationalen Justiz.

Anmerkung der Redaktion zum obigen Thema: Der ehemalige Direktor von Human Rights Watch, Kenneth Roth, wirft der Bundesregierung Inkonsequenz in ihrer Nahostpolitik vor. Wenn Palästinenser von Menschenrechten ausgenommen würden, gebe es für niemanden Menschenrechte, sagt Roth im Deutschlandfunk.

Kenneth Roth im Gespräch mit Stephan Detjen | DLF 27.07.2024

https://www.deutschlandfunk.de/israel-gaza-kenneth-roth-human-rights-watch-100.html

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.

Beobachtungen amerikanischer Ärzte und Krankenschwestern aus dem Gaza-Streifen seit dem 7. Oktober 2023 – Brief an Präsident Biden

Ich habe noch nie so schreckliche Verletzungen gesehen, in so großem Ausmaß und mit so wenigen Mitteln. Unsere Bomben zerfetzen Frauen und Kinder zu Tausenden. Ihre verstümmelten Körper sind ein Monument der Grausamkeit.
Dr. Feroze Sidhwa, Chirurg für Traumatologie und Intensivmedizin
Ich habe so viele Totgeburten und Todesfälle von Müttern gesehen, die leicht hätten verhindert werden können, wenn die Krankenhäuser normal funktioniert hätten.
Dr. Thalia Pachiyannakis, Geburtshelferin und Gynäkologin

Jeden Tag sah ich Babys sterben. Sie waren gesund geboren worden. Ihre Mütter waren so mangelernährt,dass sie nicht stillen konnten, und wir hatten weder Muttermilch noch sauberes Wasser, um sie zu füttern, so dass sie verhungerten.
Asma Taha, praktizierende Kinderkrankenschwester

In Gaza hielt ich zum ersten Mal das Gehirn eines Babys in meiner Hand. Das erste von vielen.
Dr. Mark Perlmutter, Orthopäde und Handchirurg

Sehr geehrter Präsident Joseph R. Biden, sehr geehrte Vizepräsidentin Kamala Harris und Dr. Jill Biden,
wir sind fünfundvierzig US-amerikanische Ärzte, Chirurgen und Krankenschwestern, die sich seit dem 7. Oktober 2023 freiwillig in den Gaza-Streifen begeben haben. Wir arbeiteten mit verschiedenen Nichtregierungsorganisationen und der Weltgesundheitsorganisation in Krankenhäusern im gesamten Gazastreifen. Neben unserem medizinischen und chirurgischen Fachwissen haben viele von uns einen Hintergrund im Bereich der öffentlichen Gesundheit sowie Erfahrung in humanitären und Konfliktgebieten, einschließlich der Ukraine während der brutalen russischen Invasion. Einige von uns sind Veteranen der Streitkräfte der Vereinigten Staaten. Wir sind eine multireligiöse und multiethnische Gruppe. Keiner von uns unterstützt die Gräueltaten, die am 7. Oktober von bewaffneten palästinensischen Gruppen und Einzelpersonen in Israel begangen wurden.
In der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation heißt es: “Die Gesundheit aller Völker ist von grundlegender Bedeutung für die Verwirklichung von Frieden und Sicherheit und hängt von der uneingeschränkten Zusammenarbeit von Einzelpersonen und Staaten ab.“ In diesem Sinne schreiben wir Ihnen.
Wir gehören zu den einzigen neutralen Beobachtern, die seit dem 7. Oktober in den Gaza-Streifen einreisen durften. Aufgrund unseres umfassenden Fachwissens und unserer unmittelbaren Erfahrung im Gazastreifen sind wir in einer einzigartigen Position, um uns zu mehreren Fragen zu äußern, die für unsere Regierung wichtig sind, wenn sie entscheidet, den Angriff Israels auf den Gazastreifen und dessen Belagerung weiterhin zu unterstützen.  Insbesondere glauben wir, dass wir gut positioniert sind, um uns zu den massiven menschlichen Opfern des israelischen Angriffs auf den Gazastreifen zu äußern, insbesondere zu den Opfern an   Frauen und Kindern.
In diesem Schreiben haben wir unsere eigenen Erfahrungen und direkten Beobachtungen in Gaza zusammengetragen und zusammengefasst. Wir haben auch Links zu einem viel längeren und viel zitierten Anhang, der die öffentlich zugänglichen Informationen aus Medien, humanitären und akademischen Quellen zu den wichtigsten Aspekten der israelischen Invasion in Gaza zusammenfasst. Der Anhang ist als PDF-Datei unter  https://tinyurl.com/gazadoctorsletterappendix verfügbar. Dieser Brief kann elektronisch als PDF-Datei unter https://tinyurl.com/gazadoctorsletter abgerufen werden.
Dieser Brief und der Anhang zeigen, dass die Zahl der Opfer in Gaza viel höher ist, als in den Vereinigten Staaten verstanden wird. Es ist wahrscheinlich, dass die Zahl der Todesopfer in diesem Konflikt bereits höher ist als 92.000, das sind erstaunliche 4,2 % der Bevölkerung des Gazastreifens. Unsere Regierung muss sofort handeln, um eine noch schlimmere Katastrophe zu verhindern als die, die bereits über die Menschen in Gaza und Israel hereingebrochen ist.
Ein Waffenstillstand muss sowohl Israel als auch den bewaffneten palästinensischen Gruppen auferlegt werden, indem die militärische Unterstützung für Israel  aufhört und ein internationales Waffenembargo gegen Israel und alle bewaffneten palästinensischen Gruppen durchgesetzt wird. Wir glauben, dass unsere Regierung dazu verpflichtet ist, sowohl nach US-amerikanischem Recht als auch nach  dem humanitärem Völkerrecht, und wir glauben, dass es das Richtige ist, dies zu tun.
Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Menschen in Gaza krank, verletzt oder beides. Dies gilt für jeden nationalen Helfer, jeden internationalen Freiwilligen und wahrscheinlich jede israelische Geisel: jeder Mann, jede Frau und jedes Kind. Während unserer Arbeit in Gaza sahen wir eine weit verbreitete Unterernährung bei unseren Patienten und unseren palästinensischen Kollegen im Gesundheitswesen. Jeder von uns verlor in Gaza schnell an Gewicht, obwohl wir privilegierten Zugang zu Lebensmitteln hatten und unsere eigene nährstoffreiche Zusatznahrung mitgenommen hatten. Wir haben Fotobeweise für eine lebensbedrohliche Unterernährung unserer Patienten, insbesondere der Kinder, die wir gerne mit Ihnen teilen möchten.
Praktisch jedes Kind unter fünf Jahren, das wir sowohl innerhalb als auch außerhalb des Krankenhauses angetroffen haben, hatte sowohl Husten als auch wässrigen Durchfall. Wir fanden Fälle von Gelbsucht (ein Hinweis auf eine Hepatitis-A-Infektion) in praktisch jedem Raum der Krankenhäuser, in denen wir arbeiteten, und bei vielen unserer Kollegen im Gesundheitswesen in Gaza. Ein erstaunlich hoher Prozentsatz unserer chirurgischen Schnitte wurde infiziert, eine Kombination aus Unterernährung, unmöglichen Operationsbedingungen und Mangel an Vorräten von Medikamenten, einschließlich Antibiotika. Die schwangeren Frauen, die wir behandelten, brachten oft untergewichtige Kinder zur Welt, die aufgrund von Unterernährung nicht gestillt werden konnten. Dadurch waren ihre Neugeborenen einem hohen Risiko ausgesetzt. Da es im gesamten Gazastreifen keinen Zugang zu Trinkwasser gibt, besteht für die Neugeborenen ein hohes Sterberisiko. Viele dieser Säuglinge starben. In Gaza sahen wir, wie unterernährte Mütter ihre untergewichtigen Neugeborenen mit Säuglingsnahrung fütterten, die mit vergiftetem Wasser hergestellt wurde. Wir dürfen nie vergessen, dass die Welt diese unschuldigen Frauen und Babys im Stich gelassen hat.
Wir bitten Sie, sich bewusst zu machen, dass im Gazastreifen Epidemien wüten. Israels fortgesetzte, wiederholte Vertreibung der unterernährten und kranken Bevölkerung von Gaza, von denen die Hälfte Kinder sind, in Gebiete ohne fließendes Wasser oder gar Toiletten, ist absolut schockierend. Es ist praktisch garantiert, dass dies zu weit verbreiteten und bakteriellen Durchfallerkrankungen und Lungenentzündungen, insbesondere bei Kindern unter fünf Jahren führt. Wir befürchten, dass unbekannte Tausende bereits an der tödlichen Kombination aus Unterernährung und Krankheit gestorben sind und dass in den kommenden Monaten weitere Zehntausende sterben werden. Die meisten von ihnen werden junge Kinder sein.
Kinder gelten in bewaffneten Konflikten gemeinhin als unschuldig. Doch jeder einzelne Unterzeichner dieses Schreibens hat Kinder im Gazastreifen behandelt, die Opfer von Gewalt wurden, die gezielt gegen sie gerichtet war.
Konkret hat jeder von uns täglich Kinder im Alter unter zehn behandelt, denen in den Kopf und in die Brust geschossen worden war.
Herr Präsident und Herr Dr. Biden, wir wünschten, Sie könnten die Albträume sehen, die so viele von uns seit unserer Rückkehr plagen, Träume von Kindern, die von unseren Waffen verstümmelt wurden, und ihre untröstlichen Mütter, die uns anflehen, sie zu retten. Wir wünschten, Sie könnten die Schreie und das Weinen hören, die unser Gewissen uns nicht vergessen lassen wird. Wir können nicht glauben, dass irgendjemand weiterhin das Land bewaffnet, das diese Kinder vorsätzlich tötet, nachdem wir gesehen haben, was wir gesehen haben.
Die schwangeren Frauen, die wir behandelten, waren besonders unterernährt. Diejenigen von uns, die mit schwangeren Frauen arbeiteten, sahen regelmäßig Totgeburten und Todesfälle bei Müttern, die in jedem anderen Gesundheitssystem der sog. Dritten Welt leicht vermeidbar wären. Die Infektionsrate bei Kaiserschnittentbindungen war erstaunlich groß. Frauen wurden ohne Anästhesie operiert und bekamen danach nur Tylenol, weil keine anderen Schmerzmittel zur Verfügung standen.
Wir alle beobachteten, dass die Notaufnahmen von Patienten überschwemmt wurden, die eine Behandlung für chronische Krankheiten wie Nierenversagen, Bluthochdruck und Diabetes suchten.  Abgesehen von Traumapatienten waren die meisten Betten auf der Intensivstation mit Typ-1-Diabetikern belegt, die aufgrund des Mangels an Medikamenten und des weit verbreiteten Stromausfalls keinen Zugang mehr zu gespritztem Insulin hatten. Israel hat mehr als die Hälfte der Gesundheitseinrichtungen im Gazastreifen zerstört und jeden 40. Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Gaza getötet. Gleichzeitig ist der Bedarf an medizinischer Versorgung durch die tödliche Kombination von militärischer Gewalt, Unterernährung und Krankheiten massiv gestiegen.
In den Krankenhäusern, in denen wir arbeiteten, fehlte es an grundlegenden Hilfsgütern, von chirurgischem Material bis hin zu Seife. Sie waren regelmäßig von der Stromversorgung und dem Internetzugang abgeschnitten, hatten kein sauberes Wasser und arbeiteten mit der vier- bis siebenfachen ihrer Bettenkapazität. Jedes Krankenhaus war überfordert mit dem Ansturm von Vertriebenen, die Sicherheit suchten, durch den ständigen Strom von Patienten, deren Behandlung chronischer Erkrankungen durch den Krieg unterbrochen worden war, durch den enormen Zustrom schwer verwundeter Patienten, die typischerweise bei Massenunfällen eintrafen und durch kranke und unterernährte Menschen, die medizinische Hilfe suchten.
Diese Beobachtungen und das öffentlich zugängliche Material, das im Anhang aufgeführt ist, führen zu der Annahme, dass die Zahl der Todesopfer in diesem Konflikt um ein Vielfaches höher ist als vom Gesundheitsministerium in Gaza angegeben. Wir glauben auch, dass dies ein Beweis für weit verbreitete Verstöße gegen US- amerikanische Gesetze ist, die den Einsatz amerikanischer Waffen im Ausland regeln, und gegen humanitäres Völkerrecht. Wir können die Szenen unerträglicher Grausamkeit gegen Frauen und Kinder nicht vergessen, die wir selbst miterlebt haben.
Als wir unsere Kollegen aus dem Gesundheitswesen in Gaza trafen, war klar, dass sie unterernährt und sowohl körperlich und seelisch am Boden zerstört waren. Wir erfuhren schnell, dass unsere palästinensischen Kollegen im Gesundheitswesen zu den am stärksten traumatisierten Menschen in Gaza, vielleicht sogar in der ganzen Welt, gehörten. Wie praktisch alle Menschen in Gaza hatten sie Familienmitglieder und ihr Zuhause verloren. Die meisten lebten in und um ihre Krankenhäuser mit ihren überlebenden Familien unter unvorstellbaren Bedingungen. Obwohl sie weiterhin nach einem zermürbenden Zeitplan arbeiteten und obwohl sie seit dem 7. Oktober nicht mehr bezahlt worden waren. Alle waren sich bewusst, dass sie durch ihre Arbeit als Gesundheitsdienstleister zur Zielscheibe Israels geworden waren. Dies ist eine Verhöhnung des Schutzstatus der Krankenhäuser und der Gesundheitsdienstleister nach den ältesten und am meisten akzeptierten Bestimmungen des humanitären Völkerrechts.
In Gaza trafen wir medizinisches Personal, das in Krankenhäusern arbeitete, die von Israel überfallen und zerstört worden waren. Viele dieser Kollegen wurden während der Angriffe von Israel verschleppt. Sie alle erzählten uns in leicht veränderter Version dieselbe Geschichte: In der Gefangenschaft wurden sie kaum ernährt, ständig körperlich und psychisch missbraucht und schließlich nackt am Straßenrand ausgesetzt. Viele erzählten uns, dass sie Scheinhinrichtungen und anderen Formen der Misshandlung und Folter ausgesetzt waren. Viel zu viele unserer Kollegen aus dem Gesundheitswesen sagten uns, dass sie einfach auf den Tod warteten.
Wir fordern Sie auf zu erkennen, dass Israel das gesamte Gesundheitssystem des Gazastreifens direkt angegriffen und vorsätzlich zerstört hat und dass Israel unsere Kollegen im Gazastreifen zum Tode verurteilt hat, sie verschwinden lässt und foltert. Diese skrupellosen Handlungen stehen im völligen Widerspruch zum US-amerikanischen Recht, zu den amerikanischen Werten und dem humanitären Völkerrecht.
Dr. Biden, Sie haben Ihr ganzes Leben lang mit jungen Menschen gearbeitet. Wir hoffen und beten, dass Sie nicht wegschauen werden von den unaussprechlichen Schrecken, denen die Jugend von Gaza heute ausgesetzt ist, Schrecken, die nur wir als US-Amerikaner beenden können. Wir hoffen aufrichtig, dass Sie alles in Ihrer Macht Stehende tun werden, um das, was ihnen angetan wird, zu beenden.
Präsident Biden und Vizepräsidentin Harris, jede Lösung für dieses Problem muss mit einem sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand beginnen. Wir fordern Sie dringend auf, dem Staat Israel die militärische, wirtschaftliche und diplomatische Unterstützung zu verweigern und sich an einem internationalen Waffenembargo sowohl gegen Israel als auch gegen alle bewaffneten palästinensischen Gruppen zu beteiligen, bis ein dauerhafter Waffenstillstand erreicht ist und bis aufrichtige Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern zu einer dauerhaften Lösung des Konflikts führen.
In der Zwischenzeit:
1. Alle Landübergänge zwischen Gaza und Israel sowie der Rafah-Übergang müssen für ungehinderte Hilfslieferungen durch anerkannte internationale humanitäre Organisationen geöffnet werden. Die Sicherheitskontrolle der Hilfslieferungen muss durch ein unabhängiges internationales Inspektionssystem anstelle der israelischen Streitkräfte durchgeführt werden. Diese Kontrollen müssen auf einer klaren, unmissverständlichen und veröffentlichten Liste verbotener Güter und einem klaren unabhängigen internationalen Mechanismus zur Zurückweisung verbotener Güter, vom UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten in den besetzten palästinensischen Gebieten überprüft.
2. Der Bevölkerung des Gazastreifens muss eine Mindestmenge von 20 Litern Trinkwasser pro Person und Tag zugewiesen werden,  von UN Water überprüft.
3. Uneingeschränkter Zugang für medizinisches und chirurgisches Personal und medizinische und chirurgische Ausrüstung in den Gaza-Streifen muss zugelassen werden. Es gilt auch für Gegenstände, die im persönlichen Gepäck des medizinischen Personals mitgeführt werden, um ihre ordnungsgemäße Lagerung, Sterilität und rechtzeitige Lieferung zu gewährleisten, wie von der Weltgesundheitsorganisation überprüft. Unglaublicherweise verbietet Israel derzeit allen Ärzten palästinensischer Abstammung, in Gaza zu arbeiten, selbst  wenn sie US-amerikanische Staatsbürger sind. Dies ist eine Verhöhnung des US-amerikanischen Ideals, dass “alle Menschen gleich geschaffen sind”, und entwürdigt unsere Nation und unseren Beruf. Unsere Arbeit ist lebensrettend. Unsere palästinensischen Kollegen im Gesundheitswesen in Gaza suchen verzweifelt nach Hilfe und Schutz, und sie verdienen beides.
Wir sind keine Politiker. Wir erheben nicht den Anspruch, alle Antworten zu haben. Wir sind einfach Ärzte und Krankenschwestern, die zu dem, was wir in Gaza gesehen haben, nicht schweigen können. Jeder Tag, an dem wir weiterhin Waffen und Munition an Israel liefern, ist ein weiterer Tag, an dem Frauen von unseren Bomben zerfetzt und Kinder mit unseren Kugeln ermordet werden.
Präsident Biden und Vizepräsident Harris, wir fordern Sie auf: Beenden Sie diesen Wahnsinn jetzt!
Mit freundlichen und dringlichen Grüßen
Feroze Sidhwa, MD, MPH, FACS, FICS
Chirurg für Trauma, Akutversorgung, Intensivpflege und Allgemeinchirurgie
Allgemeiner Chirurg für Veteranenangelegenheiten in Nordkalifornien
Einsatz im European Hospital, Khan Younis, 25. März bis 8. April
Sekretär/Schatzmeister, Chest Wall Injury Society
Außerordentlicher Professor für Chirurgie, California Northstate University
College für Medizin
Frühere humanitäre Einsätze in Haiti, Westjordanland, Ukraine (3
Einsätze seit 2023), und Simbabwe
Behandlung der Opfer des Boston-Marathon-Bombenanschlags
French Camp, CA

Mark Perlmutter, MD, FAAOS, FICS
Orthopädische und Handchirurgie
Einsatz im European Hospital, Khan Younis, 25. März bis 8. April
Präsident, World Surgical Foundation
Globaler Vizepräsident, Internationales College der Chirurgen
Frühere humanitäre Arbeit in 30 Ländern
Behandlung von Opfern des 11. Septembers und des Hurrikans Katrina
Rocky Mount, NC

(Es folgen 43 weitere Unterschriften.)
https://edition.cnn.com/2024/07/26/world/open-letter-45-us-physicians-gaza/index.html
https://www.dropbox.com/scl/fi/bf4mfymnmn4t1wyvdkx4h/Letter.pdf?rlkey=z3ekl4u9gtya2p33ek6ud2zet&e=3&dl=0


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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BIP-Aktuell #313: Anzeichen für eine wirtschaftliche Katastrophe in Israel mehren sich

Finanzkrise, Verlust von Produktionsmitteln, Unsicherheit über die Zukunft

BIP-Aktuell #313:

  1. Anzeichen für eine wirtschaftliche Katastrophe mehren sich
  2. Wasserversorgung im palästinensischen Viertel in Ostjerusalem wegen der Hitzewelle reduziert

Israelische Zeitungen, Wirtschaftswissenschaftler und Historiker sprechen von einem systematischen Zusammenbruch der israelischen Wirtschaft, der staatlichen Institutionen und des zionistischen Projekts selbst. Da ausländische Investitionen und der Tourismus zum Erliegen gekommen sind und Hunderttausende von Israelis nach Möglichkeiten suchen, das Land zu verlassen, hat die israelische Öffentlichkeit selbst aufgehört zu glauben, dass sich die israelische Wirtschaft jemals erholen könnte. Wichtige Wirtschaftszweige haben ihre Investitionen ins Ausland verlagert.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Schlagzeilen der israelischen Tageszeitungen und die Slogans der BDS-Bewegung fast identisch sind. Kein Staat auf der Welt war in der Lage, der israelischen Wirtschaft so viel Schaden zuzufügen wie der Staat Israel selbst. Das Ergebnis: Es gibt zunehmende Anzeichen dafür, dass die israelische Wirtschaft in eine Sackgasse geraten ist, die von der ganzen Welt gesehen werden – außer von den USA und Deutschland.



Demonstranten in Tel Aviv beklagen mit einem BDS-Slogan den Niedergang der israelischen Wirtschaft. Quelle: 2023, Twitter.



Als israelische Demonstranten gegen die Regierung ein riesiges Schild mit dem BDS-Slogan “From startup nation to shutdown nation” trugen, war das nichts anderes als eine Verletzung des Urheberrechts, denn dieser Slogan stammt von der BDS-Bewegung … Aber das war im Februar 2023. Nach dem 7. Oktober erhielt die Krise andere Dimensionen. Zunächst einmal in Gaza. Israels völkermörderischer Angriff auf den Gazastreifen, der mehr als 40.000 Palästinenser, darunter mehr als 15.000 Kinder, getötet hat und möglicherweise über 146.000 weitere Palästinenser aus dem Gazastreifen dazu verdammt hat, in den kommenden Monaten an gesundheitlichen Schäden aufgrund von Verletzungen, Hunger und Krankheiten zu sterben (siehe BIP-Aktuell #312). Der Krieg hat das Leben von 2,3 Millionen Menschen im Gaza-Streifen und von Tausenden im besetzten Westjordanland ruiniert. Nach Schätzungen der UNO wurden 70 % der Häuser zerstört, und es wird 15 Jahre dauern, bis die Trümmer beseitigt sind. Dennoch gibt es kaum Zweifel daran, dass die palästinensischen Überlebenden des Völkermords, auch wenn sie traumatisiert und verarmt sind und um ihre verlorenen Familienmitglieder und Freunde trauern, letztendlich ihre Heimat wieder aufbauen und sich erholen wollen, wie lange es auch immer dauern mag. Israel dagegen hat weniger Tote und weniger physische und wirtschaftliche Zerstörungen zu beklagen, aber die Auswirkungen des Krieges auf die israelische Wirtschaft sind möglicherweise nicht mehr zu beheben.

Die Wirtschaftsindikatoren sprechen von nichts weniger als einer wirtschaftlichen Katastrophe. Mehr als 46.000 Unternehmen sind in Konkurs gegangen, der Tourismus ist zum Erliegen gekommen, die Kreditwürdigkeit Israels wurde herabgesetzt, israelische Anleihen werden zu Preisen verkauft, die fast dem Niveau von “Schrottanleihen” entsprechen, und die Auslandsinvestitionen, die im ersten Quartal 2023 bereits um 60 % zurückgegangen sind (als Folge der Politik der rechtsextremen israelischen Regierung vor dem 7. Oktober), zeigen keine Aussichten auf Erholung. Der Großteil der in israelischen Investmentfonds angelegten Gelder wurde in Anlagen im Ausland umgeleitet, weil Israelis nicht wollen, dass ihre eigenen Renten- und Versicherungsfonds und ihre eigenen Ersparnisse an das Schicksal des Staates Israel gebunden sind. Dies hat zu einer überraschenden Stabilität des israelischen Aktienmarktes geführt, da die in ausländische Aktien und Anleihen investierten Gelder Gewinne in ausländischer Währung generierten, die durch den Anstieg des Wechselkurses zwischen ausländischen Währungen und dem israelischen Schekel multipliziert wurden. Doch die israelische Finanznachrichten-Website Calcalist berichtete, dass Intel einen Investitionsplan  von 25 Milliarden US-Dollar platzen lasse; obwohl der Bericht vom Chiphersteller weder bestätigt noch dementiert wurde, ist aller Erfahrung nach davon auszugehen, dass er zutrifft – ganz im Sinne der BDS-Forderungen. 

Dies sind alles finanzielle Indikatoren. Aber die Krise sitzt tiefer, nämlich bei den Produktionsmitteln der israelischen Wirtschaft. Das israelische Stromnetz, das weitgehend auf Erdgas umgestellt wurde, ist zur Deckung der Nachfrage immer noch auf Kohle angewiesen. Der größte Kohlelieferant Israels ist Kolumbien, das angekündigt hat, die Kohlelieferungen nach Israel auszusetzen, solange der Völkermord andauert. Nach Kolumbien sind die beiden nächstgrößten Lieferanten Südafrika und Russland. Ohne eine zuverlässige und kontinuierliche Stromversorgung kann Israel nicht länger so tun, als sei es auf lange Stromausfälle gut vorbereitet: Ein hochrangiger Beamter der staatlichen Elektrizitätsbehörde warnte davor, dass ein Krieg mit der Hisbollah die israelische Strominfrastruktur ernsthaft stören könnte. Er sagte voraus, dass Israel innerhalb von drei Tagen nach einem Stromausfall unbewohnbar werden würde.

Serverfarmen funktionieren nicht ohne 24-Stunden-Strom, und niemand weiß, wie viele Stromausfälle der israelische High-Tech-Sektor möglicherweise überleben könnte. Internationale Technologieunternehmen haben bereits damit begonnen, ihre Niederlassungen in Israel zu schließen.

Israels Ruf als “Startup-Nation” hängt von seinem Technologiesektor ab, der auf gut ausgebildete Arbeitnehmer angewiesen ist. Israelische Akademiker berichten, dass die gemeinsame Forschung mit ausländischen Universitäten dank der Aktivitäten von Studenten in Protestcamps in mehreren Ländern gegen den Gazakrieg stark zurückgegangen ist (siehe BIP-Aktuell #305). Die israelischen Zeitungen sind voll von Artikeln über den Exodus gut ausgebildeter Israelis. Prof. Dan Ben David, ein berühmter Wirtschaftswissenschaftler, wies darauf hin, dass die israelische Wirtschaft von 300.000 Menschen zusammengehalten wird (die leitenden Angestellten in Universitäten, Technologieunternehmen, Krankenhäusern). Wenn ein erheblicher Teil dieser Menschen das Land verlässt, so sagt er, “werden wir nicht zu einem Dritte-Welt-Land, wir werden  einfach  aufhören zu existieren” (Quelle auf Hebräisch).

Die Daten über die tatsächliche Zahl der Israelis, die das Land verlassen, sind verwirrend und widersprüchlich, und das in einer Zeit, in der israelische Zeitungen Desinformationen über eine weltweite Welle des Antisemitismus verbreiten, als ob Juden in Europa oder Nordamerika stärker gefährdet wären als in Israel. Deshalb machen Familien längere Urlaube und erkunden Möglichkeiten für Arbeit und Studium im Ausland. Die Schätzungen über die Zahl der Israelis, die das Land bereits verlassen haben, gehen weit auseinander.

Die beiden Sektoren der israelischen Wirtschaft, die keinen Absturz zu verzeichnen haben, sind die Rüstungsunternehmen, die hohe Umsätze verzeichnen (weil die meisten von ihnen im Inland tätig sind und den Völkermord bewaffnen), und die “Exits” – internationale Konzerne, die „Leichen“ des israelischen Technologiesektors auf der Suche nach Schnäppchen durchwühlen. Sogar Google hat Interesse am Kauf des israelischen Cybersicherheitsunternehmens Wiz bekundet, das von israelischen Geheimdienstoffizieren gegründet wurde, die ihr Unternehmen gerne an Google verkaufen würden, um Israel verlassen zu können.

Israelische Wirtschaftswissenschaftler erwarten von der israelischen Regierung dringende Maßnahmen zur Bewältigung der Krise, zur Beendigung des Krieges, zur Kürzung der öffentlichen Ausgaben, zur Erhöhung der Steuern, zur Wiederherstellung des Vertrauens in die öffentlichen Institutionen Israels, zur Wiederherstellung der Außenbeziehungen Israels, insbesondere mit den Ländern, von denen es im Handel abhängig ist, der EU, der Türkei und Kolumbien. Die israelische Regierung setzt stattdessen Pläne zur Zerstörung der palästinensischen Wirtschaft nicht nur im Gazastreifen, sondern auch der Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland um, geht aggressiv gegen jeden Staat vor, der ihre Politik kritisiert, und hat in letzter Minute einen unrealistischen Haushalt für 2024 verabschiedet.

Im Zeitalter der Informationswirtschaft werden die wirtschaftlichen Aussichten von Staaten nicht mehr nur von Rohstoffen oder der Qualität der Arbeitskräfte bestimmt. Stattdessen leben wir in einer Ära der “Ökonomie der Erwartungen“. Der Hype um Israels “Startup-Nation” hat sich in eine “Shutdown-Nation” verwandelt. Zwei hochrangige israelische Wirtschaftswissenschaftler, Jugene Kendel und Ron Tzur, haben einen geheimen Bericht geschrieben, in dem sie vorhersagen, dass Israel sein hundertstes Jahr nicht erleben wird. Der Bericht wird geheim gehalten, weil sie nicht wollen, dass er zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird, aber sie gaben Interviews darüber. Am 76. Unabhängigkeitstag Israels veröffentlichte die Zeitung Haaretz sowohl in ihrer englischen als auch in ihrer hebräischen Ausgabe einen Leitartikel mit der Überschrift “Wird Israel die 100-Jahr-Feier überleben? Nur wenn Netanjahu zurücktritt”. Die hebräische Ausgabe wurde ohne diese Einschränkung veröffentlicht (Quelle auf Hebräisch). Fast drei Monate sind vergangen, und Netanjahu zeigt keine Anzeichen, die Macht abzugeben. Vielmehr sabotiert er die Verhandlungen über einen Waffenstillstand, um Wahlen zu verhindern.



Israelis, die in der Schlange in Tel-Aviv stehen, um einen Reisepass zu beantragen, ohne den sie das Land nicht verlassen können. Quelle: 2023, Cadya Levy, israelisches Innenministerium.



Drei israelische Historiker, zwei Zionisten und ein Antizionist, haben erklärt, dass das zionistische Projekt an sein Ende gekommen ist. Wenn eine kritische Masse von Israelis, unabhängig von ihrer politischen Meinung, zu der Überzeugung gelangt, dass die israelische Apartheid unhaltbar geworden ist, sind sie nicht mehr bereit, Energie und Geld zu investieren, ihr Leben und ihre Familien für das zionistische Projekt zu riskieren. Sie suchen nach einer besseren Zukunft für sich selbst, wie es jeder vernünftige Mensch tun würde.

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden. dfsf
Wasserversorgung im palästinensischen Viertel in Ostjerusalem wegen der Hitzewelle reduziert
”Obwohl das Viertel Kfar Aqab innerhalb der städtischen Grenzen liegt, wird es von einem palästinensischen Unternehmen mit Wasser versorgt, das angibt, dass Israel weniger Wasser an dieses Viertel liefert. Nach Angaben der Bewohner des Viertels wurde das Wasser in dieser Woche nur zwei Tage lang geliefert. Israels Wasserversorger: Dafür ist die Palästinensische Autonomiebehörde verantwortlich.
Palästinenser berichten, dass die Wasserversorgung im Ostjerusalemer Stadtteil Kafr Aqab in der vergangenen Woche nur zwei Tage lang möglich war, da Israel nach Angaben der örtlichen Wassergesellschaft die Wasserversorgung in dem Gebiet eingeschränkt hat.
Die Wasserversorgung des Viertels, in dem rund 100 000 Menschen leben, wird von einem palästinensischen Wasserversorger übernommen, der das Wasser von Mekorot, dem staatlichen israelischen Wasserversorger, auf Vermittlung der Palästinensischen Autonomiebehörde kauft und in die Wasserleitungen pumpt.
´Wir entschuldigen uns für das Problem, auf das wir keinen Einfluss haben, und bitten unsere Kunden, den Wasserverbrauch einzuschränken`, teilte das Unternehmen inmitten einer schweren Hitzewelle in der Region mit.
Mekorot erklärte, es habe keine Kenntnis von einer Entscheidung, die Wassermenge für das Viertel zu reduzieren, und es sei Aufgabe der Palästinensischen Autonomiebehörde, Wasser an die in ihrem Gebiet tätigen Wasserunternehmen zu liefern. Die Stadtverwaltung von Jerusalem hat nicht geantwortet.
Kafr Aqab liegt innerhalb der Stadtgrenze Jerusalems und unterliegt der vollen Verantwortung der israelischen Behörden. Durch die Trennmauer ist das Viertel jedoch vom Rest der Stadt abgeschnitten und wird seit dem Bau der Mauer oft vernachlässigt.
´Warum haben alle umliegenden Siedlungen rund um die Uhr Wasser und wir nicht?, fragt Munir Zarier, Vorsitzender des Bewohnerkomitees des Viertels. 
Die Schuldirektoren in der Nachbarschaft sagten, dass sie unter diesen Bedingungen zu kämpfen haben und gezwungen sind, die Kinder früher nach Hause zu schicken. Die Leiter der örtlichen Sommercamps haben erklärt, dass sie nicht in der Lage sind, das Sommercamp zu eröffnen, solange das Problem nicht gelöst ist.
Die Jerusalemer Wasserversorgungsgesellschaft Hagihon, die den Großteil der Einwohner der Stadt mit Wasser versorgt, ist in Kafr Aqab überhaupt nicht tätig. Im Laufe der Jahre haben die Bewohner unter längeren Wasserabschaltungen gelitten, und der Wasserdruck ist regelmäßig niedrig.
Nach eigenen Angaben war die Wasserversorgung bis letzte Woche jedoch recht gut. Da es im Laufe der Jahre immer wieder zu Problemen mit der Wasserversorgung gekommen ist, haben die meisten Bewohner des Viertels Wassertanks auf ihren Dächern aufgestellt, um auf Engpässe vorbereitet zu sein. Wenn das Wasser fließt, verwenden sie Pumpen, um die Tanks zu füllen. Sie behaupten jedoch, dass das gespeicherte Wasser, das oft nur 1.000 oder 1.500 Liter beträgt, nicht ausreicht.
Trotz der Vernachlässigung durch die Behörden ist Kafr Aqab zu einem begehrten Wohnort geworden, da die Jerusalemer Stadtverwaltung die Bauvorschriften in diesem Gebiet kaum durchsetzt. Seit dem Bau des Trennungszauns wurden Tausende von Wohnungen ohne Genehmigung gebaut, und derzeit leben über 100.000 Menschen in dem Viertel, die meisten von ihnen israelische Staatsbürger.”
https://www.haaretz.com/israel-news/2024-06-13/ty-article/.premium/water-supply-reduced-in-palestinian-neighborhood-in-east-jerusalem-amid-heat-wave/00000190-1170-d667-abf0-75fbf3850000


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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BIP-Aktuell #312: Zeugenaussagen von Soldaten aus Gaza

Willkürliche tödliche Gewaltanwendung gegen wehrlose Zivilisten

BIP-Aktuell #312:

  1. Zeugenaussagen von Soldaten aus Gaza
  2. Die Zählung der Toten in Gaza: schwierig, aber wichtig

Die Aussagen israelischer Soldaten zu den in Gaza begangenen Gräueltaten, der mangelnden Rechenschaftspflicht und der fehlenden militärischen Disziplin sind im Zusammenhang mit der systematischen Kampagne Israels, die Medienberichterstattung über Gaza zum Schweigen zu bringen, wichtig. Die in den Zeugenaussagen der Soldaten offengelegten Informationen beweisen, dass die deutsche Regierung nicht behaupten kann,  die israelischen Streitkräfte würden innerhalb der Grenzen des Völkerrechts agieren.

Im Mai veröffentlichte BIP Aktuell einen Bericht über die Kultur der Straflosigkeit unter israelischen Soldaten (siehe BIP-Aktuell #303). Ziel dieses Berichts war es, die Behauptung der deutschen Regierung zu widerlegen, dass das israelische Militär im Gazastreifen im Einklang mit dem Völkerrecht agiert. Wenn Soldaten für Übertretungen nicht bestraft werden, kann es keine Rechtsstaatlichkeit geben, und das hat eine rechtliche Bedeutung, weil Deutschland Waffenverkäufe an eine kriminelle Armee nicht rechtfertigen kann. Solche Verkäufe sind völkerrechtswidrig. Da die deutsche Regierung trotz mehrfacher Warnungen weiterhin Waffen an Israel verkauft, veröffentlichen wir in dieser Woche Zeugenaussagen israelischer Soldaten, die belegen, dass die vorsätzliche Tötung von Zivilisten durch israelische Soldaten angesichts der fehlenden Rechenschaftspflicht ein Kriegsverbrechen darstellt.




Ein Caterpillar D9 Bulldozer, den israelische Streitkräfte im Gazastreifen einsetzen. Die Soldaten sprühten auf den Bulldozer “Lasst uns Gaza platt machen” auf Hebräisch. Quelle: 2024, Twitter.



Am 25. Juni veröffentlichte die israelische Zeitung Haaretz ein ausführliches Interview mit drei Reservisten: Ofer Ziv, Tal Vardi und Yuval Green (Quelle auf Hebräisch). Es handelt sich um drei von 41 Reservisten, die bereits in Gaza eingesetzt waren und einen offenen Brief unterzeichnet haben, in dem sie ankündigen, dass sie sich weigern werden, weiter in Gaza zu dienen. In den Interviews sagten die Soldaten, dass der Einmarsch in Rafah das Leben unschuldiger Zivilisten gefährdet und nichts zur Befreiung israelischer Geiseln beigetragen habe. Sie sprachen über die Militäroperation im Al-Shifa-Krankenhaus (siehe BIP-Aktuell #281), über das grundlose Inbrandsetzen von Wohnhäusern, über Begeisterungsschreie der Soldaten, wenn Bomben auf Zivilisten fallen, und Rufe von Soldaten nach Rache. Die Soldaten berichteten in dem Interview, dass sie freie Hand hatten, auf andere zivile Ziele in der Nähe von Krankenhäusern und anderen Orten zu schießen, an denen humanitäre Hilfe geleistet wird.

 Ein Soldat sagte: “Ich kann an den Fingern einer Hand abzählen, wie oft sie uns gesagt haben: ‘Da drüben könnt ihr nicht schießen.'” Der offene Brief der Soldaten ist einzigartig in der Geschichte Israels. Es ist das erste Mal, dass Soldaten ihre Weigerung bekunden, in einem Krieg weiterzukämpfen, in dem sie bereits gekämpft und Kriegsverbrechen begangen haben. Die Weigerung schützt sie nicht vor der internationalen Rechenschaftspflicht für Kriegsverbrechen, sondern setzt sie einer schweren Bestrafung durch die israelischen Behörden aus. Dennoch wurde keiner der Soldaten vom israelischen Militärgerichtssystem bestraft für seine Weigerung, zu kämpfen.

Am 8. Juli veröffentlichte das israelisch-palästinensische +972 Magazin, das von der Heinrich-Böll-Stiftung finanziert wird, einen ausführlichen Artikel von Oren Ziv mit anonymen Interviews mit israelischen Soldaten, die sich nicht geweigert haben zu kämpfen. Die Zeugenaussagen sind der Beweis dafür, dass Soldaten unbewaffnete palästinensische Zivilisten ohne ersichtlichen Grund exekutieren. Sie führen einen Vernichtungskrieg. Die Zeugenaussagen stammen von sechs Soldaten, fünf anonymen und einem, der seinen Namen nannte, Yuval Green, der ebenfalls von Haaretz interviewt wurde. Der Artikel trägt den Titel “Mir ist langweilig, also schieße ich: Die Zustimmung der israelischen Armee zur Gewaltanwendung, die nicht bestraft wird.” Da Israel den Zugang von Reportern in den Gazastreifen stark einschränkt, um zu verhindern, dass der fortgesetzte Völkermord dokumentiert wird, und bereits Dutzende von Journalisten in Gaza getötet wurden, sind die Aussagen der Soldaten von großer Bedeutung.

In den Berichten wird der Gazastreifen als eine Landschaft beschrieben, die mit Leichen von unbewaffneten Menschen übersät ist, die der Verwesung überlassen oder von Tieren gefressen werden. Ein schwerer Geruch des Todes liegt in der Luft. Soldaten benutzen tödliche Waffen aus Langeweile, um ihrer Wut Luft zu machen oder einfach so. In vielen Fällen werden große Landstriche zu “Tötungszonen” erklärt, ohne die Menschen in Gaza zu informieren, und dann wird jeder getötet, der in diesen Gebieten angetroffen wird. Auch Menschen, die aus ihren Fenstern schauen, gelten als verdächtig und können erschossen werden. Die Soldaten berichten von einem Vorfall, bei dem sie in einer Schule kämpften und dabei auf Zivilisten schossen, die versuchten, in die Richtung zu fliehen, in der die Soldaten stationiert waren.

Der Artikel geht auf die Tatsache ein, dass das israelische Militär keine klaren Einsatzregeln hat und die Anweisungen, die die Soldaten erhalten, wann und wie sie die Waffen einsetzen dürfen, nicht veröffentlicht. Dies ist ein wichtiger Punkt in Bezug auf die Kultur der Straflosigkeit und der Grund dafür, dass die Regierungen der anderen Staaten nicht davon ausgehen dürfen, dass das israelische Militär in einer Weise agiert, die dem Völkerrecht entspricht.

Die Soldaten sagten aus, dass die Armee keinen Unterschied zwischen palästinensischen Zivilisten und Kämpfern macht. Sie zitierten Offiziere, die sagten: “‘Sie haben Süßigkeiten verteilt’, ‘Sie haben nach dem 7. Oktober getanzt’ oder ‘Sie haben die Hamas gewählt’ … Nicht alle, aber auch nicht wenige, dachten, dass das Kind von heute der Terrorist von morgen ist.” Die Offiziere bezeichneten alle männlichen Personen, die sie töteten, als “Terroristen” und verglichen die Zahlen der Getöteten zwischen den Einheiten in einer Art Wettbewerb. Die Soldaten töten nicht nur Zivilisten, sondern setzen auch Bulldozer ein, um Leichen unter die Trümmer zu schieben oder sie zu vergraben, damit sie nicht gefunden werden. Die Soldaten berichten, dass sie ausgiebig plündern, alles mitnehmen, was sie wollen, und die Häuser niederbrennen, wenn sie gehen.




Dieser Screenshot aus einem Video zeigt einen Soldaten in einer mit Graffiti beschmierten Uniform, der mit einer Hand raucht, während er mit der anderen ein Maschinengewehr bedient und nicht einmal in die Richtung schaut, in die er schießt. Quelle: 2024, Twitter.



Die Soldaten, die gegenüber dem +972 Magazin ausgesagt haben, wiesen darauf hin, dass der Mangel an Disziplin in den Einheiten und die Mentalität der Straffreiheit der Grund dafür sind, dass fast zehn Prozent der israelischen Verluste im Gazastreifen auf “Friendly Fire” zurückzuführen sind, d. h. auf Schüsse anderer israelischer Soldaten. Drei israelische Geiseln: Yotam Haim, Alon Shamriz und Samer Talalka wurden am 15. Dezember von israelischen Soldaten im Gazastreifen erschossen, obwohl Offiziere den Soldaten befohlen hatten, das Feuer einzustellen, als die Geiseln gesichtet wurden. Niemand wurde für die Tötung der Geiseln und die Missachtung der Befehle bestraft.

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Die Zählung der Toten in Gaza: schwierig, aber wichtig

Published: The Lancet July 05, 2024DOI: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(24)01169-3
„Bis zum 19. Juni 2024 wurden im Gazastreifen seit dem Angriff der Hamas und der israelischen Invasion im Oktober 2023 37.396 Menschen getötet, wie das Gesundheitsministerium des Gazastreifens und das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten mitteilten.
Die Zahlen des Ministeriums wurden von den israelischen Behörden angefochten, obwohl sie von den israelischen Geheimdiensten als korrekt anerkannt wurden, ebenso von den UN und der WHO. Diese Daten werden durch unabhängige Analysen gestützt, die die Entwicklung der Zahl der Todesfälle von Mitarbeitern des UN-Hilfswerks UNRWA mit den Angaben des Ministeriums vergleichen, die die Behauptung der Datenfälschung für unplausibel halten.

Die Erhebung von Daten wird für das Gesundheitsministerium im Gazastreifen immer schwieriger, da ein Großteil der Infrastruktur zerstört ist.
Das Gesundheitsministerium in Gaza musste seine übliche Berichterstattung, die sich auf Menschen stützt, die in seinen Krankenhäusern sterben oder tot eingeliefert werden, durch Informationen aus zuverlässigen Medienquellen und von Ersthelfern ergänzen. Diese Änderung hat zwangsläufig zu einer Verschlechterung der zuvor erfassten detaillierten Daten geführt. Daher weist das Gesundheitsministerium im Gazastreifen nun die Zahl der nicht identifizierten Leichen gesondert aus, die zur Gesamtzahl der Todesopfer hinzukommen. Mit Stand vom 10. Mai 2024 waren 30 % der 35.091 Toten nicht identifiziert.
Einige Beamte des Gesundheitsministeriums  von Gaza und Nachrichtenagenturen haben diese Entwicklung, mit der die Datenqualität verbessert werden soll, genutzt, um den Wahrheitsgehalt der Daten zu untergraben. Die Zahl der gemeldeten Todesfälle ist jedoch wahrscheinlich zu niedrig angesetzt. Die Nichtregierungsorganisation Airwars führt detaillierte Bewertungen von Vorfällen im Gazastreifen durch und stellt häufig fest, dass nicht alle Namen von identifizierbaren Opfern in der Liste des Ministeriums enthalten sind. Darüber hinaus schätzt die UNO, dass bis zum 29. Februar 2024 35 % der Gebäude im Gazastreifen zerstört waren.
Die Zahl der Leichen, die noch unter den Trümmern begraben sind, dürfte also beträchtlich sein und wird auf mehr als 10.000 geschätzt.

Bewaffnete Konflikte haben indirekte gesundheitliche Auswirkungen, die über die direkten Schäden durch Gewalt hinausgehen. Selbst wenn der Konflikt sofort beendet wird, wird es in den kommenden Monaten und Jahren weiterhin viele indirekte Todesfälle geben, beispielsweise durch reproduktive, übertragbare und nicht übertragbare Krankheiten. Angesichts der Intensität des Konflikts, der zerstörten Infrastruktur des Gesundheitswesens, des gravierenden Mangels an Nahrungsmitteln, Wasser und Unterkünften, der Unfähigkeit der Bevölkerung, an sichere Orte zu fliehen, und des Verlusts von Finanzmitteln für UNRWA, eine der wenigen humanitären Organisationen, die noch im Gazastreifen tätig sind, wird die Gesamtzahl der Todesopfer voraussichtlich noch höher sein.

In den jüngsten Konflikten ist die Zahl der indirekten Todesopfer drei- bis 15-mal so hoch wie die Zahl der direkten Todesopfer. Bei einer vorsichtigen Schätzung von vier indirekten Todesfällen pro einem direkten Todesfall auf die 37.396 gemeldeten Todesfälle ist es nicht unplausibel zu schätzen, dass bis zu 186 000 oder sogar mehr Todesfälle auf den aktuellen Konflikt im Gazastreifen zurückzuführen sein könnten. Legt man die für 2022 geschätzte Bevölkerungszahl des Gazastreifens von 2.375.259 zugrunde, so würde dies 7-9 % der Gesamtbevölkerung des Gazastreifens entsprechen. In einem Bericht vom 7. Februar 2024, als die unmittelbare Zahl der Todesopfer 28.000 betrug, wurde geschätzt, dass es ohne Waffenstillstand bis zum 6. August 2024 zwischen 58.260 Todesopfer (ohne eine Epidemie oder Eskalation des Krieges) und 85.750 Todesopfer (wenn beides eintritt) geben würde.

Ein sofortiger und dringender Waffenstillstand im Gazastreifen ist unabdingbar, begleitet von Maßnahmen, die die Verteilung von medizinischen Hilfsgütern, Nahrungsmitteln, sauberem Wasser und anderen Ressourcen zur Deckung der menschlichen Grundbedürfnisse ermöglichen. Gleichzeitig ist es notwendig, das Ausmaß und die Art des Leids in diesem Konflikt zu erfassen. Die Dokumentation des wahren Ausmaßes ist von entscheidender Bedeutung, um die historische Rechenschaftspflicht zu gewährleisten und die vollen Kosten des Krieges anzuerkennen. Dies ist auch ein rechtliches Erfordernis. Die vom Internationalen Gerichtshof im Januar 2024 erlassenen einstweiligen Maßnahmen verlangen von Israel, ´wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um die Zerstörung von Beweismaterial zu verhindern und die Erhaltung von Beweismaterial zu gewährleisten, das sich auf Anschuldigungen von Handlungen bezieht, die in den Anwendungsbereich der Völkermordkonvention fallen`.
Das Gesundheitsministerium von Gaza ist die einzige Organisation, die die Toten zählt. Darüber hinaus werden diese Daten für den Wiederaufbau nach dem Krieg, die Wiederherstellung der Infrastruktur und die Planung der humanitären Hilfe von entscheidender Bedeutung sein.“

Anmerkung der Redaktion von The Lancet: Martin McKee ist Mitglied des Redaktionsausschusses des Israel Journal of Health Policy Research und des internationalen Beratungsausschusses des Israel National Institute for Health Policy Research. Er war Mitvorsitzender der 6. Internationalen Jerusalemer Konferenz zur Gesundheitspolitik 2016 des Instituts, schreibt aber in persönlicher Eigenschaft. Er arbeitet auch mit Forschern in Israel, Palästina und dem Libanon zusammen. Rasha Khatib und Salim Yusuf erklären, dass sie keine konkurrierenden Interessen haben. Die Autoren danken den Mitgliedern des Studienteams Shofiqul Islam und Safa Noreen für ihren Beitrag zur Erhebung und Verwaltung der Daten für diese Korrespondenz. Die Lancet-Gruppe nimmt eine neutrale Position in Bezug auf territoriale Ansprüche in veröffentlichten Texten und institutionelle Zugehörigkeiten ein.
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(24)01169-3/volltext


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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BIP-Aktuell #311: Verhungernlassen als Waffe

Was wir wissen und was wir sehen

BIP-Aktuell #311:

  1. Verhungernlassen als Waffe
  2. Israel verschärft Kontrolle über Zone B – Annexion des Westjordanlandes beginnt

Es ist mittlerweile erwiesen, dass Israel den Hunger als Kriegswaffe einsetzt und  verhindert, dass ausreichend Lebensmittel in den Gazastreifen gelangen. Die israelische Regierung hat diese Absicht sogar angekündigt und das Urteil des Internationalen Gerichtshofs (IGH) ignoriert, die Blockade von Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten einzustellen. Die deutsche Regierung und die israelischen Medien bestreiten den Einsatz des Hungers als Waffe und erkennen nicht an, dass es sich um einen Akt des Völkermords handelt. Wird er auch in den deutschen Medien thematisiert werden?

Im März veröffentlichte das Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und  Palästinensern (BIP) einen Bericht über den Hunger in Gaza (BIP-Aktuell #295). Human Rights Watch veröffentlichte bereits im Dezember eine Warnung, dass der Hunger in Gaza keine Naturkatastrophe ist, sondern ein vorsätzlicher Einsatz als Kriegswaffe und damit ein Kriegsverbrechen. In der Tat haben die israelische Politik und das israelische Militär keinen Hehl daraus gemacht, dass sie die palästinensische Bevölkerung aushungern wollen, wie Verteidigungsminister Yoav Gallant in seiner Rede vom 9. Oktober sagte: Die Palästinenser in Gaza werden vom Zugang zu Nahrungsmitteln, Wasser und Medikamenten abgeschnitten. Dies deutet auf die Absicht hin, einer Bevölkerung die notwendigen Lebensbedingungen zu entziehen, ein Verbrechen gemäß Artikel 2 c der Konvention zur Verhütung und Bestrafung von Völkermord. Am 26. Januar entschied der IGH, dass Israel die Maßnahmen nach Artikel 2 der Konvention einstellen muss, eine Anordnung, die Israel ignorierte.



Screenshot aus einem Al-Jazeera-Video über die hungernden Kinder in Gaza vom März. Normalerweise veröffentlichen wir keine Fotos wie dieses, die auf unsere Leser eine verstörende Wirkung haben können. Da es in dieser Ausgabe aber darum geht, die Realität des Hungers zu dokumentieren, meinen wir, dass es notwendig ist, ein Bild (von Tausenden) zu zeigen. Quelle: 2024, Al-Jazeera.


Die israelischen Zeitungen berichteten nicht über die Hungersnot in Gaza, was die Frage aufwirft, ob die israelische Öffentlichkeit sich der begangenen Gräueltaten bewusst ist. Als die Türkei Sanktionen gegen Israel ankündigte und die Ausfuhr von Gütern mit doppeltem Verwendungszweck („dual-use“) aus türkischen Häfen so lange blockiert (siehe BIP-Aktuell #302), bis Hilfsgüter in den Gazastreifen gelangen dürfen, antworteten die israelischen Zeitungen mit Unverständnis, denn Hilfsgüter dürfen, so behaupteten sie, nach Gaza gelangen.

 Es hat sich eine Gruppe von Israelis als Bewegung gebildet, die sich „Tsav 9“ oder “Befehl Nummer Neun” nennt (der Name bezieht sich auf den Befehl Nr. 8, den Notruf zur Einberufung von Reservisten), um Lastwagen mit Hilfsgütern, insbesondere mit Lebensmitteln, zu blockieren, in einen Hinterhalt zu locken und anzugreifen, bevor sie in den Gazastreifen gelangen können. Dies zeigt, dass das Wissen um die Verweigerung von Hilfsgütern unter Israelis durchaus vorhanden ist. Die radikalen Aktivisten brachten ihre Kinder mit, um sich an der Erstürmung der Lastwagen für Hilfsgüter zu beteiligen und die Lebensmittel auf dem Boden zu zerstreuen, damit die hungernden Menschen in Gaza nichts bekommen. Die israelische Polizei unternahm nichts, um die Lastwagen zu schützen. So konnten die Hilfsgüter nicht mehr über israelisches Gebiet nach Gaza geliefert werden.
Anstatt die Waffenlieferungen an Israel zu stoppen, um Druck auf Israel auszuüben, damit das Töten aufhört, versprachen die USA, eine schwimmende Anlegestelle einzurichten und Schiffen die Lieferung von Lebensmitteln nach Gaza vom Meer aus zu ermöglichen, aber die Anlegestelle wurde von der Strömung weggerissen. Es kann den Israelis somit nicht unbekannt sein, dass nicht genug Lebensmittel den Gazastreifen erreichen.

In ihrem Artikel in Haaretz vom 6. April (Quelle auf Hebräisch) verwies Prof. Dr. Yuli Tamir auf das absichtliche Aushungern der Menschen in Gaza. Tamir repräsentiert die Mitte der israelischen Gesellschaft. Sie war einst Mitbegründerin der Peace-Now-Bewegung und von 1999 bis 2001 Bildungsministerin in der Regierung von Ehud Barak, später Vorstandsmitglied des größten israelischen Rüstungsunternehmens Elbit Systems und ist derzeit Präsidentin des Beit Berl College für Bildung. In ihrem Artikel verwendete Tamir nicht den Begriff “Völkermord” (sonst hätte Haaretz ihn kaum veröffentlicht), sondern schrieb einfach, dass das absichtliche Aushungern ein Verbrechen ist, das das Existenzrecht des Staates Israel in Frage stellt. Eine solche Aussage von einer der Führerinnen der israelischen Arbeitspartei, die ihr Leben dem Dienst am Staat gewidmet hat und 2019 ein Buch mit dem Titel “Why Nationalism?” veröffentlicht hat, um den israelischen Patriotismus zu rechtfertigen, ist ein Weckruf für deutsche Politiker, die über Israels “Existenzrecht” wie ein Mantra sprechen. Das vorsätzliche Verhungernlassen hat alle Grenzen des Humanitären Völkerrechts überschritten.



Prof. Dr. Yuli Tamir. Quelle: 2018, Sasha Fleet, Wikipedia.


Bei seinem Besuch in Israel sagte Bundeskanzler Olaf Scholz: “Wir können nicht danebenstehen und riskieren, dass Palästinenserinnen und Palästinenser Hunger leiden” – eine unklare Aussage. Sie weist zwar auf die Verantwortung Deutschlands hin, das nicht tatenlos zusehen darf, wie Menschen verhungern. Sie bedeutet aber auch nicht, dass Deutschland seine Waffenexporte nach Israel einstellen wird. Scholz’ Erklärung war lediglich eine freundliche Warnung an Israel, aber die israelische Regierung, die das Urteil des IGH bereits ignoriert hat, ignoriert natürlich auch die Warnung von Scholz und demaskiert sie als leere Worte.

Der Hunger ist nicht auf den Gazastreifen selbst beschränkt. Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass Palästinenser in israelischen Gefängnissen und Gefangenenlagern, insbesondere im Gefangenenlager Sde Teiman (“Jemen-Feld”) in der Wüste, ausgehungert wurden, unabhängig davon, ob die Gefangenen aus dem Gazastreifen oder aus dem Westjordanland stammten. Mindestens 27 Gefangene starben in israelischen Gefängnissen an einer Kombination aus Hunger und körperlicher Folter. Nur wenige Gefangene wurden freigelassen, darunter der Direktor des Al-Shifa-Krankenhauses, Dr. Muhammed Abu Salmiya, der die Haftbedingungen und die unzureichende Versorgung mit Nahrungsmitteln beklagte. Der für die Gefängnisse zuständige israelische Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, wies die Anschuldigungen nicht zurück, sondern erinnerte daran, dass er versprochen hatte, die Bedingungen für palästinensische Gefangene zu verschlechtern, und dass “eine Todesstrafe für Terroristen das Problem der überfüllten Gefängnisse lösen wird” (Quelle auf Hebräisch). Wenn Gefangene ohne Gerichtsverfahren und unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten werden und keine Nahrung zum Überleben erhalten, kann dann ihr Haftort noch als “Gefängnis” bezeichnet werden?

Am 3. Juli veröffentlichte Haaretz endlich einen Bericht von Reuters über die Hungersnot in Gaza (Quelle auf Hebräisch). Diese Zeitung hatte es bisher vermieden, Fotos von verhungernden Kindern zu zeigen, weil sie sofort Assoziationen zum Holocaust hervorrufen und die Zeitung somit zwingen würde, von einem Völkermord zu sprechen. Dieser Reuters-Bericht, der sich auf Recherchen von UNICEF stützt, enthielt jedoch Fotos. Die Daten der IPC (Integrierte Klassifizierung der Ernährungssicherheitsphase – Integrated nourishment Phase Classification) zeigen, dass mehr als eine Million Menschen in Gaza an akuter Unterernährung leiden. Kinder werden für den Rest ihres Lebens gesundheitliche Probleme haben. Wie der Nobelpreisträger und Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen schrieb, verursacht eine Hungersnot dauerhafte und verheerende Schäden in einer Gesellschaft, die jeden Aspekt des Lebens beeinträchtigen, und selbst nach lediglich einigen Monaten der Hungersnot dauert es Jahrzehnte, bis sich die Menschen davon  erholen.

Oxfam veröffentlichte einen dringenden Appell an die Welt, einzugreifen und die Hungersnot zu beenden. Oxfam warnt, dass die Hungersnot eine Folge des israelischen Angriffs und der Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft ist. “Nennt es Hungersnot oder nennt es nicht Hungersnot – so oder so stehen Menschenleben auf dem Spiel.”

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Israel verschärft Kontrolle über Zone B – Annexion des Westjordanlandes beginnt
2. Juli 2024
Von Fayha Shalash – Ramallah

„Die israelischen Behörden treiben ihre Annexionspläne im besetzten Westjordanland voran, was einen eklatanten Verstoß gegen das Völkerrecht darstellt. In ihrer jüngsten Annexionsaktion hat die israelische Regierung beschlossen, die Bautätigkeit von Palästinensern in der sogenannten Zone B einzuschränken oder zu verhindern, einer Region, die [gemäß den Oslo-Abkommen] der gemeinsamen Souveränität  der Palästinensischen Autonomiebehörde und Israel unterliegt.
Trotz der Behauptungen, dass die Entscheidung aus ´Sicherheitsgründen` motiviert sei, glauben die Palästinenser, dass Israel lediglich darauf abzielt, mehr Land zu annektieren und seinen Handlungsspielraum sogar über die als Zone C klassifizierten Gebiete hinaus auszudehnen – die der israelischen Souveränität unterliegen und fast 60 Prozent der Gesamtgröße des Westjordanlandes ausmachen.
In der Praxis bedeutet dies, dass Palästinenser sowohl in den B– und C-Gebieten nicht mehr ohne israelische Beschränkungen bauen dürfen. Dies lässt ihnen nur die Möglichkeit, im A-Gebiet zu bauen, das unter die Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) fällt. Die Fläche ist jedoch sehr klein – 18 Prozent des Westjordanlandes – und reicht kaum für ein Zehntel der Gesamtbevölkerung aus.
Zusätzlich zu den [völkerrechtlich]  illegalen Siedlungen und Außenposten entzog Israel die Sicherheits-, Verwaltungs- und Zivilbefugnisse der PA in den  A- , B- und C-Gebieten. Mit den jüngsten Entscheidungen kontrolliert es nun praktisch mehr als 80 Prozent des Westjordanlandes.
Tamer Abu Aisha lebt in Hebron – arabisch: Al-Khalil. Vor einigen Tagen stürmten über 20 maskierte Mitglieder der israelischen Armee sein Haus und befahlen ihm, das Haus sofort zu verlassen, ohne ihm auch nur zu erlauben, seine Sachen zu packen. Innerhalb weniger Minuten wurde das Haus, das sich in Zone B befand, abgerissen, obwohl es von der Stadtverwaltung von Hebron und der sogenannten israelischen Zivilverwaltung lizenziert war.
Tamers Bruder Nader sagte dem Palestine Chronicle, dass das israelische Militär die Maßnahme damit begründete, dass das Haus eine ´Bedrohung für die Sicherheit des Staates Israel` darstelle, ohne weitere Erläuterungen. Das Gebäude wurde zusammen mit allen Möbeln und Einrichtungsgegenständen abgerissen.
Das 2013 erbaute Haus wurde von Tamers Familie bewohnt, die aus acht Personen besteht, darunter sechs Kinder. Sie wurden bis vor wenigen Wochen nie über den Abriss informiert. ´Mein Bruder und seine Familie leben jetzt in einem gemieteten Zimmer, nachdem sie früher in einem zweistöckigen Haus gelebt haben, das sie ihre gesamten Ersparnisse gekostet hat`, sagte Nader.
Während er mit dem israelischen Offizier diskutierte, wurde Nader gesagt, dass Israel auch bestimmte Gebiete innerhalb der Zone A kontrolliert, die bisher von der PA kontrolliert wird, wo es den Bau unter dem gleichen Vorwand, dem der Sicherheit, verhindert.
´Israels Ziel ist es, uns alle von unserem Land zu entwurzeln. Nachdem sie das Land konfisziert und uns gestohlen haben, werden sie seine Bewohner vertreiben`, behauptete er.
In Gebieten, die als Zone  B eingestuft sind, dringen illegale jüdische Siedler, eskortiert von der israelischen Armee, regelmäßig in sog. archäologische Gebiete ein, unter dem Vorwand, dass es sich um religiöse Stätten handele. Aufgrund ihrer strategischen Lage glauben die Palästinenser jedoch, dass das eigentliche Ziel darin besteht, lebenswichtige Gebiete zu kontrollieren und sie in illegale Siedlungsaußenposten zu verwandeln.
Experten für Siedlungsangelegenheiten haben bestätigt, dass es Siedlergruppen gibt, die sich auf die Überwachung palästinensischer Bauten in der Zone C und  in der Nähe von  Siedlungen  in der Zone B spezialisiert haben. Sie sagen, dass diese Gruppen von der israelischen Regierung bezahlt werden.
Seit der Bildung der derzeitigen rechtsextremen Regierung von Benjamin Netanjahu im Dezember 2022 sind die illegalen und oft gewaltsamen Beschlagnahmungen palästinensischen Landes und der Siedlungsausbau eskaliert.
Suhail Khaliliyah, Direktor der Siedlungsüberwachungseinheit am ARIJ Center for Applied Research, sagte uns, dass Israels Entscheidung gefährliche Konsequenzen haben kann. ´Es stimmt, dass die Entscheidung nicht bedeutet, dass alle Bauvorhaben in der Zone B eingeschränkt werden, aber es ist ein gefährlicher Schritt, weil sie den Palästinensern weiter die Möglichkeit nimmt, ihr Land zu nutzen und in der Nähe der (illegalen) Siedlungen zu bauen`, erklärte er. Laut Khaliliyah werden große Teile des Territoriums rund um die illegalen Siedlungen konfisziert. ´Der extremistische israelische Finanzminister Bezalel Smotrich ist jetzt für die Zivilverwaltung verantwortlich, also hat er nicht gezögert, eine solche Entscheidung zu treffen, erklärte Khaliliyah.
Tatsächlich treibt die Regierung ihre Annexionspläne voran, um den Forderungen jüdischer Siedlergruppen nachzukommen, deren Hauptziel es ist, alle Gebiete rund um die Siedlungen, die israelischen Militärlager und die Apartheidmauer zu kontrollieren.“ https://www.palestinechronicle.com/israel-tightens-control-over-area-b-annexation-of-west-bank-begins/
Anmerkung der Redaktion: Laut Oslo-Abkommen ist in der Zone B die Palästinensische Autonomiebehörde für die Zivilverwaltung zuständig. Aber, wie Evelyn Hecht-Galinski zutreffend titelte: „Das elfte Gebot: Israel darf alles“.


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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BIP-Aktuell #310: Die Mitschuld der EU am Völkermord

Bericht des Transnationalen Instituts Amsterdam

BIP-Aktuell #310:

  1. Die Komplizenschaft der EU mit dem Genozid
  2. Verwundeter Palästinenser vor israelisches Armeefahrzeug geschnallt und als menschlicher Schutzschild benutzt

Das Transnational Institute hat einen umfassenden Bericht über die Komplizenschaft der EU bei den Verbrechen Israels, einschließlich des Verbrechens des Völkermords, veröffentlicht. Der Bericht gibt einen historischen Überblick und beschreibt detailliert die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Maßnahmen, mit denen die EU Israel unterstützt und die Rechte der Palästinenser diskriminiert. Der Bericht bietet eine ausführliche Zeitleiste der EU-Aktionen und -Erklärungen nach dem 7. Oktober. Im Folgenden finden Sie eine kurze Zusammenfassung und die wichtigsten Punkte des Berichts.

Die in Amsterdam ansässige Organisation Transnational Institute (TNI) hat am 4. Juni einen umfangreichen, 81-seitigen Bericht über die Komplizenschaft der EU mit den Verbrechen Israels veröffentlicht. Der Bericht besteht aus vier Kapiteln. Im ersten wird die Geschichte der europäischen Kolonialinteressen in Palästina untersucht. Das zweite Kapitel berichtet über die Allianz der EU mit Israel. Das dritte befasst sich mit dem Waffenhandel zwischen der EU und Israel und das vierte ist eine Zeitleiste der Ereignisse, die die Komplizenschaft der EU mit Israels anhaltendem Völkermord in Gaza aufzeigt.



EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei einem Treffen mit dem wegen Kriegsverbrechen verdächtigten Netanjahu. Quelle: 2024, Pressedienst der israelischen Regierung.


Der Bericht beginnt mit einem historischen Überblick über den Kolonialismus europäischer Staaten in Palästina, insbesondere durch Großbritannien und Frankreich – das Sykes-Pikot-Abkommen und die Balfour-Erklärung. Das zweite Kapitel, das sich auf die EU konzentriert, ist für die aktuelle Politik von größerer Bedeutung. Die Aussage der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die Israel zum 75. Unabhängigkeitstag gratulierte, indem sie das Märchen wiederholte, die Israelis hätten “die Wüste zum Blühen gebracht”, beweist, dass die koloniale Ideologie des vorigen Jahrhunderts bis heute auf allen Ebenen der EU vorherrscht. Dies zeigt sich nicht nur in Worten, sondern auch in Taten, da Israel im Rahmen des Assoziierungsabkommens von 1995 (siehe BIP-Aktuell #258) Handelsvorteile von der EU erhält, die vermutlich kein anderes Land außerhalb der EU genießt. Um Israel diese Vorteile zu gewähren, verletzt die EU ihre eigenen Gesetze, insbesondere Artikel 2 des Assoziierungsabkommens, die das Abkommen von der Einhaltung der Menschenrechte abhängig macht. Die EU erlaubt israelischen Rüstungsunternehmen auch die Teilnahme am Forschungsprogramm Horizon Europe. Damit verstößt die EU gegen ihre eigenen Richtlinien. Nach dem 7. Oktober und dem Beginn des israelischen Angriffs auf den Gazastreifen genehmigte die EU 130 Forschungszuschüsse an israelische Institutionen und Unternehmen im Rahmen des Programms Horizon Europe im Wert von 126 Millionen Euro. Davon gingen 640.000 Euro an das israelische Rüstungsunternehmen IAI, das Waffen entwickelt und herstellt, mit denen palästinensische Zivilisten getötet werden.

Das Kapitel über den EU-Waffenhandel mit Israel dürfte für deutsche Leser von besonderem Interesse sein, denn zwischen 2018 und 2022 machten deutsche Exportgenehmigungen für Waffen nach Israel in Höhe von rund 880 Millionen Euro etwa die Hälfte der gesamten Waffenexporte der EU nach Israel aus. Deutschland ist nach den USA der weltweit zweitgrößte Waffenlieferant Israels. Die EU importiert auch Waffen aus Israel: Etwa 25 % der israelischen Waffenexporte sind für die EU bestimmt. Israelische Waffen werden von FRONTEX eingesetzt, um Flüchtlinge daran zu hindern, Europa zu erreichen. Der größte Importeur israelischer Waffen in der EU ist Deutschland, auch schon vor dem Vertrag für Arrow3-Raketen (siehe BIP-Aktuell #212). Die EU betreibt darüber hinaus eine gemeinsame Sicherheitsforschung mit israelischen Rüstungsunternehmen und sogar mit dem israelischen Ministerium für öffentliche Sicherheit, das derzeit unter der Kontrolle von Minister Itamar Ben-Gvir steht (BIP-Aktuell #236). Zwei deutsche Universitäten, die Hochschule für den Öffentlichen Dienst in Bayern und die Technische Universität Berlin, haben gemeinsame Sicherheitsprojekte mit israelischen Universitäten.

TNI weist darauf hin, dass der „Gemeinsame Standpunkt der Europäischen Union zu Waffenexporten“ den Verkauf von Waffen an eine Besatzungsmacht, die Kriegsverbrechen begeht, verbietet. Israelische Rüstungsunternehmen vermarkten ihre Waffen als “kampferprobt“ (war proofed), nachdem sie sie an Palästinensern getestet haben. Die EU-Länder treiben weiterhin Handel mit diesen Unternehmen und legitimiert damit die Erprobung von Militärtechnologien an Zivilisten. Nachdem der Internationale Gerichtshof am 26. Januar festgestellt hat, dass es “plausible“ Gründe gibt, Israel des Völkermordes zu beschuldigen, ist die rechtliche Verpflichtung, Waffenverkäufe, -käufe und -transit an Israel zu beenden, im internationalen Recht verankert.


Die Tabelle zeigt die Waffenexportgenehmigungen der EU-Staaten nach Israel zwischen 2018 und 2022. Quelle: TNI, 2024.


Nach dem 7. Oktober nahmen die EU und ihre Mitgliedsstaaten eine einseitige Haltung zur Unterstützung Israels ein. Der Sitz der Europäischen Kommission im Berlaymont-Gebäude wurde am 8. Oktober mit den Farben der israelischen Flagge beleuchtet, was der israelische Botschafter bei der EU, Haim Regev, mit den Worten kommentierte, der “Anblick … stärke unsere Entschlossenheit”. Stunden nachdem der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant verkündet hatte, dass die Palästinenser menschliche Tiere seien und keine Nahrung, kein Wasser und keine Elektrizität erhalten würden (siehe BIP-Aktuell #277), kündigte der EU-Nachbarschaftskommissar Olivér Várhelyi an, dass die Europäische Kommission die Hilfen für Palästina einstellen werde. Deutschland hatte sich dieser Ankündigung angeschlossen.

Als Israel am 13. Oktober ankündigte, dass es jeden der 1,1 Millionen Bewohner des nördlichen Gazastreifens töten wird, wenn sie nicht innerhalb von 24 Stunden in den Süden ziehen, verbreitete Kommissionspräsidentin von der Leyen Fotos von sich selbst aus Israel, wo sie sich mit Generälen und Politikern traf. Sie behauptete, sie habe die “am stärksten betroffenen Gebiete” besucht, nicht aber den Gazastreifen. Das Vorgehen der israelischen Armee bezeichnete der israelische Prof. Dr. Raz Segal in einem Artikel als einen „Lehrbuchfall von Völkermord“.

Am 1. November hatte Israel bereits mehr als 25.000 Tonnen Sprengstoff auf Gaza abgeworfen, was der Sprengkraft von zwei Atombomben entspricht. An diesem Tag twitterte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell, dass “Israel das Recht hat, sich zu verteidigen”. Mitte November, nachdem Israel das Al-Ahli-Krankenhaus, das Al-Quds-Krankenhaus und das Al-Shifa-Krankenhaus angegriffen hatte (siehe BIP-Aktuell #281), gab die EU eine Erklärung ab, in der sie die Hamas dafür verurteilte, dass sie Krankenhäuser und Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt, anstatt Israel für die Angriffe auf Krankenhäuser zu verurteilen.

Erst am 18. Januar war das Europäische Parlament bereit, eine Entschließung zu verabschieden, in der es zu einem Waffenstillstand aufrief und auf die humanitäre Krise und die Notwendigkeit des Schutzes der Zivilbevölkerung hinwies, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Geiseln freigelassen und die Hamas zerschlagen wird. “Die Europäische Union will, dass Israel diesen Krieg gegen die Hamas gewinnt”.  Dies kann man kaum als einen Aufruf zu einem Waffenstillstand verstehen, eher zur Fortsetzung des Krieges. Am 19. Januar beschloss die EU Sanktionen gegen Einzelpersonen und Organisationen, die die Hamas und den Palästinensischen Islamischen Dschihad unterstützen.  Bisher hat die EU nur Sanktionen gegen einzelne gewalttätige israelische Siedler beschlossen.

Mehrere EU-Mitgliedsstaaten, allen voran Deutschland, kündigten an, die Finanzierung von UNRWA, der wichtigsten Hilfsorganisation, die den Palästinensern im Gazastreifen Nothilfe leistet (siehe BIP-Aktuell #291), aufgrund einer Propagandakampagne Israels auszusetzen, UNWRA-Mitarbeiter seien am 7. Oktober am Angriff auf Israel beteiligt gewesen. Diese Kampagne stellte sich später als Lüge heraus.

Am 18. März diskutierte  der Europäische Rat über das Assoziierungsabkommen mit Israel, wobei er anerkannte, dass die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens von einer Hungersnot betroffen sei. Die Sitzung endete mit dem Beschluss, die Diskussion auf einen späteren Termin zu verschieben. Erst am 21. März, fünfeinhalb Monate nach Beginn des Krieges, nachdem  bereits mehr als 30.000 Menschen in Gaza getötet worden waren, forderten die Staats- und Regierungschefs der EU erstmals eine “sofortige humanitäre Pause, die zu einem dauerhaften Waffenstillstand führt”.

Der TNI-Bericht erwähnt als Teil der Komplizenschaft der EU mit Israels Völkermord auch, dass Deutschland den Palästina-Kongress in Berlin am 12. April gewaltsam und rechtswidrig verbot.

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Mondoweiss berichtet:
„Während einer Razzia in Jenin haben israelische Soldaten einen verletzten palästinensischen Zivilisten an die Front eines Militärjeeps geschnallt und ihn als menschlicher Schutzschild durch die Straße gefahren. Er wurde schließlich an palästinensische medizinische Teams übergeben.
´Als ich sah, dass die Besatzungssoldaten in den Raum schossen, steckte ich meinen Kopf unter die Decke und versteckte mich`, sagte der 13-jährige Alaa Husseiniyya, der Zeuge einer israelischen Militäroperation wurde, die am Samstag in Jenin von Spezialeinheiten durchgeführt wurde.
Die Operation fand im Jabariyat-Viertel von Jenin statt und richtete sich gegen palästinensische Widerstandskämpfer, die sich in der Nähe des Hauses aufhielten, in dem Alaa zusammen mit seinen Onkeln schlief.
Alaa erzählte Mondoweiss, dass israelische Soldaten das Zimmer, in dem er und seine Onkel schliefen, stürmten und wahllos auf sie zu schießen begannen. Als er die Decke von seinem Kopf zog, sah er seinen Onkel, Majd Husseiniyya, verwundet am Boden liegen. Neben ihm lag ein weiterer Mann, Mujahid Balas, der an beiden Beinen verletzt war und außerhalb des Zimmers auf dem Boden lag.
Die israelischen Streitkräfte ergriffen einen der Verletzten, schnallten ihn vorne an ein Militärfahrzeug und fuhren mit ihm herum, während sie ihn als menschlichen Schutzschild vorführten, bevor sie ihn schließlich an palästinensische Sanitäter übergaben, die ihn in ein Krankenhaus in Jenin brachten.
Ein Augenzeuge, der es vorzog, anonym zu bleiben, sagte gegenüber Mondoweiss, dass die israelischen Streitkräfte den Verletzten absichtlich misshandelten.
´Sie schienen mit ihm zu spielen, um sich zu amüsieren`, sagte der Augenzeuge und wies darauf hin, dass der Mann weder gesucht wurde noch ein Widerstandskämpfer war, sondern ein unbewaffneter Zivilist. Dies zeigte sich auch daran, dass die israelischen Streitkräfte ihn nicht festnahmen, sondern dem palästinensischen Krankenwagen übergaben, nachdem sie ihn mehrere Minuten lang in der heißen Sommersonne an der Vorderseite des Fahrzeugs festgeschnallt hatten.
Ra’fat Husseiniyya, der Besitzer des Hauses, in dem die Razzia stattfand, sagte, die jungen Männer hätten wie jede Nacht in seinem Haus geschlafen. Die Armee habe nichts gegen sie in der Hand, und sie würden nicht des Widerstands verdächtigt, sagte Ra’fat. Aber die israelischen Spezialeinheiten schossen direkt auf sie, während sie schliefen.
Die Soldaten verhörten ihn und fragten ihn nach seiner Beziehung zu den Männern im Haus. Er sagte ihnen, dass sie seine Brüder seien und dass es keinen Grund gebe, das Haus zu stürmen und sie zu verhaften. Er erklärte, dass die Besatzungsarmee die medizinische Versorgung seines Bruders Majd stundenlang hinauszögerte, bevor sie ihm erste Hilfe leistete.
Nach Angaben der israelischen Zeitung Yedioth Aharonoth untersucht die israelische Armee den Vorfall mit dem Mann, der an das Armeefahrzeug gefesselt war.
Während der israelischen Operation, die etwa drei Stunden dauerte, setzten die israelischen Streitkräfte ein ziviles Fahrzeug in Brand, das vor dem belagerten Haus geparkt war. Nachdem die Spezialeinheiten vom Widerstand entdeckt worden waren, kam es zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen Widerstandskämpfern und israelischen Soldaten. Die Soldaten schossen während dieser Auseinandersetzungen auf Zivilisten und Häuser.
Während der Razzia teilte die Jenin-Brigade über ihren Telegrammkanal mit, dass sie die Spezialeinheiten im Viertel Jabariyat entdeckt und in ein Gefecht verwickelt habe, indem sie die eindringenden Kräfte mit scharfer Munition und lokal improvisierten Sprengsätzen beschossen habe. Später meldete die Brigade, sie habe Infanteriesoldaten ins Visier genommen und bestätigte, dass es unter ihnen Tote gegeben habe.

Der Palästinensische Rote Halbmond meldete, dass seine Teams drei durch scharfe Munition verletzte Personen in der Gegend von Jabariyat behandelten.
Die israelischen Streitkräfte nahmen bei der Razzia in dem Viertel drei junge Männer fest, darunter den verletzten Majd Husseiniyya. Die Art seiner Verletzung ist noch unbekannt. Die israelische Armee brachte ihn mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus am Kontrollpunkt Salem im Westen der Stadt.
Die Familie erklärte, sie habe bisher keine Informationen über den Verbleib von Majd oder seinen Gesundheitszustand erhalten. Keine offizielle Behörde hat sich mit ihnen in Verbindung gesetzt, um sie über seinen Zustand zu informieren oder darüber, wohin er verlegt worden ist.
Der Einmarsch in Jenin erfolgte einen Tag, nachdem eine verdeckte israelische Spezialeinheit, die in einem zivilen Fahrzeug mit palästinensischem Nummernschild unterwegs war, einen Anführer der Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden in Qalqilya ermordet hatte. Während des Einsatzes in Qalqilya verfolgte die Armee ein palästinensisches Fahrzeug und schoss auf die Insassen, wobei die Widerstandskämpfer Ihab Abu Hamed und Mahmoud Mansour getötet wurden. Ihre Leichen wurden von der Armee beschlagnahmt.
Insbesondere seit dem 7. Oktober setzt die israelische Armee bei ihren Razzien zunehmend Spezialkräfte in Zivilkleidung oder palästinensische Zivilfahrzeuge ein. Diese Eskalation sei eine Reaktion auf die verstärkte Präsenz von bewaffnetem Widerstand in den nördlichen Gebieten des Westjordanlandes.“  https://mondoweiss.net/2024/06/wounded-palestinian-man-strapped-to-front-of-israeli-army-vehicle-used-as-human-shield/?ml_recipient=124931589917377857&ml_link=124931586111047237&utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_term=2024-06-24&utm_campaign=Daily+Headlines+RSS+Automation


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BIP-Aktuell #309: Francesca Albanese im Interview – Raz Segal verliert Jobangebot

Zwei Berichte über Redner der BIP-Konferenz in Nürnberg

BIP-Aktuell #309:

  1. Interview mit Francesca Albanese Interview – Raz Segal verliert Jobangebot
  2. Adalah: Bezirksgericht genehmigt die Zwangsumsiedlung des Beduinendorfs Ras Jrabah

Diese Woche enthält BIP Aktuell zwei Teile, die sich beide auf die BIP-Konferenz beziehen, die im Mai in Nürnberg stattfand. Der erste Teil ist ein Interview mit Francesca Albanese, der zweite ein Bericht über die Universität von Minnesota, die Prof. Dr. Raz Segal eine leitende Stelle verweigerte – ein Akt der politischen Repression und Zensur.

Das folgende Interview wurde von Mario Damolin auf der BIP-Konferenz mit Francesca Albanese, Sonderberichterstatterin der UN für die besetzten palästinensischen Gebiete, geführt. Es wird hier mit seiner Erlaubnis veröffentlicht:



UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechte in den besetzten palästinensischen Gebieten Francesca Albanese. Quelle: 2022, Wikipedia.


Die Choreografie der Heuchelei
Ende Mai fand in Nürnberg die Dritte Internationale Konferenz des „Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern“ (BIP) statt. Thema: „Koloniale Gewalt und der Weg zur Gerechtigkeit“. Vor nahezu 200 Teilnehmern sprachen Referenten aus Israel, Palästina, USA, England und Deutschland. Anwesend war auch Francesca Albanese, die UN-Sonderberichterstatterin für Palästina und die besetzten Gebiete. Die promovierte Völkerrechtlerin referierte über das Thema: „Was kann die UNO für die Menschen in Israel/Palästina tun?“

Frage: Als UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtslage in den Palästinensischen Gebieten stehen Sie mitten im Scheinwerferlicht einer weltpolitischen Krisenlage, in der man sehr oft zwischen Lüge und Wahrheit nur schwer unterscheiden kann. Es gibt im Deutschen ein Sprichwort, das ungefähr so lautet: „Je größer die Lüge, desto unsichtbarer wird sie.“ Kennen Sie dieses System in Ihrer politischen Arbeit?

Albanese: Oh ja, das kenne ich. Kenne ich gut. Für die Arbeit im politischen Feld ist es das, was ich „Truman-Show“ nenne, und was im gleichnamigen Hollywood-Film exemplarisch vorgeführt wird: die Inszenierung tatsächlichen Lebens als Reality-Show. Anders gesagt: die Konstruktion einer parallelen Realität. Konkret etwa im Verhältnis Deutschland – Israel. Ich will da nur in aller Bescheidenheit anmerken, dass in Deutschland, genauer in der deutschen Politik, ein Narrativ über Israel besteht, das mit der Realität dort und in den palästinensischen Gebieten nichts zu tun hat. In Deutschland wird dauernd die Holocaust-Karte gezogen, dauernd wird eine Geisteshaltung beschworen, die dieses deutsche Schuldbewusstsein stimuliert. Und deshalb halte ich gerade in Deutschland diese Auseinandersetzung für sehr wichtig, und deshalb komme ich auch zu dieser Konferenz des „Bündnisses für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern“.

Frage: Ein nicht unwichtiger Teil dieser Stimulierung wird auch von den Medien im Lande getragen…

Albanese: ….der Journalismus hat bisher versagt, die akademische Welt verstummt oder verhindert ein Engagement, die Zivilgesellschaft ist zum Teil merkwürdig befangen, nur die Jungen mucken auf. Es war für mich ein Schock mitzubekommen, wie die deutsche Polizei grob und brutal mit Protestierenden umging, die Solidarität mit Palästina forderten. Solidarität mit Menschen aus Palästina heißt doch nicht automatisch Feindschaft gegenüber israelischen Menschen. Es ist hier schon so, dass man den Kopf in den Sand steckt und die Realität nicht sehen will. Und ich sehe diese katastrophale, mörderische Realität jeden Tag, ob in Gaza oder in der Westbank. Wir müssen gegen die herrschende Ignoranz kämpfen, gerade auch in Deutschland.

Frage: Irgendwie hat es den Anschein, dass gerade in Deutschland wieder diese Lebenslügen aufbrechen, die vorgeben, die böse Vergangenheit doch bewältigt zu haben und damit auf der guten Seite zu stehen….

Albanese:…Sie sagen Lebenslügen, ich meine Traumata. Wenn ich die These wagen darf: Gerade viele Deutsche haben offenbar das Trauma nicht genug bearbeitet, was sie im „Dritten Reich“ angerichtet haben, die Vernichtung der Juden. Und auf der anderen Seite gibt es eine Lebenslüge, wie Sie das nennen, der jüdisch-israelischen Mehrheit, die einfach nicht wahrhaben will, was sie seit Jahrzehnten den Palästinensern antut, von Massakern bei der Staatsgründung über dauerhafte ethnische Säuberungen und Vertreibung bis hin zu steigender Gewalt in der Westbank durch einen brutalen Siedlerkolonialismus und dem derzeitigen massenhaften Mord an Frauen und Kindern in Gaza. Ich bezeichne das, und übrigens nicht nur ich, als Völkermord. Südafrika und andere Staaten haben ja in diese Richtung reagiert. Für mich als Juristin, spezialisiert auf Völkerrecht, die ich dieses ganze Elend vor Augen habe, ist völlig klar: Sollte der jüdischen Mehrheit in Israel je einmal aufgehen, was da wirklich passiert ist, wie die Existenzgrundlage und die Kultur der Palästinenser systematisch zerstört und vernichtet wird, hat das am Ende verheerende psychologische Folgen in dieser Gesellschaft.

Frage: Wie beeinflussen denn diese Lebenslügen Ihre Arbeit als Sonderberichterstatterin bei der UN?

Albanese: Diese Lebenslügen haben vor allem in den westlichen Staaten, aber auch in Israel zu einer enormen Heuchelei geführt, gegen die ich täglich kämpfen muss. Und mein Part in dieser „Truman Show“, um darauf zurückzukommen, ist eben, diese Choreografie der Heuchelei zu demaskieren oder zu stören…

Frage:…in Teilen der deutschen Presse, aber auch international werden Sie deshalb auch als „BDS-Ikone“, Antisemitin oder gar als Hamas-Unterstützerin geschmäht, besonders von der deutschen Springer-Presse. Trifft Sie das, wie gehen Sie damit um?

Albanese: Das ist natürlich schmerzhaft, aber auch einigermaßen lächerlich. Gerade für mich, die ich mit den Büchern von Primo Levi groß geworden bin. Wie soll ich etwa Hamas-Unterstützerin sein, wenn diese terroristische Gruppe jene Palästinenser unterdrückt, benutzt und ausbeutet, deren Interessen ich zu vertreten habe, für deren Menschenrechte und Menschenwürde ich einzutreten habe? Die Palästinenser waren die ersten Opfer dieser diktatorischen Hamas-Politik. Diese Verleumdungen, dieser Schmutz mir gegenüber, das sind alles Kampagnen, die vor allem der israelischen Regierung dienen und von deren politischen und medialen Freunden losgetreten werden. Das ist alles Einschüchterung.

Frage: Israel ist offensichtlich weder durch UN-Resolutionen noch durch Anordnungen des Internationalen Gerichtshofes (IGH) zu bewegen, von seiner Gewaltpolitik abzurücken. Im Gegenteil: die Tötungen gehen weiter. Das Völkerrecht wird permanent verletzt, eigentlich wird das Völkerrecht in dieser konkreten Auseinandersetzung seit Jahrzehnten von Israel permanent außer Kraft gesetzt. Dagegen gibt es überall auf der Welt Demonstrationen.

Albanese: Die vielen jungen Demonstranten überall auf der Welt waren und sind ganz konkret in ihren Forderungen nach Anwendung des Internationalen Rechts. Sie sind dann aber auch meist mit dieser Heuchelei konfrontiert, die Israel einfach machen lässt, was es will. Der israelische Ex-Diplomat Daniel Levy hat einmal gesagt: „Wir müssen die generelle Straflosigkeit, die Israel bei all seinen Aktivitäten zugestanden wird, im Auge haben – und den daraus wachsenden Extremismus innerhalb und außerhalb der israelischen Gesellschaft.“ Wir müssen in der Implementierung des Internationalen Rechts beharrlich sein – und zwar zugunsten von Israelis und Palästinensern. Und wir müssen nicht nur die jüdische Geschichte zu verstehen versuchen, sondern auch die Geschichte der Palästinenser mit all ihrer Unterdrückung, Rechtlosigkeit, mit zwölf bewaffneten Auseinandersetzungen seit 1948. Wir müssen darauf hinarbeiten, dass ein Verständnis beider Parteien für einander entsteht.

Frage: Das ist leichter gesagt als getan. Die Traumata beider Seiten sind so groß, dass man doch den Eindruck haben kann: dieser Konflikt ist letztlich unlösbar.

Albanese: Ja, es scheint so, aber diese Traumata werden durch die aktuellen Ereignisse – das schreckliche Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 und die darauf folgende genozidale Reaktion des israelischen Militärs – noch befeuert. Das alles muss aufhören, sofort. Eine israelische Kollegin sagte mir vor kurzem bei einer Reise durch das Land: Der Holocaust ist passiert, wir sind verfolgt und umgebracht worden, das ist historisch anerkannt; und wir müssen diese Erinnerung hochhalten; jetzt können wir neu anfangen, können reflektieren, wie wir gelitten haben. Nur könnten die Palästinenser das eben nicht, denn ihre Geschichte sei im Westen kein Thema, sie seien nicht in der Lage, ihre Geschichte zu historisieren. Sie erleben das heute als Fortsetzung der „Nakba“ 1948, die ethnische Säuberung Palästinas, und sie stehen da, mit nichts in der Hand.

Frage: Viele Israelis sehen das Thema Nakba, die Vertreibung von 750 000 Palästinensern aus ihren Dörfern, völlig anders: die seien freiwillig gegangen, auf Anordnung ihrer Führer, oder: das Land sei eh von Gott den Juden versprochen etc. Da prallen unterschiedliche Geschichtsschreibungen aufeinander.

Albanese: Man sollte sich ehrlich machen. Der radikale Zionist Wladimir Jabotinsky oder auch Staatsgründer David Ben-Gurion haben immer wieder von „Kolonisierung“ Palästinas gesprochen. Von Jabotinsky ist folgendes Zitat überliefert: „Habt ihr je einmal indigene Menschen gesehen, die nicht revoltiert haben, wenn man ihnen ihr Land weggenommen hat?“ Wir haben es hier also mit Siedler-Kolonialismus zu tun, ein Begriff, der sowohl von der zionistischen Nomenklatura als auch ihren Verbündeten, etwa auch Deutschland, strikt abgelehnt wird.

Frage: Glauben Sie denn, dass über diese historisch definierten Klippen eine Verständigung in naher Zukunft möglich sein wird? Dass etwa die Israelis ihre eindeutig dominante – und vor allem militärisch begründete – Stellung aufgeben werden?

Albanese: Das kann ich nur hoffen. Es gibt ein Buch der vom Europäischen Parlament mit dem Sacharow-Preis ausgezeichneten israelischen Sprachwissenschaftlerin Nurit Peled-Elhanan mit dem Titel „Palästina in israelischen Schulbüchern. Ideologie und Propaganda in der Erziehung“. In dieser luziden und akribischen Studie beschreibt die Autorin in aller Drastik, wie in Israel die Schüler indoktriniert, gegenüber Palästinensern positioniert, rassistische Theoreme verbreitet werden und so eine „jüdische Identität“ geformt wird. Eine erschreckende Analyse, da kann einem schon jede Hoffnung für eine friedliche Zukunft dort abhanden kommen. Mit dieser Indoktrination gehen die jungen Leute dann zum Militärdienst, vielleicht in die besetzten Gebiete, und da muss man sich nicht wundern, welche Grausamkeiten dort geschehen.

Frage: Die meisten israelischen Medien, vor allem das Fernsehen, berichten sehr tendenziös über den Krieg. Man hört, dass viele Leute gar nicht wissen oder wissen wollen, was da im aktuellen Krieg vor sich geht. Wie können die Israelis aus dieser verfahrenen Situation befreit werden?

Albanese: Ja, es gibt eine spezifische Blindheit in der israelischen Gesellschaft. Aber meine Antwort auf ihre Frage ist ziemlich einfach: Die internationale Gemeinschaft muss nur genügend Druck auf Israel ausüben, um die Anordnungen des Internationalen Gerichtshofs auch glaubwürdig zu vertreten und durchzusetzen. Und konkret bedeutet das auch, Sanktionen gegen Israel zu verhängen, um dieses Land auf die Ebene des Internationalen Rechts zu bringen. Und natürlich muss man verhandeln.

Frage: Wie Sanktionen etwa gegen Russland wirken, weiß man jetzt. Sie sind offenbar ziemlich erfolglos.

Albanese: Israel ist ein anderer Fall. Das Land ist stark abhängig vom Westen mit all seinen Erfindungen im technologischen, sicherheitsrelevanten und KI-Bereich. Bei einer Einigkeit im Westen würde das bestimmt Wirkung zeigen.

Frau Albanese, wir danken für das Gespräch.



Prof. Dr. Raz Segal. Quelle: 2017, Scholarly Commons.


Ein anderer Redner der BIP-Konferenz, Prof. Dr. Raz Segal von der Stockston University in New Jersey, Historiker und Experte für die Erforschung von Völkermord, wurde angegriffen, weil er seine moralisch und akademisch begründete Meinung geäußert hat. Nach einem strengen und transparenten Auswahlverfahren wurde Segal eine leitende Position an der Universität von Minnesota angeboten. Zusätzlich zu einer Professur wurde Segal angeboten, Direktor des Zentrums für Holocaust- und Völkermordstudien (CHGS) der Universität Minnesota zu werden.

Aufgrund des Drucks von Spendern, die mit Segals Analyse, nach der Israel im Gazastreifen einen Völkermord begeht, nicht einverstanden waren – ein Argument, das er in seinem Artikel für Jewish Currents erläuterte: A Textbook Case of Genocide (Ein Lehrbuchfall von Völkermord) darlegte, zog die Universität das Angebot an Segal zurück. Dies hat in den USA einen Skandal ausgelöst, und Hunderte von Professoren haben sich in einem Schreiben an die Universität von Minnesota über diesen Akt der akademischen Zensur empört.

Wie Segal selbst in einem Interview für Democracy Now erklärte, hing die Entscheidung, das Stellenangebot zurückzuziehen, mit seiner Identität als Jude zusammen, und zwar aufgrund der Erwartung, dass er als Jude seine Unterstützung für den Zionismus und den Staat Israel zum Ausdruck bringen müsse, sonst  habe er die Folgen zu tragen. Eine solche Erwartung in Verbindung mit dem Widerruf des Angebots für eine akademische Stelle ist ein antisemitischer Akt. Es handelt sich um die Art von Antisemitismus, die in Deutschland häufig Juden unterstellt wird, die bestraft werden, wenn sie sich nicht an die von ihnen erwarteten politischen Ansichten halten (siehe BIP-Aktuell #145).

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Die palästinensische Menschenrechtsorganisation Adalah (Vorsitzender Dr. Hassan Jabareen, Redner auf der 3. Internationalen Nürnberger BIP-Konferenz), berichtete am 6.6.2024:
Bezirksgericht genehmigt die Zwangsumsiedlung des Beduinendorfs Ras Jrabah

„Obwohl das Gericht anerkannte, dass die Bewohner seit mindestens 1978 auf dem Land wohnen durften, ordnete es an, dass die gesamte Bevölkerung von über 500 Bewohnern ihre Häuser abreißen und das Dorf bis Ende 2024 räumen muss. Die Zwangsumsiedlung von Ras Jrabah, einem Dorf, das schon vor der Gründung des Staates Israel bestand, soll Platz für die Erweiterung der jüdischen Stadt Dimona im Negev schaffen.
Am 3. Juni 2024 wies das Bezirksgericht Be’er Sheva die Berufung von Adalah gegen eine Entscheidung der unteren Instanz ab, mit der die Zwangsumsiedlung der gesamten Bevölkerung des Beduinendorfs Ras Jrabah in der Naqab (Negev, Südisrael) mit über 500 Personen genehmigt wurde.

In der Berufung, die am 9. Januar 2024 von der Adalah-Anwältin Myssana Morany eingereicht wurde, wird argumentiert, dass die im Juli 2023 ergangene Entscheidung des Bezirksgerichts, zehn Räumungsklagen des Staates gegen alle Bewohner von Ras Jrabah zu genehmigen, die Segregation unterstützt und die grundlegendsten Rechte der Bewohner verletzt. Nach Ansicht von Adalah wird diese Verletzung durch den Grund für die Versuche des Staates, die Bewohner von Ras Jrabah – die einer nationalen Minderheit angehören und in ihrem Heimatland leben – zu vertreiben, noch verschärft, nämlich um Platz für einen neuen Stadtteil der jüdischen Stadt Dimona zu schaffen. Es handelt sich also um eine eindeutige rassistische Diskriminierung, die sowohl nach israelischem als auch nach internationalem Recht verboten ist. Adalah hat die Bewohner von Ras Jrabah während des gesamten Gerichtsverfahrens vertreten.

Nach einer Anhörung am 29. Mai 2024 stimmte das Bezirksgericht mit dem Amtsgericht überein und erkannte an, dass die Bewohner von Ras Jrabah seit mindestens 1978, also seit fast 50 Jahren, in dem Dorf wohnten. Anders als das Amtsgericht entschied das Bezirksgericht jedoch, dass die Beschwerdeführer ein stillschweigendes Recht hatten, sich auf dem Grundstück aufzuhalten, und keine unbefugten Eindringlinge waren. Dieses Recht, so das Bezirksgericht, ergebe sich daraus, dass die israelische Landbehörde von dem jahrzehntelangen Aufenthalt der Dorfbewohner auf dem Grundstück wusste und in dieser Zeit keine Maßnahmen gegen sie ergriffen habe. Das Gericht stellte jedoch auch fest, dass dieses Recht jederzeit vom Eigentümer des Grundstücks widerrufen werden kann, was nach dem israelischen System für öffentliches Land der Staat ist. Somit wurde das Recht aufgehoben, als die israelische Landbehörde (ILA) Räumungsbescheide verschickte und Klagen gegen die Bewohner von Ras Jrabah einreichte.

Das Gericht stellte ferner fest, dass der Rat der  israelischem Landbehörde Beduinen Grundstücke ohne Bieterverfahren zuweisen kann, allerdings nur innerhalb von Beduinendörfern und- städten. Infolgedessen entschied das Gericht, dass die Behörde den Bewohnern von Ras Jrabah keine Grundstücke im neuen Stadtteil Dimona zuteilen darf, der auf den Ruinen des Beduinendorfes errichtet werden soll.

Adalah argumentiert, dass diese Entscheidung das Ausmaß der Segregation in Israel verdeutlicht: Nach dieser Entscheidung können sich die Regierungsbehörden weigern und sogar behaupten, nicht befugt zu sein, die Integration von Beduinen in jüdische Städte in Erwägung zu ziehen, was zur Folge hat, dass sie zwangsweise in Beduinendörfer umgesiedelt werden. Diese Politik verfestigt die systematische Segregation und zielt darauf ab, die beduinische Bevölkerung auf ein minimales Gebiet in ausschließlich beduinischen Städten zu konzentrieren.

Das Gericht wies die Behauptung von Adalah, es handele sich um Segregation, mit der Begründung zurück, dass ’die Beschwerdeführer wie jede andere Person berechtigt sind, sich an den Geboten für den Kauf von Grundstücken in der Nachbarschaft zu beteiligen, die auf dem Land gebaut werden sollen. Daher gibt es keine Grundlage für die Behauptung einer Ungleichbehandlung gegenüber anderen potenziellen Bewohnern, die sich ebenfalls um die Teilnahme an diesen Ausschreibungen bemühen.” Das Gericht stellte somit fest, dass es keine rassistische Trennung gebe, allein aufgrund der Tatsache, dass Personen aus Ras Jrabah nicht daran gehindert werden, Land in dem neuen Stadtteil von Dimona zu erwerben, der auf den Ruinen ihres Dorfes errichtet werden soll.

Das Gericht zitierte eine Aussage des Koordinators der Beduinenbehörde über den Ort, an den die Beschwerdeführer umgesiedelt werden sollen: ´Zunächst einmal werfen wir niemanden auf die Straße, egal ob wir Vereinbarungen oder Meinungsverschiedenheiten haben… Niemand wird auf die Straße geworfen, bis eine Lösung gefunden ist. Das Letzte, was die Beduinenbehörde will, ist, Menschen auf die Straße zu setzen.’ Diese Aussage ist äußerst irreführend. Tatsächlich ist die Beduinenbehörde speziell damit beauftragt, Beduinen zu vertreiben und sie in verarmte, ausschließlich von Beduinen bewohnte Gemeinden umzusiedeln. In vielen Fällen führt sie den Abriss von Häusern durch, ohne dass vereinbarte Alternativunterkünfte bereitgestellt werden. Allein im Jahr 2023 rissen die staatlichen Behörden 3.283 Gebäude ab, darunter viele Wohnhäuser, und machten mehr als 300 Bewohner obdachlos. Zuletzt wurden im Mai 2024 alle 75 Gebäude im Beduinendorf Wadi al-Khalil, darunter 47 Wohnhäuser, abgerissen, so dass mehr als 300 Bewohner ohne Wohnung bleiben.

Unmittelbar nach dem Urteil des Bezirksgerichts reagierte die ILA auf wiederholte Anfragen von Bimkom – Planners for Planning Rights im Namen der Bewohner von Ras Jrabah, die über ihre Integration in das neue Stadtviertel Dimona verhandeln wollten. In der Antwort der ILA hieß es, dass es derzeit keinen Raum für Diskussionen in dieser Angelegenheit gebe, da die Entscheidung des Gerichts selbsterklärend sei.

Hintergrund:

Ras Jrabah umfasst eine Fläche von 340 Dunam (ca. 84 Hektar) Land, das den Mitgliedern des Al-Hawashleh-Stammes gehört, die dort seit Generationen leben. Ras Jrabah grenzt an die jüdische Stadt Dimona, die auf dem Land des Al-Hawashleh-Stammes errichtet wurde. Die Bewohner von Ras Jrabah – vertreten durch Adalah – wehren sich seit Mai 2019 gegen die Versuche des Staates, sie zu vertreiben. Damals reichte die ILA zehn Räumungsklagen gegen die Bewohner ein und forderte sie auf, ihre Häuser zu verlassen. Die Räumung wird damit begründet, dass die nahe gelegene jüdische Stadt Dimona auf dem Land von Ras Jrabah erweitert werden soll. Den Bewohnern wurde nur eine einzige Möglichkeit angeboten: die Umsiedlung in die nahe gelegene Beduinenstadt Qasr Al-Sirr.

Das Gericht entschied, die Räumungsklagen im Juli 2023 zu genehmigen. In ihrer Berufung argumentierte Adalah, dass das Gericht einen schweren Fehler begangen habe, als es zu dem Schluss kam, dass die Bewohner von Ras Jrabah keinen rechtmäßigen Anspruch auf das Land hätten. Obwohl das Gericht anerkannte, dass das Dorf nach seiner Einschätzung seit 45 Jahren an genau diesem Ort existiert, und ungeachtet der späteren Entwicklung des Dorfes, wurde in dem Urteil unerklärlicherweise davon ausgegangen, dass sich die Bewohner unrechtmäßig in ihren Häusern aufhalten, und sie wurden als Eindringlinge und nicht als Mitglieder einer seit langem bestehenden Gemeinschaft dargestellt.

Im Jahr 2022, noch vor der Entscheidung des Gerichts, äußerten sich UN-Menschenrechtsexperten besorgt über die Zwangsräumung von Ras Jrabah. Sie stellten fest, dass ´etwa 500 Beduinen im Dorf Ras Jrabah, das von den israelischen Behörden nicht anerkannt wird, unmittelbar von der Räumung bedroht sind`, und forderten die israelischen Behörden auf, ´die Räumungen und den Abriss von Häusern, die der traditionellen Lebensweise der Beduinen, ihrem Lebensunterhalt, ihren kulturellen Praktiken und ihrer Beziehung zu ihrem Land irreparablen Schaden zufügen könnten, unverzüglich einzustellen`”. https://www.adalah.org/en/content/view/11130


Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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BIP-Aktuell #308: Propaganda, Korruption, Spionage

Illegale israelische Operationen werden nach und nach aufgedeckt

BIP-Aktuell #308:

  1. Propaganda, Korruption, Spionage
  2. Amnesty International hat einen neuen Bericht über Hauszerstörungen und Vertreibungen in Ost-Jerusalem veröffentlicht.

Es wurden drei Fälle israelischer Korruption, Propaganda und Spionage aufgedeckt. Der erste ist eine gegen den Internationalen Strafgerichtshof gerichtete Spionage- und Einschüchterungskampagne, die seit über drei Jahren andauert. Die zweite ist eine Desinformationskampagne, die auf die Hilfsorganisation UNRWA abzielte und bei der illegale Methoden angewandt wurden, um islamfeindliche Botschaften und gefälschte Informationen an Abgeordnete in den USA, insbesondere afroamerikanische Abgeordnete, zu verbreiten. Die dritte ist eine massive finanzielle Kampagne zur Beeinflussung britischer Parlamentsabgeordneter.

Israelische Hasbara (siehe BIP-Aktuell #174) ist eine allgemeine Bezeichnung für die Propagandabemühungen israelischer Institutionen, den Ruf Israels weltweit zu verbessern. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Staaten Texte, Videos, soziale Medien und kulturelle Veranstaltungen nutzen, um ihr Image zu verbessern und Touristen anzulocken, aber Israel setzt darüber hinaus illegale Mittel ein, um die öffentliche Meinung zu seinen Gunsten zu beeinflussen, damit es sich nicht gegen öffentliche Kritik an den Verstößen gegen das Völkerrecht verantworten muss. Al-Jazeera hat diese illegalen Aktionen mit seinem Dokumentarfilm ”The Lobby” über israelische Spionage im Vereinigten Königreich aufgedeckt, der auch illegale Spionageoperationen beinhaltete. Die Verwendung israelischer Spionagesoftware (siehe BIP-Aktuell #240) zur Förderung dessen, was Suraya Dadoo als “Spionagediplomatie” bezeichnet – d.h. die Belohnung autoritärer Regime, die Israel unterstützen, indem Israel ihnen gefährliche Spionagewerkzeuge gegen die politischen Gegner dieser autoritären Regime zur Verfügung stellt – ist ein weiteres Beispiel für solche Aktivitäten, die seit Jahren bekannt sind. BIP hat auch über die israelische Desinformationsindustrie berichtet, die Werkzeuge zur Beeinflussung von Wahlen in Ländern auf der ganzen Welt anbietet (siehe BIP-Aktuell #248).



Yossi Cohen, ehemaliger Chef des israelischen Mossad und Fatou Bensouda, ehemalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs. Quelle: 2024 Easy to Read.


In den letzten Wochen wurde jedoch eine Reihe solcher illegaler Kampagnen, die auf Spionage, Korruption und Propaganda beruhen, von Journalisten aufgedeckt. Die Nutzung der Instrumente des Mossad oder anderer israelischer Geheimdienste zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung hat für die Betroffenen äußerst negative Folgen. Diese Aktionen sind nicht nur illegal und können zur Verhaftung israelischer Regierungsmitarbeiter und zu internationalen Sanktionen führen, sondern wenn solche Operationen aufgedeckt werden, führt die öffentliche Empörung dazu, dass der Versuch nach hinten losgeht und sich die öffentliche Meinung in die entgegengesetzte Richtung bewegt. Darüber hinaus sind solche Spionageoperationen sehr gefährlich für die Öffentlichkeit in den Ländern, die von den israelischen Desinformationskampagnen betroffen sind. Die Verbreitung von Desinformationen untergräbt die Glaubwürdigkeit der Medien und der öffentlichen Einrichtungen und fördert die Verbreitung von Verschwörungstheorien und Extremismus.

Die dramatischste Entdeckung der letzten Wochen war die vom ehemaligen israelischen Mossad-Chef Yossi Cohen geleitete Operation gegen den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) und insbesondere gegen die ehemalige Chefanklägerin Fatou Bensouda. Als Israel Spionagesoftware einsetzte, um sechs palästinensische zivilgesellschaftliche Organisationen auszuspionieren und sie fälschlicherweise ohne Beweise des Terrorismus zu beschuldigen (siehe BIP-Aktuell #193), geschah dies, weil diese Organisationen mit Fatou Bensouda zusammenarbeiteten und sie mit Informationen versorgten. Israel konnte also Bensouda selbst ausspionieren (Quelle auf Hebräisch). Yossi Cohen führte eine illegale Operation in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) durch, indem er sich den Privatjet des israelischen Milliardärs Dan Gertler auslieh, der die Kobaltminen in der DRC monopolisiert. Gertler half Cohen, ein Treffen mit dem ehemaligen Präsidenten der DRK, Joseph Kabila, zu arrangieren.

Cohen nutzte die Gelegenheit, Fatou Bensouda, die sich in Kinshasa aufhielt, in einem Raum aufzulauern, um sie einzuschüchtern und sie davor zu warnen, gegen israelische Regierungsmitarbeiter zu ermitteln und sie vor dem Internationalen Strafgerichtshof anzuklagen. Israel setzte sich beim damaligen US-Präsidenten Trump für die Aufhebung der Sanktionen gegen Dan Gertler ein, um ihn für seine Unterstützung der Operation zu belohnen. Als der Präsident der Demokratischen Republik Kongo, Tshisekedi, erfuhr, dass der Chef des Mossad sich hinter seinem Rücken mit seinem politischen Gegner trifft, vermutete er, dass Israel einen Staatsstreich anzetteln könnte, und verwies Cohen des Landes. Fatou Bensouda hatte den IStGH vor ihrem Ausscheiden aus dem Amt im Jahr 2021 nie um die Ausstellung von Haftbefehlen gebeten. Ihr Amt wurde von Karim Khan übernommen, der drei Jahre lang die von palästinensischen Organisationen vorgelegten Beweise nicht bearbeitete, bis er schließlich am 20. Mai Haftbefehle gegen Netanjahu, gegen seinen Verteidigungsminister Galant und drei Führer der Hamas beantragte. Er warnte auch davor, dass Staaten den IStGH durch Einschüchterung beeinflussen wollten und deutete an, dass auch er von israelischer Überwachung betroffen sei.

Eine zweite schwerwiegende Verleumdungskampagne, die kürzlich aufgedeckt wurde, war Israels geheime Kampagne gegen die UNRWA. Um den Palästinensern im Gazastreifen überlebenswichtige Hilfslieferungen zu verweigern, was einen Akt des Völkermords darstellt, hat Israel versucht, die UNRWA, die größte und effektivste Hilfsorganisation, die im Gazastreifen und in anderen Ländern in Nahost tätig ist, zu delegitimieren und ihr die finanziellen Mittel zu entziehen. Israel hat nicht nur unbegründete Anschuldigungen gegen die UNRWA öffentlich verbreitet und damit die größten Geldgeber der UNRWA (USA, Deutschland und andere westliche Staaten) veranlasst, die Finanzierung auszusetzen, sondern auch Künstliche Intelligenz eingesetzt, um in den sozialen Medien eine Armee gefälschter Avatare zu schaffen, die die  Entscheidungsträger in den USA mit Lügen über die UNRWA beeinflussen sollten.

Nachdem diese Kampagne öffentlich wurde, wurde eine zweite Ebene der Desinformationskampagne durch investigativen Journalismus aufgedeckt. Die israelischen Nachrichtendienste nahmen afroamerikanische Gesetzgeber mit einer Kampagne ins Visier, in der islamfeindliche Botschaften verbreitetet wurden. Sie behaupteten, Araber seien Sklavenhändler gewesen, die die Sklaverei eingeführt hätten. Die gleichen Überwachungsmethoden, die gegen Palästinenser erprobt wurden, um falsche Informationen zu platzieren, wurden gegen US-Gesetzgeber eingesetzt.



Al Jazeera produzierte 2017 eine vierteilige Dokumentation mit dem Titel The Lobby.


Ein dritter Fall von illegaler Einflussnahme wurde im Vereinigten Königreich aufgedeckt. Die Zeitung Declassified fand heraus, dass 174 der 650 untersuchten britischen Parlamentsmitglieder Gelder von Israel erhalten haben – eine Beeinflussungskampagne, die die Untersuchung von Al-Jazeera aus dem Jahr 2017 in den Schatten stellt. Die Finanzierung erfolgte in verschiedenen Formen, z. B. durch teure politische Veranstaltungen zur Förderung pro-israelischer Botschaften, kostenlose Reisen nach Israel, um Treffen mit Soldaten zu arrangieren und pro-israelische Propaganda zu hören, sowie Wahlkampfspenden.

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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden. dfsf

Amnesty International hat einen neuen-Bericht über Hauszerstörungen und Vertreibungen in Ost-Jerusalem veröffentlicht.

PALÄSTINENSER*INNEN IN OST-JERUSALEM: “NIEMAND WEISS, WANN DAS EIGENE HAUS ABGERISSEN ODER BESCHLAGNAHMT WIRD”

Ob Zwangsräumungen, Gewalt durch israelische Sicherheitskräfte oder Vertreibung durch nationalreligiöse Siedler*innen: Die palästinensische Bevölkerung in Ost-Jerusalem lebt in großer Unsicherheit. Mounir Marjieh ist International Advocacy Officer am “Community Action Center” (CAC) an der “Al-Quds University” in Jerusalem, das Rechtsberatung für Palästinenser*innen anbietet. Im Interview berichtet er über die schwierige Lage der palästinensischen Bevölkerung in Ost-Jerusalem und was sich für sie seit dem 7. Oktober 2023 verändert hat. 

Am 11. Juli 2023 musste die palästinensische Familie Sub Laban im Zuge einer Zwangsräumung ihr Haus in Ost-Jerusalem verlassen – nach einem 45 Jahre dauernden Rechtsstreit. Wie kann so etwas sein?
Grundlage sind die israelischen Gesetze, die zum Ziel haben, eine jüdische Mehrheit innerhalb der Gesamtbevölkerung Jerusalems herzustellen. Der Ostteil Jerusalems soll dauerhaft unter israelischer Souveränität und Kontrolle bleiben. Vor allem zwei Gesetze werden von privaten Siedlerverbänden genutzt, um Palästinenser*innen zu enteignen und kamen auch in diesem Fall zur Anwendung: das Gesetz über Rechts- und Verwaltungsangelegenheiten von 1970 und das Gesetz über das Eigentum der Abwesenden von 1950. Das erste legt fest, dass jüdische Israelis Eigentum zurückfordern können, das ihnen angeblich vor 1948 im Ostteil Jerusalems gehörte und das sie im Zuge der Nakba 1948 verlassen mussten. Das zweite gibt dem Staat Israel die Kontrolle über Eigentum von Palästinenser*innen, die vertrieben oder aus ihrer Heimat geflohen waren und so zu “Abwesenden” wurden.
Warum kritisieren Sie das?
Es mag gerecht klingen. Aber zum einen waren nicht alle tatsächlich Eigentümer*innen der Häuser. Es gab vor 1948 kurzfristige Miet- und langfristige Pachtverträge sowie andere komplexe Eigentumsverhältnisse. Die Mehrheit davon wird von israelischen Gerichten aber als volles Eigentum anerkannt. Zum anderen erhielten Jüd*innen, die ursprünglich im Ostteil Jerusalems lebten und 1948 in den Westteil umziehen mussten, vom Staat Israel eine Entschädigung in Form von Häusern. Diese waren in der Regel zuvor im Besitz von Palästinenser*innen. So wurde im Grunde eine doppelte Entschädigungsregelung geschaffen. 
Welche Rollen spielen dabei die privaten Siedlerverbände?
Eine Strategie der privaten Siedlerverbände ist es, jüdische Familien anzusprechen, die noch Eigentum in Ost-Jerusalem besitzen, aber nach den Ereignissen von 1948 in den Westteil gezogen sind. Oft wollen diese Familien ihr Eigentum in Ost-Jerusalem nicht mehr haben und verkaufen ihren Besitz an die Siedlerverbände. Diese erheben anschließend vor den israelischen Gerichten Räumungsklagen gegen die palästinensischen Bewohner*innen.

Wie geht es der Familie Sub Laban heute?
Das Haus der Familie Sub Laban, in dem die Mutter Noura geboren wurde, lag im muslimischen Viertel der Altstadt von Jerusalem. Von Siedlergruppen wird das Viertel heute als “New Jewish Quarter” bezeichnet. Seit der Räumung am 11. Juli 2023 ist die Familie Sub Laban nicht mehr in die Jerusalemer Altstadt zurückgekehrt – zu groß sind die Angst, der Stress und das Trauma. Unmittelbar nach der Räumung haben israelische Siedler*innen das Haus übernommen. Als erstes werfen sie üblicherweise alle Möbel raus und hängen als Zeichen für ihre Überlegenheit und Vorherrschaft eine riesige israelische Fahne aus dem Fenster. Noura konnte sich das nicht anschauen. Die Familie hat nun große Schwierigkeiten eine neue Bleibe zu finden.
Wie viele Palästinenser*innen in Ost-Jerusalem sind derzeit akut von Zwangsräumungen betroffen?
In Ost-Jerusalem leben ungefähr 330.000 Palästinenser*innen. Sie alle befinden sich in großer Unsicherheit – vor allem, was ihr Zuhause betrifft. Niemand weiß, wann das eigene Haus abgerissen oder beschlagnahmt wird. Die israelische Regierung beraubt Palästinenser*innen ihrer Häuser und ihres Besitzes, sei es durch staatliche Stellen oder mithilfe der Unterstützung privater Siedlerorganisationen. Seit dem 7. Oktober 2023 bis Ende April 2024 wurden allein in Ost-Jerusalem 123 Häuser zerstört und dabei 363 Palästinenser*innen vertrieben (Stand: 23. April 2024). Man könnte annehmen, dass Israel aufgrund des Krieges keine Häuser mehr in Ost-Jerusalem abreißt. Doch das Gegenteil stimmt: Die Fälle von Vertreibungen haben im Vergleich zu ähnlichen Zeiträumen in den vergangenen Jahren sogar zugenommen. Diese Enteignungen und Vertreibungen verstoßen gegen internationales Recht. Sie kommen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gleich. Eine Besatzungsmacht darf so etwas nicht machen.
Müsste der Oberste Gerichtshof Palästinenser*innen in Jerusalem nicht vor Enteignung und Zwangsräumung schützen? 
Der Oberste Gerichtshof billigt seit Jahren die Besatzung und die Siedlungen. Obwohl die Richter*innen wissen, dass Jerusalem als besetztes Gebiet nach Kriegsrecht behandelt werden sollte. Dies schließt das Haager Abkommen, die Genfer Konvention und internationale Menschenrechtsstandards ein. Trotzdem haben sie israelisches Recht angewandt. Das ist eine Verletzung des Völkerrechts. Es zeigt auch, wie der israelische Oberste Gerichtshof Teil dieser kolonialen Bestrebungen der Siedler*innen im Ostteil Jerusalems ist. 

Einige Minister der jetzigen Regierung, wie Finanzminister Bezalel Smotrich und Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir, kommen aus der nationalreligiösen Siedlerbewegung. Haben sich die Siedlungspolitik und die Siedlungsaktivitäten seit dem Amtsantritt der jetzigen Regierung verändert?
Derzeit wird in Ost-Jerusalem der Bau von acht neuen Siedlungen innerhalb oder angrenzend an palästinensische Stadtviertel gefördert, mit insgesamt mehr als 12.000 Wohneinheiten in Ost-Jerusalem. All dies geschieht im Schatten eines möglichen Völkermords durch Israel in Gaza, für den der Internationale Gerichtshof zumindest Anzeichen sieht. Smotrich und Ben-Gvir und andere national-religiöse Gruppen wollen einen zukünftigen unabhängigen palästinensischen Staat um jeden Preis verhindern.
Wie hat sich die Lage in Jerusalem und im Westjordanland seit dem 7. Oktober 2023 geändert?
Seit dem 7. Oktober erleben wir einen Anstieg der Siedlergewalt. Es gab ungefähr 700 Fälle, in denen Siedler*innen Gewalt gegen Palästinenser*innen ausgeübt haben. 27 Gemeinden wurden ganz oder teilweise durch Siedlergewalt vertrieben. Jetzt gehen die Siedler*innen schwer bewaffnet und in Begleitung israelischer Soldat*innen in die Orte und sagen den dort lebenden Palästinenser*innen, dass sie 24 Stunden Zeit haben, freiwillig zu gehen. Andernfalls würden sie getötet. In Ost-Jerusalem haben wir neben der Zerstörung von palästinensischem Privateigentum auch schwere Gewalt seitens der israelischen Sicherheitskräfte gesehen. Wir haben viele Fälle dokumentiert, in denen die israelische Polizei mit scharfer Munition mitten in palästinensischen Wohnvierteln in Ost-Jerusalem geschossen hat, was zur Tötung vieler Palästinenser*innen führte – darunter waren drei Minderjährige. 
Die deutsche Bundesregierung vertritt die Auffassung, dass die Siedlungsaktivitäten in den besetzten palästinensischen Gebieten völkerrechtswidrig sind und bringt dies auch regelmäßig in öffentlichen Stellungnahmen zum Ausdruck. Was erwartet das CAC von der deutschen Regierung? 
Worte allein reichen nicht. Die Bundesregierung macht sich durch ihre Unterstützung Israels unglaubwürdig. Sie muss entschiedene und sinnvolle Maßnahmen gegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ergreifen. Ein Waffenembargo ist jetzt äußerst wichtig, um alle Rüstungsexporte nach Israel zu stoppen. Mit diesen Waffen wird möglicherweise ein Völkermord begangen. Diesen Rahmen müssen wir aufbrechen und Israel zur Verantwortung ziehen. Deutschland sollte sich auf die Rechtsstaatlichkeit konzentrieren und auf die Bedeutung der internationalen Rechtsordnung.
Palästinenser*innen in Ost-Jerusalem | Zwangräumungen, Vertreibung und Gewalt | 07.06.2024 (amnesty.de)


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BIP-Aktuell #307: Warum lehnt Israel einen Waffenstillstand ab?

Der Vorschlag der USA könnte den Krieg beenden

BIP-Aktuell #307:

  1. Warum lehnt Israel einen Waffenstillstand ab?
  2. Siedler vertrieben eine palästinensische Familie aus ihrem Dorf. Dann begann der Terror von Neuem

Die USA haben einen Vorschlag  für  einen Waffenstillstand gemacht, den Israel angeblich der Hamas angeboten hat, der jedoch von Israel abgelehnt wurde. Obwohl Israel ein starkes Interesse an einem raschen Waffenstillstandsabkommen und einem Gefangenenaustausch hat, insbesondere um die Eskalation mit der Hisbollah zu stoppen, hängen die politischen Interessen Netanjahus von einem anhaltenden Ausnahmezustand ab, der als Vorwand für die Verschiebung der Wahl dient.

Am 31. Mai gab US-Präsident Biden bekannt, dass Israel der Hamas einen Vorschlag für ein Abkommen unterbreitet hat, das einen Waffenstillstand und den Austausch von Gefangenen vorsieht. Biden übte damit Druck auf die Hamas aus, das Abkommen zu akzeptieren. Die Hamas hatte bereits ein fast identisches Angebot angenommen, das Anfang Mai von Ägypten unterbreitet, aber von Israel abgelehnt worden war. Dennoch hat Israel das Abkommen nicht unterzeichnet. In einer scheinbar absurden Wendung des Geschehens war es Israel, das das Waffenstillstandsangebot ablehnte, das es zunächst selber unterbreitet hatte. Wie ist das möglich?



Doha, Hauptstadt von Katar, wo das Verhandlungsteam der Hamas untergebracht ist, um die Verhandlungen zu erleichtern. Quelle: 2024, Doha News.


Erstens ist es sehr wahrscheinlich, dass Präsident Biden gelogen hat und dass Israel nie ein Waffenstillstandsangebot gemacht hat. Biden befindet sich vor den  Wahlen in den USA in einer schwierigen Situation. Die wichtigste Organisation für die Rechte der Afroamerikaner, die NAACP (National Association for the Advancement of Colored People), fordert, dass Biden als Bedingung für ihre Unterstützung die Waffenverkäufe an Israel beendet. Ohne die Unterstützung der NAACP kann Biden die Wahlen im November nicht gewinnen. Er weiß, dass Israel, obwohl es wirtschaftlich, politisch und militärisch völlig von den USA abhängig ist, nach seiner eigenen Agenda handelt. Biden warnte Israel davor, in Rafah einzumarschieren und nannte es sogar eine “rote Linie“, aber als Israel in Rafah einmarschierte, stoppte Biden die Waffenlieferungen nicht. Wenn Biden den Druck auf Israel nicht erhöhen kann, wird er als schwach und als Marionette von Netanjahu angesehen werden. Sein republikanischer Gegner Trump hat bereits gesagt, dass der Krieg beendet werden muss. Indem er möglichderweise lügt und die Waffenstillstandsvereinbarung als “israelischen” Vorschlag bezeichnet, zwingt Biden Israel dazu, sich zu fügen oder sich offen mit der US-Regierung anzulegen.

Israel hat jedoch genau das getan. Netanjahu spricht ständig über den Krieg, der bis zum “totalen Sieg” geführt werden muss. Obwohl die Demonstranten in Israel und die Oppositionsparteien ihn beschuldigen, die israelischen Geiseln dem Tod in der Gefangenschaft der Hamas zu überlassen und sie sogar durch wahllose Bombardierung  im Gazastreifen, wo die Gefangenen festgehalten werden, zu töten, lässt Netanjahu nicht locker und behauptet, dass das Gerede über die Geiseln und den Waffenstillstand der Hamas in die Hände spiele und dass ein kompromissloses Vorgehen die bessere Verhandlungsstrategie sei.

Die Zeitung Middle East Eye hat den durchgesickerten Text des Waffenstillstandsangebots veröffentlicht, der hier verlinkt ist. Das Angebot ist auf den ersten Blick genau das, was zu erwarten war: sofortiger Waffenstillstand, schrittweiser Rückzug des israelischen Militärs aus dem Gazastreifen, ein schrittweiser Austausch von Gefangenen (die Gefangenen werden nicht auf einmal freigelassen, um zu verhindern, dass beide Seiten das Abkommen brechen und nach der Freilassung der Gefangenen angreifen), ein Plan für die Lieferung von Hilfsgütern und für den Wiederaufbau der Infrastruktur und der Wohnungen im Gazastreifen, und das alles unter Garantien und Aufsicht von Ägypten und Katar. Es sei darauf hingewiesen, dass Israel gemäß Artikel 4a über den Gefangenenaustausch für jeden von der Hamas freigelassenen Israeli 30 gefangene palästinensische Frauen und Kinder freilassen wird, was darauf hindeutet, dass die USA wissen, dass Israel eine sehr große Zahl von Kindern und Frauen (bei denen es sich wahrscheinlich nicht um Hamas-Kämpfer handelt), also unschuldige Palästinenser, gefangen hält.

Ein kleines, aber wichtiges Detail des Abkommens ist, dass die erste Phase des Abkommens, die sofortige Waffenruhe, 42 Tage, also sechs Wochen, dauern soll. Es ist kein Zufall, dass Israel sechs Wochen braucht, um Wahlen vorzubereiten und durchzuführen. Netanjahu sagte, dass eine Wahl nicht mitten im Krieg abgehalten werden kann. Ein 6-wöchiges Waffenstillstandsabkommen ist genug Zeit für eine schnelle Wahl, bei der Netanjahu verlieren könnte.  Netanjahu hat in Umfragen sehr zugelegt, seit  ein Haftbefehl gegen ihn wahrscheinlich geworden ist. Diese Umfrage  gewährt tiefe Einblicke in die israelische Gesellschaft, dass man internationales Recht für ein Nichts, ein Um-Shmum hält (Ben-Gurion). Nach israelischem Recht hat man nach der Auflösung der Knesset drei Wochen Zeit, um eine neue Koalition zu bilden, bevor Wahlen stattfinden. Die Wahl würde also nach dem Ende des Waffenstillstands stattfinden, was Netanyahu jedoch ablehnt. Nicht nur Israelis werfen Netanjahu vor, das Waffenstillstandsangebot abzulehnen, um an der Macht zu bleiben, sondern auch Biden meinte, Netanjahus Ablehnung des Waffenstillstandsabkommens sei durch persönliche politische Ambitionen motiviert.

In der rechtsextremen Koalition Israels ist die zweitgrößte Partei der Religiöse Zionismus, die von Finanzminister Bezalel Smotrich und dem Minister für nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir angeführt wird. Beide haben gewarnt, dass sie die Koalition verlassen und die Regierung zu Fall bringen würden, wenn Netanjahu einem Waffenstillstand zustimmt.

Als Zeichen der Ablehnung des Waffenstillstandsabkommens greifen die israelischen Streitkräfte weiterhin Zivilisten in Gaza an. Am selben Tag, an dem Biden das Waffenstillstandsangebot ankündigte, tötete Israel 60 Menschen und verletzte 280. Bei einem gezielten Angriff auf eine UNRWA-Schule wurden 37 Menschen getötet, gefolgt von Bombenangriffen im Zentrum und im Süden des Gazastreifens.

Israelische Analysten meinen, Netanjahu könnte den US-Deal akzeptieren und vorgezogene Neuwahlen ausrufen (Quelle auf Hebräisch). Dies würde bedeuten, dass Israel eine geschäftsführende Übergangsregierung hätte, die Smotrich und Ben-Gvir nicht verlassen dürfen. Die Opposition wäre nicht in der Lage, ein Misstrauensvotum zu beantragen. Netanjahu könnte sich für die freigelassenen Geiseln rühmen (wie bei der Freilassung von Gilad Shalit im Jahr 2011 im Austausch gegen tausend palästinensische Geiseln) und möglicherweise die Wahlen gewinnen. Netanjahu ist jedoch selbst der schärfste politische Analytiker in Israel und hat eine andere Strategie gewählt.



Benjamin Netanjahu und Gilad Shalit bei einem Fototermin, den Netanjahu nutzte, um sich für die Freilassung von Shalit einzusetzen. Quelle: 2011, Facebook.


Die Kämpfe an der Nordgrenze Israels haben sich verschärft. Israel setzt illegale weiße Phosphorwaffen gegen zivile Ziele im Libanon ein, und bei einem israelischen Angriff wurden 16 Kinder im Libanon verletzt. Die Hisbollah hat daraufhin eine Drohne eingesetzt, mit der ein israelischer Soldat getötet und 10 Israelis verletzt wurden. Die Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah erhöht die Gefahr einer Ausweitung des Krieges auf den gesamten Nahen Osten (siehe BIP-Aktuell #280). Sie verschafft Netanjahu aufgrund der Notlage Zeit, das Waffenstillstandsabkommen mit der Hamas weiter abzulehnen, erhöht aber auch die Abhängigkeit des israelischen Militärs von US-Waffen. Wenn Israels Nordfront zusammenbricht, wird die Hamas keinen Grund haben, einen Waffenstillstand mit Israel zu akzeptieren. Auf der anderen Seite wird ein Waffenstillstand mit der Hamas die internationale Position Israels stärken und der Hisbollah einen starken Anreiz zur Deeskalation geben.

Wichtiges Update: Am Abend des 10. Juni hat der UN-Sicherheitsrat eine verbindliche Resolution zur Durchsetzung des Waffenstillstandsangebots trotz der Einwände Israels angenommen. 
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BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden. dfsf

Gideon Levy und Alex Levac schrieben am 8. Juni 2024 in Haaretz:

Siedler vertrieben eine palästinensische Familie aus ihrem Dorf. Dann begann der Terror von Neuem

Aus Angst vor Siedlern floh eine palästinensische Hirtenfamilie nach Kriegsbeginn aus ihrem Dorf in den südlichen Hebron-Bergen. Sie zogen mit ihren Schafen um, fanden aber keine Ruhe in ihrem neuen Zuhause. Letzte Woche wurde ein junger Mann ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er von bewaffneten, maskierten Siedlern angegriffen worden war.
Die Dorfbewohner dachten, sie hätten einen sicheren Zufluchtsort gefunden. Als gewalttätige Siedler – unter dem Deckmantel des neuen Krieges im Gazastreifen und ihrer neuen Uniformen – noch gewalttätiger und hemmungsloser wurden, hatten die verängstigten Hirten von Zanuta beschlossen, aufzugeben und ihre Häuser zu verlassen. Selbst diese abgehärteten, sonnengebräunten Hirten haben Angst. Sie verließen das Dorf, in dem sie geboren wurden, das Land, auf dem sie ihre Schafe weideten, und die Landschaften ihrer Kindheit und zogen an den Rand einer Stadt. Zwei Wochen lang zogen sie mit ihrem spärlichen Hab und Gut um, bauten die Zelte und Blechhütten, die Ställe, Tröge und Krippen ab und errichteten sie am Rande von Shuweika, einem Vorort südöstlich von Dahariya in den südlichen Hebron-Bergen, neu. Sie dachten, sie seien sicher.
Aber die Schläger der Siedler hatten andere Vorstellungen. Bewaffnet und kriegerisch streckten sie ihre Fühler bis zum neuen Zuhause der Dorfbewohner aus, das sich als falscher Zufluchtsort erwies. Ähnlich wie die Flüchtlinge aus dem Gazastreifen, die sich in Rafah in Sicherheit wähnten, sich aber bald in einer neuen Hölle wiederfanden, mussten auch die Hirtenflüchtlinge in den südlichen Hebron-Hügeln in den letzten Wochen feststellen, dass es auf ihrem Land und auf ihrem Boden keinen sicheren Ort für sie gibt.
Die Bestandsaufnahme der entsetzlichen Schäden im Gazastreifen ist unvollständig, wenn man die jüngsten Verwüstungen im Westjordanland nicht mit einbezieht. Die Siedler nutzen den dunklen Schatten des Krieges, um den schrecklichen Bevölkerungstransfer in den südlichen Hebron-Hügeln, im Jordantal und anderswo zu intensivieren. Das Ziel der Siedler ist es, das Land, oder zumindest einen Teil davon, von der einheimischen Bevölkerung zu säubern. Und wie es scheint, gibt es niemanden, der sie daran hindert.
Ein langer und staubiger Weg führt hinauf nach Shuweika. Der neue Zufluchtsort hier ist etwa 4 bis 5 Kilometer von Zanuta entfernt, dem Dorf, das die Hirtengemeinschaft am 30. Oktober, etwa drei Wochen nach Ausbruch des Krieges, verlassen hat. Innerhalb von zwei Wochen hatten sie ihren neuen Weiler außerhalb der Stadt errichtet. Die 27 Familien, etwa 250 Seelen, hatten sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Zehn Familien, darunter die Samamris, ließen sich hier in der Nähe von Shuweika nieder (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Dorf in der Nähe von Tul Karm).
Der Familienvater Fares Samamri empfängt uns in der gewölbten Blechhütte, die er hier als Diwan, als Ort der Begegnung, errichtet hat. Der 57-Jährige hat 18 Kinder von zwei Ehefrauen. Zwei seiner Söhne, Nassar und Jibril, 19 bzw. 21 Jahre alt, sitzen bei uns. Nassar trägt ein weißes Hemd, auf dessen Vorderseite in Hebräisch und Arabisch steht: “Mit derselben Stimme singen, in derselben Sprache malen”; auf der Rückseite steht: “Du und ich werden die Welt verändern”. Er sagt, er habe es von seiner Tante bekommen, die in Israel lebt. Jibril, der ein schwarzes Calvin Klein-Trikot trägt, wurde am vergangenen Freitag von Siedlern brutal zusammengeschlagen.
Zanuta liegt gegenüber der Meitarim Farm, die von Yinon Levi betrieben wird, gegen den die USA wegen seiner extremen Gewalttätigkeit Sanktionen verhängt haben. Fares erzählt uns, dass seine Familie aus Zanuta geflohen ist, “wegen der Armee, der Siedler und Yinon Levi”. In den ersten Wochen des Krieges griffen die Siedler sie an, bis die Angst der Kinder und Frauen und die Panik der Schafe nicht mehr zu ertragen war. Sie versperrten den Hirten den Weg zu ihren Häusern, hinderten sie mit Gewalt und Drohungen daran, ihre Tiere auf die Weide zu bringen, und beschlagnahmten natürlich auch das Land der Samamris, einschließlich ihres Olivenhains, und verweigerten ihnen den Zugang dazu.
 Fares war besorgt über die möglichen Reaktionen seiner Söhne auf diese Handlungen. “Wenn mich ein Siedler ohrfeigt, halte ich mich zurück, aber sie sind der Typ, der reagiert, und das beunruhigt mich”, sagt er.
In der Enklave Shuweika war es zunächst ruhig. Aber der Siedler-Außenposten der Yehuda-Farm und sein großer Tierstall ragten über das Tal hinaus, ein beunruhigendes Zeichen. Es dauerte nicht lange, bis sich die Hirten mit ihren neuen Nachbarn vertraut machten. Der Schrecken der Yehuda-Farm löste den Schrecken der Meitarim-Farm ab. Die Zahl der Schafe, die sich in der neuen Umgebung bewegten, ging zurück, zum einen wegen der Angriffe der Siedler, zum anderen, weil die Hirten, abgeschreckt durch die Drohungen, die Tiere die meiste Zeit des Tages im Pferch einsperrten.
Die Schafe, die es gewohnt waren, auf den Feldern von Zanuta zu weiden, sind nun eingeengt und zusammengepfercht. Sie werden jeden Tag auf einen kurzen Spaziergang zum Brunnen und zurück gebracht. Von der ursprünglich 300-köpfigen Herde sind etwa 50 Tiere gestorben. In jedem Fall haben ihre Besitzer keinen Zugang zu tierärztlichen Diensten – Tiere, die stolpern und fallen und sich ein Bein brechen, während sie versuchen, vor den Drohnen zu fliehen, sind in der Regel dem Tod geweiht. Die Zahl der Fehlgeburten nimmt zu.
“Sie [die Siedler] wollen uns zwingen, unsere Schafe abzuschaffen”, sagt Fares. “Auf diese Weise werden wir aufhören, Hirten zu sein, und Arbeit in Dahariya finden, so dass sie in der Lage sein werden, all unser Land zu übernehmen. Mit den Schafen wagen wir uns auf das Land, und das wollen sie verhindern.”
In den letzten Wochen tauchte jedes Mal, wenn jemand es wagte, die Schafe aus dem Stall zu holen, eine Drohne auf, die über das Land flog und Angst verbreitete. In Zanuta hatten die Siedler etwa 15 Mal am Tag Drohnen gestartet, hier ist es nur einmal am Tag, aber auch das ist schwer zu ertragen. Einmal tauchte ein Siedler namens Elyashiv, der neue Feind der Gemeinde, auf und sagte: “Es gibt kein Palästina. Es gibt nur Israel. Alles gehört uns. Euch gehört nichts.” Eljaschiw ist in der Regel uniformiert und wird von fünf oder sechs bewaffneten Siedler-Soldaten begleitet, die darauf vorbereitet sind, die Menschen zu verängstigen und manchmal auch anzugreifen.
Einmal begegneten wir Eljaschiw in einer Armeeuniform. Er hielt sein Auto auf einem Feldweg in unserer Nähe an. Er sprach und verhielt sich in einer aggressiven, herablassenden Weise, wenn auch zweifellos weniger brutal als die Art und Weise, wie er mit hilflosen Hirten umgeht, die niemanden haben, der sie und ihr Eigentum schützt.
Beim zweitjüngsten Vorfall, der Ende Februar in dieser Gemeinde stattfand, tauchte Elyashiv, maskiert und in Uniform, mit fünf seiner Leute auf, als Mitglieder der Familie Samamri mit ihrer Herde in der Nähe ihres kleinen Olivenhains im Tal waren. Die Siedler legten Fares und Nassar Handschellen an und schlugen sie; Fares hat noch immer eine Narbe an seinem Knie. Der Siedler bestritt, dass er Eljaschiw sei, und stellte sich als “Hauptmann Yehuda” vor. Doch Fares erwiderte: “Ich erkenne Sie an Ihren Augen”. Daraufhin rief Fares die Polizei und den Feldforscher Nasser Nawaj’ah von der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem. Nawaj’ah traf sofort ein, um den Vorfall zu dokumentieren. Die Angreifer sagten der Polizei, Nassar habe Steine auf ihre Drohne geworfen. Er leugnete dies, und der Vorfall endete ergebnislos.
Am vergangenen Freitag kehrten die Siedler zurück. Gegen 18 Uhr führte Jibril, der allein war, die Schafe zum Brunnen am Hang des Tals, etwa 300 Meter vom neuen Haus der Familie entfernt. Nachdem sie ausgetrunken hatten, trieb sich die Herde weiter herum. In der Vergangenheit kamen die Siedler oft, um sie gewaltsam von ihrem Brunnen zu vertreiben, aber in der Regel sahen die Hirten sie kommen und gingen rechtzeitig weg.
Diesmal kamen fünf oder sechs Siedler von hinten, aus der Richtung von Zanuta, ohne dass Jibril es bemerkte. Sie kamen aus dem Wadi und fuhren in einem weißen Toyota Pickup mit gelben israelischen Kennzeichen. Sie trugen zivile Kleidung, waren mit Maschinengewehren bewaffnet, einer von ihnen hielt einen Dolch in der Hand. Drei von ihnen trugen grüne T-Shirts mit der Aufschrift Hashomer Yo’sh (Judäo-Samaria-Garde) oder etwas Ähnlichem. Vier Männer stiegen aus dem Auto, packten Jibril und begannen, mit ihren Gewehrkolben auf ihn einzuschlagen, mit den Fäusten auf ihn einzuschlagen und ihn zu treten. Er brach zusammen, aber sie schlugen gnadenlos weiter auf ihn ein. Dies ging etwa vier Minuten lang so weiter, sagt Jibril. Es gelang ihm, seinen Vater anzurufen, bevor die Siedler ihm sein Handy stahlen, das er bis heute nicht zurückerhalten hat.
Die meisten Schläge gingen gegen seinen Kopf und sein Gesicht. Ein Auge war immer noch geschwollen, als wir Jibril am Montag besuchten; die Blutergüsse an seinem Kopf waren immer noch sichtbar. Die Angreifer nahmen ihm den Gürtel ab und peitschten ihn damit, erinnert er sich. Einer von ihnen hielt ihm den Dolch an die Kehle und sagte: “Wenn du noch einmal in die Nähe kommst, bringen wir dich um.”
Sein Vater, seine Mutter und sein Bruder waren schnell zur Stelle. Auf dem Weg dorthin sahen sie die Siedler wegfahren, aber zu diesem Zeitpunkt wussten sie noch nicht, dass Jibril blutend auf dem Boden lag. “Sie haben mich gebrochen”, sagte er zu seinem Vater, der immer noch auf dem Boden saß.
Fares Samamri. “Sie haben uns alles genommen, es ist nichts mehr da”, sagt er. Er gibt zu, dass er weint, wenn er hier ist und die Überreste von Zanuta auf der anderen Seite des Weges sieht.

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Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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