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Ein neues Buch von Prof. Avi Shlaim beleuchtet die Geschichte der jüdischen Einwanderung nach Palästina

BIP-Aktuell #274:

  1. Die Juden aus dem Irak
  2. Unbewaffnetem Palästinenser während israelischem Militäreinsatz im Westjordanland in den Rücken geschossen

Prof. Avi Shlaim hat ein neues Buch mit dem Titel ”Three Worlds: Memoirs of an Arab Jew” veröffentlicht. Das Buch erzählt die Geschichte von Shlaims eigener Familie, aber auch die Geschichte der jüdischen Gemeinde im Irak, die mit Gewalt angegriffen und fälschlicherweise mit dem Zionismus in Verbindung gebracht wurde. Shlaim enthüllt auch, wie Mossad-Agenten Terroranschläge gegen Juden in Bagdad inszenierten, um den Eindruck zu erwecken, dass Juden nur in Palästina sicher sein können, und sie so zur Auswanderung zu bewegen. Die von Israel gegründete WOJAC (World Organization of Jews from Arab Countries) erfüllte ihre Aufgabe nicht, ein Register des Eigentums der Juden aus arabischen Ländern zu erstellen, sondern wies deren Entschädigungsansprüche zurück.

Prof. Avi Shlaim ist emeritierter Professor an der Universität Oxford. Er wurde 1945 in Bagdad geboren. Als die irakische Regierung 1951 den irakischen Juden die Staatsbürgerschaft entzog, zog seine Familie nach Israel. Shlaim wurde Historiker und zählt zu den „neueren Historikern“ – israelischen Wissenschaftlern, die Zugang zu den israelischen Staats- und Militärarchiven hatten, die 1978, 30 Jahre nach dem Krieg von 1948, teilweise geöffnet wurden (siehe BIB Thema der Woche #44). Sein neues Buch „Three worlds: Memoirs of an Arab Jew“ („Drei Welten: Erinnerungen eines arabischen Juden“) ist kürzlich auf Englisch bei Oneworld Publications erschienen. Middle East Eye führte ein ausführliches Interview mit Shlaim über das Buch.




Das Buch ”Three Worlds: Memoirs of an Arab Jew” [”Drei Welten: Memoiren eines arabischen Juden”] von Avi Shlaim. Quelle: 2023, Amazon.

Das Buch ist sowohl eine Autobiographie als auch eine Geschichte des Endes der jüdischen Gemeinde im Irak, der wirtschaftlich erfolgreichsten und theologisch wichtigsten  jüdischen Gemeinde der Welt. Im Irak wurde einer der beiden Bände des Talmud geschrieben – der Babylonische Talmud. Shlaim definiert sich selbst als arabischen Juden, eine Definition, die die in Israel übliche Definition von Mizrachi-Juden in Frage stellt. Die politische Bedeutung von Shlaims Definition liegt darin, dass sie seine Identität als Juden positioniert, der Teil einer arabischen Kultur ist, die auch Angehörige vieler Religionen einschließt, im Gegensatz zur Mizrachi-Definition, die eine ethnische Identität innerhalb eines jüdischen Kontextes darstellt. Um aus der Rezension des Buches von David Abulafia in der Financial Times zu zitieren: Shlaim ist sowohl einer der ”eminentesten Historiker” Israels als auch ”einer der größten Kritiker Israels”. Abulafia sieht den Zusammenhang zwischen beiden jedoch nicht. Er widerspricht Shlaims Argument, dass der Staat Israel ein siedlungskoloniales Projekt ist und behauptet stattdessen, dass viele der jüdischen Einwanderer nach Palästina Flüchtlinge waren, die vor Verfolgung flohen. Aber Abulafia ignoriert die Tatsache, dass alle siedlungskolonialen Gesellschaften von Migranten, viele davon verfolgt, gegründet wurden.

Shlaim berichtet über den Farhud (”gewaltsame Enteignung”), den Pogrom gegen die Juden im Irak im Jahr 1941. Zu der Zeit war die jüdische Gemeinde im Irak viel größer als die Zahl der in Palästina lebenden Juden. Die Aufwiegelung gegen die Juden schürte den Pogrom, bei dem jüdische Geschäfte überfallen, Häuser in Brand gesetzt und Menschen angegriffen wurden. Fast 200 Juden wurden im Farhud getötet. Die irakischen Streitkräfte griffen ein, um die Juden zu schützen und sich an den Angreifern zu rächen, wobei mehr als 400 Muslime getötet wurden. Der Farhud wird im Rahmen der zionistischen Propaganda häufig als ein von Arabern verübter „Mini-Holocaust“ beschworen, um den Unterschied zwischen den Lebensbedingungen der Juden in Europa und denen in den arabischen Ländern zu verharmlosen.

Der Farhud wird von Politikern der rechten Parteien in Israel instrumentalisiert. Die rechtsextreme Knessetabgeordnete Limor Sohn Har Melekh (siehe BIP-Aktuell #236) hielt im Mai dieses Jahres eine Rede in der Knesset, in der sie die Schrecken zitierte, die ihre Familie im Farhud erlebte, doch dann stellte sich heraus, dass sie den Bericht einer anderen Person aus Wikipedia ablas (Quelle auf Hebräisch). Israels Ministerin für die Förderung von Frauenrechten May Golan von der Likud-Partei beschuldigte die Demonstranten gegen die Justizreform am Flughafen der Gewaltanwendung und sagte, dass ihre Mutter, die anwesend war, „an den Farhud erinnert wurde“. Es stellte sich dann heraus, dass Mays Mutter sechs Jahre nach dem Farhud geboren wurde. Mays Mutter ist in Ägypten geboren, nicht im Irak (Quelle auf Hebräisch).

Shlaim schreibt in seinem Buch, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen den europäischen Pogromen und dem Holocaust einerseits und dem Farhud andererseits darin besteht, dass die europäischen Antisemiten die europäischen Juden loswerden wollten und die zionistische Bewegung als Teil der Bemühungen betrachteten, die Juden aus Europa zu entfernen, während der Farhud eine Antwort auf die zionistische Bewegung war. Der Hass gegen Juden im Irak beruhte auf der falschen Vorstellung, dass irakische Juden mit den Zionisten, die die Palästinenser enteigneten, kollaborierten. Shlaim weist jedoch nach, dass die irakischen Juden, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Zionisten waren.

In den Jahren 1950-1951, als der Staat Israel bereits existierte, untergrub eine Reihe von Terroranschlägen gegen Juden in Bagdad das Sicherheitsgefühl der jüdischen Gemeinschaft. Die Anschläge gipfelten in einer Granate, die auf die Masouda Shem-Tov-Synagoge in Bagdad geworfen wurde. Dabei wurden vier Menschen getötet und Dutzende verletzt. Wie sich später herausstellte, waren diese Anschläge vom Mossad organisiert und verübt worden, um Panik unter den irakischen Juden zu schüren und sie zur Auswanderung nach Palästina zu bewegen. Die irakischen Behörden verhafteten zwei israelische Spione in Bagdad, klagten sie an, verurteilten sie und richteten sie hin. Shlaim untersuchte die Gerichtsakten, befragte Mitglieder des Mossad und beweist in seinem Buch, dass es sich bei den Anschlägen tatsächlich um Anschläge des Mossad handelte.

Die irakische Regierung beschloss, den Juden die Ausreise aus dem Irak zu „erlauben“, unter der Bedingung, dass sie auf ihre irakische Staatsbürgerschaft verzichteten und ihren Besitz zurückließen. Es folgte ein Massenexodus der irakischen jüdischen Bevölkerung. Der Mossad gründete eine Fluggesellschaft mit gefälschtem Namen, um die irakischen Juden nach Israel zu fliegen, ohne jedoch El-Al-Flugzeuge zu benutzen, die im Irak für Ärger gesorgt hätten.

Dem Kommandeur der Mossad-Operationen in Bagdad, Mordechai Ben-Porat, gelang nach dem Anschlag auf die Synagoge von Masouda Shem-Tov die Flucht aus Bagdad. Der 1923 geborene irakische Jude wurde Politiker in der Arbeitspartei und im Likud, außerdem Mitglied der Knesset und Minister ohne Geschäftsbereich. In Israel beschuldigten irakische Juden Ben-Porat, eine Rolle bei ihrer Enteignung zu spielen. Der israelische Journalist Baruch Nadel veröffentlichte 1977 Beweise, die Ben-Porat beschuldigten, den Anschlag unter falscher Flagge inszeniert zu haben. Ben-Porat verklagte Nadel vor einem israelischen Gericht wegen Verleumdung und gewann. Nadel wurde gezwungen, seine Anschuldigungen zurückzuziehen und sich zu entschuldigen und verließ Israel (Quelle auf Hebräisch). Nadel verstarb 2014 und Ben-Porat 2022. Shlaims Buch deckt auf, dass das israelische Gericht ein Fehlurteil gefällt hat.


Prof. Avi Shlaim. Quelle: Jadaliyya.

1975 gründete Israel die Organisation WOJAC (World Organization of Jews from Arab Countries), um ein Register des Eigentums zu erstellen, das Juden aus arabischen Ländern, insbesondere aus dem Irak, zurücklassen mussten. Mordechai Ben-Porat war der Leiter von WOJAC. Die irakischen Juden in Israel arbeiteten zunächst mit WOJAC zusammen, weil sie glaubten, dass der Staat Israel versuchen würde, ihr Eigentum zurückzugeben oder eine Entschädigung für sie zu fordern. Stattdessen entdeckten sie, dass WOJAC als Mittel der israelischen Regierung gegründet wurde, um die Entschädigungsansprüche palästinensischer Flüchtlinge, die 1948 enteignet wurden, abzulehnen. Die israelische Regierung behauptete, dass die Schulden der irakischen Regierung gegenüber irakischen Juden und die Schulden der israelischen Regierung gegenüber palästinensischen Flüchtlingen gegeneinander aufgerechnet werden können. WOJAC wurde 1999 aufgelöst, weil weder irakische Juden noch palästinensische Flüchtlinge noch die irakische Regierung dieses Argument akzeptierten. Juden aus dem Irak haben ihre Ansprüche auf Entschädigung an den irakischen Staat zu richten. Israel hat die Palästinenser für das zerstörte und geraubte Eigentum zu entschädigen. Es kann sich nicht durch Aufrechnung mit fremden Schulden entlasten. Das ist ebenso unsinnig wie völkerrechtswidrig.

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BIP-Aktuell macht im Monat September eine Pause. Die nächste Ausgabe von BIP-Aktuell erscheint am Samstag, 7. Oktober.

BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Palästina, die in unseren Medien zumeist nicht erwähnt werden.

Unbewaffnetem Palästinenser während israelischer Militäroperation im Westjordanland in den Rücken geschossen

Hagar Shezaf schreibt am 21.8. in Haaretz:
„Die israelische Grenzpolizei war in Nablus im Einsatz und reagierte auf Steinwürfe. Der Mann wurde in kritischem Zustand ins Krankenhaus gebracht, fünf weitere Palästinenser wurden verwundet. Ein Palästinenser befindet sich in kritischem Zustand, nachdem er am Montag von israelischen Sicherheitskräften im Westjordanland angeschossen wurde.
Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums ereignete sich der Vorfall in dem im Westjordanland gelegenen Dorf Beita in der Nähe von Nablus.
Auf einem Video, das die Schießerei aufzeichnet, ist das Opfer zu sehen, wie es die Straße hinuntergeht, als ihm in den Rücken geschossen wird, obwohl es unbewaffnet ist. https://twitter.com/sakirkhader/status/1693640986285551972?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E1693640986285551972%7Ctwgr%5E785902a682390fc7795238f76b47b81d424fe746%7Ctwcon%5Es1_&ref_url=https%3A%2F%2Fwww.haaretz.com%2Fisrael-news%2F2023-08-21%2Fty-article%2F.premium%2Funarmed-palestinian-shot-in-the-back-during-israeli-security-operation-in-the-west-bank%2F0000018a-19ba-d558-a5be-3bfb77f40000

Die israelische Grenzpolizei war zum Zeitpunkt des Vorfalls in Beita im Einsatz und versuchte, einen Verdächtigen festzunehmen. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurde der Mann in ein Krankenhaus in Nablus gebracht, wo sein Zustand als kritisch eingestuft wird. Die israelische Grenzpolizei erklärte, der Vorfall werde derzeit untersucht.
Das palästinensische Gesundheitsministerium fügte hinzu, dass fünf weitere Palästinenser durch scharfe Schüsse verwundet wurden. Nach Angaben der israelischen Grenzpolizei warfen die Bewohner von Beita Steine und Schlackeblöcke in Richtung der Soldaten, so dass diese gezwungen waren, ´Methoden zur Bekämpfung eines Aufstandes` anzuwenden.“
https://www.haaretz.com/israel-news/2023-08-21/ty-article/.premium/unarmed-palestinian-shot-in-the-back-during-israeli-security-operation-in-the-west-bank/0000018a-19ba-d558-a5be-3bfb77f40000?utm_source=mailchimp&utm_medium=email&utm_content=author-alert&utm_campaign=Hagar%20Shezaf&utm_term=20230821-23:52

Aus den Kommentaren zu diesem Artikel haben wir zwei ausgewählt:
1. „Das Knesset-Mitglied Yitzhak Kroizer von Otzma Yehudit („Jüdische Macht“) twitterte den sehr direkten Satz: „Wir wollen Rache!“  Dazu der Kommentar:………..Oh, Moment, das Opfer ist Araber. Macht nichts. Keine große Sache. Hier gibt es nichts zu sehen, Leute. „Unsere Jungs“ beschützen uns nur. Unsere Helden! Sie beschützen uns vor „terroristischen Verseuchungen“! Jeder Araber ist ein Terrorist und sie sind eine Plage. Ich weiß, dass Goebbels die gleiche Sprache über Juden benutzte, aber was soll’s. Gott segne unsere heilige IDF. Seufz.“
2.       „Und jeder fragt sich, warum der israelisch-palästinensische Konflikt seit 75 Jahren und mehr andauert, ohne die geringste Chance, dass er jemals zu einem Ende kommt. Könnte es daran liegen, dass zu viele Leute gerne darüber reden und sich beschweren, anstatt tatsächlich etwas zu tun, um ihn zu beenden?“

Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.

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