Die UNO berichtet von Hungersnot und Israel verbreitet Desinformationen
- Desinformationskampagne zum Hunger in Gaza
- Die Ministerin, die dem Leid machtlos gegenübersteht
- Zerstörung der Wasserversorgung und akute humanitäre Notlage für palästinensische Dörfer bei Ramallah
- Siedler errichten Außenposten im palästinensischen Dorf Um al-Kheir
Vier UN-Organisationen gaben eine gemeinsame Presseerklärung heraus, nachdem sie festgestellt hatten, dass in Gaza bis Ende September über 640.000 Menschen die höchste Stufe der Ernährungsunsicherheit erreicht haben werden und im gesamten Gazastreifen Hungersnot herrscht. Israel bezeichnet den Bericht als „glatte Lüge“, verbreitet Desinformationen und behauptet, es gebe in Gaza keinen Hunger.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), UNICEF, das Welternährungsprogramm (WFP) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gaben am 22. August eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie offiziell bekanntgaben, dass im Gazastreifen eine Hungersnot herrscht: weit verbreiteter Hunger, extreme Not und vermeidbare Todesfälle durch Verhungern. Die von diesen Organisationen durchgeführte Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass bis Ende September über 640.000 Menschen im gesamten Gazastreifen von katastrophaler Ernährungsunsicherheit betroffen sein werden – eingestuft als Phase 5 der IPC-Skala (Integrated Food Security Phase Classification) zur Messung der Ernährungssicherheit. Weitere 1,14 Millionen Menschen werden sich in einer Notlage (IPC-Phase 4) und 396 000 Menschen in einer Krise (IPC-Phase 3) befinden. Die UNO erklärt nur dann eine Hungersnot, wenn drei kritische Schwellenwerte – extremer Nahrungsmangel, akute Unterernährung und Todesfälle durch Verhungern – überschritten wurden.

Das Titelbild der UN-Pressemitteilung. Quelle: 2025, UN.
Kinder sind besonders in Gefahr zu verhungern. Im Mai 2025 schätzte eine IPC-Analyse die Zahl der Kinder, die bis Ende Juni 2026 voraussichtlich einem lebensbedrohlichen Risiko der Mangelernährung ausgesetzt sind, auf 14.100. Diese Zahl hat sich nach Schätzungen der Vereinten Nationen inzwischen auf 43.400 verdreifacht. Bis Ende August gab es 317 bestätigte Hungertote in Gaza, davon 112 Kinder. Diese Zahl könnte sich exponentiell erhöhen, wenn die erschöpften und kranken Körper der Menschen, die monatelang unterernährt waren, den Punkt des Zusammenbruchs erreichen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres nannte die Hungersnot in Gaza „ein Versagen der Menschheit selbst“.
Trotz dieses Verbrechens gegen die Menschlichkeit erklärte der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich am 24. August, dass Israel die Einfuhr von Lebensmitteln und Wasser nach Gaza verhindern werde. Israel hat das Al-Nasser-Krankenhaus bombardiert, in dem Patienten wegen verschiedener Krankheiten und Verletzungen, darunter auch wegen Unterernährung, behandelt werden. Bei dem Angriff wurden 20 Menschen getötet, darunter auch fünf Journalisten (BIP-Aktuell #344). Die Bombardierung des Krankenhauses wurde planmäßig zweimal kurz hintereinander durchgeführt.
Israel nannte die UN-Berichte „ein glatte Lüge“, bezeichnete die UN-Pressemitteilung über die Hungersnot als „antisemitisch“ und verbreitete ein Video, in dem es behauptet, die Menschen in Gaza seien glücklich und wohlgenährt. Das Video wurde vom israelischen Außenministerium auf YouTube veröffentlicht. UNICEF bezeichnete das Video in einer Pressekonferenz zur Hungersnot in Gaza als Desinformation. Es wurden teils Szenen aus früheren Jahren benutzt.
Die Desinformationskampagne Israels richtet sich nicht nur an die internationale Öffentlichkeit, sondern auch an die eigene Bevölkerung. Während die Regierung das Militär für die Eroberung des Gazastreifens mobilisiert (BIP-Aktuell #361), bezeichnen israelische Journalisten den UN-Bericht über die Hungersnot in Gaza ebenfalls als Lüge (Quelle auf Hebräisch).

Bild von Visualizing Palestine über die Unterernährung von Kindern in Gaza. Quelle: 2025, Visualizing Palestine.
Israel hat während des Völkermords in Gaza seit Oktober 2023 den Hunger als Waffe eingesetzt (BIP-Aktuell #311). Obwohl der Hunger bereits enorme und irreversible Schäden an der Gesundheit der Menschen in Gaza verursacht hat (BIP-Aktuell #348), hat die Hungersnot nun einen neuen Höhepunkt erreicht. In Artikel II Buchstabe c der Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Völkermordes wird „die vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen“ als Völkermord bezeichnet, wenn diese Handlung in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören. Wie der israelische Minister für Kulturerbe, Amichai Elyahu, am 24. Juli sagte, ist Israel dabei, die Bevölkerung des Gazastreifens zu „vertreiben“. Das Aushungern ist also ein kalkulierter Akt.
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Angesichts der zumeist sehr deprimierenden Berichte in unserem Newsletter steht an dieser Stelle die Rubrik „Bemerkenswert“ – in der Hoffnung, dass diese Meldungen uns allen Mut machen, denn „Aufgeben ist keine Option“!
Die Ministerin, die dem Leid machtlos gegenübersteht
Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan hat das Westjordanland besucht, begleitet u.a. von Adis Ahmetović, außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Sie traf eine palästinensische Familie, deren Haus durch die israelische Armee zerstört worden ist. Stunden vorher hatte sie das Stadtviertel Silwan in Ostjerusalem besucht. Hier dasselbe Bild: Menschen stehen vor Trümmern und zeigen, wo sie bis vor Kurzem gewohnt haben. Alabadi Radovan erfährt, dass Israels Regierung sich vorgenommen hat, möglichst schnell Fakten zu schaffen: Neue Gebiete werden für Siedlungen ausgewiesen, die Siedler lassen nicht lange auf sich warten. Sie sagt: „Mich schockiert diese Zerstörung, und die Art und Weise. Und auch hier möchte ich noch einmal betonen, dass die Bundesregierung diese Art des Vorgehens aufs Schärfste verurteilt.“ Wie es mit dem Jugendzentrum in Silwan weitergeht, das aus deutscher Entwicklungshilfe finanziert wurde, kann niemand sagen. Noch schlimmer ist es in der Nähe von Nablus, wo palästinensische Landwirte mit deutscher Hilfe Wasser bekommen sollten, über Rohre wurde es von einer Kläranlage zu ihren Feldern geleitet. Doch dann, so wird berichtet, seien Siedler gekommen und hätten ihre Zelte auf den Feldern aufgeschlagen, um die Bauern zu vertreiben.
https://www.sueddeutsche.de/politik/entwicklungshilfe-radovan-nahost-li.3302034
BIP Aktuell berichtet an dieser Stelle von Menschenrechtsverletzungen, die in deutschen Medien kaum Beachtung finden
27.07.2025 – Pressemitteilung des Partnerschaftsvereins Bonn – Ramallah e.V.
Zerstörung der Wasserversorgung und akute humanitäre Notlage für palästinensische Dörfer bei Ramallah
Humanitäre Organisationen schlagen Alarm – dringende internationale Intervention gefordert
Mit großer Besorgnis weisen wir auf die aktuellen Berichte aus der Umgebung von Ramallah hin, wonach die zentrale Wasserversorgung von etwa 30 palästinensischen Dörfern gewaltsam unterbrochen und die einzige Grundwasserquelle zerstört wurde. Die Informationen, die unser Partnerverein vor Ort, das Freundschaftsforum Ramallah Palästina – Bonn/ Deutschland, bereitgestellt hat, bestätigen, dass das Wasser in einen Swimmingpool einer nahegelegenen Siedlung umgeleitet wurde – unter aktiver Sicherung und Unterstützung der israelischen Armee.
Diese gezielte Zerstörung und Umleitung lebensnotwendiger Ressourcen stellt eine gravierende Verletzung grundlegender Menschenrechte dar. Für die betroffenen Gemeinden bedeutet dies einen sofortigen Verlust ihres Zugangs zu Trink- und Nutzwasser. Die drohenden humanitären Folgen – insbesondere angesichts der sommerlichen Hitze – sind katastrophal: Kinder, Familien und ältere Menschen sind in ihrer Existenz akut bedroht, Krankheiten und Mangelversorgung drohen.
Dieses Vorgehen ist kein Einzelfall, sondern reiht sich ein in eine Serie von Angriffen auf Infrastruktur, die die Lebensgrundlagen der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland systematisch zerstören.
Wir fordern die internationale Gemeinschaft nachdrücklich auf, sich für die sofortige Wiederherstellung der Wasserversorgung einzusetzen und den Schutz der palästinensischen Zivilbevölkerung sicherzustellen.
Quelle auf Arabisch:
https://www.instagram.com/reel/DMki4b0p4XO/?igsh=cjFmcXpibGU1MXgw
Siedler errichten Außenposten im palästinensischen Dorf Um al-Kheir
Bericht von Peace Now
Hagit Ofran
Siedler haben über Nacht einen neuen Außenposten im palästinensischen Dorf Um al-Kheir in den südlichen Hebron-Hügeln errichtet. Sie stellten vier Wohnwagen nur wenige Meter von den Häusern des Dorfes entfernt auf, was gegen den in diesem Gebiet geltenden Bebauungsplan verstößt, und bereiteten den Boden für mindestens zwei weitere Wohnwagen vor.
Im vergangenen Monat arbeiteten Bulldozer der Siedler zwischen den Häusern des Dorfes, um den Außenposten vorzubereiten.
Vor etwa einem Monat kam der Siedler Yinon Levi mit einem Bulldozer und begann, das Land für Wohnwagen vorzubereiten. Als die Bewohner während der Arbeiten versuchten, ihn daran zu hindern, in Privatgrundstücke einzudringen, erschoss er Awdah Hathaleen.
Der Bulldozer beschädigte auch die Wasserleitung des Dorfes, und die Siedler hinderten die Bewohner daran, sie zu reparieren. Erst nachdem die Dorfbewohner rechtlichen Druck ausgeübt hatten, wurde die Leitung repariert.
Peace Now: Dies ist der Höhepunkt der Misshandlung der Bewohner von Um al-Kheir durch die israelische Regierung. Nach Jahrzehnten der Hauszerstörungen, der Verweigerung von Baugenehmigungen und Infrastrukturmaßnahmen sowie der eskalierenden Gewalt durch Siedler und Armee kommt nun der harte Schlag der Errichtung einer permanenten Siedlung mitten im Dorf. Die Siedler, die den illegalen Außenposten über Nacht errichteten, taten dies im Auftrag der Behörden und mit direkter Unterstützung des Regionalrats von Har Hevron, der Armee, der Polizei und der Regierung. Seit der Bildung der Regierung mit Smotrich-Ben Gvir wurden die Bewohner von etwa 90 palästinensischen Gemeinden durch gewalttätige Siedler vertrieben, die in der Nähe Außenposten errichteten. Das Ziel des neuen Außenpostens in Um al-Kheir ist klar: die Bewohner von ihrem Land zu vertreiben.
Um al-Kheir ist ein Dorf mit etwa 200 Beduinen, die ursprünglich aus dem Negev stammen. Ihre Familien wurden nach 1948 gezwungen, ihr Land im Negev zu verlassen und zogen in die südlichen Hebron-Hügel, wo sie Land kauften und sich während der jordanischen Herrschaft über das Westjordanland in Masafer Yatta niederließen. Nach 1967 haben die israelischen Behörden in den besetzten Gebieten Um al-Kheir nie als legalen Wohnort anerkannt. Die Behörden verweigern die Erteilung von Baugenehmigungen und betrachten alle dortigen Gebäude als „illegal”. Nach Angaben von OCHA (Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten) hat Israel in den letzten 15 Jahren 56 Gebäude in dem Dorf abgerissen, davon 14 allein in den letzten anderthalb Jahren.
Anfang der 1980er Jahre erklärte Israel etwa 4.000 Dunam (400 Hektar) in diesem Gebiet zu „Staatsland” und wies sie der Siedlungsabteilung für die Errichtung der Siedlungen Carmel und Maon zu. Die Siedlung Carmel wurde angrenzend an die Ländereien von Um al-Kheir errichtet. Im Jahr 2005 genehmigte der Höhere Planungsrat den Plan 507/1 für Carmel, der in das geplante Gebiet der Siedlung etwa 2.200 Dunam des umliegenden offenen Landes einbezog. Etwa sieben Dunam dieses Landes liegen direkt innerhalb des Dorfes Um al-Kheir.
Gemäß dem Plan ist das gesamte Gebiet als offenes Agrarland und nicht als Wohngebiet ausgewiesen. Auf diesen sieben Dunam (die Israel durch eine gewaltsame Auslegung des osmanischen Landgesetzes zu „Staatsland” erklärt hat) haben Siedler in den letzten Monaten die Bewohner immer häufiger belästigt.
Im Februar dieses Jahres veranstalteten Siedler in Zusammenarbeit mit dem Regionalrat eine große Baumpflanzaktion und pflanzten Bäume in der Nähe der Häuser der Bewohner. Später stellten sie einen Schiffscontainer und einen Picknicktisch auf dem Grundstück auf, etwa 40 Meter von den Häusern des Dorfes entfernt.
Ein Siedler, Shimon Atiya, der unweit des Gebiets den Außenposten Shorashim Farm gegründet hatte, begann, den Hof einer Familie zu betreten und die Bewohner zu belästigen und zu stören. In einem Verfahren, das die Familie mit Unterstützung von Peace Now gegen ihn angestrengt hatte, behauptete er, das Land sei ihm von der Siedlung Carmel zum Weiden überlassen worden und seine Anwesenheit im Hof der Familie sei eine Ausübung seines Rechts auf das Land. Schließlich erließ das Gericht eine einstweilige Verfügung, die Atiya den Zutritt zum Haus der Familie untersagte.
https://peacenow.org.il/en/outpost-in-um-al-kheir
Das Redaktionsteam von BIP-Aktuell besteht aus dem Vorstand und dem Geschäftsführer Dr. Shir Hever. V. i. S. d. P. Dr. Götz Schindler, BIP-Vorstand.
Ein Kommentar
eigentlich überflüssig, vor allem an die gerichtet, die meinen, aus Gründen der sogenannten Staatsräson sollten weiter Waffen an den Staat Israel geliefert werden, und Kritik an dem begonnenen Völkermord immer noch für Antisemitisch erklären. Halleluja!